Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction


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Gefaltet: Der Spalt – Peter Clines


Peter Clines – Der Spalt
Verlag: Heyne
Übersetzer: Marcel Häußler
528 Seiten
ISBN: 978-3453317055

 

 

 

 

 

Nachdem ich dieses Jahr ja an einer ScienceFiction Challenge teilnehme, finde ich mehr und mehr Bücher in meinem SUB, die dazu gut passen. So wie zum Beispiel dieses hier. Aber auch schon das nächste Buch von Peter Clines, „Der Raum“, wartet in meinem SUB.

Mike Erikson wird von seinem Jugendfreund Reggie Magnus zum DARPA-Projekt „Das Albuquerque Portal“ hinzugeholt. Der Leiter des Projekts, Dr. Arthur Cross, hält sich akribisch an die Geheimhaltungsvereinbarung und verrät keine technischen Details, auch nicht der Kommission, die über die weitere Finanzierung entscheidet. Das kommt schlecht an, vor allem, weil der letzte Besucher des Projekts als er danach wieder zu Hause war, seine Frau nicht mehr erkannt hat. Magnus schickt also Erikson hin, um zu überprüfen, ob bei dem Projekt alles mit rechten Dingen zugeht.

Das Albuquerque Portal befördert Dinge, Tiere, Menschen von einem Punkt A zu einem Punkt B. Ursprünglich wurde an einem Verfahren der Teleportation gearbeitet, doch nach einem bedauerlichen Zwischenfall, wurde der Fokus geändert und nun wird der Raum „gefaltet“. Das Versuchsgelände befindet sich nahe San Diego, in der kalifornischen Wüste, Punkt A und Punkt B befinden sich in zwei Lagerhallen, die mehrere Hundert Meter voneinander entfernt sind. Das fetzt, die Zukunft lässt grüßen und nicht nur die Regierung leckt sich die Lefzen nach diesem Stückchen Fortschritt. Wie das „Falten“ so genau vor sich geht, wird nicht erklärt – Geheimhaltung! Ein cleverer Trick eigentlich, denn der Autor muss wirklich erst mal nicht viel erklären, da die Beteiligten ja gar nicht wollen, dass man weiß wie es funktioniert, so ist man nicht nur auf Mikes Untersuchung gespannt, sondern auch darauf angewiesen.

Leland „Mike“ Erikson ist genau der richtige für die Untersuchung, denn er ist hoch intelligent. Warum er dann nicht bei der NASA arbeitet oder an einem Heilmittel für Krebs forscht, sondern Schülern in einer Highschool englische Literatur beibringt, ist seinem Kumpel Reggie ein Rätsel. Schon oft hat er versucht, ihn hinzuzuziehen, doch erst jetzt gelingt es ihm Mike zu übertölpeln, ah, überreden, meinte ich. Zudem ist Mike noch mit einem fotografischen Gedächtnis ausgestattet. Was er einmal gesehen hat, vergisst er nicht, er kann es jederzeit wieder aufrufen. Und seine „Ameisen“ stellen dann die Zusammenhänge in seinem Gehirn her. Schwierig darzustellen, doch dem Autor gelingt das mit dem Vergleich der emsigen Ameisen, die in Mikes Gehirn alle Verbindungen ziehen. Trotz allem ist Mike ein sympathischer, gar nicht so nerdiger Mann, im Gegensatz zu den Beteiligten des Projekts, die erst mal alle unsympathisch sind und sich gegenüber Mike feindselig zeigen, denn schließlich will er entweder die technischen Details klauen oder das Projekt dicht machen. Zudem sind sie für mich recht austauschbar gewesen, die Mitarbeiter im Projekt unterscheiden sich kaum, ob nun Physiker oder Techniker, es ist nicht einfach diese auseinander zu halten, obwohl es sich eigentlich nur um 6-8 Leute handelt.

Nichtsdestotrotz hat „Der Spalt“ alles, was ein guter SF-Thriller haben soll: Spannung, einen sympathischen Protagonisten, mit dem man gerne den unerklärlichen Ereignissen auf den Grund geht, ein Thema, das sich eigentlich nur Physiker wirklich vorstellen können… aber das Ende, ja da hatte der Autor für meinen Geschmack ein wenig zu viel Fantasie. Es ist nun schwierig, daran Kritik zu üben, ohne genau zu sagen, worum es dabei eigentlich geht, aber meines Erachtens wäre der Schluss auch völlig ohne Auftauchen derjenigen, die ich nicht nennen möchte, ausgekommen, denn die Auswüchse des Portals und dessen Implikationen, wären für einen dramatischen und spannenden Abschluss völlig ausreichend gewesen.

Am Ende tauchen im Übrigen noch Mulder und Scully auf. Na gut, sie sagen ihre Namen nicht und sehen auch anders aus, aber die arbeiten bestimmt in der gleichen Abteilung. Jedenfalls lässt sich die Vermutung aufstellen, dass „Der Raum“ die Geschichte  – oder einen Teil davon – weiterführt, auch wenn „Der Spalt“  a) abgeschlossen ist und b) der Klappentext von „Der Raum“ anderes vermuten lässt. Aber vielleicht taucht Mike Erikson dort als Nebenrolle wieder auf? Ah, es wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben, als es zu lesen, um meine Vermutung bestätigt zu wissen.

Fazit:
Der SF-Thriller ist mega-spannend und ratz-fatz weggelesen, doch das Ende war mir persönlich zu fantastisch. Eine ideale Lektüre für einen verregneten Sonntag.


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Heldenarsch: Desperado – Michael Contre


Michael Contre – Desparado
Verlag: Zerberus Books / Books on Demand
388 Seiten
ISBN: 978-3748174813

 

 

 

 

„Er träumte von Revolution, Ruhm oder Reichtum. Die Revolution geschah wie immer anderswo und ohne ihn, und die Lage war unrühmlich. Was blieb, war der Reichtum.“ (S. 7)

Und den will Roland Burget sich holen. Burget, mal Pilot, mal Kämpfer, Abenteurer und Weltenbummler, aber immer irgendwie am Arsch, will sich den Reichtum im Kongo verschaffen. Warum auch nicht? In dem rohstoffreichen Land versucht doch eh jeder, der kann, sich ein Stückchen vom Kuchen zu sichern. Coltan ist gerade der begehrteste Rohstoff und Burget will daran mitverdienen. Als Frachtpilot heuert er bei Bobo Nokoma an, General und Warlord, fliegt Coltan und Waffen. Dies allerdings nicht nur für Nokoma. Und so befindet sich Burget schon bald in einer fast aussichtslosen Situation…

Wir leben in einer Welt, in der wir gerne unsere Augen verschließen. Vor allem, was uns unangenehm ist. Vor allem, was zu weit weg ist oder scheint. Vor Dingen, bei denen wir denken, wir hätten damit nichts zu tun. Zum Beispiel Tantal, welches aus Coltan (Columbit-Tantalit) gewonnen wird. Davon hat jeder von uns was zu Hause, in elektronischen Geräten, vornehmlich ist hier das Smartphone zu nennen. Interessiert uns wie und wo das Coltan herkommt? Nicht die Bohne.

Eines der Hauptländer, in dem Coltan gewonnen wird, ist die Demokratische Republik Kongo. Und genau hier wirft der Autor nun einen tiefer gehenden Blick hinein und zeigt auf, welche verherrende Wirkung unsere Lebensweise hat. Das „demokratisch“ im Namen des Landes dient nur zur Zierde, wird der Kongo doch von Diktatoren, WarLords und Rebellen regiert, kontrolliert, zerstört. Rebellentruppen, die Kindersoldaten heranziehen, Minen, in denen Kinder und Männer bis zur Erschöpfung nach Coltan schürfen, überfallene und zerstörte Dörfer, vergewaltigte Frauen, Tote, verlassene Landstriche, derweil die Anführer und Herrscher in Saus und Braus leben, ihren Teil der Beute scheffeln und Menschenleben mit den Füßen treten. Ein Horrorszenario. Es ist ein Thriller, doch denkt man daran, dass genau dies jeden Tag in diesem Land passiert, es ist erschreckend. Der Autor zeichnet ein erdrückend realistisches Bild des armen, reichen afrikanischen Landes.

