Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction

Zurück in die Schulzeit: Frau Friese und die tödliche Einladung – Martha Bull

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Martha Bull – Frau Friese und die tödliche Einladung
Verlag: Kellner Verlag
212 Seiten
ISBN: 978-3956510892

 

 

 

 

Stellt man sich ermittelnde Rentner in einem Krimi vor, hat man doch irgendwie immer das Wörtchen „resolut“ im Kopf. Schließlich muss man unverschämte Fragen stellen, den Fuß in die Tür stellen, damit einem die keiner vor den Kopf schlägt und womöglich muss man sich ja auch gegen den Täter – so man ihn denn findet – verteidigen.  Wohl das schillerndste Beispiel in der Kriminalliteratur ist Miss Marple und das wird sie wohl auch bleiben. Waltraud Friese ist da aber anders. Wohltuend anders.

Waltraud Friese ist Rentnerin aus Bremen, genauer gesagt aus Peterswerder. Ihr Mann ist nicht mehr da, und das ist auch gut so. Jahrelang hat sie sich in ihrer Dachgeschosswohnung eingeigelt und die Welt nur aus ihrem Fenster betrachtet. Doch jetzt ist sie ins Erdgeschoss gezogen – das mit den Treppen wird im Alter nicht leichter – und auch Kontakte hat sie wieder. Mit den Nachbarn, mit Freunden. Frau Friese ist eher eine vorsichtige Frau, will niemandem zur Last fallen, macht sich viele Gedanken und tüdelt sich so durch den Tag.

Frau Friese erhält eine Einladung zum Klassentreffen – gefühlte Ewigkeiten ist das her – und tatsächlich schießt ihr durch den Kopf, wer von damals wohl noch lebt. Bevor das Klassentreffen jedoch stattfindet, findet Frau Friese die erste Schulfreundin tot auf – gerade erst ist sie ihr zufällig im Supermarkt begegnet und hat sich mit ihr auf ein Kaffeekränzchen verabredet. Frau Friese wird von der Polizei nicht verdächtigt, doch einem Revolverblatt ist das egal. Schon bald muss sich Frau Friese Anfeindungen aus der ganzen Nachbarschaft stellen. Und noch mehr wird es, als sie auch die zweite Schulfreundin von früher tot auffindet. Hat da jemand was gegen Frau Friese und will ihr das Leben schwer machen? Oder sie gar töten? Und liegt das Motiv tatsächlich so lange zurück, in ihrer Schulzeit, oder geht es um was anderes?

Auch wenn Frau Friese ein wenig zaghaft ist, ist ihr schon klar, dass sie hier was unternehmen muss. Zum Glück stehen ihr Freunde und Nachbarn bei. Flugblätter werden gebastelt, Kioske boykottiert und Nachbarn zusammengepfiffen. Drohbriefe kriegt Frau Friese trotzdem und fürchtet sich. Nichtsdestotrotz macht sie sich, gemeinsam mit Freundinnen, daran, mehr über die Morde herauszufinden. Das Ensemble ist komplett weiblich, mit ein, zwei Ausnahmen, darunter der nordisch charmante Herr Holthusen, der Waltraud denn auch immer mit „Deern“ anspricht.

Das war allerdings ein kleines Problem für mich, diese Vielzahl an Damen. Herrn Holthusen hab ich gut in Erinnerung, der alte Mann ist denn auch eine ausgezeichnete Nebenrolle und bleibt mit einem Schmunzeln in Erinnerung. Die anderen Damen des Ensembles hab ich leider hin und wieder verwechselt. Es waren mir dann doch zu viele, da ja auch – aufgrund des Klassentreffens – einige alte Schulfreundinnen in Erscheinung traten. Vielleicht fehlten mir hier auch die vorigen Teile der Reihe, um das Stammpersonal der Krimireihe besser von den Neuankömmlingen zu trennen. Nichtsdestotrotz ist es ein göttliches Bild am Ende des Krimis, wenn die Damen –und Herr Holthusen – dann beim Kaffeekränzchen den Fall aufklären.

Ungewöhnlich fand ich auch Waltraud Frieses Selbstgespräche. Also natürlich waren die nur in ihren Gedanken, aber als Leser hat man dann doch schon ein Bild vor Augen, in dem die alte Dame denn hin und wieder leise vor sich hinmurmelt und mit sich selber redet. Tut sie nicht, aber alle ihre Gedankengänge teilt sie mit dem Leser.

„Tut es, Waltraud, das tut es. Wenn sie dich festnehmen, kannst du dir das vorstellen? Im Gefängnis?
Das würde ich nicht überleben.
Ach, Waltraud, man überlebt so vieles…“ (S. 124)

Und nicht alle Gedanken sind nett und anständig, wobei die gute Erziehung in ihren Gedanken des Öfteren zuschlägt und sie sich selbst rügt. Im Übrigen ist es auch gut so, dass sie nicht nur die nette alte Dame ist, denn hin und wieder haut sie Brocken raus, von denen sie dann mehr erschrocken ist als alle anderen. Wahrheiten, ja, aber eben Wahrheiten, die man nicht immer unbedingt ausspricht und so direkt sagt. Damit kann sie nicht nur bei ihren Freundinnen punkten, sondern auch bei Lesern wie mir.

Schon klar, der Krimi ist gemütlich und nicht bluttriefend, aber keineswegs langweilig. Sei es, dass eben noch ein Mord geschieht oder Frau Friese sich gegen Anfeindungen erwehren muss, die Handlung treibt sich weiter und spitzt sich zu. Der Krimi spielt in Bremen, mit dem Flair der Stadt und ein wenig norddeutschem Dialekt (und nochmal Danke für Herrn Holthusen), auch wenn ich noch nie in Bremen war, sind mir die Bremer und Bremerinnen nun näher. Gelesen habe ich das Büchlein recht schnell, denn Frau Friese konnte mich wirklich gut unterhalten.

Fazit:
Ein Cozy Crime made in Germany – mit Witz, Flair und einer wohltuend anderen Ermittlerin in ihren besten Jahren. Nicht nur für Bremer Bürger zu empfehlen!

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