Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction


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Zwei plus Eins: Oryx und Crake – Margaret Atwood

Mit dem vorliegenenden Buch bin ich vor zwei Jahren schon mal grandios gescheitert. Nach 150 Seiten war für mich das Ende der Fahnenstange erreicht, es war mir zu abgedreht, das Ziel war mir nicht klar. Leider tendiere ich dazu, Bücher die ich abbreche nie wieder anzufangen oder gar auszulesen. Doch dieses Mal musste ich. Ich war mir erst unsicher, aber als ich es dann für das Blogspezial zur Dystopischen Literatur zugesagt hatte, hab ich es durchziehen müssen. Vielleicht hätte ich vor zwei Jahren aber auch einfach weiterlesen sollen, denn tatsächlich hat das Buch es dann doch nach einigen weiteren Seiten geschafft, mich in den Bann zu ziehen.

Nach der Pandemie
Zuerst lernt man Schneemensch kennen. Er lebt an der Küste und ist nur an zwei Dingen interessiert: Nahrung zu organisieren und darüber nachzudenken, wie es so weit kommen konnte. Denn Schneemensch lebt in einer Zukunft nach einer Pandemie, fast ganz allein, wären da nicht die Craker. Ein friedliches, aber auch reichlich seltsames Völkchen, genetisch perfekt, bis zum kleinsten I-Tüpfelchen an die Welt angepasst, gegen Hitze, gegen Krankheiten, gegen Unzufriedenheit, gegen Krieg. Genau so, wie Crake sie designt hat. Crake war Schneemenschs Freund, als dieser noch Jimmy hieß. Und dann gab es da noch dieses Mädchen, in das beide verliebt waren, Oryx.

Die Welt davor
Und so nach und nach entschlüsselt sich die Geschichte der drei Freunde, die schon früh in Jimmys Vergangenheit beginnt, als seine Mutter ihn und seinen Vater verlässt und ab diesem Zeitpunkt als Verräterin und Terroristin gesucht wird. Denn Jimmys Familie lebt in einem Konzernkomplex, seine Eltern arbeiten beide für OrganInc Farms, zumindest am Anfang der Geschichte. Nur die klügsten Köpfe dürfen in den Anlagen der Konzerne leben, der Rest der Menschheit lebt in Plebsland. Für Jimmy ein geheimnisvoller Ort, unter dem er sich so gar nichts vorstellen kann. Im Konzern hingegen ist das Leben geordnet und geregelt, abgesichert durch CorpSeCorps Mitarbeiter, aber natürlich auch patentrechtlich und finanziell wertvoll.

Zwei Freunde
Als Jimmy Crake kennenlernt und sich mit ihm befreundet verbringen sie ihre Zeit mit Computerspielen und Webshows. Die Industrie hat sich weiter in die befürchtete Richtung entwickelt: es gibt Pornografie jeder Art – hier begegnet ihnen im Übrigen Oryx zum ersten Mal – Hinrichtungen oder auch vermarktete Selbstmorde in Webshows oder Massaker und Völkerschlachten in Computerspielen. Derweil gehen die Forschungen der Erwachsenen in andere Richtungen: Tiere und Pflanzen werden gekreuzt und gezüchtet, um bestimmte Dinge zu verrichten oder Pflichten zu erfüllen. Von Organschweinen über Zinnenspiegen bis zu Hunölfen. Alles hat einen Zweck und Sinn und dient dem Fortschritt.

Zwei plus eins
Crake ist klug, nachdenklich und ja, auch fatalistische Züge lassen sich erkennen, derweil  Jimmy nach seiner Aufmerksamkeit lechzt und sich damit begnügt, in den Spielen besiegt zu werden. Er landet denn auch auf einer Kunstakademie, derweil Crake auf einer der besten Unis landet. Oryx, obwohl ständig präsent, taucht erst später auf, mit übler Vergangenheit und doch leichtlebig, vertrauensvoll, offen. Ein Trio infernale, welches das Rad des Schicksals unausweichlich in eine Richtung rollt. So richtig schließt sich einem wohl nur Jimmy ins Herz. Und das nicht nur aus dem Grund, dass die Geschichte aus seiner Perspektive erzählt wird, sondern auch weil Crake einfach unnahbar wirkt, ein wenig überheblich und wie ein Kreuzritter. Im Nachhinein erscheint auch seine Entscheidung, Jimmy, Oryx und sich gegen die Pandemie zu impfen, inkonsequent und nicht nachvollziehbar. Auch Oryx kann nur schwer überzeugen, da man ihre spätere Unbekümmertheit nicht in Einklang mit ihrer schweren Kindheit bringen kann  – und wir reden hier von Verkauf von Kindern, Zwang zur Pornographie, Haussklaverei, was ich mit dem einfachen Begriff „schwer“ umfasst habe.

