Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction


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Volles Potenzial: Die Reinsten – Thore D. Hansen


Thore D. Hanse – Die Reinsten
Verlag: Golkonda
424 Seiten
ISBN: 978-3946503903

 

 

 

 

Die Welt im Jahre 2191 wird von Askit, einer künstlichen Intelligenz, gesteuert. Nachdem die Menschen die Erde durch Kriege und Klimakatastrophen fast vernichtet haben, begleitet und steuert Askit die Überlebenden in der Zukunft. Um die Erde zu retten, sucht sie eine Elite, die für den Schutz und den Erhalt, aber auch den Aufbau und die Regenerierung der Natur arbeiten: die Reinsten. Diese Gruppe von Menschen trainiert und formt sie, so dass sie nicht von ihren Emotionen geleitet werden und logische Entscheidungen treffen können, um die Welt zu retten und zu erhalten. Eve Legrande ist eine von diesen Reinsten. Umso unverständlicher ist es, dass sie von Askit verstoßen wird und die Metropole verlassen muss, hinaus zu den Kolonisten, Menschen, die nicht unter der Fürsorge und Kontrolle von Askit leben. Warum schickt Askit sie in diese lebensfeindliche Umgebung?

In der Welt von 2191 ist die Erde fast unbewohnbar geworden – eine sehr realistische Zukunftsvision der Erde, sieht man sich die aktuelle Lage an. 2191 gibt es die von Askit kontrollierten Metropolregionen, welche unter einem Schirm eine gerade annehmbare Temperatur haben, viele Gebiete außerhalb sind unbewohnbar. Die Metropolen werden von Reinsten bevölkert, aber auch von Angepassten. Diese haben sich, wie der Name schon sagt, angepasst, sind aber keine Reinsten. Die Reinsten werden von Askit jahrelang trainiert und getestet, so dass hier eine Elite entsteht, die für den Erhalt der Welt arbeiten soll. Wer hier nicht reinpasst, also weder Reinster wird, noch sich anpasst, wird degradiert und zu den Kolonisten geschickt – dies sind die Menschen, die, warum auch immer, nicht unter dem Schutz von Askit stehen und außerhalb der Metropolen leben.

„Hingabe, Demut, Reinheit, volles Potenzial:
Gelobt sind Askit und die Agenda.“ (S. 82)

Als das Buch begonnen hat, fand ich die Zukunftsvision gar nicht so schlecht. Klar, die Menschen haben die Welt zugrunde gerichtet, aber die Gesellschaft von 2191 hat erkannt, dass es dieses zerstörerische Verhalten stoppen muss und die Umwelt bei der Regeneration unterstützen muss. Geleitet von einer KI? Warum nicht – Eve und ihre Freunde wirken zufrieden. Doch nach und nach stellen sich Kleinigkeiten ein, die man in Frage stellen muss. Um einen Einblick zu geben, hier ein Beispiel: ein älterer Mann bricht zusammen und Eve verständigt Askit (das funktioniert übrigens per Gedanken durch ein Interface), so dass eine Ambulanz geholt werden kann, doch Askit berechnet die Überlebenschance des alten Mannes so gering, dass sich ein Krankenwagen nicht lohnen würde und so wird keiner geschickt. Derweil Eves Mutter, eine Angepasste, dies schrecklich findet, hat Eve dafür Verständnis, da es Ressourcen verschwendet. Hierbei stellt sich nun nicht nur die Frage, inwieweit man der KI überhaupt trauen kann, sondern ob eine Welt weitgehend ohne Emotionen denn wünschenswert ist.

Ich bin ja immer sehr neugierig auf die Welten der Zukunft, so war ich auch diesmal sehr gespannt und habe darauf gewartet, dass Eve degradiert wird, um mehr davon zu verstehen. Denn in der abgeschotteten Metropole erfährt man ja nur die eine Seite der Medaille. Tatsächlich lässt die Degradierung aber sehr auf sich warten, vielleicht wäre es fast besser gewesen, wenn der Klappentext dieses Detail nicht schon verraten hätte. Und – das war für mich überraschend – Eve ist nicht die einzige, die degradiert wird. Die Zeit in den Kolonien kommt mir dafür dann allerdings zu kurz vor. Hier hätte ich mir ein ausgewogeneres Verhältnis gewünscht, weniger Metropole, mehr Kolonie. Die Sicht der Kolonisten ist natürlich eine völlig andere als die von Askit und den Reinsten, doch die sich emotional kontrollierende Eve Legrande lässt sich davon nicht beeindrucken – ein wenig schade, denn mehr Emotionen hätten hier ein wenig die Spannung erhöht.

