Die dunklen Felle

Krimis, Schafe – und Felle.

Heil den Nummern: Wir – Jewgeni Samjatin

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„Alle jene, die sich fühlen, sind sich ihrer Individualität bewusst. Doch nur das entzündete Auge, der verletzte Finger, der kranke Zahn machen sich bemerkbar, das gesunde Auge, der gesunde Finger, der gesunde Zahn scheinen nicht vorhanden zu sein. Man ist also bestimmt krank, wenn man sich der eigenen Persönlichkeit bewusst wird.“ (Pos 1462)

98 Jahre alt, aber kein Staub vorhanden
Wie viel Zeit muss vergehen, bis eine Gesellschaft vergisst, welche Werte und Traditionen früher herrschten? Wie viel Propaganda muss produziert werden, um historische Fakten für immer ins Gegenteil zu kehren? Wie viele Mauern müssen hochgezogen werden, um sich vor der Fremde zu schützen? Wie gläsern muss die Gesellschaft werden, um sicher zu sein? Wie viel Individualität muss man abgeben, damit man eine Nummer ist?
Fragen, die wir uns heute stellen – oder?
Doch mit dem vor 98 Jahren erschienenen „Wir“ des russischen Autors scheinen diese Fragen gar nicht so neu, fast schon beunruhigend visionär, so dass einem ein Schauer den Rücken herunter rinnt.

„Heil dem Einzigen Staat! Heil dem Wohltäter! Heil den Nummern!“ (Pos. 52)

Die Nummer
D-503 ist Konstrukteur im Einzigen Staat, der sich nach einem 200jährigen Krieg und der allerletzen Revolution, herausgebildet hat. Er ist beteiligt am Bau der Integral, einer Rakete, die fremde Rassen und Planeten über das „segensreiche Joch der Vernunft“ aufklären soll, sollten diese noch im „unzivilisierten Zustand der Freiheit“ leben. Die Menschen haben jegliche Individualität aufgegeben, sie sind Nummern. Die Häuserwände sind transparent, es herrscht vollständig Einsicht in jeglichen Bereich, natürlich nur zum Schutz. Die oberste Instanz ist der Wohltäter, wer aus dem Takt tanzt, stirbt auf dessen Maschine.

„Jeden Morgen stehen wir, Millionen, wie ein Mann zu ein und derselben Stunde, zu ein und derselben Minute auf. Zu ein und derselben Stunde beginnen wir, ein Millionenheer, unsere Arbeit, zur gleichen Stunde beenden wir sie. Und zu einem einzigen, millionenhändigen Körper verschmolzen, führen wir in der gleichen, durch die Gesetzestafel bestimmten Sekunde die Löffel zum Mund, zur gleichen Sekunde gehen wir spazieren, versammeln uns zu den Taylor-Exerzitien in den Auditorien, legen uns schlafen …“ (Pos. 170)

So einschränkend dies für unsere Ohren klingt, D ist glücklich in seinem Leben, liebt die Geradlinigkeit des Einzigen Staates. Nichts ist unberechenbar, alles geplant. Klar (eines seiner Lieblingswörter) wie die Mathematik. Doch dann begegnet er I-330. I ist anders, I ist aufregend, bringt sein Leben durcheinander. Und I ist Widerstandskämpferin. Sie zeigt ihm, was hinter der Mauer verborgen ist, die den Einzigen Staat umgibt.