Große Erzählkunst
Auch wenn ich mich ein wenig in die Geschichte einfinden musste – und das liegt vermutlich daran, dass ich einfach zu viele Krimis lese und mit den doch sehr fantasiereichen Auswüchsen im Buch ein wenig zu hadern hatte – hat es mich letztendlich überzeugen können. Mandarf es einfach zugeben: Margaret Atwood ist ganz klar eine Künstlerin ihres Faches. Erzähltechnisch ist ihr auch hier ein großer Wurf gelungen. Und auch wenn ich gerade mit dem Anfang meine Schwierigkeiten gehabt habe, betrachte ich ihn im Nachhinein als sehr gelungen. Sie beginnt in der „neuen“ Welt, einer uns unbekannten Welt und es gilt nicht nur, diese kennenzulernen, sondern eben auch herauszufinden, wie die neue Welt entstanden ist. Dies gelingt ihr durch den nachdenklichen Jimmy, der immer wieder überlegt, ob er nicht hätte etwas ändern können, ob es dann nicht anders gekommen wäre. So begibt man sich mit ihm in die Vergangenheit und durch sein Leben. In langen Kapiteln, aber auch in kurzen Gedankengängen.

Zu Tode geforscht
Die großen Themen, die Ms. Atwood aus dem Hut zaubert, sind nicht unbekannt. Eine Pandemie ist ein Szenario, welches schon viele Schriftsteller beackert haben. Und doch hat die Autorin auch Neues zu bieten, manchmal etwas versteckt, doch immer sehr pointiert und ironisch. So streift man mit ihr durch allerlei gezüchtetes Getier, welches dann als Kassenschlager oder Ladenhüter endet, isst Hühnerbrüste, die noch nie ein Huhn gesehen haben und ganz viel Soja. Genforschung und Biotechnik sind ihre Themen und sie stellt ganz offen die Frage, wie viele maßgeschneiderte Pflanzen, Tiere, Menschen diese Welt verträgt. Ob die Welt denn noch die Welt ist, wenn der Mensch alle Krankheiten besiegt hat, wenn er unsterblich ist, wenn er den Tod besiegt. Wenn die Menschheit nicht mehr Mensch ist, sondern all ihrer Menschlichkeit beraubt wurde. Doch schon jetzt gibt es im Buch mehr als genug Menschen, zu viele Menschen für die vorhandene Nahrung, Klimakatastrophen und Missernten, Dürren und Hungersnöte. Und das sind nur die Naturkatastrophen, von den menschlichen ganz zu schweigen. Doch auf die geht die Autorin nur wenig ein, so lebt Jimmy in seiner Zeit weitestgehend von Plebsland, von den „normalen“ Menschen, abgetrennt, in einer besseren Welt. Und die Konzerne beschäftigen Leute wie ihn, die mit markanten Sprüchen ihre Produkte – ob nun neue Haut oder besseres Leben – an den Mann bringen wollen, um jeden Preis. Und dafür wird geforscht bis zum Tod.

Fazit:
Eine höchst kritische Sicht auf die Zukunft der Forschung verpackt die Autorin in eine erzählend packende Geschichte, die allerdings ein wenig Anlauf benötigt. Dies mag allerdings verständlich sein, so ist dies doch erst der erste Teil der Maddaddam Trilogie.