Nichtsdestotrotz gibt es Spannung, allen voran durch die bedrohlichen Patriots (große Roboter) und Drohnen, die von Askit gesteuert werden. Vormals zur Verteidigung der Metropolen gedacht, sind diese aber auch Hilfsarbeiter und erledigen Aufgaben in den Gebieten, die für Menschen nicht mehr begehbar sind. Die Spannung spitzt sich auch zum Ende hin zu, wobei es hier zwar Kämpfe und Angriffe gibt, aber Eve meist außerhalb des Geschehens ist und man die spannenden Momente eher aus Beobachtersicht mitbekommt. Der Fokus des Buchs liegt denn eher in den Fragen, ob und wieweit man einer KI trauen kann, ob eine KI Emotionen hat, ob sie immer zum Besten des Menschen handelt. Die KI wurde von Menschen programmiert, verfolgt sie ihre vorgegebenen Ziele bis ins Letzte oder ist es ihr möglich zu lernen und die Ziele anzupassen? Und in wieweit kann man den Menschen trauen? Überlässt man sie wieder sich selbst, werden sie die Erde zugrunde richten oder haben sie aus ihren Erfahrungen gelernt? Eine philosophische Diskussion, der Eve sich stellen muss, denn Askit hat Eve auserkoren, hier das Zünglein an der Waage zu sein.

Fazit:
Thematisch ein sehr interessanter Blick in die Zukunft, der philosophische Fragen  über die Menschheit , die Zukunft und Künstliche Intelligenz aufwirft und zum Nachdenken anregt. Allerdings hätte ich – wie so oft – gerne mehr Einblick in die Welt von 2191 bekommen, vor allem in die nicht von Askit kontrollierten Gebiete, aber auch in die Vergangenheit, also in die Entstehungsphase von Askit.


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Unbefriedigend: Autonom – Annalee Newitz


Annalee Newitz – Autonom
Verlag: Fischer Tor
Übersetzerin: Birgit Herden
350 Seiten
ISBN: 978-3596702589

 

 

 

 

So, ich schreibe diese Rezension nun zum dritten Mal. Man sieht also, irgendwas lässt mich hier nicht los. Und ich glaube, ich habe es jetzt rausgefunden. Es gibt nämlich ein Problem. Die Frage ist, ob das nicht immer so ist und warum mich das jetzt so stört. Ich vermute nämlich, weil es eben nicht das erste Buch zu dem Thema ist, welches ich lese und sich unweigerlich Vergleiche auftun, dass ich immer das andere Buch im Kopf habe. Das Buch, welches meines Erachtens, das Thema besser aufarbeitet.

Die Autorin hat sich in ihrem Buch ein hehres Ziel gesetzt, denn sie schreibt über künstliche Intelligenz und geht der Frage nach, wann diese autonom sein darf und wann nicht. Eingepackt hat sie das Ganze in eine leider nur leidlich spannende Jagd: Produktpiratin und Revoluzzerin Jack bringt eine Kopie von Zacuity, dem neuesten aber noch in der Testphase befindlichen Produkt von dem Pharmariesen Zaxy, auf den Markt. Dummerweise sterben daran Menschen und Zaxy schickt die beiden IPC (International Property Coalition) Agenten Eliasz, einen Menschen, und Paladin, einen Bot, auf die Jagd nach Jack.

Leidlich spannend war die Geschichte nun deshalb, da die beiden Agenten zwar auf ihrer Jagd keine Gefangenen machen, aber man bei Jack nicht unbedingt das Gefühl hat, dass sie sich ernstlich in Gefahr sieht. Zwar ist ihr schon bewusst, dass sie da jemand sucht, aber die Gefahr ist eher eine Dringlichkeit und viel wichtiger ist ihr, eine Therapie gegen Zacuity zu finden und den Pharmakonzern auffliegen zu lassen. Unwahrscheinlich erscheint mir auch, dass, wie es sich in der Zukunft von 2144 gehört, zwar sehr viele technische Neuerungen vorhanden sind, die Agenten aber mehr oder weniger hinter Jack her trödeln und all die technischen Finessen scheinbar kaum hilfreich sind. Ein unangenehmer Zug der Agenten ist, dass sie dabei wirklich vor nichts zurückschrecken und dabei Folter und Mord anscheinend übliche und völlig akzeptable Methoden sind.

Kommen wir nun aber zurück zum Kernthema: Autonomität der Künstlichen Intelligenz. Die Frage, ob man Robotern Autonomie gewährt, wenn sie nun schon eine dem Menschen ähnliche Stufe erreicht haben, ist nun nicht neu. Einen interessanten Aspekt hat die Autorin hier allerdings eingebracht, denn in ihrer Zukunft sind auch nicht mehr alle Menschen autonom. Am Spruch „Geld regiert die Welt“ orientiert, kann man hier Bürgerrechte kaufen und wer kein Geld dazu hat, begibt sich als Arbeiter unter „Kontrakt“, was man im Prinzip als modernen Sklavenhandel sehen kann.

