Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)

Der große Schlaf – Raymond Chandler

3 Comments

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Raymond Chandler – Der große Schlaf
Verlag: Diogenes
Übersetzer: Gunar Ortlepp
201 Seiten
ISBN: 978-3257201321

 

 

 

 

Hier ist er – der zweite Klassiker, den ich unbedingt lesen wollte. Endlich wissen, wer Philip Marlowe ist. Genauso wie Sam Spade, ein Name, der in aller Munde ist und eine Tradition von Hardboiled Krimis begründet. Und mir noch unbekannt. Sapperlot! Damit hat es jetzt ein Ende. Endlich kenn ich ihn, den berühmten Philip Marlowe. Und zwar so gut, dass ich unbedingt noch mehr von ihm möchte!

Privatdetektiv Philip Marlowe hat einen neuen Auftrag: General Sternwoods Tochter Carmen wird erpresst. Der geschwächte und an den Rollstuhl gefesselte General engagiert Marlowe, doch neben der Erpressung gibt es noch weitaus interessantere Vorkommnisse in der Familie. Rusty Regan, der Ehemann von Sternwoods zweiter Tochter Vivian und ein Mann, den Sternwood sehr gemocht hat, ist vor einer Weile verschwunden. Gerüchteweise zusammen mit der Frau von Eddie Mars, einem Gangster. Marlowes Auftrag ist die Erpressungsgeschichte, doch er kommt nicht umhin, auch in der Rusty Regan Sache zu ermitteln, als ihn alle mit der Nase darauf stoßen.

Philip Marlowe kann mit seiner locker-zynischen Art nicht nur die Mädels in der Geschichte begeistern, sondern verleiht dem Krimi auch die besondere Note, die mir bei Sam Spade gefehlt hat. Er ist ein harter Brocken, keine Frage, der sich auch hin und wieder der Melancholie hingibt, der Typ Einzelgänger. Zynismus und Ironie, die ab und an aufblitzen und einige lockere Sprüche zutage fördern, gönnt man ihm gerne, weiß man doch, dass er in seinem Inneren einem moralischen Kodex folgt. Hier weiß man von Anfang an, dass Marlowe nicht nur die Erpressungsgeschichte lösen wird, sondern auch das Rätsel um den verschwundenen Rusty Regan. Er ist Privatdetektiv mit Überzeugung, er nimmt keine krummen Aufträge an, ist dadurch oft pleite oder zumindest knapp bei Kasse. Er ist eisern in seinen Vorstellungen, lässt sich auf keine krummen Dinge ein und richtet nach seinen eigenen moralischen Grundsätzen. Gleichzeitig lässt er immer wieder seine weiche Seite durchblicken. Doch einen harten Kerl macht das nur stärker, es macht ihn zu einem Helden. Philip Marlowe ist ein Hardboiled Held ganz nach meinem Geschmack und wird völlig zu Recht als einer der Prototypen des Hardboiled Helden bezeichnet.

Das Frauenbild im Buch ist auch ein wenig besser als bei Dashiell Hammett. Letztendlich muss man sich klar machen, dass der Krimi doch schon ein paar Jährchen auf dem Buckel hat und das Frauenbild damals einfach anders war. Nichtsdestotrotz haben wir zwei sehr unterschiedliche Sternwood Töchter. Carmen mimt das laszive Dummchen, welches sich den Männern an den Hals wirft und sich dadurch Macht über die Männer verspricht. Man weist sie natürlich nicht ab. Vivian ist hingegen schon eine starke Frau, die allerdings eine Abhängigkeit zu Eddie Mars hat und eine Spielerin ist. Ein Wildfang ist sie trotzdem und das Verschwinden ihres dritten Ehemanns ein Mysterium.

Die Atmosphäre der 30er fängt Chandler perfekt ein. Es ist ein realistisches Bild der Gesellschaft in Amerika, genauer gesagt in Kalifornien, in den 30ern. Die Szenen zeigen eine Vitalität, die vielen Krimis heutzutage mitunter fehlt. Die Wende in der Kriminalliteratur, die Dashiell Hammett begonnen hat, hat Chandler mit seinem Krimi nur bestätigt. Es geht nicht mehr darum, ein Ermittlergenie hervorzuheben, sondern um ein reales Bild der Wirklichkeit. Ein Ermittler musste her, der auf dem Boden geblieben war. Ein ganz normaler Mann.

