Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)

Interview mit Christine Lehmann

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Christine Lehmann, Foto: Günther Ahner

Christine Lehmann, Foto: Günther Ahner

Interview mit Christine Lehmann

Ein Interview hab ich schon ein, zwei mal geführt. Per Mail. Doch Christine Lehmann hat mich hier vor eine neue Herausforderung gestellt: sie wollte gerne mit mir telefonieren.
Letztendlich war es viel mehr Aufregung darüber, wie ich das technisch hinkriege, als es eigentlich war (wie das halt immer so ist), aber das Interview, nachdem es mal abgetippt war, ist gut gelungen. Und hier kommt es nun. Am Ende habe ich noch einige Links für Euch angefügt über Seiten bzw. Begriffe, die im Interview vorkommen.

 

In Ihrem neuen Krimi „Allesfresser“ dreht sich alles um das Thema Veganismus. Vegan zu leben ist gerade sehr im Trend. War das der Grund, warum Sie sich dieses Thema ausgesucht haben?
Der Grund war schon, dass immer mehr Leute vegan essen und man auch immer mehr an Partys teilnimmt, wo veganes Essen serviert wird. Ich war dann neugierig, da man ja das Gefühl hat: O Gott, man sollte dringend was tun. Vielleicht essen wir ungesund und wir sterben daran, wenn wir jetzt nicht anfangen vegan zu essen. Es hat mich einfach interessiert: Was ist vegan? Was heißt es vegan zu leben? Wie viele gute Argumente gibt es, vegan zu leben? Eine gewisse Vorstellung hat man ja. Und dann habe ich angefangen zu recherchieren und gleichzeitig ist mir auch schon eine Figur eingefallen, nämlich diese junge Frau, die einen Vegan-Blog schreibt und immer mehr ins Extreme gerät, die an ihren eigenen Argumenten merkt, alles andere ist Mord an anderen Wesen. Und schon geht es weiter: Kann das denn eigentlich stimmen? Stimmen denn die Thesen? Wäre die Welternährung gesichert, wenn wir alle vegan leben würden? Und dabei hab ich festgestellt: Na, so einfach ist das halt auch nicht. Und so hat sich der Krimi entwickelt.
 
Schon bei „Die Affen von Cannstatt“ waren ihre Erzählungen von ihren Recherchen sehr spannend. Wie sind sie diesmal vorgegangen? Wie lief ihre Recherche?
Ganz so spannend war es diesmal nicht. Vieles findet im Internet statt. Man findet sehr viele Blogs zur veganen Ernährung. Ich hab mich also zuerst im Internet kundig gemacht, und da kommt man einerseits zu sehr extremen Ansichten und andererseits auch zu den Gegenthesen. Ich habe dann mit Leuten geredet, die mir dann gesagt haben, lies mal das oder bedenke dies, und die mir Artikel zugeschickt haben. Sodass ich dann nach und nach ein relativ komplettes Bild hatte. Gleichzeitig habe ich dann aber auch schon angefangen zu schreiben. Den Blog der jungen Frau und auch die ersten Kapitel habe ich schon begonnen. Ich mache das immer parallel. Nochmal ein Stückchen weiter recherchieren und schon mal schreiben und dann sehen, was die Geschichte eigentlich verlangt. Die Geschichte hat zum Beispiel verlangt, dass man einen Koch hat, der ja dann auch entführt wird, und dieser ist eben anti-vegan. Und so recherchiert man, welche Argumente der Koch dafür hat. Mein Zustand war dann am Ende so: Alle beide haben Recht oder alle beide haben nicht Recht. Es gibt keine absolute Wahrheit.
 