Leider verheddert sich die Autorin dann in einem Gedankenwettstreit Paladins, um sein eigenes Geschlecht und ob die Möglichkeit besteht, Sex mit Eliasz zu haben, anstatt der Frage nachzugehen, was Autonomie für einen Roboter, aber auch für einen Menschen eigentlich bedeutet. Paladin scheint sich auch einzig um Eliasz Gefühle Gedanken zu machen, über die Vielzahl an Opfern, die sie auf ihrer Suche nach der Produktpiratin, hinterlassen, macht er sich gar keine Gedanken. Es fehlt die Empathie. Und keine Frage, es gibt auch Menschen die keine oder kaum Empathie empfinden können. Und doch stellt man sich bei einem Roboter unweigerlich die Frage, ob das nun seine Programmierung ist oder eine bewusste Entscheidung.

Dieses Buch hätte so viel mehr können, hat es aber leider nicht. Es zeigt nur sehr wenig Einblick in die Zukunft, bzw. eine Zukunft, die hätte sein können. Weder die Frage nach Autonomie – bei Bots und bei Menschen – noch die gedankliche Herleitung durch Paladin ist ausreichend betrachtet worden, derweil allerdings die Beziehung zwischen Eliasz und Paladin ins Erotische rutscht. Zusammen mit der vermissten Spannung bei der Jagd auf Jack, war das Buch zwar ok, aber mehr eben auch nicht.

Fazit:
Interessante Themen  – KI und Autonomie – machen leider noch lange keine gute Geschichte. Hier hat mir einfach zu viel gefehlt.


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Nomen est Omen: Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten – Becky Chambers


Becky Chambers – Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten
Verlag: TOR / Fischer Verlage
Übersetzerin: Karin Will
544 Seiten
ISBN: 978-3596035687

 

 

 

 

Warum dieses Buch?
Ich lese zwar hin und wieder Dystopien, doch in die Tiefen der Science Fiction habe ich mich nun noch nicht hineingewagt. Als ich allerdings die Rezension von Reisswolfblog zu diesem Titel gelesen habe, dachte ich mir, das könnte was für mich sein. Und so ist das Buch denn in meinen Regalen gelandet.

Worum geht es?
Rosemary Harper heuert auf der Wayfarer an, einem Schiff, welches Löcher in den tiefen Raum bohrt und so anderen Schiffen die Reisen zu entfernten Gegenden erleichtert. Kurz nachdem sie sich auf dem Schiff eingewöhnt hat, erhält die Crew, unter der Leitung von Kapitän Ashby, einen neuen Auftrag: sie sollen ein Loch bohren, um die gerade geschlossene Allianz zu einem fremden Volk zu stabilisieren und die Verhandlungen damit zu erleichtern. Eine lange Reise steht bevor….

Die lange, lange Reise
Tatsächlich ist der kleine zornige Planet erst am Ende des Buches ein wichtiger Teil, denn das Buch dreht sich um den Weg dorthin und allerlei kleine und große Gefahren, welche der Crew begegnen, aber auch deren gegenseitiges Kennenlernen. Die Crew ist bunt gemixt und bietet Einblick in vielerlei Rassen in Becky Chambers zukünftigem Universum. Die meisten der Crewmitglieder sind eigen, aber sympathisch. Doch auch zwei, nun ja, schwierige Charaktere dürfen bzw. müssen mitfliegen. Rosemary Harper ist nun neu und muss sich nicht nur mit der Crew anfreunden – und den Besonderheiten je nach Rasse, sondern auch auf lange Reisen im tiefen Raum einstellen.

Weltraum-Roadtrip
Der Weg ist das Ziel. Auch wenn ich erwartet habe, dass „der zornige, kleine Planet“ eine größere Rolle spielen würde, fällt es überhaupt nicht auf, denn die Seiten fliegen an einem vorbei. Es macht riesigen Spaß, gemeinsam mit Rosemary die Crew kennen zu lernen und all die kleinen und größeren Abenteuer zu erleben. Die Autorin bietet hier kurzweilige Unterhaltung, auch für nicht eingefleischte Science Fiction Leser. Und wer dann doch eher auf die großen Abenteuer steht, der kann auf die nächsten Teile warten, denn die Autorin plant nicht nur weitere Teile in diesem zukünftigen Universum, sondern es ist auch schon ein weiterer Titel erschienen, der nächste ist in Vorbereitung.