In diese Kulisse setzt der Autor nun Roland Burget. Der ist ein Arsch. So richtig leiden mag ihn kaum jemand. Ich auch nicht. Ist aber ja auch nicht unbedingt nötig, solange er ein interessanter Charakter ist. Und das ist er. Er ist abgerissen und ich stelle ihn mir – ohne dass das geschrieben worden wäre – immer ein wenig müffelnd vor. Nach Schweiß und Dreck. Er hat schon ein paar wenige gute Momente, aber er ist schlicht und einfach ein Opportunist. Er mag vielleicht nicht alle Gebaren im Kongo gutheißen, doch er hat kein Problem damit, dort mitzuverdienen. Nachdenklich stimmen ihn zwar z. B. ein Besuch in einer Coltanmine, oder auch sein Kennenlernen von Leonine, einer ehemaligen Kindersoldatin, doch letztendlich stoppt ihn das nicht, seine eigenen Ziele zu verfolgen. Er versucht, aus der Situation im Kongo, das Beste für sich herauszuholen. Das heißt aber nicht, dass er nicht auch gute Dinge tut. So hin und wieder. Also manchmal. Na, jedenfalls ist er ein Arsch. Aber er hat sich mir eingeprägt. Zudem er auch durchgängig einige Diamanten in einem Plastikröhrchen im Arsch aufbewahrt. Seine eiserne Reserve. Tja, wer’s braucht. Aber dieses Detail vergess ich bestimmt nie.

Für Herz und Moral sorgt Amelie, die für eine Hilfsorganisation arbeitet. Wobei sie erst durch eine Sexszene durch muss, die mich jetzt nicht vom Hocker gehauen hat, aber zum Glück war die quasi einzigartig. Ich mag meine Krimi und Thriller ja lieber ohne sexuelle oder romantische Verwicklungen. Nichtsdestotrotz ist es auch mit ihr Verdienst, das Burget nicht immer ein Arsch ist. Neben Leonine ist Amelie denn aber auch die einzige Frau im Thriller, die eine Rolle spielt. Die Macht- und Rohstoffverteilung erfolgt ausschließlich unter Männern. Generälen und Warlords. Ja, und die CIA mischt mit. Natürlich nur inoffiziell.

Tatsächlich sind mir die ersten 100 Seiten schwer gefallen. Ich hatte zwar einige Seiten vorher schon mal angelesen, doch danach hatte ich Schwierigkeiten, es lief etwas zäh. Ich denke, ich hab ein wenig gebraucht, um mich auf die Umgebung und den „Helden“ der Geschichte einzustellen. Danach hatte mich die Geschichte aber gepackt. Die Machtspielchen, denen Roland Burget ausgesetzt ist, treiben ihn quer durchs ganze Land. Von einem Machthaber zum nächsten, von einem Flugplatz zur Landepiste im Dschungel, von einer Coltanmine zu einer Coltanauktion und natürlich wird auch nicht an Waffen und Munition gespart. So geizt der Thriller auch nicht an Aktionszenen, die in dem eh schon gefährlichen Setting Kongo die Dramatik noch weiter steigern. Besonders gefallen hat mir dann wieder eine Stelle, die ich jetzt mal Roadtrip nenne, auch wenn es keine Straße und schon gar kein Auto gab, doch Burget muss sich irgendwann durch den Dschungel kämpfen,  inkl. Minenfeld und Vorräten, die ihm ständig abhandenkommen. Wäre es nicht für ihn lebensgefährlich, wäre das urkomisch gewesen. Mal abgesehen von der einen Szene mit den Silberrücken. Seufz.

Fazit:
Ein äußerst detaillierter und aufwühlender Blick in die Tiefen des Kongo, der mit einem „Heldenarsch“ gewürzt ist. Neben kleinen Startschwierigkeiten, ist dies ein gelungener Ausflug auf den afrikanischen Kontinent gewesen, der einem alle Probleme vor Augen führt, die wir heute nicht in den Griff kriegen.


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Lebensader: Die Spur des Geldes – Peter Beck


Peter Beck – Die Spur des Geldes
Verlag: emons
432 Seiten
ISBN: 978-3740804992

 

 

 

 

Spätestens seit „Fremde Wasser“ von Wolfgang Schorlau bin ich besorgt um unsere Wasserversorgung. Wasser ist der Grundstein des Lebens – ohne Wasser geht gar nichts. Wasser ist unser Lebenselexier, nur wenige Tage können wir ohne Wasser überleben. Wenn nun plötzlich kein Wasser mehr aus dem Wasserhahn käme, was dann? Während Schorlau sich dem Thema gewidmet hat, dass die Grundwasserversorgung privatisiert ist und demnach den Unwägbarkeiten der Marktwirtschaft unterlegen ist, geht Peter Beck das Thema ganz anders an und zeigt auf, wie anfällig die Infrastruktur der Wasserversorgung in Deutschland, aber auch in den anderen europäischen Ländern, ist. Sie ist vielleicht nicht einfach zu manipulieren, aber sie ist zu  manipulieren. Und genau daraus, strickt der Autor einen verwobenen, mitreißenden Thriller, der mit einem einfachen Schweizer Bankkonto beginnt.

Tom Winter ist Sicherheitschef einer Schweizer Bank. Als eine BKA-Anfrage eintrifft, das Konto von Otto Harnisch zu überprüfen, gibt er sich nicht zufrieden damit, zurückzumeldne, dass die 22.000 Euro des Kontos von der Stiftung ZKT für „Beratungsleistungen“ überwiesen worden sind. Denn die Todesumstände von Otto Harnisch, Brunnenmeister bei den Berliner Wasserbetrieben, sind ungewöhnlich, wurde er doch gefoltert in einem Brunnenschacht gefunden. Winter fliegt nach Berlin und beginnt in Harnischs Leben zu stöbern. Angestellter, verheiratet, kleines Häuschen mit top gepflegtem Garten. Biederer geht es kaum. Wofür hatte der kleine Angestellte also die 22.000 Euro bekommen? Dann tut sich die erste heiße Spur auf: Harnisch hatte eine Geliebte. Doch bevor er die Geliebte befragen kann, wird diese vor seinen Augen erschossen. Nun ist Winter erst recht alarmiert und wühlt sich immer tiefer in den Fall.

Was genau Tom Winter als Sicherheitschef der Bank eigentlich so in seinem Alltag macht, weiß ich nicht, denn Winter stürzt sich sofort auf Harnischs Fall. Leonie, seine Kollegin, bleibt zurück und gibt nicht nur Rückendeckung, sondern kümmert sich auch um ein paar Hacker, die den Ruf der Bank schädigen. Das kann sie eh viel besser, Winter ist in digitalen Dingen eine Niete. Dafür hat er andere Qualitäten. Eine ist, das er sich, ähnlich wie ein Privatdetektiv, nur so la la an die Gesetze halten muss und relativ frei ermitteln kann, im Gegensatz zu Polizisten. Er ist nicht an Landesgrenzen gebunden , muss nicht um Erlaubnis fragen und mit niemandem zusammenarbeiten. Der eher wortkarge Winter hat gute Kontakte und weiß diese auch zu nutzen, er kann kämpfen und mit Waffen umgehen, als ehemaliger Einsatzleiter einer Berner Spezialeinheit ist er nicht unbedarft und weiß seine Erfahrungen einzusetzen.

