Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction

Beeindruckend: Der schottische Bankier von Surabaya – Ian Hamilton

4 Kommentare


Ian Hamilton – Der schottische Bankier von Surabaya
Verlag: Krug & Schadenberg
Übersetzerin: Andrea Krug
448 Seiten
ISBN: 978-3959170130

 

 

 

 

Über den Autor Ian Hamilton und seine Protagonistin Ava Lee bin ich tatsächlich schon mal vor einer Weile bei der Suche nach neuen Büchern gestolpert. Teil eins (gerade eben erst hervorragend besprochen von Wortgestalt: Die Wasserratte von Wanchai) landete auf meiner Wunschliste, auf der sie seitdem ausharrt. Mit dem aktuellen Krimi erscheint nun aber schon der fünfte Teil um Ava Lee und jetzt konnte ich auf keinen Fall mehr widerstehen. Ein Quereinstieg in eine Serie ist ja immer umstritten, denn es fragt sich, ob man nicht die vorigen Teile kennen muss, um den aktuellen zu verstehen. Bei Krimis ist das allerdings oft kein Problem, denn die Fälle sind ja abgeschlossen. Private Verwicklungen, die aber ja meist nebenher laufen, sind natürlich schon fortgeschritten, aber eben nicht hinderlich bei einem Quereinstieg. Nichtsdestotrotz kann es aber ein Risiko sein. Kann sein, muss aber nicht.

Nach ihrem letzten Fall ist Ava Lee gesundheitlich angeschlagen und gerade dabei sich zu überlegen, ob sie in ihren Job zurückkehren will. Sie ist Wirtschaftsprüferin, doch langweilig ist ihr Job ganz sicher nicht. Mit Onkel, dem ehemaligen Chef einer chinesischen Triade, betreibt Ava Lee ein Inkassounternehmen und verschafft Kunden verlorenes Geld wieder. Keine Kleinbeträge, richtig viel Geld. Deshalb ist sie nicht nur skeptisch, sondern auch ablehnend, als ihre Mutter sie bittet, Teresa Ng, einer Bekannten ihrer Mutter, aus der Patsche zu helfen. Als jedoch klar wird, dass nicht nur Teresa, sondern noch mehr Parteien bei einem Fondschwindel richtig viel Geld investiert haben und es nun zurückhaben möchten, nimmt sie den Auftrag doch an. Der Auftrag führt sie von Kanada über China nach Indonesien, genauer gesagt nach Surabaya.

Beeindruckend. Das ist das Wort, welches Ava Lee für mich am besten beschreibt. Ava Lee ist eine kluge, starke Frau. Sie arbeitet in einem Beruf, der nicht ohne Gefahr ist, doch zur Not kann sie sich verteidigen. Sie verfügt über Fachkenntnisse und versteht ihr Handwerk. Auch wenn sie nie so genannt wird im Buch ist sie doch irgendwie Privatdetektivin. Sie sucht keine verlorenen Menschen, überwacht keine betrügenden Männer oder klärt Mordfälle – sie sucht Geld. Als Wirtschaftsprüferin ist sie dafür genau die Richtige. Und gemeinsam mit dem etwas geheimnisvollen alten Mann, den sie Onkel nennt, hat sie damit Erfolg. Nichtsdestotrotz hat der letzte Fall ihr schwer zu schaffen gemacht. Zum einen ging es um ihren Halbbruder, zum anderen hat sie auch einen Mann erschießen müssen und ist selbst mit einer Schusswunde nur knapp davon gekommen. Sie zweifelt, ob ihr Job noch der richtige Job für sie ist, doch bevor sie sich darüber klar werden kann, wird sie von ihrer Mutter in den nächsten Job katapultiert.

Die Familie… ja, die ist nicht ganz einfach bei Ava. Ihre Mutter ist die zweite Frau ihres Vaters, der mit seiner ersten Frau und Familie in China lebt, dessen dritte Frau mit Familie aber in Australien lebt. So überspannt Avas Familie denn den ganzen Globus, doch ihre Mutter und ihre Schwester leben in Kanada. Neben ihrer Geliebten Maria pflegt sie noch einige Freundschaften, unter anderem zu May Ling, die sie in einem vergangenen Fall kennen gelernt hat und sie nun gerne zu einer Geschäftsbeziehung überreden will. Während des Falls schottet sie sich ab, denn tatsächlich fließt ein beständiger Mailverkehr zwischen ihr und ihren Freunden und Familienmitgliedern hin und her. Um ganz ehrlich zu sein, waren es mir am Anfang fast schon zu viele, um mir die Namen zu merken, aber auch um sie auseinander zu halten, aber mit der Zeit hat man dann alle Verbandelungen drauf.