Fazit:
Ein Science Fiction Trip, der riesigen Spaß macht, in dem er eine lange Reise mit kleinen und größeren Abenteuern füllt. Kurzweilig und unterhaltsam!

 


Und das findet die Bücherreisende: „Es ging ihr weniger darum, eine zusammenhängende, dramatisch zugespitzte Geschichte zu erzählen, sondern mehr darum, so viele verschiedene Lebewesen und Gesellschaften mit ihren Probleme und Besonderheiten vorzustellen wie möglich, um aufzuzeigen, wie eine hoch entwickelte und eng vernetzte Weltengemeinschaft aussehen könnte.“


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Kampf um Ressourcen: Zeitkurier – Wesley Chu


Wesley Chu – Zeitkurier
Verlag: Heyne
Übersetzer: Jürgen Langowski
491 Seiten
ISBN: 978-3453317338

 

 

 

 

In ein paar Hundert Jahren ist die Erde fast unbewohnbar geworden und die Menschheit schon lange ins All übergesiedelt. Durch Kriege und Seuchen ist Wissen der Vergangenheit verloren gegangen, aber trotzdem haben sich einige Technologien erhalten und auch weiterentwickelt. Gut für die Menschheit, denn in dieser Zeit ist Energie in jeglicher Form Mangelware. Die Erde hat schon längst nichts mehr zu bieten und auch die anderen Planeten, Monde und sonstige Gestirne sind weitestgehend abgegrast. Wie gut, dass man mittels einer Technologie in die Vergangenheit reisen und Ressourcen beschaffen kann. Dies übernehmen die Chronauten, von der Chronocom ausgebildet und verwaltet, unternehmen sie Sprünge in die Vergangenheit und halten die Menschheit am Leben. Ressourcen werden immer nur kurz vor Katastrophen abgezogen, so dass kein Riss im Zeitgefüge entsteht und die aktuelle Welt verändert wird.

Einer der Chronauten ist James Griffin-Mars. Er ist ein Stufe 1 Chronaut, der auch in schwierige Zeiten und Gegenden reisen darf, da er genügend Erfahrung gesammelt hat. Aus einer Laune heraus – und ja, es ist auch ein wenig Liebe dabei – bringt er von einer Zeitreise nicht nur die geforderten Ressourcen mit sondern auch die Biologin Elise. Das ist nicht nur strengstens verboten, sondern auch die Auftraggeber, der Konzern Valta, ist ganz und gar nicht darüber amüsiert, dass Elise nun in der Gegenwart ist. Die Jagd auf James und Elise hat begonnen.

Wesley Chu zeichnet ein durchaus realistisches Bild von der Zukunft. Irgendwann werden wir vermutlich wirklich unsere Erde zugrunde gewirtschaftet haben. Ob nun in 100 oder 300 Jahren, das ist irrelevant, doch wir schöpfen ja jetzt schon die letzten Ressourcen um und gehen nicht gerade glimpflich mit den übrig gebliebenen um. Ob nun Zeitreisen möglich sein werden, sei dahin gestellt, doch die verwüstete Erde, die Chu darstellt, kann ich mir gut vorstellen. Das Meer von metertiefem Schlamm/Schaum bedeckt, die Städte verlassen, verfallen, nur einige wenige Menschen leben dort noch und mühen sich um die letzten verbliebenen Krumen, welche die Erde hergibt. Auch die Menschen auf den anderen Planeten haben es nicht allzu gut, einzig die paar riesigen Konzerne scheinen über ausreichend Ressourcen zu verfügen und bewachen diese mit Argusaugen. Auch die Chronocom bzw. die Chronauten verfügen über höhere Technologie – allerdings werden diese auch von den Konzernen ausgestattet.

James ist ein wahrer Draufgänger. Als Chronaut muss er das sein, denn nicht alle schaffen die Ausbildung. Chronauten werden fast schon verehrt, aber auch lieber gemieden. Mit den Revisoren, welche die Zeitreisen überwachen kommt er aber eher weniger aus. Elise gefällt ihm auf Anhieb, als er auf der Nutris-Plattform landet, um dort drei Ressourcen für Valta zu stehlen, kurz bevor die Plattform vernichtet wird. Er freundet sich in der kurzen Zeit tatsächlich mit ihr an und nimmt sie kurzerhand mit in die Zukunft und rettet ihr Leben. Dort angekommen fühlt er sich permanent für Elise verantwortlich, lässt sich von ihr aber auch zu jeglicher Idee, welche sie hat, überreden.