Was wie ein Wirtschaftskrimi beginnt, über verschlungene Wege des Geldes durch Firmen und Konten weiterverfolgt wird, mundet in einen rasanten Thriller, der auch noch einen Roadtrip der ganz anderen Art bietet – oder wer macht sich schon freiwillig auf dem Landweg von der Türkei auf nach Dagestan, einer Teilrepublik von Russland?  Ein Stück Straße, dass mich ganz sicher nie sehen wird, mich allerdings in einem Krimi voll auf seine Kosten kommen ließ und in nichts den staubigen Wüstenstraßen der USA nachsteht. Diese Einbettung in den doch eher drängenden Thriller ist dem Autor wirklich gut gelungen. Das Szenario des Thrillers – die Gefährdung unserer Wasserversorgung – welches der Autor zeichnet, ist erschreckend und gut konstruiert, und leider durchaus authentisch und vorstellbar.

Der Autor gewährt auch Einblicke in die Geschichte und Herkunft des Antagonisten, es ist eine Mischung aus Erklärungsversuch, wie der Mann zu dem geworden ist, der er ist, aber auch ein Einblick darin, wie die Taten vorbereitet wurden. Verständnis kann ich für diesen nicht aufbringen – es gibt viele Menschen, die keine schöne Kindheit haben oder ein Elternteil verlieren. Die Taten relativiert das noch lange nicht. Dafür hat es mich angeregt, ein wenig nach Machatschkala zu googlen und mehr darüber erfahren zu wollen – Machatschkala habt ihr noch nie gehört? Na, dann solltet ihr wohl das Buch lesen.

Fazit:
Als Wirtschaftskrimi getarnt entspinnt sich schnell ein rasanter Thriller, der nicht nur Action, sondern auch einen Roadtrip bietet. Überraschend und geschickt konstruiert.


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Gehirnschaltung: Eine Studentin – Peter Schmidt


Peter Schmidt – Eine Studentin
Verlag: Selfpublishing
323 Seiten
ISBN: 978-1717843135

 

 

 

 

Carolin Meyers ist Studentin und möchte unbedingt in den Kreis der Auserwählten kommen, die an einem Arbeitskreis bei Professor Cesare Hollando, einem genialen Wissenschaftler, der eben mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, teilnehmen dürfen. Mit Ehrgeiz und gewieften Antworten kann sie Hollandes Aufmerksamkeit auf sich ziehen und schafft es in den Arbeitskreis. Derweil leitet Carolins Bruder Robert seine erste Ermittlung als Hauptkommissar, bei der mehrere Frauen ohne Gedächtnis aufgefunden wurden. Eine Frau zeigte blaue Flecken, eine wurde kahl geschoren, einer Frau fehlt ein Auge. Sie können sich weder erinnern, was mit ihnen passiert ist, noch an ihr Leben bevor ihnen diese Verletzungen zugefügt wurden. Robert zieht Carolin mit in die Ermittlung. Da er nicht weiterkommt schlägt Carolin nicht nur vor, Cesare Hollandes Expertise einzuholen, sondern zieht auch selbst Erkundigungen ein und gerät somit in den Fokus des Täters.

Mit Carolin Meyers musste ich mich erst ein wenig anfreunden, bevor… ah, dazu kommen wir später. Sie ist sehr klug und belesen und ist deshalb als Studentin der Neurowissenschaften gut aufgehoben. Tatsächlich möchte ich nicht zu viel über ihren Charakter verraten, doch erwähnen möchte ich, dass sie mir am Anfang vorkam wie eine Stalkerin. Sie ist sehr erpicht darauf, dass Cesare Hollande sie nicht nur wahrnimmt, sondern bevorzugt. Im Seminar als auch im Arbeitskreis – und Sex würde sie auch nicht ablehnen und fragt sich öfters, warum er da nicht endlich auf sie zukommt. Im Übrigen fliegt sie auch nach Stockholm, um ihn bei der Nobelpreisverleihung zu sehen. Alles in allem, war mir das ein wenig überzogen. Die Geschichte wendet sich dann in eine ganz andere Richtung, aber ich habe Carolin einfach als sehr intensiv wahrgenommen habe. Dies spiegelt sich dann auch wieder in dem Elan und der Verbissenheit wieder, in der sie nach dem Täter fahndet, aber auch im weiteren Verlauf der Geschichte. Ein zu zufälliger Zufall, und auch ein seltsames Verhalten seitens Carolin zeigt sich dann noch in Bezug auf Amelie, ein Mädchen, welches sie findet, ein weiteres Opfer.

Cesare Hollande ist ganz der eingebildete Professer, wie wir ihn uns vorstellen, allerdings hält er noch Geheimnisse bereit. Der Grund für seinen Nobelpreis findet sich im sogenannten Aversio-Genetic-Toggle-Switch, eine Art genetischen Schalter im Gehirn, der für körperliche aber auch seelische Leiden zuständig ist. Hollande hat eine Möglichkeit entdeckt, diesen Schalter auszuschalten und damit z. B. Schmerzpatienten von ihren Leiden zu befreien. Natürlich ist das nur eine Verwendungsmöglichkeit und weitere bieten sich an. Eine bahnbrechende Entdeckung, die Hollande verdientermaßen den Nobelpreis verschafft.
Robert hingegen, Carolins Bruder, bleibt für mich blass. Selbst die Beziehung seiner Schwester zu ihm, fand ich zwar kameradschaftlich, aber wenig geschwisterhaft. Tatsächlich sind aber nicht unbedingt die Charaktere das Hauptaugenmerk des Thrillers, schon gar nicht die Nebencharaktere.

Am Anfang, vor allem in einer Szene, in der Carolin während einer Vorlesung Hollandes mit Wissen glänzt, fand ich es schwierig den Thriller zu lesen. Eben ein bisschen wie eine Vorlesung – und wenn man nicht gerade im Thema drin ist, erfordert das ein wenig Denkarbeit. Auch springt mir das Buch am Anfang zu stark, man lernt Carolin zwar kennen, aber es fühlt sich gehetzt an. Doch in späteren Zweiergesprächen zwischen Carolin und Hollande kann man den philosophischen Diskussionen, die sich nicht nur um Hollandes Forschung drehen, wesentlich besser folgen und es macht auch mehr Spaß diese zu lesen. Zudem schärft sich der Fokus des Buches und das Sprunghafte verliert sich.

Der Fokus liegt ganz klar auf der philosophischen Diskussion zwischen Carolin und Hollande, welche die beiden Fragen erörtern, inwieweit medizinische Forschungsmethoden vertretbar sind und ob Forschungsergebnisse, wenn diese sowohl zum Guten als auch zum Bösen verwendet werden können, es trotzdem wert sind, der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt zu werden. Es geht um Fragen der Moral und der Ethik, wobei sich beide, Carolin und Hollande, auf philosophische Thesen stützen und diese als Untermauerung ihrer Meinungen hernehmen. Man braucht nicht unbedingt philosophisches Vorwissen, um hier folgen zu können (das ich im Übrigen auch nicht vorweise), doch schaden kann es bestimmt auch nicht.

Wer jetzt fürchtet, dass die Thrillerelemente zu kurz kommen, dem sei gesagt, dass dem nicht so ist, allerdings würde ich hier wirklich zu viel verraten, wenn ich darauf eingehen würde. Ich sage mal nur so viel: es wird perfide und böse. Ich bin ja tatsächlich nicht ganz so für durch und durch böse Mörder zu haben, aber den vom Autor gewählten Ansatz fand ich ungewöhnlich und innovativ. Das Buch ist in drei Teile aufgeteilt, die wiederum in Kapitel unterteilt sind. Es gibt zwei unvorhergesehene Wendungen, einmal zum Ende des zweiten Teils / Beginn des dritten Teils und dann am Ende des Buches. Das Finale fand ich wirklich überraschend, denn der Leser wird mit der Frage nach Hause geschickt, wer hier denn eigentlich das Monster ist und man klappt das Buch irritiert und grübelnd zu.

Fazit:
Ein Thriller, mit dem ich anfangs ein wenig zu kämpfen hatte, der mich dann aber ab dem zweiten Drittel überzeugen konnte, trotz aber auch durch die philosophischen Diskussionen der beiden Protagonisten.