„Der Mensch hat erst dann aufgehört, ein unzivilisiertes Geschöpf zu sein, als er die erste Mauer errichtete. Zum Kulturmenschen wurde er erst, als wir die Grüne Mauer erbauten und unsere vollkommene Maschinenwelt von dieser unvernünftigen, hässlichen Welt der Bäume, Vögel und Tiere isolierten.“ (Pos 1070)

Mauer, Glas und Gleichschaltung
Noch immer schüttelt es mich, wie prophetisch der Autor in seinem Roman Themen aufgreift, die heute aktueller sind denn je. Mauern werden uns als Schutz vor dem Fremden verkauft, doch beschränken sie uns in unserer Freiheit. Die Mauer „schützt“ die Nummern vor Pflanzen, Vögeln, Tieren, doch eigentlich verwehrt sie den Nummern die Freiheit, die Vielfalt, die Natur. D fühlt sich wohl in seiner geordneten Welt, doch seien wir ehrlich: er hat gar keine andere Wahl. Schon das Tagebuch, welches er verfasst, um die fremden Rassen über die einzig wahre Lebensweise zu unterrichten, gerät nach und nach zu einem höchst widerständlerischen Pamphlet, für welches er von den Beschützern verhaftet und getötet werden würde. So laufen alle im Gleichschritt und keiner kommt aus dem Takt, denn wehe dem, dem dies passiert. Gleichschaltung, dabei freundlich lächeln und frohen Mutes seine Aufgaben erledigen, zum Wohle des Staates. Noch nicht mal in seinen eigenen vier Wänden ist man für sich allein, sind doch die Hauswände gläsern und nur in den persönlichen Stunden und mit „Billett“ zur Zweisamkeit ist es erlaubt, die Vorhänge zu schließen.

Ist die Freiheit des Menschen gleich Null, begeht er keine Verbrechen. Das ist völlig klar. Das einzige Mittel, den Menschen vor dem Verbrechen zu bewahren, ist, ihn vor der Freiheit zu bewahren.“ (Pos. 434)

Atmosphäre der Angst?
Mitnichten, denn die Nummern leben schon so lange gleichgeschaltet, dass die meisten schon gar nichts anderes kennen. Ich weiß, ich darf keinen Mord begehen, denn sonst werde ich bestraft – die Nummern wissen sie dürfen keine aufrührerischen Gedanken aufschreiben, denn sonst werden sie bestraft, doch natürlich fehlt ihnen – im Gegensatz zu mir – jegliche Relation. Sie kennen es nicht anders. Eine diffuse Angst bleibt dennoch, denn selbst kleine Fehltritte werden mit dem Tode bestraft. Und doch ist es oberflächlich eine schöne Welt – ohne Krieg, Revolutionen, Krankheit, Religion.

„Das Wissen, das von seiner Unfehlbarkeit überzeugt ist, nennt man Glauben.“ (Pos 708)

Doch I-330 zeigt dem Konstrukteur eine andere Gesellschaft, einen Weg nach draußen, einen Weg zu Menschen. Und doch bleibt ihm letztendlich dieser Weg verwehrt. Eine Rückkehr zur Menschlichkeit ist zumindest dieser Nummer verwehrt.

Nordkorea, USA, und dann?
Unweigerlich drängen sich beim Lesen Vergleiche auf. Vor allem Nordkorea ist mir immer wieder in die Gedanken gesprungen. Ein Land, welches sich so vom Rest der Welt abschottet und deren Bewohner glücklich scheinen – doch schneidet man den Apfel auf, ist er wurmstichig. Und auch alle Mauern drängen sich in den Vordergrund – haben wir Deutschen unsere Mauer abgerissen, überlegen andere Staaten, Mauern zu bilden. Und da rede ich auch nur von physischen Mauern – die Mauern, die sich in mittlerweile zu vielen Köpfen gebildet haben, lasse ich mal außen vor. Erschreckend ist dieser Blick in die Zukunft und hat sich bei Weitem nicht als unrealistisch rausgestellt – wir mögen zwar noch nicht einem einzigen Staat dienen, doch Mauern, Gleichschaltung und gläserne Bürger haben wir heute durchaus.

