Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)

Willkür: Hafturlaub – Petra Ivanov

3 Comments

329320726X
Petra Ivanov – Hafturlaub
Verlag: Unionsverlag
329 Seiten
ISBN: 978-3293207264

 

 

 

 

Es gibt gleich zwei Dinge, die mich nach Petra Ivanovs Krimi nicht in Ruhe lassen. Die Autorin, von der ich übrigens, bevor ich „Hafturlaub“ gefunden habe, noch nie etwas gehört habe, schreibt neben zwei Krimireihen noch Regionalkrimis, Jugendbücher und Kurzgeschichten. Eine sehr produktive Dame, diese Petra Ivanov. Mit „Hafturlaub“ ist nun der zweite Teil um das Ermittlerduo Jasmin Meyer und Pal Palushi erschienen. Eine Sache, die mich nun nicht ruhen lässt, ist die Frage, ob ich nicht besser mit dem ersten Teil hätte anfangen sollen. Ähnlich wie bei Bottinis Louise Boni hat auch Ivanovs Jasmin Meyer mit den Dämonen aus ihrer Vergangenheit zu kämpfen und da stellt sich nun mal die Frage, ob man nicht mit dem ersten Band hätte beginnen sollen oder ob man nun schon alles weiß und das gar nicht mehr braucht. Letztendlich hab ich ja nun schon den zweiten Band gelesen aber ich möchte den ersten Band trotzdem noch lesen. Zum einen ist dort ja trotzdem ein toller Kriminalfall enthalten – egal wie es nun um die Protagonisten steht und zum anderen, nun, wer weiß schon, ob man dann nicht noch ein wenig mehr über die Dämonen erfährt, auch wenn man natürlich den Ausgang dann irgendwie schon kennt.

Nun aber zum eigentlich Krimi – „Hafturlaub“. Jasmin Meyer, ehemalige Polizistin, versucht sich ihren Lebensunterhalt als Privatdetektivin zu verdienen. Viele Aufträge hat sie nicht, um nicht zu sagen, gar keinen. So ist sie froh als Milena Herzog sie engagiert, ihre Tochter Fanny zu beschützen. Sie hat Drohbriefe erhalten und fürchtet um die Sicherheit der Elfjährigen. Da die Ermittlungen der Polizei auch nicht so recht weiterkommen, erweitert Milena ihren Auftrag und Jasmin beginnt mit den Ermittlungen, herauszufinden, woher die Drohungen stammen. Da Milena Herzog in der Justizbehörde arbeitet und über Hafturlaube entscheidet, sind Verdächtige schnell gefunden. Ein Thema, worüber Pal Palushi gar nicht mit Jasmin einig ist. Als Strafverteidiger sieht er Hafturlaube als Chance für seine Mandanten, sich wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Doch stecken vielleicht wirklich Strafgefangene oder deren Verwandte/Freunde hinter den Drohbotschaften an  Milena Herzog?

„Versteh mich nicht falsch, ich möchte Gewalttaten nicht bagatellisieren. Aber woher wissen wir, ob jemand tatsächlich rückfällig wird? Die Erwartung, die Justiz könne Straftaten voraussehen, ist absurd! Und dennoch ist das Strafrecht heute nicht mehr ausschließlich dazu da, Täter zu verfolgen und zu bestrafen, nein, es soll sogar Taten verhindern. Um dieses Ziel zu erreichen, wird das höchste Gut des Menschen geopfert – seine Freiheit.“ (S. 92)

Dies ist das zweite Thema, welches mich beschäftigt. Ich bin mir ehrlich gesagt nicht ganz sicher, wie es im deutschen Recht ist, aber in der Schweiz ist es wohl so, dass ein Gefangener, auch nach Ablauf seiner Strafe, noch in Verwahrung bleiben kann, wenn er denn als Gefährdung beurteilt wird. Das gilt dann schon, wenn er sich weigert an einer Therapie teilzunehmen aber auch mal, wenn er etwas Falsches dort offenbart und das als Gefährdung eingestuft wird. Im Buch mag dies noch überspitzt gezeichnet sein, doch wer vergibt hier das Recht, zu beurteilen, ob jemand rückfällig wird oder nicht?
Ah, ihr sagt jetzt, ja, aber lieber lassen wir alle Gefangenen lieber eingesperrt, bevor eine weitere Tat geschieht. Ja, gutes Argument. Und wo ist die Grenze? Bei allen Gefangenen oder nur bei bestimmten? Und wer legt das fest?
Genau die gleiche Willkür herrscht bei der Bewilligung der Hafturlaube, ein paar wenige Stunden, welche die Gefangenen am Ende ihrer Strafe schon in Freiheit verbringen dürfen. Meist allerdings trotzdem mit Aufpasser und natürlich genauem Urlaubsplan, aber keinesfalls mit dem Auto.
Ein sehr spannendes Thema, welches mich jetzt noch fesselt und grübeln lässt. Eine schwierige Diskussion. Auch ich will nicht, dass ein Mörder oder Vergewaltiger auf Hafturlaub oder weil er nicht „verwahrt“ wurde, rückfällig wird und eine weitere Tat begeht.

