Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)

Glück und Verderben: Wolfsspinne – Horst Eckert

13 Comments

978-3-8052-5099-3
Horst Eckert – Wolfsspinne
Verlag: Wunderlich
496 Seiten
ISBN: 978-3805250993

 

 

 
Schon seit ich das Buch bei leserunden.de entdeckt habe, bin ich um es herumgeschlichen. Ich hatte noch kein Buch von Horst Eckert gelesen und hab ja auch schon mal nicht so gute Erfahrungen gemacht, wenn ich in der Mitte einer Krimireihe eingestiegen bin. Sollte ich es also wagen, die Reihe um Vincent Che Veih, Hauptkommissar in Düsseldorf, erst mit dem dritten Band zu beginnen? Zum Glück habe ich mich kurz vorher noch mit einem Bloggerkollegen unterhalten, der mir die Reihe wärmstens empfohlen hat, denn sonst wäre mir dieser außerordentliche Thriller durch die Lappen gegangen.

Vincent Veih ermittelt im Fall der ermordeten Melli Franck, der Besitzerin eines In-Restaurants, als er ausgebremst wird und den Fall an seine Mitarbeiterin Anna verliert. Man wirft ihm vor, bei einer Demo handgreiflich geworden zu sein, dabei hat er sich nur gewehrt. Doch das will keiner hören. Vincent lässt sich den Fall aber nicht aus der Hand nehmen und hat noch einige Kollegen, die auf seiner Seite stehen.
Ronny, ein V-Mann des Verfassungsschutzes, der jahrelang im NSU eingeschleust war, hat einen neuen Fall. Er bespitzelt die Bischoffs, eine Familie mit einer Reihe von Imbisslokalen, bei denen vermutet wird, dass sie in ihren Buden Drogen verkaufen. Doch Ronny merkt schnell, dass auch die Rechten nicht weit entfernt sind und er sich seiner Vergangenheit stellen muss.

Vincent Che Veih hat nicht nur einen ungewöhnlichen Namen, sondern auch eine spektakuläre Familiengeschichte zu bieten: der  tote Großvater ein Nazi, aber auch Polizist, die Mutter eine RAF-Terroristin, mittlerweile auf freiem Fuß und in Asylfragen engagiert, die Ex-Freundin, bald wieder Freundin, die ihn auf die Demo mitgenommen hat, die ihm dann den Ärger beschert. Fast schon an ein Wunder grenzt es, wie normal Vincent ist. Loyal zu seinem Team, offen für alle Hinweise und Ermittlungsansätze  –  und sich auch nicht zu schade, die Biotonne zu durchwühlen. Recht und Gerechtigkeit sind ihm wichtig, zu seiner Mutter hat er ein gespaltenes Verhältnis. Vincent ist ein „guter Bulle“ und zeigt doch Vielschichtigkeit, seine Teilnahme an der Demo überrascht selbst seine Mutter, die ihn gerne ins Lager der Konservativen steckt.

Ronny hat als V-Mann quasi nur seinen Verbindungsoffizier Bastian Schwenk. Naturgemäß hat er keinen Kontakt zu Familie oder Freunden, wenn denn welche übrig sind. Doch Ronny war jahrelang für den Verfassungsschutz tätig, hat Taten ausgeführt, die er lieber ungeschehen machen würde und sehnt sich nach einem normalen Leben: einem Einkaufsbummel, einem Schreibtischjob, einer Freundin. Normale Dinge eben, nichts Kriminelles. Doch abhängig von Schwenk, den er als einzigen Freund ansieht, lässt er sich wieder auf eine verdeckte Ermittlung ein.

Zwei Handlungsstränge verzwirbelt der Autor hier geschickt miteinander. 2011 verfolgen wir Ronny in seiner Rolle bei der NSU, 2015 ermittelt Vincent in dem Mordfall und Ronny ist erneut undercover. Die abwechselnden Erzählstränge treiben die Story voran, wenn auch der Kriminalfall um Melli Franck dabei etwas unterzugehen droht, was auch an Vincents persönlichen Problemen wegen der Demo liegt. Der Fokus liegt auf dem Hauptthema „NSU“ und so stellt Ronnys Erzählstrang Vincents Ermittlungen mitunter in den Schatten. Was bei Vincent im Drogenmilieu beginnt, zieht seine Kreise bis in die Vergangenheit und vermischt die Geschehnisse rund um den NSU mit einer fiktiven Version um die ungelösten und immer noch nicht klaren Vorgänge um die Ermittlungen gegen die NSU. Die Namen sind verändert, doch wer sich mit dem Thema befasst hat, kann hier die Hauptakteure erkennen. Komplex und hintergründig webt der Autor ein Bild, welches man erst zum Ende hin erkennt, in dem man erst spät die Geschehnisse alle miteinander zu kombinieren weiß und den Knoten lösen kann.