 

Nachtrag, 26.02.2019:
Der Autor hat mir mitgeteilt, dass von dem Thriller mittlerweile eine revidierte, neue Fassung im Februar erschienen ist. Dies ist besonders erwähnenswert, da vor allem der Anfang verändert wurde, um ihn angenehmer für den Leser zu gestalten – einer meiner obigen Kritikpunkte. Eine gute Sache also!


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Wer ist Arthur Grimm?: Der Schatten – Melanie Raabe


Melanie Raabe – Der Schatten
Verlag: btb
414 Seiten
ISBN: 978-3442757527

 

 

 

 

 

Melanie Raabe ist so eine Autorin, bei der ich schon ganz lange reinschnuppern will. Nach „Die Falle“ und „Die Wahrheit“ ist dies hier schon das dritte Buch der Autorin, da sie aber keine Reihe schreibt, sondern die Thriller ganz unabhängig voneinander sind, hab ich jetzt eben erst mal in den aktuellsten Thriller rein geschnuppert.

Norah Richter beginnt in Wien ein neues Leben. Nach einer Klage und einer Trennung kommt das Jobangebot eines neuen Wiener Wochenmagazins gerade recht. Norah packt ihre sieben Sachen und bezieht eine Wohnung in Wien, lässt alten Job, Exfreund, aber auch Freunde zurück. Zum Glück hat sie schon ein paar gute Freunde in Wien: Tanja sowie Max und Paul.

Auf dem Weg zur neuen Arbeitsstelle spricht sie eine Bettlerin an und prophezeit ihr, dass sie am 11. Februar Arthur Grimm töten wird, aus freiem Willen und mit gutem Grund. Ein verwirrendes Ereignis, kennt Norah doch gar keinen Arthur Grimm. Der 11. Februar hingegen ist der Todestag ihrer Jugendfreundin Valerie. Was es mit der Bettlerin wohl auf sich hat? Norah versucht sie wieder zu finden, doch zuerst vergebens, bevor sie die Bettlerin tot im Fluss treiben sieht.

Ich lese ja nicht mehr so viele Psychothriller, denn das Schema ist, auch wenn diese natürlich meist ungemein spannend sind, eben doch oft dasselbe. Nichtsdestotrotz ist man meist sofort im Geschehen, fragt sich, ob dies oder jenes wirklich passiert, zweifelt und forscht mit dem/der Protagonistin, mittendrin eben statt nur dabei. Beim vorliegenden Thriller ist es allerdings so, dass dieser doch eine Weile braucht, bis er in Fahrt kommt. Norah reist nach Wien, richtet sich ein, grübelt manchmal über Vergangenes, oft auch über die Zukunft, sucht zwar keinen Kontakt zu ihren Kollegen, aber dafür zu ihren Wiener Freunden. Sie richtet sich eben ein in Wien. Auch das Auftauchen der Bettlerin ist zwar erst mal seltsam, aber noch kein Grund für Norah panisch zu werden.

Norah ist eine engagierte, junge Journalistin. Hauptsächlich arbeitet sie im Kulturbereich, macht aber auch Reportagen und Berichte. Norah ist eher zurückgezogen, findet nicht einfach Kontakt, hat aber einige gute Freunde. Mit ihrem Freund Alex hat sie sich überworfen, da er ihr bei einem Artikel, der ihr eine Klage einbrachte, nicht beisteht. Ob diese Reaktion angemessen war, zweifeln ihre Freunde an, doch Norah ist da konsequent. Sie springt für Frauen in die Presche, die sich nicht wehren können, Recht und Gerechtigkeit sind ihr wichtig. Norah ist eine angenehme Protagonistin und man kann viele ihrer Reaktionen nachvollziehen und sich mit ihr identifizieren.

Die Aussage der alten Bettlerin arbeitet in Norah und sie beginnt Nachforschungen über Arthur Grimm zu machen. Derweil geschehen ihr weiterhin merkwürdige Dinge, die einzeln unauffällig sind, doch in Summe beunruhigend. Sei es die Nachbarin, die ihrer verstorbenen Freundin sehr ähnlich sieht, sei es der neue Zahnarzt, der zufällig im gleichen Gebäude ein Praxis hat wie Arthur Grimm sein Büro oder sei es ein Plüschkaninchen, welches plötzlich in ihrer Wohnung auftaucht. Die Geschehnisse verunsichern Norah, bringen sie zum Nachdenken. Wird sie paranoid, sind die Vorfälle echt, besteht ein Zusammenhang? Hier wird mit Norah und ihrem Verstand gespielt, aber natürlich auch mit dem des Lesers. Erlebt Norah dies wirklich? Bildet sie es sich nur ein? Wenn nicht, sind es Zufälle?

Auch wenn es ein wenig dauert, bis dieser gespannte Zustand der Verunsicherung beginnt, hat er es doch in sich. Immer mehr Zufälligkeiten häufen sich, so dass weder Norah noch ich als Leser das abtun können, doch Norah ist in Wien wie abgeschnitten. Teils hat sie das selbst verschuldet, doch zum Teil ist das eben so, wenn man in einer anderen Stadt neu anfängt. Dieser Umstand macht die Begebenheiten noch unheimlicher, eine neue Umgebung, kaum Freunde, kein Kontakt zu den Kollegen… und der 11. Februar nähert sich unaufhörlich.

Die Ursache der Zufälle, bzw. das Ende hat mich dann überrascht, ich hatte tatsächlich keine Vermutung, was dahinter steckt. Doch das Ende wird dann auch sehr ausführlich noch besprochen. Das heißt zum einen zwar, dass jede Zufälligkeit sich aufklärt und keine Fragen offen bleiben, doch hätte hier auch weniger Ausführlichkeit gereicht. So dehnt sich das Ende, welches mit dem Showdown am 11. Februar beginnt und dann in einen Rückblick und Aufklärung der Geschehnisse übergeht, doch noch über die letzten ca. 100 Seiten. So fehlte mir am Anfang und am Ende Spannung, die aber im Mittelteil kontinuierlich und unheimlich spannend vorhanden war.

Fazit:
Der Thriller ließ am Anfang und am Ende ein wenig Spannung missen, doch den Mittelteil verbringt man in gespannter Erwartung gemeinsam mit Norah Richter, die sich lange fragen muss: werde ich verrückt?, bevor sich der Thriller mit einer Überraschung auflöst.


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Klein und fies: Nanos – Timo Leibig


Timo Leibig – Nanos
Verlag: Penhaligon
513 Seiten
ISBN: 978-3641215989

 

 

 

 

2028 – das ist gar nicht mehr so lange hin, keine 10 Jahre. Doch wie weit sind wir in 10 Jahren wirklich? Ist es möglich, dass Deutschland in 10 Jahren weitestgehend vom Rest der Welt abgeschottet ist, dass es eine Regierung gleich einer Götterverehrung gibt, dass alle die gleiche Meinung haben? Und (fast) keiner beschwert sich darüber?

Na klar geht das – allerdings nur mit den Nanos. Durch Zufall findet der Forscher Carl Oskar Fossey heraus, wie sich Nanopartikel dazu benutzen lassen, Menschen zu beeinflussen. Nicht sofort, aber nach und nach können die Gedanken der Menschen manipuliert werden. Sein findiger Kollege Johannes Kehlis weiß dies zu nutzen, verteilt über seinen Lebensmittelkonzern die Nanos in der Nahrung, wird Bundeskanzler und mächtigster Mann in Deutschland. Die Menschen sind glühende Kehlis-Anhänger, andere Länder sind ihnen egal, Deutschland geht es gut, alle sind glücklich. Alle? Nein, natürlich nicht. Einige wenige sind resistent gegen die Nanos und versuchen den Kreislauf zu durchbrechen.