„Der Tag der Einstimmigkeit hat natürlich nichts mit jenen ungeordneten, unorganisierten Wahlen unserer Vorfahren zu tun, deren Ergebnis nicht im voraus bekannt war. Es gibt nichts Unsinnigeres, als einen Staat auf blinde Zufälligkeiten zu gründen.“ (Pos 1557)

Fazit:
Ein faszinierend-realistischer, aber auch erschreckender Blick in eine Zukunft, die unserer Gegenwart gar nicht so unähnlich ist. Ein Blick in das Buch lohnt sich, auch wenn Ds Gedankenwelt hin und wieder philosophiert und träumt, denn die Parallelen zu heutigen Themen sind einfach unglaublich und bedrückend.

 


Fakten:
Das Buch gilt als Vorläufer zu den mittlerweile bekannteren Dystopien „1984“ (Orwell) und „Schöne, neue Welt“ (Huxley).Die vollständige Druckerlaubnis in Russland erhielt das Buch erst 1988, aufgrund der unerwünschten Kritik am Kommunismus. George Orwell hat eine Rezension zu „Wir“ geschrieben.


Bibliographie:
Jewgeni Samjatin – Wir
Verlag: fuxbau
Übersetzer: keine Angabe – weder im ebook noch auf der Verlagsseite
179 Seiten
ASIN: B00K8WY1UA


 

19 Kommentare zu “Heil den Nummern: Wir – Jewgeni Samjatin

  1. Pingback: Das Blog-Spezial »Dystopische Literatur« gemeinsam mit »Die dunklen Felle«

  2. Wow, jetzt bin ich besonders froh, dass ich mir den Roman auch noch organisiert habe, deine Besprechung klingt großartig und drängt unbedingt zum Lesen. Gerade der Aspekt Mauern zum Schutz zu errichten, ist da natürlich spannend. Und gläserne Wohnungen, in denen nur mit Genehmigung und auf Zuteilung mal die Vorhänge geschlossen werden dürfen, absolut gruselig. Da bekommt der gläserne Büger wirklich sein Vorbild.

    Insgesamt scheint mir „Wir“ auf den ersten Eindruck ähnlich weitblickend wie „Die Maschine steht still“, bin schon extrem gespannt, das Buch selbst zu lesen! Scheinbar geht von solch deutlich älteren Texten nochmal eine ganz besondere Faszination aus, gerade wenn es darum geht, dass die Wirklichkeit die Fiktion eingeholt hat. Hui, wunderbar, dass uns das Lesen solche Einblicke und Ausblicke ermöglicht.

    Parallelen zu „Die Maschine steht still“ sehe ich auf jeden Fall in dem verlust von Individualität, eine komplette Gleichschaltung, an der sich aber keiner mehr ernstlich stört. Bis auf eine Figur, die dann doch nach Freiheit strebt.

    • Ich bin – ehrlich gesagt – völlig überrascht, dass die Themen nicht total überholt sind, sondern der Blick in die Zukunft gar nicht so unwahrscheinlich war, bzw. ist. Die Themen sind immer noch aktuell und präsent, auch wenn es natürlich nicht (oder noch nicht) so gekommen ist.

      Und auch ein wenig beängstigend, wenn man das Schema auf Dystopien anwendet, die heute geschrieben werden. Ist der Blick dann ähnlich prophetisch? Wieviel wird sich davon in der Zukunft wieder finden oder gar umgesetzt sein?
      Sehr gruselig….

      • Zu den Dystopien heute kommt ihr bei eurem Blog-Spezial ja noch u.a. mit „The Circle“. Eggers zeichnet sich aber weniger durch eine prophetische Ader aus als durch eine zugespitzte Form der Jetzt-Zeit (zumindest in meinen Augen). Ich bin schon sehr gespannt, zu was für einem Fazit ihr dabei gelangt!

        „Wir“ landet dafür auf jeden Fall auf meiner Leseliste. Übrigens bin ich vor kurzem auch auf die Bücher „Simulacron-3“ (1964) und „The Illustrated Man“ (1951) gestoßen – inspiriert durch die Prime-Verfilmung von Philip K. Dicks „Electric Dreams“-Kurzgeschichten und die Frage, ab wann diese Idee der virtuellen Realität eigentlich aufgetaucht ist. Habt ihr zu dem Thema vielleicht noch etwas herausgefunden im Laufe eurer Recherche und weitere Buchtipps?