 


Weitere Meinungen zum Buch:
Katha vom Blog Buntes Tintenfässchen / Svenjas Bookchallenge: “ Das Gegenwärtige geschehen wirft mehr Fragen als Antworten auf und kann nur entschlüsselt werden, wenn man die Vergangenheit kennt, die jedoch nur puzzleteilartig aufgelöst wird. Das macht es zu einem zunächst verwirrenden, aber faszinierenden Leseerlebnis.“
Nicole vom Blog Zeit für neue Genres: „Margaret Atwood spielt mit den verschiedenen Erzählsträngen, hält den Leser mit gerade so viel Informationen an der Stange, dass man nicht ganz orientierungslos davon treibt und vereint die Fragmente letztendlich leise zu einem ausgefallenen, doch bestürzenden, Trilogie-Auftakt, der einem sofort nach dem 2. Band greifen lässt.“
Eva vom Blog Thelostartofkeepingsecrets: „Margaret Atwood, von der ich bisher nur „A Handmaid’s Tale“ kenne, da ich den Roman im Englischunterricht lesen musste, hat mit „Oryx und Crake“ eine spannende und unheimliche Dystopie geschrieben, in der Oryx, die wichtigste Frau des Geschehens, als ewige Projektionsfläche der Männerfantasien herhalten muss und nicht nur deshalb an Wedekinds „Lulu“ erinnert.“


Bibliographie:
Margaret Atwood – Oryx und Crake
Verlag: Berlin Verlag
Übersetzung: Barbara Lüdemann
379 Seiten
ISBN: 978-3833309632


 


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Reblogged: Philip K. Dick – Der dunkle Schirm — WortGestalt-BuchBlog

Der heutige Beitrag des gemeinsamen Blogspezials zu dystopischer Literatur befasst sich mit Philip K. Dicks „Der dunkle Schirm“. In Phillys Beitrag auf WortGestalt-BuchBlog findet ihr nicht nur die Rezension zum Buch, sondern ähnlich wie ich diese Frage vorgestern in meiner Rezension zu „Clockwork Orange“ aufgeworfen habe, auch die Frage: was ist eigentlich Dystopie? Umso mehr wir durch die Bücher unseres Blogspezials wandern, umso mehr hinterfragen wir die Genreeinordnung. Bitte gerne mitdiskutieren!

 

Es ist gar nicht so einfach, meine Eindrücke zu Philip K. Dicks Roman »Der dunkle Schirm« mit Worten zu fixieren. Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich den Roman in all seiner Tiefe durchdrungen habe. Im Zweifel ist die Antwort ein klares Nein. Ich denke, mir fehlte ein Gesamtgefühl für die Thematik, die Zeit […]

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Abgefahren: Clockwork Orange – Anthony Burgess

„Clockwork Orange“ war ein Buch, welches ich mir extra für das Dystopie-Special gekauft habe, denn die meisten anderen Bücher befanden sich schon in meinem Regal. Zwar war mir Clockwork Orange ein Begriff, aber ehrlich gesagt hatte ich keine Ahnung, worum sich die Geschichte drehte und schon gar nicht, dass es einen dystopischen Charakter hat. Um schon mal ein wenig vorzugreifen, bin ich mir bei diesem Buch auch ehrlich gesagt unsicher, ob ich es dort jetzt noch einordnen kann.

Alex und seine Droogs
Veröffentlicht wurde das Buch 1962 und soll sich ungefähr 40 Jahre später abspielen. Alex ist zumindest in weiten Teilen ein Jugendlicher, wie man ihn sich vorstellt: keine Lust auf Schule oder Arbeit, dafür wird lange geschlafen und nachts zieht Alex, gemeinsam mit seinen Droogs (= Freunden), um die Häuser, quatscht Unsinn, trinkt, nimmt Drogen. Doch die Gewaltbereitschaft von Alex und seinen Droogs ist wesentlich höher als beim „normalen“ Jugendlichen und so schaffen es die Jungs in einer Nacht mehrere Straftaten zu begehen: Überfall, Einbruch, Diebstahl, Vergewaltigung, Mord.