Elise. Ach, Elise. Sie lag mir nicht so richtig. Vielleicht, weil ich mir den Schock in die Zukunft transportiert zu werden doch nachhaltiger vorgestellt habe. Elise ist aber ein patentes Mädchen und findet sich nicht nur schnell damit ab, sondern versucht auch gleich alles zu ändern. Warum nicht gleich die Erde heilen? Ehrlich? Ich meine, kann es wirklich sein, dass James ausgerechnet genau die Biologin per Zufall mitgenommen hat, welche tatsächlich vielleicht das Wissen hat, die Erde zu heilen? Ach, ich weiß nicht. Und zusätzlich fand ich Elise einfach nicht sehr sympathisch. Sehr von sich eingenommen. Auf James hört sie schon gar nicht, obwohl sie sich ja gar nicht auskennt und permanent in Gefahr ist und einfach nur Glück hat, dass ihr nichts passiert.

Das Ende ist zwar abgeschlossen, aber doch offen. Ich weiß, verwirrend. Nennen wir es mal so: die erste Schlacht ist gewonnen, aber der Krieg ist noch im Gange. Ich gebe zu, das ist immer nicht mein Ende. Es setzt voraus, dass ich den nächsten Teil haben möchte, weil ich ja wissen will, wie es ausgeht. Allerdings dauert das ja meist, so dass ich bis dahin oft gar nicht mehr daran interessiert bin. Der Fluch der Serie sozusagen. Neben der nervigen Elise und dem leider nur halb abgeschlossenen Ende ist es dem Autor aber trotzdem gelungen mich über weite Strecken zu fesseln. Hauptsächlich mit der zukünftigen Welt, die vermutlich noch viel mehr zu bieten hat, als man darüber lesen konnte, aber auch weil er ein Thema aufgreift, welches durchaus auch aktuell ist: die Macht der Konzerne.

In Chus Zukunft gibt es nur noch ein paar, aber sehr mächtige Konzerne. So richtig tief lässt er dort noch nicht blicken, doch die Konzerne sind nicht nur besser ausgestattet als alle anderen Menschen oder Organisationen, sondern sie haben auch die Macht über die Chronocom – natürlich nur inoffiziell. Und damit lässt er bei mir die Frage entstehen: wie groß ist die Macht der Konzerne denn heute schon? Bestechung und Korruption, Abhängigkeit und Gedankenlosigkeit machen Organisationen und Kontrollstellen schwach und nutzlos – ein gefundenes Fressen für die Konzerne.

Fazit:
Ein spannender Blick in die Zukunft der Erde, der Fragen aufwirft, die man sich durchaus auch in unserer heutigen Gegenwart stellen kann. Trotzdem lag mir Elise einfach nicht und auch das offene Ende ist nicht mein Fall.


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Die Fünfziger: Bluescreen – Dan Wells


Dan Wells – Bluescreen
Verlag: Piper
Übersetzer: Jürgen Langowski
364 Seiten
ISBN: 978-3492280211

 

 

 

 

Die meisten kennen Dan Wells bestimmt von seinen Krimis aus Täter-Perspektive. Ich nicht, aber natürlich ist er mir trotzdem ein Begriff. Das vorliegende Buch ist nun ein Zukunftsroman, Science Fiction. Und der Klappentext verrät nun gar nicht, dass es ein Jugendbuch ist und somit war ich doch ein wenig erstaunt.

Wir befinden uns im Jahre 2050 und Los Angeles hat sich zur Größe eines Bundesstaates ausgedehnt. Arbeit gibt es kaum noch, alles wird von Nulis erledigt, kleine Roboter bzw. Drohnen, die quasi überall zum Einsatz kommen. Das Smartphone wurde ersetzt durch die Djinnis, mit denen man alle Infos mit Gedanken, Blinzeln, Zwinkern oder ähnlichem abrufen kann, aber auch direkt im Netz arbeiten kann oder in die Spielewelt kommt. So wie Marisa, ein 17jähriges Mädchen aus Mirador, einem Stadtteil von LA. Sie befindet sich auf dem Weg zur Berühmtheit, gemeinsam mit 4 ihrer Freundinnen, zwei aus LA, eine aus Indien und eine aus China. Denn ihr Team spielt gemeinsam in Overworld, einem Adventuregame.

Als dann die Droge Bluescreen, aufgeladen auf einen Stick, erscheint, die einen kurz in ungeahnte Höhen schickt und dann für 10 Minuten ausknockt, ist Marisa skeptisch. Vor allem als ihre Freundin Anja diese nimmt und nicht 10 Minuten bewusstlos ist, sondern anfängt, ferngesteuert herumzulaufen und ihren Vater anzugreifen. Marisa und ihre Freunde beginnen nachzuforschen und entdecken eine weit größere Verschwörung als „nur“ eine neue Droge.