Ich muss zugeben, ich bin im Moment noch skeptisch gegenüber Vincent Veih – er scheint mir einfach zu gut für die Welt. Doch ich kenne ja die ersten Teile nicht und vielleicht hat er ja da ein paar Macken offenbart oder tut dies noch in den nächsten Teilen, denn soviel darf ich bestimmt verraten: der Autor tippt schon am nächsten Band. Auch die Beteiligung an der Demonstration, bzw. die Konsequenzen hiervon nehmen doch einen guten Teil des Buches ein, so dass der Mordfall ein wenig kurz kommt. Den Ausgleich schafft der Erzählstrang rund um Ronny – ob nun 2011, eingeschleust bei der NSU, oder 2015, verdeckt im Drogenmilieu. Es bleibt ein spannender Plot rund um das politisch hochbrisante Thema der NSU, den Verfassungsschutz und das unglaublich gefährliche und anstrengende Leben von V-Leuten, gewürzt mit Drogen, Geld und rechtspopulistischem Gedankengut.

Die Natur des Kriminalfalles ist es, sich mit den Tätern zu beschäftigen, und so bleiben die Opfer oft unerwähnt, doch diesem Umstand hat der Autor ein Schnippchen geschlagen, denn der Anfang und das Ende ist den Opfern gewidmet und verleiht dem Buch somit eine stille Tiefe, die mich als Leser mehr bewegt hat als jegliche Aufarbeitung der Täterprofile es je könnte. Ein Kniff, der dem Krimi das gewisse Extra verleiht.

Fazit:
Politisch brisant, mitreißend geschrieben und mit ausgefeilten Charakteren – der neue Fall von Vincent Veih pendelt zwischen Drogen und NSU, Demo und Familiengeschichte und zeichnet ein mögliches, fiktives Bild der Vorfälle rund um den NSU. Äußerst spannend!
Dies wird ganz sicher nicht mein letzter Vincent Veih sein.

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13 thoughts on “Glück und Verderben: Wolfsspinne – Horst Eckert

  1. Das klingt gut! Allerdings fürchte ich, dass ich ein ernstes Einschlafproblem entwickeln würde, wenn ich mir das Cover regelmäßig ansehen würde. Das finde ich irgendwie echt gruselig… 😉

    • Ich hab mir überlegt, ob ich noch was zum Cover schreibe… wenn man es genau ansieht, weiß man schon, was es darstellen soll und bedeuten soll, aber auf den ersten Blick hab ich an was ganz anderes gedacht. Kennst Du Doctor Who? Und kennst Du da die Ood? Daran hab ich beim ersten Anblick denken müssen… 😀
      Aber mal abgesehen vom mehrdeutigen, etwas gruseligem Cover ist der Thriller wirklich gut recherchiert und sehr spannend. Ich kann nur empfehlen, dort reinzulesen.

      • Was Serien angeht, die über “M*A*S*H” und die handelsüblichen Sitcoms bei Pro7 hinausgeht, bin ich völlig ahnungslos! 🙂

        Aber ich hab mir die Ood mal ergooglet und, ja, die Ähnlichkeit ist da. 😉

        Na gut, mal schauen, ob und wann ich dem Buch eine Chance gebe. Vielen Dank für die Anregung!

      • Immer gerne – ich bin gespannt, wie Deine Meinung ausfällt, wenn Du das Buch dann irgendwann gelesen hast.
        By the way, Doctor Who kann ich auch sehr empfehlen… 😀

  2. Zuerst: großen Respekt für dich, dass du die fast 500 Seiten tatsächlich konzentriert gelesen hast – was man an der Rezension merkt. Ich habe 2 “Eckerts” gelesen: Sprengkraft und Finstere Seelen. Beide ebenso umfangreich. Meine Aufmerksamkeit erlahmte, obwohl insb. Sprengkraft wirklich toll ist. Aber trotzdem, wer auf aktuelle Police Procedure steht, kommt in Deutschland um Eckert nicht drum rum.
    Ansonsten zum Blog: sehr interessant, wie vielfältig deine Interessen sind.
    Noch ein letztes: Manchmal würde ich mir deutlichere “Urteile” wünschen, auch negative. Da hälst du dich sehr vornehm zurück. Klaro, Zerreiß-Orgien wünscht sich keiner, aber manchmal muss man Müll doch Müll nennen. (Gilt nicht für Eckert!)