Online findet man ja haufenweise Seiten zum veganen Leben und das Thema wird mitunter recht heiß diskutiert. Auch in „Allesfresser“ beleuchten Sie alle Seiten des Veganismus und wie weit dieser bereit ist, zu gehen. Ist Veganismus immer politisch oder ist dies nur eine Seite des Veganismus?
Es gibt diesen Lifestyle Veganismus. Und ich denke, das ist in den meisten Fällen der Fall. Denn wenn man den Veganismus politisch betrachtet, dann wird es irgendwann wirklich schwierig. Das habe ich auch in meinem Buch durchexerziert. Man darf nicht mehr Auto fahren, man darf keine Musikinstrumente mehr spielen, da diese mit Knochenleim geleimt werden, eigentlich keine Baumwolle tragen, weil Insektizide eingesetzt werden, usw. Das Leben geht irgendwann verloren, wenn man da immer korrekt bleibt. Und wenn man dann auch noch sagt, man will die Menschheit retten, den Hunger beseitigen und aus diesem Grund müssen wir Pflanzen essen, dann wird es sehr schnell hochpolitisch. Und moralisch: Wir müssen Tiere befreien, man darf keine Hunde halten und Pferde reiten, da das eine Ausbeutung des Tieres ist. Das alles spielt in einer gewissen Weise immer mit rein, aber sicherlich bei den Allerwenigsten tatsächlich bis in die letzte Konsequenz. Ich denke, die meisten Veganerinnen und Veganer sind halb politisch, aber eigentlich hat es was mit Lifestyle und persönlichen Gefühlen zu tun. Ein Trend, ein Ausprobieren, wie man damit leben kann. Viele hören dann nach ein paar Jahren wieder auf. Sie haben die Erfahrung gemacht und sind vielleicht auch krank geworden. Und manche halten es ihr Leben lang durch und bleiben auch gesund.
 
Auf der Leipziger Buchmesse haben Sie eine Lesung zu „Allesfresser“ gehalten, in der man Ihnen ein wenig die diebische Freude ansehen konnte, die Zuhörer mit den doch recht grausigen Beschreibungen am Anfang des Buchs zu schockieren. Muss ein Thema schockieren um heutzutage Aufmerksamkeit zu erlangen?
Das suche ich nicht. Ich will beim Krimi Schreiben an meine eigenen Grenzen gehen und konsequent sein. Dazu schreibe ich ein Buch. Im realen Leben würde ich die Konsequenzen nicht ziehen, aber im Buch kann ich experimentieren. Und deswegen gehe ich da auch sehr weit. Ich glaube nicht, dass ein Krimi schockieren muss. Wobei Krimis sicherlich leichter schockieren können als andere Literaturarten. Mein Krimi, auch wenn er schockiert, muss sich trotzdem nicht gut verkaufen. Eine gute, grausige Leiche ist schon wichtig für einen Krimi und viele Leserinnen und Leser mögen auch viele Leichen. Das mag ich nicht so. Aber klar, das Interesse an Krimis hängt auch mit einem gewissen Schock und der Neugier, wie es weiter geht, zusammen. Davon hängt oft auch der Erfolg eines Krimis ab. Das kontrolliere ich aber gar nicht so. Ich gehe vor allem an meine eigenen Grenzen.
 
So wie Lisa Nerz?
Genau, sie macht das für mich. Im realen Leben mache ich das nicht so. Lisa Nerz ist eine Figur, welche soziale Experimente macht, die ich so tatsächlich nicht durchführen kann oder für die ich ein ganzes Leben brauchen würde. Sie kann das innerhalb von ein paar Lesestunden machen. Ich bin ein konsensorientierter Mensch und möchte niemanden vor den Kopf stoßen. Da bin ich anders als Lisa Nerz. Sie ist vielleicht eine Seite von mir. Dieses Spielerische, das Krasse, das mag ich an der Figur auch sehr. Das ist, was ich nicht bin.
 
Lisa Nerz ist auch eine Figur, die nun schon über mehrere Teile immer wieder spannend und trotzdem neu ist. Macht das den Reiz um ihre Krimis aus?
Für mich schon. Jedes Mal ermittelt sie in einem neuen Gebiet und für mich ist das immer die Erforschung eines gesellschaftlichen Zustands. Da bin ich Wissenschaftlerin. Mich interessiert das dann bis zum Ende. Ich versuche, es zu Ende zu denken und sie, Lisa Nerz, handelt bis zum Ende. Genau das macht für mich den Reiz des Krimischreibens aus. Bei irgendeinem Krimi mit 08/15 Handlung, der ganz ordentlich geschrieben ist, würde ich mich zu Tode langweilen. Ich muss selber ein Milieu erforschen.
 