Ich so froh – ich hab einen Jugendthriller gelesen, fast schon einen Dystopie und es gab überhaupt keine Dreiecksbeziehung. Ja, ja, ich weiß, ich bin da pingelig, aber ist doch wahr, dass die meisten dieser Bücher immer eine Dreiecksbeziehung haben – warum auch immer. Mich nervt das. Und ich bin Mr. Wells unheimlich dankbar, dass er sich das gespart hat. Merci!

So gut wie keines der Mädels geht zur Schule – wer den Stoff nicht lernt, hackt eben die Prüfungsergebnisse. Die drei Mädels aus LA – Marisa, Sahara und Anja – sind nämlich mit Djinni und Co. aufgewachsen und nicht nur ziemlich pfiffig, sondern pfeifen auch auf irgendwelche Regeln… oder Firewalls. Zwar schon immer mit einer gesunden Portion Zurückhaltung, aber gehackt wird trotzdem. Auch hier lobend zu erwähnen, dass wir von Hackerinnen sprechen. Very nice. Nichtsdestotrotz sind die Mädels halt doch immer noch Mädels und sorgen sich hin und wieder auch um Kleidung und Jungs.

Die Nachforschungen, die Marisa und Co. anstellen, bleiben natürlich nicht unbemerkt und die Mädchen bringen sich selbst in Gefahr. Und auch wenn der Autor hier Gangs und Kanonen aus dem Portfolio holt, ist das Ganze doch einen Gang zurückgeschaltet. Damit meine ich, dass der Autor hier wesentlich mehr hätte auffahren können, doch dann hätten die Mädchen vermutlich aufgeben müssen. Das nimmt der Geschichte aber nicht die Spannung, sondern ergänzt sich und bietet trotzdem viele Wendungen und Überraschungen.  Für mich war das ein gelungener Zeitvertreib am Sonntagnachmittag!

Fazit:
Spannung und Action im LA der 50er Jahre, der 2050er: Mit taffen, jungen Hackerinnen, die einer neuen Droge den Garaus machen wollen und dabei in ein Wespennest stoßen. Sehr positiv zu erwähnen: es gibt keine Dreiecksbeziehung. ;-)


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Mensch und Maschine: Er, Sie und Es – Marge Piercy


Marge Piercy – Er, Sie und Es
Verlag: Argument
Übersetzerin: Heidi Zerning
552 Seiten
ISBN: 978-3867544030

 

 

 

Manchmal, ja manchmal verstehe ich selbst nicht, warum manche Bücher länger im Regal stehen bleiben und warum ich manche sofort lese. Ich habe hier auch noch kein Muster erkannt, denn selbst neue Teile von Serien lese ich nicht unbedingt sofort. Aber sei es drum, denn worauf ich hinaus will: ich kann nicht erklären, warum ich dieses Buch so lange nicht lesen wollte, aber es hat mich eine ganze Weile abgeschreckt. Wegen seiner Dicke oder weil es kein Krimi ist? Wer weiß, aber letztendlich war das mal wieder völlig unnötig. Marge Piercys Zukunftsvision ist schon vor 20 Jahren erschienen und wurde nun vom Argument Verlag in einer korrigierten Neufassung herausgegeben.

Die Welt von 2059 bietet den Menschen drei Arten zu leben, wenn auch nicht frei wählbar: Als Mitarbeiter eines Multis (Multikonzern), in einer der wenigen freien Städte oder im Glop. Der Nahe Osten wurde im 14tägigen Krieg ausgelöscht, die Umwelt nahezu zerstört. Die Menschen leben zumeist unter Kuppeldächern oder mit Schutzhäuten um sich vor der Sonnenstrahlung zu schützen, echte Nahrung kann sich im Glop kaum einer leisten, doch zwei Multis produzieren leckere (!) Ersatznahrung aus Algen für die Armen. Politische Strukturen sind keine mehr zu finden, einzig die Ökopolizei scheint eine übergreifende Position zu haben – der Rest der Welt wird von den Multis allein durch ihre wirtschaftliche Macht kontrolliert.

Dieses Szenario legt die Autorin der Geschichte von Shira, Malkah und Yod unter, es nimmt nämlich keinen Fokus ein. Es ist immer präsent und die Autorin streut immer wieder neue Facetten ihres Blickes in die Zukunft ein, doch ganz nebenbei. Auch die jüdische Geschichte sowie der jüdische Glauben nehmen einen Großteil der Geschichte ein, doch dazu kehre ich später nochmal zurück.

Shira kündigt bei dem Multi Y-S als dieser, patriarchalisch geführt, das Sorgerecht für ihren Sohn Ari ihrem Exmann gibt. Sie kehrt zurück in ihre Heimat, die freie Stadt Tikva, und zu ihrer Großmutter Malkah, die sie aufgezogen hat. Sie bekommt einen Job bei Avram, einen ganz besonderen: die Sozialisierung eines Cyborgs, an dem Avram und Malkah heimlich gearbeitet haben, denn Roboter, die menschlich aussehen, sind verboten. Und dieser Cyborg heißt Yod.

