Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction

Unter der Fuchtel: Dann sei wenigstens vorsichtig – Ross Thomas

7 Kommentare


Ross Thomas – Dann sei wenigstens vorsichtig
Verlag: Alexander Verlag Berlin
Übersetzer: Jochen Stremmel (druchgesehen von Gisbert Haefs)
286 Seiten
ISBN: 978-3895814761

 

 

 

 

 

„Und wenn Du nicht brav sein kannst, dann sei wenigstens vorsichtig.“(S. 283)

Ich könnte mir manchmal selbst in den Hintern beißen. Ich weiß, dass die Krimis von Ross Thomas großartig sind. Jeder, den ich gelesen habe, hat mir großen Spaß gemacht hat und war immer äußerst spannend war. Und trotzdem schrecke ich manchmal davor zurück, zu einem weiteren Buch von ihm zu greifen. Denn Ross Thomas schreibt über Politik, über den Kalten Krieg und Spionage, über politische und wirtschaftliche Verflechtungen und Menschen, bei denen man manchmal nicht mehr weiß, für welche Seite sie arbeiten. Dabei gelingt es ihm doch immer wieder, dass man niemals verwirrt oder überfordert ist. Gekonnt leitet er einen durch die Verwirrungen und dröselt sie auf die spannendste Weise auf. Und dieser Trick gelingt ihm auch in seinem neuesten Streich. Nun ja, zumindest die neueste Veröffentlichung im Alexander Verlag, der sich nicht nur das Ziel gesteckt hat, alle Krimis des Autors neu zu veröffentlichen, sondern diese auch noch in äußerst schicke Cover packt.

Ja, auch im vorliegenden Titel geht es um Politik. Zumindest hintergründig, denn der Grund aller Vorkommnisse in dem Krimi ist ein Senator. Frank Size, ein Kolumnist, der mit der Macht seiner Worte Menschen vernichten kann, engagiert Decatur Lucas der herausfinden soll, warum Senator Robert Ames sich bestechen ließ. Eigentlich Ex-Senator Ames, denn sein Amt hat er dann auch noch gleich niedergelegt – gemeinsam mit seiner steinreichen Ehefrau – und lebt nun mit seiner jüngeren Geliebten, Connie Mizelle, in einem schicken Apartment. Deke Lucas, eigentlich Historiker und freier Berater im öffentlichen Dienst, lockt das feste Gehalt und die versprochene Arbeit zu Hause, so dass er Sizes Auftrag annimmt. Kurz darauf erhält er einen Anruf von Ames Tochter Carloyn, die ihm Informationen verspricht, die ihren Vater entlasten, doch kurz bevor es zu der Übergabe kommt, explodiert der Aktenkoffer mit den versprochenen Informationen und tötet Carolyn Ames.

Decatur Lucas ist nun nicht unbedingt die sympathischste Figur. Gut, kann man noch verstehen, dass er, als Carolyn Ames in die Luft fliegt, nicht eingreift – wozu auch? Er wäre eh nicht schnell genug bei ihr gewesen und hätte etwas verhindern können. Auch sein Privatleben ist für die Zeit doch eher ungewöhnlich, da er in wilder Ehe mit Frau und Kind (aber nicht seins) lebt, und er sich zwar durchaus hin und wieder durch Sex trösten lässt, wenn der Job nicht gut läuft, ansonsten aber eher keinen Bezug zu Kindererziehung hat, mal abgesehen von philosophischen Gedanken über den anhaltenden Krieg zwischen Kleinkind und Kater. Unbeteiligt kann man Deke Lucas zu Recht nennen, nichtsdestotrotz versteht er sich auf Recherche und zieht die richtigen Schlüsse. Als Historiker, der im politischen Dreck wühlt, sind dies nicht zu verachtende Eigenschaften. Und tatsächlich muss man ihn doch noch bewundern und den Hut ziehen, für die Entscheidung im letzten Kapitel, die ihn dann doch irgendwie noch ein wenig Sympathie verleiht. Und ganz ehrlich – wer will schon Mister Nice Guy als Privatdetektiv? So einer muss doch unbequem sein!