„Ich bin nicht Sherlock Holmes oder Philo Vance. Ich schnüffle nicht, nachdem die Polizei schon da war, noch mal am Tatort rum, um ‘ne zerbrochene Füllfeder aufzulesen und ‘nen Fall drauf aufzubauen. Wenn Sie glauben, daß es einen im Detektivgeschäft gibt, der so seine Brötchen verdient, dann kennen Sie die Polente schlecht. So etwas übersehen die nicht, wenn sie was übersehen. Ich will damit nicht sagen, daß sie oft was übersehen, wenn man sie richtig arbeiten läßt. Aber wenn, dann muß es schon etwas wackliger und vager sein…“ (S. 186)

Die Handlung bietet viele Wendungen und Überraschungen und bildet mit dem verschmitzten Philip Marlowe als Hauptfigur eine perfekte Symbiose. Nichtsdestotrotz kann man an einigen Stellen auch schmunzeln und wie auch schon bei Sam Spade, gibt es wieder eine Menge Waffen, die letztendlich bei Marlowe in der Sakkotasche landen. Während mit dem Malteser Falken ein Schatz gejagt wurde, ist die Intension von Chandlers Krimi schon psychologischer. Doch bis man dahin kommt, dauert es noch eine ganze Weile und man folgt Marlowe durch die Wirren, welche die Sternwood Töchter hinterlassen haben. „Der große Schlaf“ ist ein Klassiker, der mich wirklich begeistern konnte und den ich uneingeschränkt weiterempfehlen kann.

Auch von „Der große Schlaf“ gibt es eine Verfilmung mit Humphrey Bogart (mit dem Titel „Tote schlafen fest“). Der Film hat mir sehr gut gefallen und Bogart als Marlowe war Spitzenklasse. Eins sollte man allerdings erwähnen – der Film endet anders als das Buch. Somit muss man natürlich beides erlebt haben, um auch entsprechend beurteilen zu können.

Fazit:
Der Prototyp des Hardboiled Helden in seiner Geburtsstunde. Philip Marlowes erster Fall lässt einen nicht mehr los und man folgt ihm begeistert bis zur Lösung des Falls. Platz eins meiner Krimiklassiker, den ich nur empfehlen kann.

 

Dies und Das über Raymond Chandler
Nach der Scheidung seiner Eltern zog Chandler mit seiner Mutter nach England. Wie so einige andere Kriminalschriftsteller hat Raymond Chandler eine Reihe von Berufen ausprobiert oder ausprobieren müssen. Er war Beamter im britischen Marineministerium, Journalist, Buchhalter, Soldat der kanadischen Airforce, Vize-Direktor einer Ölfirma und… Autor sowie Drehbuchautor. Am britischen Kriminalroman fand er keinen Gefallen, blutleer und wirklichkeitsfremd fand er ihn. Gut so, denn so schuf er seinen Philip Marlowe, als er begann Kurzgeschichten zu schreiben. Als Chandler seinen ersten Roman „Der große Schlaf“ veröffentlichte wurde er ein Publikumserfolg, doch von den Kritikern verschmäht. Er schrieb noch 6 weitere Romane um Philip Marlowe, doch auch als Drehbuchautor konnte er Erfolge sammeln. Für sein Drehbuch zu „The Blue Dahlia“ wurde er für den Oscar nominiert. Verheiratet war er mit der 18 Jahre älteren Cissy Pascal, deren Tod er nicht verkraften konnte. In den Jahren nach ihrem Tod unternahm er einen Selbstmordversuch und verfiel dem Alkohol, bis er 1959 starb.

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3 thoughts on “Der große Schlaf – Raymond Chandler

  1. Im Gegensatz zu Hammett habe ich Chandler schon gelesen. Dieses Buch allerdings noch nicht. Marlowe ist definitiv auch ein Typ nach meinem Geschmack.

  2. Pingback: Abschluss des Krimiklassiker Spezial und Gewinnspiel | Die dunklen Felle

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