Malek, seit Jahren im Gefängnis und von Kehlis-Produkten unbelastet ist, bricht,  gemeinsam mit seinem Kumpel Tymon, der allerdings kurz darauf stirbt, aus und landet in dieser veränderten Welt. Durch eine zufällige Begegnung trifft Malek auf die Rebellen und schließt sich – nach einigen Querelen – dieser, zumindest vorübergehend, an. Er wird gebeten, beim nächsten Coup der Gruppe mitzuhelfen: der Entführung von Carl Oskar Fossey. Malek hat allerdings noch eine andere Aufgabe: Tymon hat ihm das Versprechen abgerungen, sich um seine Schwester Maria zu kümmern. Doch kann er das überhaupt – oder ist sie auch im Würgegriff der Nanos?

Die Widerstandsgruppe besteht aus einem bunt gemischten Haufen Menschen, also eben einfach resistente Menschen. Keine ausgebildeten Kämpfer, keine Forscher, ein Palette an Berufen und Fertigkeiten. Nichtsdestotrotz ist die Ausgangslage gut: gesichertes Gelände, Selbstversorger, ein vierköpfiges Gremium, welches Entscheidung trifft. Doch die Frage ist, wie man die Macht der Nanos unterbricht und hier kommt der Forscher ins Gespräch. Und Malek, der zufällig gefundene Söldner passt eben wie die Faust aufs Auge.

Wie bedrohlich die Atmosphäre in Deutschland ist, erfährt man hauptsächlich durch Maria, denn die Rebellen operieren ja aus dem Untergrund. Sowohl ihr Sohn als auch Maria selbst sind resistent gegen die Nanos, ihr Mann und Millionen weitere Menschen nicht. Da Kehlis-Anhänger restlos von der Ideologie überzeugt sind, ist die Gefahr groß, dass Marias Mann sie und ihren Sohn zur „Beichte“ schickt. Und noch ist niemand von einer Beichte je zurückgekommen. Maria muss sich verstellen, doch wie lange klappt das? Maria wandelt wie auf Kohlen, vor allem zu Hause. Es scheint eine ausweglose Situation – wohin soll man gehen, wenn alle Menschen fremdgesteuert sind?

Die Einblicke in Marias Leben waren diejenigen, welche einen am meisten schlucken lassen. Die Parallelen zur NS-Zeit sind einfach zu groß, als das man sie übersehen könnte. Eine Atmosphäre der Bedrohung und Paranoia, Propaganda vom großen Führer Kehlis, kaum Kontakt ins Ausland. Selbst die SS tritt quasi auf – in Form der Konfessoren. Über allen stehende Gesetzesvertreter, die jegliche Befugnis haben und bar jeglicher Emotionen (eine Nebenwirkung der ersten Nanos). Der einzige Unterschied zur NS-Zeit besteht darin, dass die „Kehlianer“ ja nicht wissen, dass ihre Gedanken manipuliert sind, sie können keine freien Entscheidungen mehr treffen. Familienbanden sind wenig wert, die Beichte sehen Kehlianer als Hilfe für die Betroffenen.

Wie so oft muss ich aber ein wenig daran herummäkeln, dass mir noch Einblicke gefehlt haben. Es wird zwar erwähnt, dass kaum Kontakt mehr zum Ausland besteht, Nachrichten weitgehend eingestellt sind, das Internet an Bedeutung verloren hat –  aber wie konnte das in 10 Jahren von statten gehen? Wo ist und was macht die EU? Was sagen die anderen Länder? Gibt es da keine kritischen Stimmen? Und wenn ja – fängt Kehlis dann bald einen Krieg an oder baut er eine Mauer? Oder exportiert er seine Nahrungsmittel auch ins Ausland? Interessant wäre auch gewesen, über die Übergangsphase noch etwas zu erfahren, denn die Nanos wirken ja nicht sofort – wie haben die Reaktionen in der Bevölkerung damals ausgesehen? Ah, Fragen über Fragen….

Mal abgesehen davon, war der Thriller wirklich sehr spannend. Dadurch, dass Malek die Rebellen sofort trifft, ist man auch gleich mitten in der Geschichte. Die Hintergründe der Gegebenheiten im Deutschland des Jahres 2028 erfährt man nach und nach, weiteres Insiderwissen gibt es durch Kapitel, die aus Sicht von Konfessor Nummer Elf geschrieben sind, der Malek jagt und wieder einfangen soll. Überhaupt finde ich die Grundidee der Nanos äußerst gelungen. Im Prinzip ist damit ja alles möglich – wer die Macht über die Nanos hat, hat die Macht über die Menschen und kann jegliches Ziel verfolgen. Und nur so ist natürlich auch dieser rasante gesellschaftliche Wandel möglich – sehr clever gelöst! Denn abgesehen von den Nanos ist das Deutschland von 2028 nicht so anders wie das Deutschland heute.
Am Ende gibt es einen richtig guten Showdown, der Einblick in die Organisation von Kehlis gibt, aber auch mächtig fetzt und mit viel Kawumm das Buch abschließt. Aber – und hier verrate ich nicht zu viel – der Kampf gegen die Nanos geht weiter, denn schon in wenigen Monaten erscheint der zweite Teil rund um die kleinen fiesen Gedankenmanipulierer.

Fazit:
Wer hat Angst vor seinem Essen?
Timo Leibig gelingt ein spannender Thriller in einer erschreckenden Zukunftsvision, von dem ich hoffe, dass noch einige meiner Fragen im nächsten Teil beantwortet werden – denn den lese ich auf jeden Fall!

 


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Vermittlung: Der Messingdeal – Ross Thomas


Ross Thomas – Der Messingdeal
Verlag: Alexander Verlag Berlin
Übersetzer: Wilm W. Elwenspoek, bearbeitet von Jana Frey und Jochen Stremmel
268 Seiten
ISBN: 978-3895813504

 

 

 

Ross Thomas war sehr produktiv in seinem schriftstellerischen Leben und so entstanden nicht nur einige Standalones, sondern auch mehrere Krimireihen. Neben den beiden Duos Artie Wu und Quincy Durant sowie McCorkle und Padillo dreht sich eine Reihe um den ehemaligen Journalisten Philip St. Ives. Diese veröffentlichte er ursprünglich unter dem Pseudonym Oliver Bleeck.  Der Alexander Verlag hat nun 2015 den ersten von fünf Fällen um den arbeitslosen Reporter neu aufgelegt, im Jahre 2016 dann auch schon den zweiten Teil „Protokoll einer Entführung“. Wie gut, dass der schon in meinem gut sortierten SUB auf mich wartet, denn nach „Der Messingdeal“ kann ich auf jeden Fall sagen, dass ich diese Reihe weiter verfolgen werde.

Philip St. Ives ist und war ein guter, ein sehr guter Reporter bei einer New Yorker Zeitung, die allerdings, kurz nachdem er zwischen einem Dieb und dem Beraubten vermittelte und eine großartige Reportage darüber verfasst hatte, dicht machte. St. Ives, nun also arbeitsloser Journalist, wurde zum Mittelsmann, da der damalige Dieb mit der Vermittlung äußerst zufrieden war und St. Ives empfahl wanden sich immer mehr Kriminelle an St. Ives, bzw. an Myron Greene, den Anwalt, der damals den Beraubten vertrat und mittlerweile auch St. Ives Anwalt ist, um bei Erpressung, Diebstahl oder auch Entführung zu vermitteln. St. Ives, der sonst nichts zu tun hat, als Pokerrunden abzuhalten und seine Kontakte warm zu halten, muss nun aber trotzdem seinen Lebensstil pflegen, inklusive Unterhaltszahlungen an seine Ex-Frau.

Warum eignet sich also St. Ives als guter Mittelsmann? Ganz einfach: es ist ihm egal. Er ist völlig neutral und kümmert sich nicht. Er ermittelt nicht, er hilft der Polizei nicht, er wickelt einfach die Übergabe ab. Die Betrogenen und Beraubten händigen ihm das geforderte Geld aus, der Dieb oder Entführer schickt ihn auf eine Reise zur Übergabe, die Polizei ermittelt, mischt sich aber in die Übergabe nicht ein. St. Ives ist vertrauenswürdig. Für die Bestohlenen, als auch für die Kriminellen. Er unterrichtet die Polizei über alles, aber er verrät den Dieb nicht. Er ist der ideale Verbindungsmann, ein Vermittler von Geldkoffern. Von der geforderten Geldsumme erhält er 10 Prozent vom Opfer der Tat, derweil sein Anwalt 10 Prozent von diesem Anteil bekommt und sich um alle geschäftlichen Belange kümmert.