    NNIN

    • Ja, um Eckert bin ich wohl auch nicht drum herum gekommen. 🙂 Aber es hat sich auf jeden Fall gelohnt.
      Meine Interessen sind allerdings nur innerhalb des Krimi- und Thrillergenres vielfältig – außerhalb des Genres lese ich fast kaum etwas.
      Und wie gut, dass Du “Urteile” in Anführungszeichen gesetzt hat, denn ich schreibe meine Meinung, und fälle keine Urteile. Ich denke, viele meiner Meinungen sind eher positiv. Das kommt ganz einfach daher, dass ich eben schon ziemlich gut weiß, welche Krimis und Thriller mir gefallen und die anderen schon gar nicht kaufe und lese. Und Geschmäcker sind ja auch immer unterschiedlich. Wirkliche Verrisse muss ich allerdings wirklich selten schreiben – manchmal fast schon schade, denn die schreiben sich viel schneller. 😀

      • Ich finde es gut das es hier viele gute Berichte gibt und mag Deinen Blog unter anderem auch deshalb. Ich persönlich möchte keine “Urteile” lesen und brauche auch keinen Blog um “Müll von Müll zu trennen”. Wenn ich Verriss, Tratsch und Negativschlagzeilen lesen will kann ich mir die Bild-Zeitung hernehmen. So wie Du Deinen Blog jetzt führst hat er einen angenehmen und eleganten Stil, bitte unbedingt so bleiben. Offen gesagt lese ich bei den Rezensionen, die tendenziell ein eher mittelmäßiges Fazit erkennen lassen auch schneller drüber. In meiner Freizeit möchte ich mich gern mit positiven Themen beschäftigen und da gehören Verisse und Urteile definitiv nicht dazu. Just my 50 cent…

      • Vielen Dank! Ich habe auch nicht vor, etwas zu ändern. Also keine Sorge.
        Geschmäcker sind eben unterschiedlich und wer sich hier nicht wohlfühlt, muss ja hier nicht bleiben, bzw. mir folgen.

  3. Das klingt richtig gut, ich mag es wenn in Thriller / Krimis aktuelle Themen verarbeitet werden. So wie in Blackout oder bei Zoe Beck. Und als Schmankerl gibt es noch einen Protagonisten völlig ohne Macken 🙂 Damit wandert das Buch ganz klar auf meine Wunschliste. Ist denn tatsächlich so, dass man einfach mit diesem Buch anfangen kann oder doch lieber mit dem Ersten? Wie ist das mit Anspielungen auf Dinge aus den vorangegangenen Büchern oder ähnlichem?

    • Ah, stimmt ja, Du bist immer auf der Suche nach Helden ohne Macken – bei Vincent Veih konnte ich wirklich keine finden – für seine komplizierte Familiengeschichte kann er ja schließlich nix und er ist dafür wirklich herrlich normal, loyal, vertrauenswürdig. Wirklich ein netter Typ. Genau das richtige für Dich!
      Anspielungen auf die beiden vorigen Fälle von Vincent Veih gibt es meines Erachtens nicht – jedenfalls ist mir nichts aufgefallen. Allerdings die Familiengeschichte,, bzw. ein Teil davon, war auf jeden Fall schon mal Thema in einem der beiden vorigen Bücher. Es könnte also Sinn machen, von vorne anzufangen, wenn man Wert darauf legt, diese Familiengeheimnisse nach und nach aufzudecken. Ich bin mir aber nicht sicher, was von Anfang an bekannt ist und was sich erst in den beiden Teilen herausgestellt hat.
      Der erste Teil der Reihe heißt übrigens “Schwarzlicht”, falls Du den gerne auf Deine Wunschliste setzen möchtest. 😉

  4. Pingback: Horst Eckert - Wolfsspinne - WortGestalt-BuchBlog

  5. Pingback: Monatsrückblick September 2016 + Kriminell-literarisches Hamburg | Die dunklen Felle

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