„,Man fühlt sich richtig dobbi, nach so was‘“ (S. 23)

NADSAT
So weit, so gut, doch allerdings ist es nicht so einfach, überhaupt so weit zu lesen und den ersten Teil, der insgesamt drei, aus denen das Buch besteht, zu schaffen. Der Grund dafür ist die von den Jugendlichen genutzte Ausdrucksweise, welche NADSAT genannt wird. Diese bedient sich hauptsächlich aus dem Russischen und so steht NADSAT für Teenager / Jugendliche  – die Zahlen 11 bis 19 im Russischen enden anscheinend auf -nadsat, was man dem umfangreichen und auch reichlich nötigem Glossar entnehmen kann. Am Anfang habe ich wirklich oft in dem Glossar geblättert, klar, irgendwann wiederholen sich die Wörter, aber anfangs gab es Sätze, diehabe ich ohne das Glossar gar nicht verstanden. Sehr umständlich, tatsächlich hätte ich mir in diesem Buch – wenn auch ungewöhnlich außerhalb der Fachliteratur – Fußnoten gewünscht. Aber irgendwann wird das genaue Wort auch nicht mehr so wichtig, wenn man den Sinn erkennt und so wurde das Nachschlagen – zum Glück – weniger. Die Jugendlichen mischen das NADSAT mit einer antiquierten Sprechweise, die äußerst höflich klingt und somit eine sehr seltsame Kombination bildet.
Ein kleiner Rat noch am Rande – wer die gleiche Version wie ich besitzt, sollte auf das Vorwort verzichten, es sei denn, er möchte die Handlung schon komplett in Kurzform erklärt bekommen.

„Unsere Taschen waren voll Deng, und unter dem Gesichtspunkt, noch mehr Strom zu krasten, wäre es nicht wirklich nötig gewesen, irgendeinen alten Veck in einer Seitenstraße zu toltschocken und ihn in seinem Blut schwimmen zu sehen, während wir die Einnahmen zählten und durch vier teilten, oder bei irgendeiner zitternden, grauhaarigen Titsa in einem Laden das Ultrabrutale zu machen und smeckend mit den Innereien der Geldschublade abzuziehen. Aber, wie es heißt, Geld ist nicht alles.“ (S. 15-16)

Aktualität
Autoren von Dystopien greifen oft aktuelle Themen auf und entwickeln diese weiter, überlegen sich wie dieses Thema sich in der Zukunft verhalten könnte. Und man kann recht klar sagen, dass Burgess zutiefst besorgt über die Entwicklung der Jugendlichen seiner Zeit war und eine weitere Verrohung und Ungehorsamkeit voraussah. Damit liegt er wohl mit allen Erwachsenen, allen Eltern jeder Generation in Einklang, denn Kinder und Jugendliche loten ihre Grenzen aus, egal in welcher Generation oder in welchem Land. Nichtsdestotrotz hat Burgess mit seiner Vision der Jugend in der Zukunft nicht ganz danebengelegen. Immerhin gibt es schon Gegenden auf die es zutrifft, dass man sich dort abends nicht mehr hin trauen kann, schon gar nicht alleine. Auch die Gewaltbereitschaft der Jugendlichen hat zugenommen. Die eindrücklichste Szene, die mir hierbei in den Kopf springt, sind die Jugendlichen oder jungen Männer, die ohne jeglichen Grund eine Frau die Treppe hinunter schubsen. Sind wir also dort angekommen, wo Burgess uns sieht? Sind unsere Jugendlichen diejenigen, die eigentlich die Kontrolle haben und uns Erwachsene mit Angst und Gewalt beherrschen? Ganz soweit mag es nun noch nicht gekommen sein, doch die Hemmschwelle liegt definitiv niedriger als sie es früher war.

Die Lösung?
Mit Besorgnis hat Burgess dies wohl betrachtet und versucht eine Lösung zu finden. Dabei stellt er eine zutiefst philosophische Frage: ist es besser das Gute zu erzwingen oder die Entscheidung für das Gute, welche nur freiwillig getroffen werden kann? Im Buch landet Alex im Gefängnis und wird für die „Ludovico“ Methode ausgewählt, eine Konditionierung, die ihm zukünftig Schmerzen zufügen soll, wenn er daran denkt, Gewalt auszuüben. Die Konditionierung ist nichts anderes als Folter, die Alex aber tatsächlich „heilt“, nicht nur von Gewalt, sondern auch von einer seiner wenigen guten Seiten, seiner Liebe zu klassischer Musik.