Im vorliegenden ersten Teil der Reihe geht es um ein Messingschild, 31 Kilo schwer, fast einen Meter Durchmesser. Dieser wurde aus dem Washingtoner Coulter Museum am Eröffnungstag einer Ausstellung um afrikanische Kunst gestohlen. Der Messingwert ist zu vernachlässigen, doch der kulturelle Wert, vor allem für die beiden Staaten Jandola und Kamporeen, die zuvor ein Staat waren und sich nun heftigst bekriegen, ist immens. Das Schild symbolisiert Kraft, Stärke und Autorität und wird von den Menschen der beiden Staaten verehrt. Jandola ist im Besitz des Schildes und hat dieses für die Ausstellung zur Verfügung gestellt, welche nun in Washington gastiert. Da das Museum gut geschützt ist, muss der Job von einem Insider ausgeführt oder unterstützt worden sein und tatsächlich findet man schon bald darauf die Leiche eines Wachmannes des Museums. Die Diebe des Schildes verlangen nach St. Ives als Vermittler und 250.000 Dollar in gebrauchten Zehner und Zwanzigern.

Es scheint mir ein Muster zu sein, dass Thomas Helden zumeist sehr kühl und rational sind. Das ist bei St. Ives nicht anders. Nichtsdestotrotz kommt er nicht ganz darum, einige Informationen einzuholen, denn auch als Vermittler möchte er nur ungern sein Leben lassen, wenn er das Messingschild zurückholt. Die mehr und mehr auftauchenden Leichen verstärken sein Gefühl, dass das ein krumme Vermittlung ist und mehr dahinter steckt, als man auf den ersten Blick ahnt. Und so finden dann doch einige Ermittlungen statt, auch wenn St. Ives immer wieder darauf beharrt, das nicht zu tun und die Polizei keineswegs unterstützen will.

Neben den Reichen und Berühmten, die dem Museum vorstehen, der Museumsdirektorin, die kalt und unnahbar scheint, aber ihren Mann erst durch einen Unfall verloren hat, korrupten und zu gut angezogenen Bullen, die gar nichts mit dem Fall zu tun haben, loyalen, aber armen Bullen, welche die Diebe schnappen wollen, gibt es noch Mr. Mbwate und Mr. Ulado, zwei Männer aus Kamporeen, die es zwar letztendlich schaffen, St. Ives Herz zu erweichen, aber eben nur soweit, dass er, nachdem der Austausch fast stattgefunden hat, sich von der Gerechtigkeit leiten lässt, auch wenn er sich fast schon sicher ist, einer Lüge aufgesessen zu sein. Und worum geht es eigentlich? Natürlich, worum sonst: um Macht, Geld und ein wenig Politik.

„Wenn es also nicht um Geld gegangen ist, warum haben Sie es dann gemacht – ich meine, ein Mann wie Sie?“
[…]
„Für Zuckerwatte und hungernde Kinder vielleicht“, sagte ich. „Oder für kranke Kätzchen und verlaufene Hündchen.“
(S. 267)

Fazit:
Ein neutraler Mittelsmann, der mit einem Schulterzucken vermittelt, aber dann gezwungenermaßen ermittelt, um sein Leben nicht zu riskieren und dabei ein klitzekleines Stückchen seines Herzens entdeckt. Ein ungewöhnlicher Protagonist im Ross Thomas Figurenensemble, aber thematisch bleibt der Autor sich treu. Und der Spannung, der bleibt er auch treu. Gelungen!


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Privatschwengel: Tod vor Morgengrauen – Deon Meyer

Es gibt da so ein paar wenige, aber sehr gewichtige schwarze Flecken auf meiner Krimiliteraturkarte. Dazu gehören unter anderem Fitzek, der mich so gar nicht reizt, Mankell, den ich vielleicht mal irgendwann lese, aber auch Deon Meyer. Diesen schwarzen Fleck wollte ich zwar schon gerne länger von meiner Landkarte tilgen, doch wie es so ist, hat es bisher nicht geklappt. Wie schön, dass die Speziale mir oft Anlass geben, mich Autoren und Autorinnen zu widmen, von denen ich noch nichts gelesen habe. Und das ist auch gut so, denn ansonsten müsste ich mich jetzt ärgern, dass ich schon wieder nichts von Deon Meyer gelesen hätte und damit einen Meister seines Faches verpasst hätte.

Van Heerden, ein ehemaliger Polizist, der seinen Vornamen Zatopek aus naheliegenden Gründen nicht so sehr mag, wird von der Anwältin Hope Beneke engagiert, um das Testament des ermordeten Antiquitätenhändlers Johannes Jacobus Smit zu finden. Laut dessen Lebensgefährtin Wilna Van As vermacht Smit ihr in dem Testament Haus, Geschäft und Vermögen. Das Problem ist, dass seit dem Mord schon 10 Monate vergangen sind und Van Heerden nun nur noch 7 Tage bleiben, um das Testament zu finden, andernfalls fällt das Erbe an den Staat. Also macht sich Van Heerden auf eine fast aussichtslose Suche, die einfach beginnt, doch versteckt ein schreckliches Ereignis inne hat, welches zwar schon 20 Jahre vergangen ist, doch jetzt wieder seine Fühler ausgestreckt hat.

Van Heerden. Wie einige seiner Kollegen war er mal Polizist und schlägt sich jetzt so durch. Tatsächlich hat vor seinem Polizeidienst eine ordentliche akademische Karriere hingelegt und kennt sich mit der Psychologie von Tätern gut aus. Entgegen vieler anderer Schnüffler kann er dafür so gut wie nicht schießen. Aber er hat es. Er hat die Fähigkeit, Spuren zu erkennen und Zusammenhänge herzustellen. Er ist gut, aber er selbst denkt, er wäre kein guter Mensch. Durch seine Mutter, die eine recht bekannte Künstlerin in Südafrika ist, schlägt er ein wenig aus der Art, mag klassische Musik und kocht hervorragend. Doch weil er denkt, dass er kein guter Mensch ist, ist er aus der Polizei ausgetreten und schlägt sich so durch. Zwar trifft man ihn als erstes in einer Ausnüchterungszelle, doch Alkohol ist nicht sein Problem.

„Ein Privatschwengel, heilige Scheiße! Du warst mal gut.“ (S. 39)

Doch Van Heerden findet, er ist kein guter Mensch. Er hat den Sinn im Leben verloren, aber nichtsdestotrotz muss er sein Leben finanzieren, deshalb nimmt er den Auftrag von Hope Beneke an. Und lässt ihn fallen. Und nimmt ihn wieder an. Und lässt ihn wieder fallen. Und nimmt ihn wieder an, unwiderruflich. Er ist ein ungewöhnlicher Privatschnüffler, im Buch übrigens einmal „Privatschwengel“ genannt, aber sicher kein außergewöhnlicher. Doch die Tatsache, dass Van Heerden den Fall immer wieder los zu werden versucht, sorgte bei mir erst mal für Erheiterung. Doch der Fall packt nicht nur mich, sondern auch Van Heerden irgendwann und gemeinsam mit der ahnungslosen Hope, die wohl keinesfalls das erwartet hat, was auf sie zugekommen ist, macht er sich an die Arbeit.