Sie schreiben neben den Lisa Nerz Krimis außerdem noch Romane, Jugendromane und Kurzgeschichten. Arbeiten Sie schon am Thema für den nächsten Lisa Nerz Krimi oder haben Sie gerade ein anderes Projekt auf dem Tisch?
Ich bin gerade am Grübeln, welchen 13. Lisa-Nerz-Krimi ich schreiben könnte. Aber ich nehme mir dafür auch Zeit. Es gibt für mich immer so eine Art Grübelphase: Ich überlege, welches Thema könnte man machen, dann verbeiß ich mich in ein Thema, dann erzählt mir jemand etwas und dann denke ich, ach, das könnte ich auch machen. Oder ich greife dann doch wieder auf das andere Thema zurück. Ich fang halt irgendwann an zu schreiben und zu recherchieren, dann steht das Thema fest. Deswegen kann ich noch gar nicht groß sagen, was ich machen werde, aber ich bin da voller Zutrauen, dass mir wieder was Gutes einfällt. Also ein Gebiet, bei dem ich denke, das könnte man mal beackern.
 
Neben Ihrem aktuellen Buch möchte ich noch ein anderes Thema ansprechen. Vor Kurzem haben Sie, gemeinsam mit einigen anderen Autorinnen und der Verlegerin Else Laudan, den Blog Herland ins Leben gerufen. Wie kam es dazu?
Vor zwei Jahren habe ich mit Merle Kröger zusammengesessen und wir haben uns überlegt, wir müssten mal eine Gruppe gründen. Also wir kritische/sozialkritische oder feministische Krimiautorinnen, um der Diskussion unseren Frauenansatz entgegenzusetzen und uns wahrnehmbarer zu machen. Und das hat sich dann entwickelt. Man hat sich getroffen und entschlossen, gut, wir machen einen Blog und bauen ein Netzwerk auf. Und damit haben wir jetzt angefangen.
 
“Literatur von Frauen, gerade mit politischen Themen, verdient mehr Aufmerksamkeit“ ist auf dem Blog Herland zu lesen. Das Krimigenre an sich muss ja schon in der hohen Literatur um einen Platz kämpfen und wird von oben herab belächelt – wie schwierig ist es als Frau, die sich mit politischen Themen in ihren Büchern beschäftigt, in diesem Genre ernst genommen zu werden?
Ich als schreibende Frau, die keinen Mainstream schreibt, habe immer das Problem, dass ich nicht so viel Beachtung kriege, wie Männer, die Krimis schreiben. Auf der Krimi-Bestenliste der ZEIT ist für den April keine einzige Frau enthalten. Die Frage, wie bissig wir da werden, kann ich jetzt gar nicht beantworten, aber eine Benachteiligung findet einfach statt. Ich bin eine Alt-Feministin. Ich habe diese Themen schon mal in den 80er Jahren beackert, die wir jetzt wieder bearbeiten. Das finde ich auch ganz spannend. Das erzeugt so ein Retrogefühl, und vieles was jetzt passiert, ist vor 30 Jahren, in den 80ern, auch schon passiert. Dieselben Argumente, dieselben Diskussionen – sie kommen wieder für eine jüngere Generation. Ich merke aber, dass es wichtig ist, dass man auch die nachwachsende, schreibende, denkende Frauengeneration mit diesen Erkenntnissen füttert, damit sie selber damit weiter arbeiten kann.
 
