Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)

Blogtour “Der Weiße Affe” von Kerstin Ehmer: Die Geschichte von Alexander – Verwahrlosung und Überliebe

27 Comments

Am dritten Tag der Blogtour von “Der weiße Affe” von Kerstin Ehmer darf nun ich meinen Beitrag beisteuern. Wer mich schon von der letzten Blogtour mit dem Pendragon Verlag kennt, der weiß ja, dass ich keine Kosten und Mühen scheue, um Euch auf das Buch neugierig zu machen.

Auch diesmal ist es mir gelungen, ein Kleinod auszugraben (bzw. gilt mein Dank hier der Berliner Polizei, die tief in ihren Kellern sich durch Aktenberge gewühlt hat 😉 ). Das mit dem Einscannen hat mal wieder nicht so gut geklappt, aber dafür hab ich Euch den Text abgeschrieben und im Stile des Originaldokuments unten angehängt.

Nichtsdestotrotz vermute ich, dass zumindest einige von Euch noch ein wenig vom Titel des Beitrags verwirrt sind und sich zu Recht die Frage stellen: Und wer ist Alexander?
Neben dem Handlungsstrang um Kommissar Spiro und seine Ermittlungen gibt es im “weißen Affen” noch eine Nebenhandlung, die sich um den jungen Alexander dreht. Der geübte Krimileser weiß natürlich, dass diese Nebenhandlung nicht ohne Sinn und Verstand eingebaut wurde und um Euch darauf noch neugieriger zu machen, möchte ich Euch nun einen Blick auf Alexander gewähren. Viel Spaß dabei!

 

Gesprächsprotokoll 
 Abschließendes Gespräch zwischen Kommissar Ewald Bohlke und dem 
 Zeugen  Günther Klauke zum Fall „Der weiße Affe“
 Beisitzer: Kommissar Ariel Spiro
 Protokollführerin: Fräulein Gehrke



Bohlke: Abschließendes Gespräch mit dem Zeugen Günther Klauke 
im Fall „Der weiße Affe“. Im Raum befinden sich der Zeuge, 
die Kommissare Bohlke und Spiro sowie Fräulein Gehrke, die das 
Protokoll tippen wird. Wir befinden uns im Befragungsraum 3 
im Kriminalkommissariat im Präsidium am Alexanderplatz, am 
31. März neunzehnhundert [räusper] zwanzig, vierzehn Uhr und 
fünf Minuten. [Pause] Haben Sie das, Fräulein Gehrke?

Gehrke: Aber ja, Herr Bohlke, nur weiter so. Ich tippe wie der 
Wind.

Bohlke: Ja, also gut. Dann fangen  wir an.

Klauke: Ich weiß gar nich, was ich hier soll. Ich hab doch schon 
alles dem da gesagt. [deutet auf Kommissar Spiro]

Bohlke: Klauke, das hatten wir doch schon. Wir brauchen Deine 
Aussage schriftlich, um den Fall abschließend zu dokumentieren.

Klauke: Ja, aber ick weeß doch nüscht.

Bohlke [genervt]: Klauke, wir kauen das jetzt nicht nochmal 
alles  durch. Du weißt genau, warum du hier bist. Und jetzt 
sag uns, woher Du Alexander kennst. Und bitte in verständlichem 
Deutsch.

Klauke [genervtes Ausatmen mit Augen verdrehen]: Na, in 
Wickersdorf. Ich hatte ein Stipendium, aber Alexander nich. 
Für den muss also jemand geblecht haben.

Bohlke: Wer?

Klauke: Weeß ick doch nicht. Seine Mutter kann’s ma nicht gewesen 
sein. Die hat sich ja gesträubt ihn nach Wickersdorf zu bringen 
und ihn dort zu lassen.

Bohlke: Wie kommst Du darauf, dass sie sich gesträubt hat?

Klauke: Das hat der Alexander erzählt.

Bohlke: Was hat er denn sonst noch über seine Mutter erzählt?

Klauke: Nichts.

Bohlke: Wie, nichts?

Klauke: Mensch, der Alexander war ein Verschlossener. Der hat 
den Mund kaum aufgebracht. Dem stand auf die Stirn geschrieben: 
verprügelt mich, veralbert mich, seid gemein zu mir. Und das 
haben auch alle gemacht.

Bohlke: Aber Du nicht?

Klauke: Ne, wir Berliner müssen doch zusammen halten. Außerdem 
war er ein ganz armes Würstchen.

Bohlke: Wieso?

Klauke: Mann, die hatten ihn alle vom ersten Tag an auf dem Kieker. 
Schon die Kleidung, die er dabei hatte. Samthosen und Hemden mit 
Puffärmeln.