Aufgeteilt ist das Buch in die 7 Tage, in denen das Testament gefunden werden muss, mit den jeweiligen Unterkapiteln. Dabei wird aber nicht nur die aktuelle Ermittlung von Van Heerden und Beneke erzählt, sondern Van Heerden erzählt, immer abwechselnd, wie er zu dem Menschen geworden ist, der er heute ist. Er beginnt bei der Kindheit, arbeitet sich durch seine Jugend, sein Studium, seine akademische Laufbahn, seinen Polizeidienst. Und dann, dann versteht man endlich, warum er so ist, wie er ist. Warum er denkt, dass er kein guter Mensch ist. Und vielleicht war er das in einer Sekunde nicht, doch dann sieht man ihn in der aktuellen Ermittlung und weiß, er ist ein guter Mensch.

„‘Ich sagte, nicht schlecht. Zwei Stunden und siebenunddreißig Minuten, nachdem wir Ihre Anfrage bekommen haben. Nicht schlecht für Schwarze, die nach afrikanischen Zeitvorstellungen arbeiten.‘ Und Ngwema kicherte leise vor sich hin.“ (S. 79)

Auch wenn wir uns in Südafrika befinden, sind die Hinweise auf Land und Kultur zunächst eher leise. Zum einen wird der Leser nicht direkt mit der Nase darauf gestoßen, doch auch der Fall, der sich zwar später noch ein wenig auf dem afrikanischen Kontinent ausdehnt, zeigt hauptsächlich Ermittlungen, die auch in jedem anderen Land hätten stattfinden können. Dies ist so, da die Tragweite des Falls um den ermordeten Antiquitätenhändler erst spät ans Licht kommt. Doch hier zeigt sich dann Südafrikas  Vergangenheit, Militär und Geheimdienst tauchen auf, eine alte aber noch lange nicht vergessene Geschichte um Dollar und Diamanten taucht auf. Zuerst ist es nur eine Kleinigkeit, die auffällt, an der sich Van Heerden festhält und von da an weiter bohrt. Und Van Heerden nutzt die vierte Gewalt, die Presse, um die Täter aufzuscheuchen, heuchelt Wissen vor und schafft es, die Wespen aus ihrem Nest zu treiben. Doch Wespen werden nicht gerne aufgescheucht und so hat Van Heerden ein Finale vor sich, für dass er wohl vorher noch besser schießen hätte üben müssen.

Van Heerden ist definitiv ein Privatdetektiv, von dem ich gerne weitere Fälle lesen würde, doch wie es scheint ist Van Heerden kein „Serientäter“, denn „Tod vor Morgengrauen“ wurde schon im Jahre 2000 ursprünglich veröffentlicht und noch gibt es keinen weiterführenden Teil.  Schade. Aber das hält mich natürlich noch lange nicht davon ab, mich nun den anderen Reihen des Autors zu widmen.

Fazit:
Privatschnüffler Van Heerden bietet ohne es zu wollen, eine hervorragende und spannende Ermittlung, derweil er im zweiten Erzählstrang Einblick in seine Vergangenheit gibt. Wunderbar erzählt, tiefgründig, packend und ein Lesegenuss!

 



Deon Meyer – Tod vor Morgengrauen
Verlag: atb
Übersetzer: Karl-Heinz Ebnet
570 Seiten
ISBN: 978-3746630489

 


 


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Mixtape: Safe – Ryan Gattis


Ryan Gattis – Safe
Verlag: Rowohlt
Übersetzer: Ingo Herzke und Michael Kellner
410 Seiten
ISBN: 978-3498025373

 

 

 

 

Nun gehöre ich wohl zu den wenigen, die im damaligen Hype „In den Straßen die Wut“ natürlich fleißig und mit guten Vorsätzen gekauft hat, aber heute immer noch ungelesen im SUB beherbergt. Das hindert mich aber ja nun nicht daran, dass nächste Werk von Ryan Gattis vorher zu lesen, sind die beiden Bücher ja auch nicht verknüpft oder Teil einer Reihe. Bevor wir allerdings zum Inhalt kommen, muss ich noch ein klein wenig am, zwar klasse aussehenden Buchschnitt, der in schwarz angepinselt wurde, herummäkeln. Wenn ich die Seiten erst trennen muss, bevor ich sie lesen kann, finde ich das nur semi-gut. Also eigentlich gar nicht gut. Denn das stört den Lesefluss. Aber gut… man muss eben mit den Seiten mal kurz Fingerkino spielen. Dann geht es einigermaßen.

Ghost
Nun soll aber vermutlich das schwarze Cover, der schwarzgefärbte Buchschnitt und natürlich das Zahlenrad des Covers auf den Inhalt hinweisen: Tresore, Safes, Geldschränke. Oder eben auf das Öffnen von den selbigen.  Ricky Mendoza, auch Ghost genannt, ist so einer, der das kann: ein Safeknacker.  War er früher Junkie und Kleinkrimineller, hat er mittlerweile dem Verbrechen den Rücken gekehrt und arbeitet für die Polizei. Das macht er schon seit Jahren, Tresore zu knacken hat er von der Pieke auf gelernt, von seinem Chef und übernimmt mittlerweile die meisten Aufträge. Er ist hundertprozentig vertrauenswürdig. So vertrauenswürdig, dass die Polizisten, die ihn anfordern, ihn auch mal alleine die Tresore von Drogenhändlern oder ähnlichem öffnen lassen. Doch dann kommt der Tag, an dem Ghost Geld aus dem Tresor mitnimmt. Aus einem reichlich gefüllten Tresor. Das macht er natürlich nicht einfach aus irgendeinem Grund, es ist schon ein guter Grund.

Glasses
Die Polizisten kriegen auch erst mal gar nichts davon mit. Der Drogendealer, dem der Tresor gehört, aber schon. Der weiß ja, wie viel in dem Safe war und erfährt auch, wie viel in die Asservatenkammer wandert. Der Drogendealer ist also wenig begeistert und schickt seine rechte Hand, Rudy Reyes, genannt Glasses. Er soll herausfinden, wer ihn beklaut hat und entsprechend bestrafen. Glasses sieht nicht aus wie der übliche Gangster, dazu reicht schon die Brille, die kein Verbrecher freiwillig aufziehen würde, ihm aber zu seinem Spitznamen verholfen hat, und er macht seinen Job schon sehr lange. Doch was der Drogenkönig nicht weiß ist, dass seine rechte Hand plant auszusteigen.

Rose
Hört sich nun nach einer üblichen Geschichte an, doch es gibt eine Besonderheit: Rose. Rose ist zu der Zeit als die Handlung spielt schon lange nicht mehr am Leben. Aber Rose war und ist Ghosts große Liebe. Gemeinsam haben sie gegen den Krebs gekämpft, sich dabei kennen und lieben gelernt. Ghost hat gewonnen, doch Rose hat gegen den Krebs verloren. Rose hat ihn so genommen wie er war und damit sein Leben gerettet. Ihn von den Drogen befreit und zu einem aufrechten Leben geführt. Ganz ohne etwas bewusst zu tun, denn dazu war sie schon zu schwach. Aber ein Mixtape hat sie ihm hinterlassen. Ein Tape, dass er auch noch heute als seinen größten Schatz betrachtet. Vor allem jetzt, als er weiß, dass der Krebs wieder da ist. Diesmal endgültig.

Tanz
Und so umtänzeln sich die beiden Kontrahenten. Ghost will so viel Geld wie möglich abschöpfen und knackt noch einige Tresore, bevor er Glasses letztendlich trifft. Glasses versteht nicht, warum Ghost sein Leben riskiert und muss gleichzeitig darauf achten, nichts von seinen Ausstiegsplänen zu verraten. Sympathisch sind einem beide Kerle und man will auch unbedingt, dass beide an ihr Ziel kommen. Eins ist allerdings klar: Ghost wird sterben. Die Frage ist eben nur wie. Und so treiben die beiden umeinander, bis es letztendlich bei einem Showdown anderer Art endet.