        Und das Gläserne in „Wir“, das durch die transparenten Häuserwände ausgedrückt wird, ist bei uns doch mittlerweile in der Technik angekommen (Stichwort Echo und Konsorten) sowie in der Ansicht, dass „man ja nichts zu verbergen habe“. Ganz krass wird dieses Mantra ja mittlerweile in China angewandt, da ist eine Realität à la dem Anime „Psycho-Pass“ – der auch perfekt zum Thema Dystopien passt – nicht mehr weit hin …

        Habt vielen Dank für die tollen literarischen und mentalen Anregungen!! 🙂

        • Ich gebe gleich mal zwei Dinge zu: Ich habe „Der Circle“ (diesen Titel finde ich im Übrigen sehr komisch aufgrund des Englisch-Deutschen Mixes) noch nicht gelesen und jetzt bin ich noch ungleich gespannter darauf. Denn genau das ist ja die Frage, die Philly und ich uns ständig gestellt haben: was ist denn eigentlich eine Dystopie? Welche Bücher kann man in diese Kategorie einordnen? Wenn man hier mal googelt findet man da ja allerlei, aber wir wollten da schon differenzierter rangehen und deshalb haben wir beschlossen, dies in unserem Fazit zu bearbeiten. Aber ich bin jetzt schon mal auf den „Circle“ gespannt und freu mich, wenn Du dann hier wieder vorbei schaust.

          Bei virtueller Realität fällt mir sofort „Otherland“ ein – läuft meines Erachtens zwar nicht unter dem Titel „Dystopie“, aber den diskutieren wir ja eh gerade… 🙂
          Ansonsten… lass mich nachdenken, also über das Spezial hab ich bis jetzt keine weiteren virtuelle Realitäten entdeckt. Aber ich hab ja schon einige andere gelesen… hm, vielleicht „Unsterblich“ von Jens Lubbadeh, wobei es das nicht direkt trifft. Virtuelle Realität gibt es auch in „Er, Sie und Es“, aber nur wenig – allerdings ist das ein ganz großer Lesetipp von mir, denn das Buch ist hoch interessant und spielt auch in der Zukunft. Das habe ich allerdings schon vor einer Weile gelesen, deshalb ist es jetzt nicht mehr im Spezial. Ich denke mir fällt vielleicht noch mehr wieder ein, aber ich lass das jetzt mal in meinen Unterbewusstsein arbeiten und melde mich wieder.
          Und vielen Dank für Deine Tipps – das ist auch ein insgeheimer Grund für das Spezial, dass wir gerne Lesetipps möchten 🙂 – Von Bradbury hab ich zwar schon etwas gelesen, kenne aber „Der illustrierte Mann“ noch nicht, auch wenn er schon im SUB schlummert – würdest Du das denn auch unter den Begriff Dystopie fassen?
          „Simulacron-3“ hab ich gleich mal auf meine Wunschliste gepackt. 😀

          Genau – der gläserne Bürger ist bei uns online schon längst angekommen, aber zum Glück (noch) nicht ganz bei unseren Häusern. Wobei es ja hier schon einige architektonische Beispiele gibt mit sehr viel Glas. Aber online werden wir immer gläserner – da gebe ich Dir recht. Aber auch hier ist es zum Glück bei uns noch nicht so weit wie in China. Als ich diese Meldung gelesen habe, war ich schon sehr erschreckt… leider vermute ich, dass wir immer mehr dorthin driften werden.