„Menschliche Güte ist etwas, für das man sich entscheidet, das man für sich selber wählt. Wenn ein Mensch nicht mehr wählen kann, dann hört er auf, Mensch zu sein.“ (S. 105)

Böse bleibt böse – oder?
Das Experiment – wie sollte es auch anders sein – misslingt, so dass sich eben die Frage stellen lässt. Kann jemand von Grund auf böse sein? Kann er zum Guten konditioniert werden?  Kann das Böse geheilt werden? Und wenn das Böse geheilt wird, wenn jemand gut ist – geht er dann nicht unter? Wenn der Rest der Gesellschaft doch immer noch böse ist. Burgess reißt tatsächlich im letzten Kapitel das Ruder komplett herum und deutet an, dass Jugendliche aus dieser Bösartigkeit auch herauswachsen können.

Meisterwerk
Abschließend muss ich mir nun schon die Frage stellen, ob Burgess „Clockwork Orange“ denn nun tatsächlich in die Kategorie Dystopie gehört. Schwierig zu beantworten, denn noch bin ich nicht soweit, mein komplettes Fazit aus dem Spezial zu ziehen, doch bisher ist es wohl das Buch, welches ich am wenigsten dazu zählen würde und doch…. Na ja, ich brauch noch ein wenig für mein Fazit. Leider muss ich aber auch sagen, dass es das Buch war, welches mir am wenigsten Spaß gemacht hat. Es war schwierig zu lesen und auch recht philosophisch. Das letzte Kapitel lässt einen dann ratlos zurück, denn so ganz mag ich der urplötzlich auftauchenden Vernunft nicht trauen.
Wer mag kann sich hier übrigens die Verfilmung ansehen, von Kubrick, einem Meister seines Faches. Mir hat ein kleiner Ausschnitt, den ich mir angesehen habe, allerdings gereicht. Mehr muss nicht sein.

Fazit:
Nicht ganz einfache Lektüre mit philosophischem Hintergrund, die mich leider die Haare raufen ließ. Das Glossar ist unverzichtbar, um überhaupt Alex zu verstehen. Doch Verständnis oder gar Sympathie kann man dem Jugendlichen tatsächlich nur wenig entgegenbringen. Zusammenfassend kann man es wohl unter einen Begriff: abgefahren!

 


Weitere Meinungen zum Buch:
Marc auf Lesenmachtglücklich: „Lässt man sich darauf ein, bekommt man ein Stück literarisches Zeitzeugnis geboten und gehört definitiv zu den Büchern, die man zumindest in Ansätzen gelesen haben sollte.“
Jari auf Jaris Büchergebrabbel: „„Clockwork Orange“ ist eine Grenzerfahrung.“
Eva auf Thelostartofkeepingsecrets: „Burgess ist eine fesselnde Dystopie gelungen, in der die Gewalt des Staates gegenüber dem Individuum thematisiert wird.“


Bibliographie:
Anthony Burgess – Clockwork Orange
Verlag: Heyne
Übersetzung: Walter Brumm, neu überarbeitet von Erik Simon
Vorwort von Tom Shippey (übersetzt von Erik Simon)
236 Seiten (inkl. Vorwort und Glossar)
ISBN: 978-3453164130


 


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Reblogged: Ray Bradbury – Fahrenheit 451 – WortGestalt-BuchBlog

Warum Philly heute aus der Reihe tanzt, erfahrt Ihr in ihrer Rezension zu Ray Bradbury’s „Fahrenheit 451“, dem nächsten Meilenstein in userem gemeinsamen Blogspezial zu Dystopischer Literatur. Hier geht es heute nicht nur thematisch um die Medien Buch und Film, sondern auch Philly hat sich hier passenderweise beiden zugewendet.