Melancholie
Rose schwebt irgendwie immer  im Hintergrund, sie ist Ghosts Antrieb und Nemesis, sie ist immer präsent. Auch hangelt man sich als Leser, gemeinsam mit Ghost an Ihrem Mixtape entlang, die eine Kassettenseite voller Songs steht für Ghosts Geschichte, die andere für Roses Geschichte – zwei Seiten voller Punkrock. Vor allem im letzten Drittel begleiten die Songs die Geschichte und treiben sie voran. Insgesamt ist der Thriller rasant geschrieben, Ghosts Gedanken bringen zwar einen melancholischen Unterton in die Geschichte, dieser tut ihr aber sehr gut. Auch wenn der Anfang und das Ende packender waren als der Mittelteil, erklärt dieser eben viele Hintergründe und spitzt die Spannung langsam zu.

Erwartungen
Der Thriller war spannend, die Hauptcharaktere gut ausgearbeitet und sympathisch, die tote Freundin und das Mixtape haben der Geschichte etwas Besonderes verliehen. Ein rundum gelungenes Leseerlebnis? Nur, wenn die eigenen Erwartungen nicht im Weg stehen, denn tatsächlich hatte ich nach den begeisterten Stimmen zu „In den Straßen die Wut“ tatsächlich mehr von dem Thriller erwartet. Da „Safe“ ja aber nun nichts dafür kann wie ich meine Erwartungen setze, ist und bleibt es ein wirklich guter, unterhaltsamer Thriller.

Fazit:
Spannender Thriller um einen todkranken, legalen Safeknacker, der einen Drogenkönig beraubt und sich mächtig Ärger einhandelt. Packend, rasant, aber auch ein wenig melancholisch. Gut gemacht!


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Unter der Fuchtel: Dann sei wenigstens vorsichtig – Ross Thomas


Ross Thomas – Dann sei wenigstens vorsichtig
Verlag: Alexander Verlag Berlin
Übersetzer: Jochen Stremmel (druchgesehen von Gisbert Haefs)
286 Seiten
ISBN: 978-3895814761

 

 

 

 

 

„Und wenn Du nicht brav sein kannst, dann sei wenigstens vorsichtig.“(S. 283)

Ich könnte mir manchmal selbst in den Hintern beißen. Ich weiß, dass die Krimis von Ross Thomas großartig sind. Jeder, den ich gelesen habe, hat mir großen Spaß gemacht hat und war immer äußerst spannend war. Und trotzdem schrecke ich manchmal davor zurück, zu einem weiteren Buch von ihm zu greifen. Denn Ross Thomas schreibt über Politik, über den Kalten Krieg und Spionage, über politische und wirtschaftliche Verflechtungen und Menschen, bei denen man manchmal nicht mehr weiß, für welche Seite sie arbeiten. Dabei gelingt es ihm doch immer wieder, dass man niemals verwirrt oder überfordert ist. Gekonnt leitet er einen durch die Verwirrungen und dröselt sie auf die spannendste Weise auf. Und dieser Trick gelingt ihm auch in seinem neuesten Streich. Nun ja, zumindest die neueste Veröffentlichung im Alexander Verlag, der sich nicht nur das Ziel gesteckt hat, alle Krimis des Autors neu zu veröffentlichen, sondern diese auch noch in äußerst schicke Cover packt.

Ja, auch im vorliegenden Titel geht es um Politik. Zumindest hintergründig, denn der Grund aller Vorkommnisse in dem Krimi ist ein Senator. Frank Size, ein Kolumnist, der mit der Macht seiner Worte Menschen vernichten kann, engagiert Decatur Lucas der herausfinden soll, warum Senator Robert Ames sich bestechen ließ. Eigentlich Ex-Senator Ames, denn sein Amt hat er dann auch noch gleich niedergelegt – gemeinsam mit seiner steinreichen Ehefrau – und lebt nun mit seiner jüngeren Geliebten, Connie Mizelle, in einem schicken Apartment. Deke Lucas, eigentlich Historiker und freier Berater im öffentlichen Dienst, lockt das feste Gehalt und die versprochene Arbeit zu Hause, so dass er Sizes Auftrag annimmt. Kurz darauf erhält er einen Anruf von Ames Tochter Carloyn, die ihm Informationen verspricht, die ihren Vater entlasten, doch kurz bevor es zu der Übergabe kommt, explodiert der Aktenkoffer mit den versprochenen Informationen und tötet Carolyn Ames.

Decatur Lucas ist nun nicht unbedingt die sympathischste Figur. Gut, kann man noch verstehen, dass er, als Carolyn Ames in die Luft fliegt, nicht eingreift – wozu auch? Er wäre eh nicht schnell genug bei ihr gewesen und hätte etwas verhindern können. Auch sein Privatleben ist für die Zeit doch eher ungewöhnlich, da er in wilder Ehe mit Frau und Kind (aber nicht seins) lebt, und er sich zwar durchaus hin und wieder durch Sex trösten lässt, wenn der Job nicht gut läuft, ansonsten aber eher keinen Bezug zu Kindererziehung hat, mal abgesehen von philosophischen Gedanken über den anhaltenden Krieg zwischen Kleinkind und Kater. Unbeteiligt kann man Deke Lucas zu Recht nennen, nichtsdestotrotz versteht er sich auf Recherche und zieht die richtigen Schlüsse. Als Historiker, der im politischen Dreck wühlt, sind dies nicht zu verachtende Eigenschaften. Und tatsächlich muss man ihn doch noch bewundern und den Hut ziehen, für die Entscheidung im letzten Kapitel, die ihn dann doch irgendwie noch ein wenig Sympathie verleiht. Und ganz ehrlich – wer will schon Mister Nice Guy als Privatdetektiv? So einer muss doch unbequem sein!

Meine anfänglichen Befürchtungen aufgrund politischer Verstrickungen irgendwann nicht mehr durchzublicken haben sich – wieder mal – als falsch rausgestellt. Ja, es geht um einen Senator, aber es gibt viel mehr Themen in seinem Leben, die von Deke beleuchtet werden, als nur sein politisches Wirken. Vor allem die Frauen, die der gute Senator um sich geschart hat, sind ein Thema für sich. Von Fast-Ex-Frau mit Millionen in der Hinterhand über verbitterte Sekretärin mit Alkoholproblem bis hin zur neuen Geliebten, die fast schon zu gut ist, um wahr zu sein. Ah, und nicht zu vergessen, der Schnüffler der Gegenseite. Ein gut bezahlter Detektivfürst, bei dem es schon allein interessant ist, warum er sich die Füße schmutzig macht und nicht einen seiner Lakaien los schickt. Ach, dem Figurenensemble konnte ich fürwahr etwas abgewinnen. Bis in die Nebenfiguren war hier Futter an den Charakteren, sie waren schön ausgearbeitet und bleiben auch in Erinnerung.

Für genügend Spannung ist denn auch gesorgt, denn nicht nur Ames Tochter kann die Informationen nicht mehr liefern, sondern noch andere versuchen ihr Glück, diese Deke zukommen zu lassen und scheitern durch den Verlust ihres Lebens. Nichtsdestotrotz kommt hier einfach jeder Liebhaber der Private Eyes, der Privatdetektiv-Krimis, auf seine Kosten. Deke Lucas zieht los und löchert jede Person, die mit Senator Ames in näherem Kontakt stand, fragt, zieht Schlüsse und probiert Thesen aus. Genau so, wie es ein guter Detektiv machen soll, ob nun studierter Historiker oder nicht. Seine Dissertation über Bonneville wird ja aber vielleicht doch noch irgendwann fertig… man weiß ja nie.

Fazit:
Ein wunderbar ausgearbeiteter Thriller mit einem kratzig-kalten Schnüffler und einem hervorragenden Figurenensemble, einigen Stunteinlagen und gelungenem Abschluss. Wie immer bei Ross Thomas – ein Lesegenuss.

 


Weitere Stimmen:
KaiSu von Life4Books meint: „Allein der Schreibstil und die Art und Weise, wie sich Ross Thomas einem so heiklen politischem Thema nähert, machen das Buch lesenswert. Auch, wenn man diesem Gebiet normalerweise rasch den Rücken zukehrt. Hier sollte man es wagen und das Buch zur Hand nehmen!“