Bohlke: Alexanders Mutter hat im Theater gearbeitet und seine 
Kleidung vermutlich selbst genäht.

Klauke: Mag ja sein, aber welcher Junge traut sich denn so 
unter andere Jungs? Ick sag doch: die Prügel war absehbar. 
Aber nicht mit mir. Ich hab die anderen verkloppt, wenn sie 
ihm zu nahe gekommen sind. Na ja, zumindest solange ich da war. 
Die ham mich ja rausgeschmissen.

Bohlke: Was hat Alexander von seinem Zuhause erzählt?

Klauke: Hab ich doch schon erzählt. Kaum was. Mensch, die Luft 
ist hier aber trocken. Habt ihr nicht was zum Trinken für 
mich armen Schlucker.

Bohlke [aufplusternd]: Na klar, was darf’s denn sein? Ne Molle? 
Oder doch was Stärkeres?

Klauke: Also, wenn Sie schon so fragen…

Bohlke [aufspringend]: Sonst noch was? Konzentrier dich jetzt. 
Wir ziehen das durch und dann kannste Dich zu saufen bis du blau 
anläufst.

Klauke: War ja nur ne Frage… was soll ich denn noch erzählen? 
Er war halt ein verschlossenes Kerlchen. Und sehr seltsam. Nicht 
nur die Kleidung. Auch seine Art zu quaken.

Bohlke: Du meinst, seine Wissen über Theaterstücke und die 
Südseeindianer?

Spiro [flüstert]: Insulaner, nicht Indianer.

Klauke: Südseeindianer? Davon hat er nichts erzählt. Zumindest 
da noch nicht. Aber Theaterstücke hat er auswendig gekonnt. Dafür 
hat ihn der Paul, der Lehrer, immer sehr gelobt. Aber an seinen 
Rechenkünsten ist er verzweifelt. Alexander konnte noch nicht mal 
die einfachsten Zahlen zusammen rechnen.

Bohlke: Das kommt daher, dass Alexander vorher keine Schule 
besucht hatte. Er hat nur bei seiner Mutter gelebt.

Klauke: Hm, keene Schule? Mensch, das ist ja mein Traum.

Bohlke: Alexander hat es nur geschadet. Seine Mutter hat ihn 
nicht zur Schule geschickt und auch sonst durfte Alexander wohl 
kaum nach draußen. Wir haben einen Verschlag entdeckt, in dem er 
wohl immer wieder eingesperrt wurde.

Klauke: Verschlag? Was meinen sie denn damit? Ich hab mir mein 
Bett mit drei kleinen Geschwistern teilen müssen, bevor ich 
abgehauen bin.

Bohlke: Verschlag eben, ganz klein, keine Kammer, eher 
Schrankgröße. Und völlig verdreckt. Sie scheint ihn da länger 
eingesperrt zu haben.

Klauke [schüttelt ungläubig den Kopf]: Davon hat er nix gesagt. 
[holt Luft, schließt aber den Mund wieder]

Bohlke: Ja?

Klauke: Na ja… als ich ihn dann später hier in Berlin jetroffen 
hab, da war er klapperdürr und hatte Krämpfe. Ich hab ja gemeint, 
dass ich nen Besen fress‘, wenn seine Mutter ihm nicht Morphium in 
die Milch gekippt hat. Er hat sie ständig seine Königin genannt, 
aber für mich war das ne Hexe. Nix anderes. So eine Sauerei, die 
eigene Mutter…. Und da hat er auch von der Südsee und den Kriegern 
erzählt. Von einem Krokodilgott und all so Sachen. War schon 
ne nette Geschichte, aber ein bisschen weit ab vom Schuss, wa?

Bohlke: Morphium? Bist Du Dir da sicher?

Klauke: Ja, Mann. Mein Oller hatte das auch als er aus Frankreich 
zurück kam. Ich erkenn das.

Bohlke: Die Theaterkollegen seiner Mutter äußern sich nur positiv 
über sie. Auch wenn sie einräumen, dass Alexander nur wenig Kontakt 
nach außen hatte, scheint mir Morphium doch…

Klauke: Ich saug mir das doch nicht aus den Fingern! Det war so! 
Wenn ihr schon alles wissen wollt, dann müsst ihr das nehmen wie 
es kommt. Und wenn nicht, dann geh ich wieder. [will aufstehen]

Bohlke: Ja, ja, schon gut. Wir können es nur nicht so recht 
glauben. Es ist, als hätte man zwei Personen vor sich, wenn 
man Berichte über Alexanders Mutter hört. Eine überfürsorgliche, 
liebevolle Mutter…

Klauke: Tz.. wer’s glaubt.