»Fahrenheit 451« gehört zu den populärsten Werken im Bereich der dystopischen Literatur. Und doch vermochte es mich nicht so zu begeistern, wie man es angesichts seines Stellenwertes erwarten könnte. Ich fand den Roman keineswegs unanregend, im Gegenteil, inhaltlich hat er es mir sehr angetan. Nur das Erzählerische, die Umsetzung der ansich sehr großartigen Grundidee, damit […]

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Heil den Nummern: Wir – Jewgeni Samjatin

„Alle jene, die sich fühlen, sind sich ihrer Individualität bewusst. Doch nur das entzündete Auge, der verletzte Finger, der kranke Zahn machen sich bemerkbar, das gesunde Auge, der gesunde Finger, der gesunde Zahn scheinen nicht vorhanden zu sein. Man ist also bestimmt krank, wenn man sich der eigenen Persönlichkeit bewusst wird.“ (Pos 1462)

98 Jahre alt, aber kein Staub vorhanden
Wie viel Zeit muss vergehen, bis eine Gesellschaft vergisst, welche Werte und Traditionen früher herrschten? Wie viel Propaganda muss produziert werden, um historische Fakten für immer ins Gegenteil zu kehren? Wie viele Mauern müssen hochgezogen werden, um sich vor der Fremde zu schützen? Wie gläsern muss die Gesellschaft werden, um sicher zu sein? Wie viel Individualität muss man abgeben, damit man eine Nummer ist?
Fragen, die wir uns heute stellen – oder?
Doch mit dem vor 98 Jahren erschienenen „Wir“ des russischen Autors scheinen diese Fragen gar nicht so neu, fast schon beunruhigend visionär, so dass einem ein Schauer den Rücken herunter rinnt.

„Heil dem Einzigen Staat! Heil dem Wohltäter! Heil den Nummern!“ (Pos. 52)

Die Nummer
D-503 ist Konstrukteur im Einzigen Staat, der sich nach einem 200jährigen Krieg und der allerletzen Revolution, herausgebildet hat. Er ist beteiligt am Bau der Integral, einer Rakete, die fremde Rassen und Planeten über das „segensreiche Joch der Vernunft“ aufklären soll, sollten diese noch im „unzivilisierten Zustand der Freiheit“ leben. Die Menschen haben jegliche Individualität aufgegeben, sie sind Nummern. Die Häuserwände sind transparent, es herrscht vollständig Einsicht in jeglichen Bereich, natürlich nur zum Schutz. Die oberste Instanz ist der Wohltäter, wer aus dem Takt tanzt, stirbt auf dessen Maschine.

„Jeden Morgen stehen wir, Millionen, wie ein Mann zu ein und derselben Stunde, zu ein und derselben Minute auf. Zu ein und derselben Stunde beginnen wir, ein Millionenheer, unsere Arbeit, zur gleichen Stunde beenden wir sie. Und zu einem einzigen, millionenhändigen Körper verschmolzen, führen wir in der gleichen, durch die Gesetzestafel bestimmten Sekunde die Löffel zum Mund, zur gleichen Sekunde gehen wir spazieren, versammeln uns zu den Taylor-Exerzitien in den Auditorien, legen uns schlafen …“ (Pos. 170)

So einschränkend dies für unsere Ohren klingt, D ist glücklich in seinem Leben, liebt die Geradlinigkeit des Einzigen Staates. Nichts ist unberechenbar, alles geplant. Klar (eines seiner Lieblingswörter) wie die Mathematik. Doch dann begegnet er I-330. I ist anders, I ist aufregend, bringt sein Leben durcheinander. Und I ist Widerstandskämpferin. Sie zeigt ihm, was hinter der Mauer verborgen ist, die den Einzigen Staat umgibt.

„Der Mensch hat erst dann aufgehört, ein unzivilisiertes Geschöpf zu sein, als er die erste Mauer errichtete. Zum Kulturmenschen wurde er erst, als wir die Grüne Mauer erbauten und unsere vollkommene Maschinenwelt von dieser unvernünftigen, hässlichen Welt der Bäume, Vögel und Tiere isolierten.“ (Pos 1070)