Das Geflecht an Beziehungen versteht man bestimmt ein wenig besser, wenn man die vorigen Teile kennt – was ich auf jeden Fall nun nachholen werde – aber auch ohne die vorigen Teile kann man die Verbindungen recht schnell nachvollziehen. Es gibt auch einige Anspielungen auf den vorigen Fall, der in Macao stattfand, doch das war nicht weiter störend. Weder wird zu viel verraten, so dass man keine Lust mehr hat, diesen Teil nachzuholen, noch lag der alte Fall im Fokus. Es war einfach etwas, was hin und wieder erwähnt wurde, um Dinge zu erklären oder zu verdeutlichen.

Onkel hingegen ist schon eine etwas spezielle Figur. Über ihn, bzw. über seine Vergangenheit erfährt man nun nicht sehr viel, doch Onkel hat weitreichende Verbindungen, die Ava bei ihren Ermittlungen zu Gute kommen. Vor jeder Entscheidung berät sich Ava mit dem alten Mann und trifft keine wichtige Entscheidung allein. Sie arbeiten gemeinsam. Es ist aber kein Chef-Angestelltenverhältnis, es ist eine Partnerschaft. Beide wissen nicht alles voneinander, vertrauen sich aber blind. In ihrem Geschäft nicht unwichtig, aber doch unüblich.

Sagt man wirtschaftlichen Themen in Krimis oft nach, dass sie langweilig sind und hierfür nicht taugen, muss ich erwähnen, dass ich immer wieder vom Gegenteil überzeugt werde. Wirtschaftsthemen eignen sich hervorragend für Krimis – ich würde jetzt mal wagemutig behaupten, wenn dem nicht so ist, liegt es nicht am Thema. Der Autor verbindet elegant den fauligen Investmentfond mit einer krummen Bank auf Indonesien, verquickt mit Italienern und Waffen, und haut am Ende mit Geldwäsche und Immobiliengeflechten um sich – das alles aber verständlich und unheimlich spannend geschrieben. Aber das ist auch noch nicht alles, denn er lässt Ava eine Sache durchleben, die mich tiefst betroffen hat und ich mir jetzt noch nicht ganz klar darüber bin, ob ihre Reaktion darauf gut oder schlecht finde. Beeindruckend ist sie aber auf jeden Fall, denn sie ist zwar betroffen, aber verfolgt ihr Ziel weiterhin kühl und unerbittlich, aber kann man bei so einem Ereignis sachlich bleiben? Nun ja, sie schafft es nicht ganz.

Tatsächlich hatte ich mich gefreut, einen Thriller aus Kanada zu lesen, denn das Land ist noch ein weitgehend blinder Fleck auf meiner Karte, aber flugs waren wir dann in Asien, China und Indonesien. Das war denn weiter auch nicht schlimm, denn auch hier habe ich noch weiße Flecken und hab mich gefreut, mehr über die beiden Länder zu erfahren. In Hongkong erhält Ava eine kleine, aber feine Sightseeing Tour, doch abgesehen davon, liegt der Fokus des Autors nicht auf ausführlichen Landschaftsbeschreibungen. Schon eher widmet er sich der Küche des Landes und lässt Ava immer sehr gute Gerichte probieren. Vielmehr ist es aber die Kultur, die Feinheiten im Umgang im asiatischen Raum, die mir Ava in dem Buch ganz unbewusst näher gebracht hat.

Fazit:
Ein perfektes Leseerlebnis rund um Privatdetektivin Ava Lee, die dem Weg des Geldes folgt und dabei nicht nur auf langweilige Wirtschaftskriminelle stößt. Ich bin gespannt, ob die anderen Teile der Serie meine nun hohen Erwartungen halten können. Dieser Teil ist auf jeden Fall eine absolute Leseempfehlung!

 

 

4 Kommentare zu “Beeindruckend: Der schottische Bankier von Surabaya – Ian Hamilton

  1. Gnah *haare rauf* ich les ihn ja schon, ich les ihn ja schon, ich les ihn ja schon!
    Erst macht mich Philly scharf und nun auch du XD

  2. Pingback: Ian Hamilton - Der schottische Bankier von Surabaya

  3. Pingback: Gestern, heute, morgen | Die dunklen Felle

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