„Noch nie waren wir so wenigen Gefahren ausgesetzt. Doch jede einzelne Panne wird von den Medien hochgespielt. Ein Justizskandal […] verkauft sich gut. Dass kaum etwas schiefläuft, interessiert niemanden. Auch nicht, dass diese seltenen Pannen in keinem Verhältnis zur wirklichen Bedrohung stehen. Der Mensch verhält sich paradox. Im Alltag fürchten wir uns vor dem wenig Wahrscheinlichen, die wahren Gefahren aber übersehen wir.“ (S. 28)

Ich denke, es ist klar, dass die beiden Zitate von Pal Palushi stammen. Jasmin Meyer, selbst Opfer eines Übergriffs, ist da ganz anderer Meinung. Wegsperren soll man die – am besten für immer. Und so reiben sich die beiden, die sich eigentlich lieben, aneinander auf und weichen keinen Schritt von ihrer Meinung ab. Dabei steht die Beziehung der beiden eh nicht unter einem guten Stern, da Jasmin immer noch mit den Dämonen ihrer Vergangenheit, ihrem Ausgeliefertsein an einen Gewalttäter, kämpft.

Ach ja, es passiert übrigens überhaupt kein Mord und das Buch ist trotzdem spannend. Es ist die unterschwellige Bedrohung, die von den Strafgefangenen ausgeht, die sich rächen könnten, aber die Autorin erweitert dieses Portfolio noch um freie, noch nicht aufgefallene Täter und bringt somit noch einen weiteren Punkt in die Diskussion: Man mag vielleicht Gefangene auf ewig verwahren können, mit der Begründung, dass sie vielleicht rückfällig werden könnten, aber noch können wir nicht in den Kopf eines Menschen hineinsehen und dort zukünftige Straftaten sehen. Wir stellen nur Vermutungen an, auf Basis der schon geschehenen Taten.

Fazit:
Ein äußerst spannendes Thema, was einen fast übersehen lässt, dass man hier ein ungewöhnliches und erfrischendes Ermittlerpaar hat, welches sich nicht scheut, Grundsatzdiskussionen auszufechten.

Advertisements

3 thoughts on “Willkür: Hafturlaub – Petra Ivanov

  1. Interessantes u d auch sehr schwieriges Thema. In Deutschland ist es so, dass man vor dem Recht seine Strafe verbüßt hat wenn man sie eben verbüßt hat. Man kann hinterher dafür nicht mehr belangt werden. Also auch nicht länger im Gefängnis bleiben. Es gibt eine Ausnahme: wenn das Gericht eine besondere Schwere der Tat feststellt, dann wird gleich mit dem Urteil eine anschließende Sicherungsverwahrung verhängt. Das passiert aber eben nur bei einer eben solchen besonderen Schwere der Tat und die Feststellung muss sich auch an Regeln halten. Das ist glücklicherweise keine Willkür des Gerichts. Allerdings ist das auch ein sehr, sehr schwieriges Thema. Man darf bei allem Verständnis für die Seite der Täter nicht die Opfer vergessen und oft hat man den Eindruck das um die Verbrecher ein riesiger Aufwand gemacht wird weil deren Leben ja verpfuscht ist etc., aber die Opfer werden gern mal allein gelassen obwohl deren Leben mindestens genauso verpfuscht ist, nur das die es sich nicht aussuchen konnten. Wie gesagt – schwieriges Thema.

    • Du hast natürlich recht – oft wird viel zu wenig für die Opfer getan oder auch die Angehörigen von Opfern. Ich denke, das hat auch mit unserer mittlerweile geringen Aufmerksamkeitsspanne zu tun. Wenn etwas passiert ist es im Fokus und die Hilfe und Unterstützung ist groß, doch sobald wieder etwas anderes passiert, ebbt das Interesse am ersten ab. Dabei hinterlassen viele Straftaten ja Einschnitte in den Leben der Opfer, mit denen diese Jahre kämpfen müssen und womöglich nie ganz los werden.

      Danke für den Update mit dem deutschen Strafrecht – das erscheint mir trotz allem fairer und nicht so willkürlich wie es nun in der Schweiz ist, bzw. zumindest in dem Buch beschrieben wird.

    • Mir fällt gerade noch ein schönes anderes Beispiel ein – wegen den Opfern, die dann irgendwie in Vergessenheit geraten. In “Gedenke Mein” von Inge Löhnig gibt es eine Mutter, deren Kind verschwunden ist, möglicherweise von seinem Vater, der dann Selbstmord begangen hat. Eine unklare Geschichte und die Mutter kann nie abschließen, sie glaubt fest daran, dass ihre Tochter noch lebt. Nach 10 Jahren hat sie aber nur noch einen Freund übrig behalten, die anderen haben sich nach und nach abgewandt, weil sie die Geschichte nicht mehr hören konnten, weil sie dachten, dass die Tochter eh tot ist, weil sie der Mutter geraten haben, mit der Geschichte abzuschließen, weil, weil, weil. Gründe gab es genug, doch ein bitterer Nachgeschmack bleibt da einfach.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s