Mauer, Glas und Gleichschaltung
Noch immer schüttelt es mich, wie prophetisch der Autor in seinem Roman Themen aufgreift, die heute aktueller sind denn je. Mauern werden uns als Schutz vor dem Fremden verkauft, doch beschränken sie uns in unserer Freiheit. Die Mauer „schützt“ die Nummern vor Pflanzen, Vögeln, Tieren, doch eigentlich verwehrt sie den Nummern die Freiheit, die Vielfalt, die Natur. D fühlt sich wohl in seiner geordneten Welt, doch seien wir ehrlich: er hat gar keine andere Wahl. Schon das Tagebuch, welches er verfasst, um die fremden Rassen über die einzig wahre Lebensweise zu unterrichten, gerät nach und nach zu einem höchst widerständlerischen Pamphlet, für welches er von den Beschützern verhaftet und getötet werden würde. So laufen alle im Gleichschritt und keiner kommt aus dem Takt, denn wehe dem, dem dies passiert. Gleichschaltung, dabei freundlich lächeln und frohen Mutes seine Aufgaben erledigen, zum Wohle des Staates. Noch nicht mal in seinen eigenen vier Wänden ist man für sich allein, sind doch die Hauswände gläsern und nur in den persönlichen Stunden und mit „Billett“ zur Zweisamkeit ist es erlaubt, die Vorhänge zu schließen.

Ist die Freiheit des Menschen gleich Null, begeht er keine Verbrechen. Das ist völlig klar. Das einzige Mittel, den Menschen vor dem Verbrechen zu bewahren, ist, ihn vor der Freiheit zu bewahren.“ (Pos. 434)

Atmosphäre der Angst?
Mitnichten, denn die Nummern leben schon so lange gleichgeschaltet, dass die meisten schon gar nichts anderes kennen. Ich weiß, ich darf keinen Mord begehen, denn sonst werde ich bestraft – die Nummern wissen sie dürfen keine aufrührerischen Gedanken aufschreiben, denn sonst werden sie bestraft, doch natürlich fehlt ihnen – im Gegensatz zu mir – jegliche Relation. Sie kennen es nicht anders. Eine diffuse Angst bleibt dennoch, denn selbst kleine Fehltritte werden mit dem Tode bestraft. Und doch ist es oberflächlich eine schöne Welt – ohne Krieg, Revolutionen, Krankheit, Religion.

„Das Wissen, das von seiner Unfehlbarkeit überzeugt ist, nennt man Glauben.“ (Pos 708)

Doch I-330 zeigt dem Konstrukteur eine andere Gesellschaft, einen Weg nach draußen, einen Weg zu Menschen. Und doch bleibt ihm letztendlich dieser Weg verwehrt. Eine Rückkehr zur Menschlichkeit ist zumindest dieser Nummer verwehrt.

Nordkorea, USA, und dann?
Unweigerlich drängen sich beim Lesen Vergleiche auf. Vor allem Nordkorea ist mir immer wieder in die Gedanken gesprungen. Ein Land, welches sich so vom Rest der Welt abschottet und deren Bewohner glücklich scheinen – doch schneidet man den Apfel auf, ist er wurmstichig. Und auch alle Mauern drängen sich in den Vordergrund – haben wir Deutschen unsere Mauer abgerissen, überlegen andere Staaten, Mauern zu bilden. Und da rede ich auch nur von physischen Mauern – die Mauern, die sich in mittlerweile zu vielen Köpfen gebildet haben, lasse ich mal außen vor. Erschreckend ist dieser Blick in die Zukunft und hat sich bei Weitem nicht als unrealistisch rausgestellt – wir mögen zwar noch nicht einem einzigen Staat dienen, doch Mauern, Gleichschaltung und gläserne Bürger haben wir heute durchaus.

„Der Tag der Einstimmigkeit hat natürlich nichts mit jenen ungeordneten, unorganisierten Wahlen unserer Vorfahren zu tun, deren Ergebnis nicht im voraus bekannt war. Es gibt nichts Unsinnigeres, als einen Staat auf blinde Zufälligkeiten zu gründen.“ (Pos 1557)

Fazit:
Ein faszinierend-realistischer, aber auch erschreckender Blick in eine Zukunft, die unserer Gegenwart gar nicht so unähnlich ist. Ein Blick in das Buch lohnt sich, auch wenn Ds Gedankenwelt hin und wieder philosophiert und träumt, denn die Parallelen zu heutigen Themen sind einfach unglaublich und bedrückend.