Meine anfänglichen Befürchtungen aufgrund politischer Verstrickungen irgendwann nicht mehr durchzublicken haben sich – wieder mal – als falsch rausgestellt. Ja, es geht um einen Senator, aber es gibt viel mehr Themen in seinem Leben, die von Deke beleuchtet werden, als nur sein politisches Wirken. Vor allem die Frauen, die der gute Senator um sich geschart hat, sind ein Thema für sich. Von Fast-Ex-Frau mit Millionen in der Hinterhand über verbitterte Sekretärin mit Alkoholproblem bis hin zur neuen Geliebten, die fast schon zu gut ist, um wahr zu sein. Ah, und nicht zu vergessen, der Schnüffler der Gegenseite. Ein gut bezahlter Detektivfürst, bei dem es schon allein interessant ist, warum er sich die Füße schmutzig macht und nicht einen seiner Lakaien los schickt. Ach, dem Figurenensemble konnte ich fürwahr etwas abgewinnen. Bis in die Nebenfiguren war hier Futter an den Charakteren, sie waren schön ausgearbeitet und bleiben auch in Erinnerung.

Für genügend Spannung ist denn auch gesorgt, denn nicht nur Ames Tochter kann die Informationen nicht mehr liefern, sondern noch andere versuchen ihr Glück, diese Deke zukommen zu lassen und scheitern durch den Verlust ihres Lebens. Nichtsdestotrotz kommt hier einfach jeder Liebhaber der Private Eyes, der Privatdetektiv-Krimis, auf seine Kosten. Deke Lucas zieht los und löchert jede Person, die mit Senator Ames in näherem Kontakt stand, fragt, zieht Schlüsse und probiert Thesen aus. Genau so, wie es ein guter Detektiv machen soll, ob nun studierter Historiker oder nicht. Seine Dissertation über Bonneville wird ja aber vielleicht doch noch irgendwann fertig… man weiß ja nie.

Fazit:
Ein wunderbar ausgearbeiteter Thriller mit einem kratzig-kalten Schnüffler und einem hervorragenden Figurenensemble, einigen Stunteinlagen und gelungenem Abschluss. Wie immer bei Ross Thomas – ein Lesegenuss.

 


Weitere Stimmen:
KaiSu von Life4Books meint: „Allein der Schreibstil und die Art und Weise, wie sich Ross Thomas einem so heiklen politischem Thema nähert, machen das Buch lesenswert. Auch, wenn man diesem Gebiet normalerweise rasch den Rücken zukehrt. Hier sollte man es wagen und das Buch zur Hand nehmen!“


 

7 Kommentare zu “Unter der Fuchtel: Dann sei wenigstens vorsichtig – Ross Thomas

  1. Kann ich nur unterstreichen. Hab anfangs auch gedacht: Politik …. gnaaaah!
    Aber so schlimm war es gar nicht :D
    und nun MUSS ich endlich mal mehr Bücher von dem Autor lesen!

    Ich mochte auch sehr den trockenen Humor von Lucas :P

    • Ah, ich nehm mir das nach jedem Buch, welches ich von Ross Thomas gelesen habe, vor – aber irgendwann muss ich das mal auch machen! Es gibt noch so viele Bände, die ich nicht kenne… Natürlich geht es rein um die fehlende Zeit… seufz.

  2. Ich finde es klasse, dass du immer wieder auf Ross Thomas aufmerksam machst. Diesem Autor gebührt – eigentlich auch im Feuilleton – soviel mehr an Aufmerksamkeit. Für mich gemeinsam mit Ambler der unangefochtene Meister des Politthrillers – obwohl es da doch noch so viele anderen Autoren gibt.

    Freue mich jetzt schon, wenn ich sämtliche Thomas-Werke vom Alexander Verlag im Regal stehen habe. Die machen sich da auch optisch richtig gut. :-)

    • Vielen Dank für das Lob!
      Aber da geht noch mehr! Tatsächlich beherberge ich schon eine recht beachtliche Anzahl der Bände aus dem Alexander Verlag in meinem Regal, aber gelesen hab ich trotzdem erst vier… das muss sich ändern!
      Aber optisch ist die Reihe wirklich ein Highlight im Regal.

      Ah, Ambler… ein blinder Fleck auf meiner Karte. Aber Gunnar ist ja auch immer ganz begeistert. Wird wohl Zeit, dass ich den Autor auf meinen Weihnachtswunschzettel packe… wenn ich das recht gesehen habe, sind die Bücher unabhängig, oder? Kannst Du da einen besonders empfehlen?

      • Sieht bei mir ähnlich aus. Lungern schon einige Bände herum, habe von den Alexander-Ausgaben aber noch keine gelesen und kenne Thomas nur aus seiner Ullstein-Zeit.

        Ganz ehrlich: Bis jetzt fand ich alle Ambler-Romane lesenswert, denn der Mann wusste einfach meisterhaft und vor allem visionär zu schreiben. „Die Maske des Dimitrios“ und „Topkapi“ sind natürlich Klassiker. Ziemlich beeindruckt hat mich aber auch „Anlass zur Unruhe“. Ich kann ihn Dir nur ans Herz legen. Ganz, ganz toller Autor!

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