Bohlke: … und eine völlig verantwortungslose Mutter, die ihr 
Kind einsperrt, hungern lässt und nun auch noch die Sache 
mit den Drogen.

Klauke: Sag ich doch, eine Hexe.

Spiro [flüstert vor sich hin]: Und wir werden niemals alles 
erfahren, was Alexanders Mutter ihm angetan hat.

Bohlke: Ja, schon gut. Ich glaub dir ja. Verwahrlosung und 
Überliebe, könnte man sagen.

Klauke: Über-was? Drück dich mal nicht so geschnörkelt aus, 
Bul… Bohlke.

Bohlke: Für Dich immer noch Herr Kommissar Bohlke.

Klauke: Na, wenn’s denn sein muss.

Bohlke: Ja, das muss! Also, hast Du noch was hinzuzufügen?

Klauke: Nee.

Bohlke: Gut. Wir werden wohl niemals erfahren, was in dieser 
Frau wirklich vorgegangen ist. Einzig die Sauerei, ehm, das 
Ergebnis bleibt uns. Was für eine Geschichte... [räusper] Nun 
ja, damit ist die Zeugenbefragung von Günther Klauke beendet, 
es ist vierzehn Uhr vierundfünfzig. Fräulein Gehrke, bitte 
sauber abtippen und der Fallakte beifügen.



Im Rahmen der Blogtour verlost der Pendragon Verlag drei Mal ein Exemplar von Kerstin Ehmers „Der weiße Affe“. Um an der Verlosung teilzunehmen, müssen die TeilnehmerInnen ein Lösungswort bilden. Das Lösungswort findet sich in den fünf Blogbeiträgen zu der Tour. In jedem Beitrag findet sich ein fett gedruckter Buchstabe – das Lösungswort besteht also aus fünf Buchstaben.
Zur Teilnahme an der Verlosung muss das Lösungswort an presse@pendragon.de gesendet werden. Einsendeschluss ist Freitag, der 27. Oktober 2017 um 23:59 Uhr.

Die drei Gewinner werde aus allen Teilnehmern ausgelost. Nach der Auslosung werden die Gewinner per Mail benachrichtigt und um ihre Adressdaten gebeten. Die Adressdaten der Gewinner werden nur für den Versand benötigt und werden nicht an Dritte weitergegeben. Eine Barauszahlung des Gewinns ist nicht möglich. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Mit der Teilnahme am Gewinnspiel erklärt Ihr euch mit diesen Bedingungen einverstanden.


 

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27 thoughts on “Blogtour “Der Weiße Affe” von Kerstin Ehmer: Die Geschichte von Alexander – Verwahrlosung und Überliebe

  1. Ein feines Protokoll und fast hätte ich dir das mit der Polizei geglaubt 😛

  2. Pingback: Ehmer, Kerstin: Der weiße Affe – Rezension zur Blogtour mit Buchverlosung #DerWeisseAffe – Die Leserin

  3. Pingback: #DerWeisseAffe geht auf Blogtour mit Buchverlosung | Ankündigung – Die Leserin

  4. Ein fabelhafter Beitrag, hat Spaß gemacht, zu lesen. 🙂

  5. Pingback: Blogtour - #DerWeisseAffe

  6. Hey, da bin ich ja echt drauf reingefallen 🙂 und habe ganz kurz geglaubt Du hast mit der Polizei gesprochen – wie genial gemacht. Ein richtig schöner und ausgefallener Beitrag. Diese “Fallakte” wird mir lange im Gedächtnis bleiben.
    Viele liebe Grüße
    Kerstin von KeJas-BlogBuch

  7. Was für ein amüsanter Beitrag! 🙂 Ja, der macht beim Lesen wirklich Spaß. Am Anfang hattest du mich auch an der Nase herumgeführt. Bin erst voll reingefallen und dachte: Wow, Akteneinsicht! Ha, ha! Ist dir gut gelungen!

  8. Dein Protokoll gefällt mir richtig, richtig gut. Tolle Idee und sehr lebensnah umgesetzt :-). Macht neugierig auf die Nebenhandlung des Buches. Ich bin schon gespannt.

  9. Huhu!

    Kennst du schon unsere Gruppe für Blogtouren auf Facebook? Vielleicht magst du ja mal vorbeischauen? 🙂
    Wir halten da alles aktuell und verlinken die Beiträge, damit man immer alles im Blick hat und nichts verpasst – bei den vielen Touren verliert man ja leicht den Überblick 😉
    https://www.facebook.com/groups/981737925190683/

    Liebste Grüße, Aleshanee

  10. Pingback: Das literarische Sonntagsfrühstück: #5/2017 – Die Leserin

  11. Pingback: Monatsrückblick: Oktober 2017 – Die Leserin

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