          Liebe Grüße,
          Christina

          • „Simulacron-3“ und die Bradbury-Kurzgeschichten habe ich noch nicht gelesen. Die habe ich nur entdeckt und gleich auf meine Leseliste gepackt, weil als interessant empfunden. Allerdings habe ich von Ray Bradburgy „Das Böse kommt auf leisen Sohlen“ (Something wicked this way comes) gelesen und war ziemlich fasziniert. Und „Fahrenheit 451“ liegt seit letztem Jahr ungelesen in meinem Bücherregal, da ich es so gerne wieder lesen und auch anschauen wollte (der schöne Oskar Werner!) … Ich freu mich schon auf deine Besprechung, Philly!

            Bei deiner Frage, Christina, ob die Geschichten aus „The Illustrated Man“ Dystopien sind, bin ich eh gerade ins Schwimmen gekommen. Wer bestimmt denn, was das Negative an einer negativen Zukunftsvision ist? Das bestehen mitunter sehr subjektive Grenzen, so wie es beim Thema Gläserner Mensch auch der Fall ist. Und werden in der Science Fiction eigentlich Utopien erzählt? Oder haben die Geschichten immer – bzw. in den meisten Fällen – einen sozialkritischen Anspruch, der aus der vermeintlichen Friede-Freude-Eierkuchen-Welt dann doch nicht die beste aller Welten macht?
            Passend zum Thema, mehr zu Sci-Fi als zu Dystopie, ist ein Vortrag vom CCC 2017, wo ein Science-Fiction-Autor Charles Stross darüber spricht, wie er bzw. andere Autoren früher und heute vorgegangen sind, wenn sie Zukunftsszenarien entwerfen (https://media.ccc.de/v/34c3-9270-dude_you_broke_the_future).

            Vor Urzeiten habe ich an der Uni eine Proseminararbeit zu „Oryx & Crake“ geschrieben und der Frage, ob literarische Dystopien heute überhaupt noch erzählt werden können. Super spannend zu eurem Thema – ich finde einzig die Datei nicht mehr.

            Aktuell lese ich gerade von Octavia Butler „Die Parabel vom Sämann“, auch eine Dystopie und noch dazu aus der Feder einer schwarzen feministischen Autorin. Hier wäre es sicher total spannend zu schauen, ob sich die Zukunftsvisionen von Autorinnen und Autoren unterscheiden (euer Fazit kann doch gleich so eine ganze Abhandlung über das Thema sein … 😉 ).

            Liebe Grüße
            Ruth

          • Ich gebe zu, ich war nicht ganz so begeistert von „Fahrenheit 451“, aber definitiv vom Kurzgeschichtenband „S is for Space“ von Bradbury, den ich neulich gelesen habe. Ich denke, es ist auf jeden Fall ein Autor, den man im Auge behalten sollte – und wenn der „Illustrierte Mann“ nun schon subbt wird er auch irgendwann ganz sicher gelesen.
            Die Frage, was genau eine Dystopie ist beschäftigt mich nun schon seit der ersten Lektüre für das Spezial, ich bin mir gar nicht so sicher, ob es da eine genaue Definition gibt. Muss es aber vielleicht auch gar nicht. Manchmal macht ja genau das Spaß, die Grenzen zu überschreiten. Ich würde es aber schon als Subgenre von Science Fiction sehen. Aber weiter darüber hinaus? Sind die Grenzen wohl relativ offen – reicht es aus, wenn es „nur“ in der Zukunft spielt? Muss es denn eine schlechte Version der Zukunft sein? Für mich kristalliert sich zumindest nach und nach heraus, dass es immer ein Mittel des Autors ist, auf aktuelle Missstände hinzuweisen und damit ein Versuch, die Zukunft zu ändern.
            Und danke für den Link – da muss ich mir mal Zeit für nehmen, ist ja doch eine Stunde, aber mach ich noch. Versprochen.

            Jetzt bin ich aber zugegeben auch ein wenig nervös – gestern hab ich Oryx und Crake ausgelesen und soeben meine Rezi dazu geschrieben… ich vermute mal, es kann mit Deiner Seminararbeit (ob nun verschwunden oder nicht) nicht mithalten, aber ich bin schon sehr gespannt, ob ich damit den Nerv getroffen habe.