Das Buch enthält zwei Erzählstränge: ein Strang wird aus Sicht Shiras erzählt, der andere enthält eine Geschichte, die Malkah Yod erzählt. Nachts, per Com. Die Geschichte um Rabbi Löw und den Golem von Prag. Golem und Cyborg – die Ähnlichkeit ist frappierend. Beide dem Aussehen nach Menschen doch der eine aus Lehm, der andere aus Schaltkreisen. So dreht sich alles um die Frage, ob ein Cyborg (oder ein Golem) eine Person ist und die gleichen Rechte hat. Denn nach und nach werden diese beiden sich ihrer Identität bewusst und fordern ihre Rechte: unabhängig leben, Liebe, Gehalt, Entscheidungen treffen. Von großen bis hin zu banalen Dingen. Doch wer entscheidet, ob ein Cyborg als Mensch behandelt werden kann? Oder ein Golem? Im späten Mittelalter entscheidet es Rabbi Löw, doch wie sieht es für Yod aus?

Zugegeben, auch wenn die Geschichte von Joseph, dem Golem, und Rabbi Löw Parallelen zieht und Denkanstöße gibt, habe ich diese Kapitel nicht so gerne gelesen – ich wollte in der Zukunft bleiben. Insgesamt war das Buch von einer leichten Spannung durchzogen, denn natürlich bleibt Yod nicht unentdeckt, dafür aber sehr begehrt. Doch das Buch unterscheidet sich deutlich von den meisten Dystopien, die ich bisher gelesen habe. Es fängt schon damit an, dass ich es keinesfalls eine Dystopie nennen würde, auch wenn die Welt sich zum Negativen verändert hat. Das Buch enthält eine positive Grundstimmung und ist durchsetzt mit der Frage, wie ein Mensch sich definiert und inwieweit eine Maschine ein Mensch sein kann, vor allem in Hinblick auf ein weiteres Detail dieser Zukunftsversion: den chirurgischen und kosmetischen Änderungen, denen sich die Menschen entweder aus gesundheitsbedingten oder gesellschaftlichen Gründen unterwerfen.

Tikva ist eine freie Stadt, eine jüdische Stadt. Die jüdische Religion, die Gebräuche und Festtage, Gebete und Gedenktage werden hoch gehalten und haben ihren Platz im Buch, präsenter als die Zukunftsvision. Das mag daran liegen, dass ein Großteil der Handlung in dieser abgeschlossenen Enklave spielt, die sich zu unserer heutigen Zeit noch relativ ähnlich zeigt. Israel mag zerstört sein, doch die Juden zeigen sich als die Überlebenskünstler, die sie immer waren und sein mussten. Jeder Multi hat andere Regeln und Gebräuche, gleich einer Religion, doch durchsetzt mit Macht. Politik, Wirtschaft und Religion ist hier unheilbringend vermischt. Doch Widerstand regt sich, nicht nur in Tikva.

Aber „Er, Sie und Es“ ist kein Thriller, es ist ein Denkanstoß, eingebettet zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Druck und Widerstand, zwischen Macht und Freiheit. Die Frage, die man sich stellen muss, ist, wann ein Mensch ein Mensch ist. Roboter und künstliche Intelligenz – wie weit sind wir bereit zu gehen? Werden wir – wir Menschen – wenn es soweit ist, Roboter und Cyborgs als unseresgleichen anerkennen? Ist es die Weiterentwicklung unserer Spezies? Die Zukunft?
Doch neben diesen elementaren Fragen, die man eine Weile nicht mehr los wird, findet sich eine grandiose Zukunftsvision, bei der ich es jetzt schon schade finde, nicht mehr zu erfahren – und vor allem nicht zu wissen, wie es weiter geht. Nein, nein, das Buch hat ein Ende, keine Sorge. Trotzdem steht die Welt am Anfang eines neuerlichen Wandels, wenn man das Buch zuklappt. Und auch wenn ich ein Verfechter der Einteiler / Standalones bin, finde ich es diesmal sehr schade, dass ich diese Vision nicht weiter kennenlernen darf.

Fazit:
Eine Zukunftsvision, die mich sehr begeistert hat, liefert die Basis für eine Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Menschsein. Ein überaus lesenswertes Buch!