Als ich einige der Artikel gelesen habe, ist mir oft der Satz durch meine Gedanken geschossen: Ah, stimmt ja, da ist wirklich wenig von Frauen zu sehen.
Ist das ein Problem, mit dem wir Frauen heute zu kämpfen haben? Dass wir gar nicht mehr so die Unterschiede sehen, weil es uns vermeintlich gut geht? Ruhen wir uns auf dem Erreichten aus?
Ich empfinde Deutschland da als sehr konservatives Land. Bei uns sind weniger Frauen unter den Politikern oder in den Parlamenten als in anderen Ländern. Wir ruhen uns im Grunde darauf aus, dass die Frauen die Chancen haben, und tun gar nichts mehr dafür, dass wir ihnen die Chancen auch wirklich geben. Gesellschaftlich ist Deutschland relativ behäbig. Ein Aufbruch, in dem wir – wobei wir nicht die einzigen sind – diese Themen wieder in die Diskussion bringen, finde ich sinnvoll. Ob es funktioniert, muss man dann sehen. Und klar ist, dass im künstlerischen Bereich – Theater, Musik, bildende Kunst, Krimis, Literatur – die Frauen zwar ebenfalls tätig sind, aber in der öffentlichen Anerkennung extrem im Nachteil sind. Siehe das Beispiel mit der Krimi Bestenliste. Und es kann einfach nicht sein, dass es keine guten Bücher von Frauen gibt. Das geht einfach gar nicht. Es gibt genauso viele Frauen wie Männer, die Krimis schreiben. Unsere Ästhetik ist ausgerichtet auf das männlich-künstlerische Schaffen. Es geht in der bildenden Kunst, z. B. der Malerei, weiter. Ich weiß nicht, wie viele malende Frauen Sie spontan nennen können? Ich keine. Aber ein paar malende Männer, die Millionen für ihre Bilder bekommen, können wir nennen. Und was malen sie? Junge Frauen. Wir leben in einer männlichen Ästhetik, in einer männlichen Kultur. Die Kritiker sind ebenfalls zur Mehrheit männlich. Und im Übrigen sind Frauen immer auch noch Helferinnen: Frauen lesen Bücher auch mit dem männlichen Blick. Sie haben auch mehr Freude an männlichen Helden, weil diese für sie interessanter sind als weibliche Heldinnen. Es ist schon sehr, sehr schwer und in dieser Hinsicht hat sich eigentlich gar nicht viel verändert. Es ist eher schlechter geworden, weil alle glauben, die Frauen seien doch in der Kultur angekommen und würden beachtet. Deshalb finde ich es schön, dass wir Herland haben, denn jetzt habe ich wieder 7 oder 8 Kolleginnen. Wir befruchten uns gegenseitig und bringen das Thema wieder voran. Ich habe so das Gefühl, das Thema ist ja doch noch da und wir können wirklich wieder gemeinsam etwas tun. Für mich ist das sehr schön.
 

Vielen Dank für das tolle und sehr interessante Interview!

 

Links:
“Allesfresser” von Christine Lehmann beim Argument Verlag
Blog von Christine Lehmann
Herland – feministischer Realismus in der Kriminalliteratur (Blog)
Krimi Bestenliste der ZEIT

Und wer am 2. Mai noch nichts mit sich anzufangen weiß und grad zufällig in Stuttgart ist, kann die Autorin live bei einer Lesung erleben:
Montag, den 2. Mai 2016
19:30 Uhr im Hospitalhof, 
Johannes-Reuchlin-Raum 
Büchsenstraße 33
70174 Stuttgart
Eintritt und Sekt frei.

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4 thoughts on “Interview mit Christine Lehmann

  1. Tolles Interview! Mich animiert es jetzt erst recht, weiterhin nach starken Frauen in der Kriminalliteratur zu suchen und ihnen auf meinem Blog einen Raum zu geben. Wobei ich auch schon festgestellt habe, dass das Genre tatsächlich sehr männlich dominiert ist. Das ist kein Vorwurf. Lediglich eine Tatsache. Wenn ich Buchtipps erhalte, mir ein Krimi schmackhaft gemacht wird, dann sind die Autoren (und meist auch die Protagonisten) zu 99% männlich. Da lasse ich mich derzeit auch gerne leicht in Versuchung führen, “schnell mal” so einen Krimi, der mir ans Herz gelegt wurde, dazwischen zu schieben – und schon rückt Frau wieder weiter nach hinten. Sich davon nicht nicht mehr beeinflussen zu lassen, muss ich erst noch Schritt für Schritt lernen. Mir eben meinen eigenen Weg durch die Kriminalliteratur erlesen. Für mehr Frauen im Krimi.

    • So geht es mir auch, aber ich denke, solange man die Argument Titel auf der Leseliste hat, ist das schon mal ein solider Start.
      Leider ist es aber auch so, dass ich manche Krimis von Frauen nicht lesen möchte, weil sie nicht meinen Geschmack treffen.
      Letztendlich wird es auch nicht die Lösung sein, nur Krimis von Frauen zu lesen, denn wichtig ist mir, dass ich einen guten Krimi lesen – egal von wem.

      • Das stimmt natürlich. Besonders gute, schlechte oder nichtssagende Krimis gibt es von beiden Geschlechtern. Mir geht es da auch eher nur um die guten Krimis, bzw. die, die auch meinen Lesegeschmack treffen. 😉

  2. Pingback: Die Sache mit den starken Krimifrauen | My Crime Time

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