            „Die Parabel vom Sämann“ ist mir irgendwann in den letzten Jahren schon mal untergekommen, allerdings hab ich die wieder aus den Augen verloren. Sehr schade, die hätte ja jetzt gut in das Spezial gepasst. Aber sie wird gleich mal in die Wunschliste gepackt. Tatsächlich – und darauf bin ich ja schon hingewiesen worden – haben wir eher wenige Autorinnen in unserem Spezial. Das ist allerdings nicht dadurch bedingt, dass Frauen das nicht könnten, sondern eben auch aus dem Fakt, was wir schon gelesen haben und was nicht. Weil ich das so arg gut fand, möchte ich übrigens nochmal hier auf „Er, Sie und Es“ von Marge Piercy hinweisen, welches ich letztes Jahr gelesen und rezensiert habe. Ein wirklich tolles Buch.
            Ehm… Abhandlung wird unser Fazit aber nicht werden…. wir erheben da keinen wissenschaftlichen Charakter drauf. 😀

            Liebe Grüße,
            Christina

        • „Simulacron-3“ muss ich mir auch direkt mal näher ansehen, danke für den Tipp, Ruth! „Der illustrierte Mann“ ist auch noch auf meiner Leseliste, da ich ja gerade auch „Fahrenheit 451“ (Beitrag kommt passenderweise morgen) gelesen habe und mit der Erzählweise nicht so richtig warmgeworden bin. Da gilt es für mich unbedingt noch herauszufinden, ob das generell am Schreibtstil liegt, manchmal kommt man da ja einfach nicht zusammen.

          Ja, absolut, dieser prophetische Aspekt kommt natürlich bei den Texten, die inzwischen gut ein Jahrhundert alt sind, richtig gut zur Geltung. Gerade weil die Romane aus der Zeit vor den Computern sicherlich einen ganz anderen technischen Horizont hatten. Ein dystopische Szenario von heute ist damit an ganz andere Ausgangssituationen geknüpft, gerade für den Leser, den Empfänger dieser Geschichte. Während sich an einer Geschichte von vor 80,90 oder 100 Jahren der Vergleich aufdrängt, zu schauen, was hat sich bewahrheitet, ist eine aktuelle Dystopie für uns ja mit ganz anderen Gefühlen befrachtet, da wir keine Realitätskontrolle vornehmen können. Wer weiß, wie sich tageaktuelle Dystopien für die Menschen in 100 Jahren lesen. Das wüsste ich wirklich gern.

          Hm, virtuelle Realität und wann sie zuerst anfängt aufzutauchen, eine gute Frage! Da ich ja noch teilweise mitten beim Lesen bin, werde ich da mal verstärkt darauf achten, hätte es jetzt aber auch erstmal so in die Ära von Phlip K. Dick gepackt. Aber da gibt es bestimmt frühere Science-Fiction-Werke dazu. Ich muss mal einen Freund von mir fragen, der kennt da gerade auch bei Asimov und Clarke und älteren einiges. Bei Filmen fällt mir als bewusst wahrgenommen und älteres Werk erstmal „Tron“ aus den 80ern ein.

          Die Amazon Prime Serie „Electric Dreams“ ist aber ein gutes Stichwort, die wollte ich mir dringend ansehen. Eine tolle Idee, so an Dicks Kurzgeschichten ranzugehen! 😀

          Bei China bin ich gerade raus, worum geht es da?

          Ja, „man hat ja nichts zu verbergen“ hört dann für die meisten doch an der eigenen Haustür auf. Die Überwachung von öffentlichem Raum ist dann wiederum ein Thema, das man von vielen Seiten diskutieren kann. Aber genau da setzen ja viele Romane eben auch an, Überwachung vs Sicherheit, ein umfangreiches Thema, zu dem ich selbst auch keine abschließende Meinung habe.