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Mit viel Physik: Quantum – David Walton

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David Walton – Quantum
Verlag: Heyne
Übersetzer: Norbert Stöbe
381 Seiten
ISBN: 978-3453317635

 

 

 

 

Manchmal, ja, manchmal da komme ich mir dumm vor. Oder zumindest unwissend und uninformiert. Immer wenn ich Krimis lese, in denen sich die Handlung um politische oder geschichtliche Ereignisse dreht über die ich nichts oder fast nichts weiß, aber auch wenn über andere Länder oder Kulturen berichtet wird, die ich nicht kenne. Aber ich sehe das durchaus positiv – man kann schlicht und einfach nicht alles wissen und wie langweilige wäre es, wenn man schon alles wüsste? Ich lerne gerne aus Krimis. Ich muss allerdings zugeben, dass ich selten aus Thrillern lerne. Da ist dann doch der Fokus anders, es geht mehr um Spannung. Aber wenn man sich eben einen Science-Thriller aussucht, dann kommt man nicht umhin, auch hier etwas zu lernen. Oder dumm aus dem Buch zu gehen – so wie ich. Sorry, aber Physik war noch nie meins. Äpfel fallen eben auf den Boden – ja und? Nichtsdestotrotz hat mein Unwissen mich nicht daran gehindert, mich mit „Quantum“ gut unterhalten zu haben. Und spannend ist er obendrein noch.

Jacob Kelley ist Physikprofessor an einer kleinen Uni und lebt mit seiner Familie, seiner Frau Elena und seinen drei Kindern, ein beschauliches Leben. Aus der Forschung hat er sich zurückgezogen, auch wenn er durchaus bahnbrechende Erfolge gefeiert hat. Als dann eines Tages sein alter Arbeitskollege Brian Vanderhall vor der Tür steht und behauptet Quantenintelligenzen gefunden zu haben, kann Jacob das nicht glauben, auch nicht, als Vanderhall auf Elena schießt und die Kugel sie nicht verletzt. Vanderhall lässt Jacob und Elena verwirrt zurück. Kurz darauf wird Jacob wegen Mordes verhaftet – an Brian Vanderhall. Doch wie soll das möglich sein? Zu dem Zeitpunkt, als Vanderhall an einem völlig anderen Ort von ihm, Jacob erschossen worden sein soll, waren sie alle in Jacobs Wohnzimmer und sprachen über Quantenintelligenzen.

Und dann wird es kompliziert. Noch komplizierter? Ja, genau, noch komplizierter. Ich kanns auch nicht erklären, wobei sich der Autor wirklich Mühe gemacht hat und immer wieder Erklärungen eingebaut hat – er kann wirklich nichts dafür, dass ich ein völliges Unverständnis von Physik habe und schon gar nicht darüber hinaus denken kann. Es war auch keinesfalls langweilig oder belehrend – es war immer gut in die Handlung integriert. Jedenfalls gibt es dann zwei Jacob Kelleys. Einen, der für den Mord an Brian Vanderhall verhaftet wurde und eine Gerichtsverhandlung durchstehen muss. Und einen, der nicht verhaftet wurde, sondern sich versteckt und gleichzeitig versucht, zu lösen, worum sich Brian Vanderhalls Forschung gedreht hat und wo seine Familie ist, die durch einen Vorfall verschwindet. Ich könnte jetzt beginnen zu versuchen zu erklären, warum es plötzlich zwei Jacob Kelleys da sind (er ist übrigens nicht der einzige, der zweimal da ist), aber ich erspar Euch das – ich kann es eh nicht.

Aber dieses Konstrukt von den zwei Jacobs – im Buch sind die Kapitel übrigens durch die Bezeichnungen Up-Spin und Down-Spin voneinander zu unterscheiden, was bestimmt auch ein toller Hinweis ist, den ich nicht verstehe – macht die Geschichte unglaublich spannend und abenteuerlich. Die Gerichtsverhandlung offenbart nach und nach Jacobs Erlebnisse, der zweite Jacob sucht derweil das Rätsel dahinter zu verstehen und zu verarbeiten. Abwechselnde Kapitel haben ja schon immer für Spannung gesorgt, da die Handlung in dem einen Strang vom anderen unterbrochen wird usw. Nun haben wir aber zwei verschiedene Stränge mit ein und derselben Person – verwirrend, aber aufregend. Und dann gibt es eben noch nebulöse Schattenwesen, eine Freundin und eine Verräterin, einen Pfarrer und zwei Töchter, also eigentlich drei, aber nur zwei identische. Argh – ich lass das jetzt. Ihr lest einfach das Buch. Basta.

Fazit:
Von der physikalischen Sicht her für mich völlig unverständlich (ist aber meine Schuld!), aber durch zwei identische Hauptfiguren in Abwechslung und die abenteuerliche Suche nach der Lösung hinter dem Rätsel spannend und unterhaltsam!