          • China will eine Art Punktesystem einführen, das im Endeffekt aber eine totale Überwachung des Bürgers ermöglicht. Man würde Punkte für gutes Verhalten bekommen und Punkteabzug für schlechtes Verhalten. Ich hab mal kurz gegoogelt… man findet mehrere Artikel dazu, hier einer von der FAZ:
            http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/china-plant-mit-nationalem-punktesystem-die-totale-ueberwachung-15303648.html
            Was gut und was schlecht ist, bestimmt natürlich die Regierung….

            Und ich muss mich gleich mal entschuldigen – ich hab gar nicht gesehen, dass nach den Anfängen von Virtual Reality gefragt ist… allerdings muss ich zugeben, dass ich da auch ein wenig ratlos bin, wann dieses Konzept zum ersten Mal auftaucht….

          • Danke für den Link, Christina! Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, es überrascht mich, aber schockierend ist es trotzdem, das ist so … arhg, man möchte in eine Tischkante beißen. Ständig eigentlich. Klingt wirklich wie ein klassisches Romanszenario und ist doch real.

          • Wir nähern uns leider immer mehr den Szenarien, in die wir gerade literarisch eintauchen…

          • @Philly: Nur ein kleiner Tipp zur Serie – am besten nicht abends gucken. Nach den ersten beiden Folgen hat mein Kopf ganz schön rumort. 😉

            @Christina: Deine Buchtipps weiter oben waren auch schon super, also alles gut! Wie war das? „So many books, so little time“ …

          • @Ruth: Danke für den Hinweis! 🙂 Den hätte auch mal jemand vor die erste Folge der ersten Staffel von „Black Mirror“ stellen sollen. 😉 Bei den Electric Dreams wollte ich das an ein kleines Leseexperiment koppeln und mir immer erst die entsprechende Kurzgeschichte und dann die passende Serienfolge dazu ansehen.

  3. Pingback: Reblogged | Jewgenij Samjatin - Wir

  4. Klingt super interessant und ich werde mir den Titel direkt mal merken!

    • Ich habe tatsächlich nicht erwartet, dass mich ein fast hundert Jahre altes Buch so in seinen Bann zieht und fasziniert. Es ist also kein Fehler, den Titel auf die Merkliste zu setzen! 🙂

  5. Witzigerweise klingt das Buch zwar interessant, aber irendwie lockt es mich nicht es zu lesen. Zumindest aktuell nicht. Was ich nicht mal dem Buch ankreiden will und kann. Eher liegt es daran, dass ich viel mit dieser Thematik in letzter Zeit konfrontiert werde und momentan die Luft raus ist. Da helfen auch nicht die Zitate – eher im Gegenteil.
    Trotzdem Danke für die Kritik und ich werde es im Auge behalten 😀

    • Uh, ich hoffe nicht meine vielen Zitate haben Dich abgeschreckt. Ich hab das Buch auf dem Kindle gelesen und ich muss zugeben, da ist es viel leichter sich Textstellen zu merken und ich hatte dann am Ende massenweise Zitate… und da hab ich nur die allerwichtigsten rausgesucht und das sind schon eine Menge. Gebe ich offen zu und finde, es sind fast schon zu viele.

      Und wenn es Dich nicht lockt, dann lass es – es gibt ja genügend Bücher, die man anstatt dessen lesen könnte… ist ja nicht so, dass einem die ausgehen, gell? 😀

      • Oh, keine Sorge! Es lag nicht an der Menge! Ich sehe hier nun einen gewissen Stil, auf den ich Lust haben muss 😀

        Grad mal geschaut, die Biblio hat es leider nicht (Philly ihr auch schon nicht XD) zum reinschnuppern such ich mir also eine andere Gelegenheit.

        Ach und ja: Bücher finden sich genug, die ich lesen möchte XD

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