 


Fakten:
Das Buch gilt als Vorläufer zu den mittlerweile bekannteren Dystopien „1984“ (Orwell) und „Schöne, neue Welt“ (Huxley).Die vollständige Druckerlaubnis in Russland erhielt das Buch erst 1988, aufgrund der unerwünschten Kritik am Kommunismus. George Orwell hat eine Rezension zu „Wir“ geschrieben.


Bibliographie:
Jewgeni Samjatin – Wir
Verlag: fuxbau
Übersetzer: keine Angabe – weder im ebook noch auf der Verlagsseite
179 Seiten
ASIN: B00K8WY1UA


 


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Reblogged: E.M. Forster – Die Maschine steht still – WortGestalt-Buchblog

Schon über Hundert Jahre alt und trotzdem noch sowas wie von aktuell – bei Wortgestalt geht es heute um die Erzählung „Die Maschine steht still“ von E.M. Forster und was das mit Facebook, Twitter und Co. zu tun hat, könnt Ihr hier nachlesen:

Einen sehr faszinierenden Einstieg in die dystopische Literatur bietet die 1909 verfasste Erzählung »Die Maschine steht still« des britischen Schriftstellers E.M. Forster. In dem 78 Seiten starken Bändchen entwirft der Autor ein Science-Fiction-Szenario, das visionär und prophetisch wirkt, gerade wenn …..
Der Beitrag E.M. Forster – Die Maschine steht still erschien zuerst auf WortGestalt-BuchBlog.

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Blog-Spezial Dystopische Literatur – gemeinsam mit Wortgestalt

Mit großer Freude darf ich Euch heute endlich ein Spezial ankündigen, welches ich gemeinsam mit Philly von Wortgestalt-Buchblog vorbereitet habe. Es ist soweit – unser Blog-Spezial Dystopische Literatur beginnt!

Seit Wochen lesen, planen und diskutieren wir fleißig, denn das ausgesuchte Thema hat uns immer wieder vor Herausforderungen gestellt. Schon lange haben wir beide Lust, tiefer in das Thema Dystopien einzutauchen und waren mit Feuereifer dabei.

Dabei hatten wir nicht nur spannende und interessante Lesestunden, viel zum Nachdenken und haben unseren SUB geplündert, nein, wir haben uns auch immer wieder gefragt: Was ist eigentlich eine Dystopie? Was definiert das Genre? Gibt es Kriterien, die auf alle als Dystopie bezeichneten Bücher, zutreffen? Und wie hat sich das Genre im Laufe der Zeit verändert?

Die Antwort auf diese Fragen heben wir uns noch ein wenig auf und nehmen Euch erstmal mit auf eine Reise durch die Zeit. Wir haben die unterschiedlichsten Titel ausgesucht, die sich – zumindest nach unseren Recherchen – Dystopie nennen. Übermorgen geht es schon mit der ersten Rezension los und hier seht Ihr unsere gesamte Leseliste, auf deren Rezensionen Ihr Euch freuen dürft:

05.02.2018 E. M. Forster – Die Maschine steht still (Wortgestalt)
07.02.2018 Jewgeni Samjatin – Wir (Die dunklen Felle)
09.02.2018 Ray Bradbury – Fahrenheit 451 (Wortgestalt)
11.02.2018 Anthony Burgess – Clockwork Orange (Die dunklen Felle)
13.02.2018 Philip K. Dick – Der dunkle Schirm (Wortgestalt)
15.02.2018 Margaret Atwood – Oryx und Crake (Die dunklen Felle)
17.02.2018 Alan Moore / David Lloyd – V wie Vendetta (Wortgestalt)
19.02.2018 Cormac McCarthy – Die Straße (Die dunklen Felle)
21.02.2018 Margaret Atwood – Der Report der Magd (Wortgestalt)
23.02.2018 Dave Eggers – Der Circle (Die dunklen Felle)
25.02.2018 Juli Zeh – Corpus Delicti (Wortgestalt)
27.02.2018 Omar El Akkad – American War (Die dunklen Felle)
01.03.2018 Abschlussbeitrag

So, nun bleibt mir nur noch, Euch viel Spaß bei unserem Spezial zu wünschen. Wir hoffen natürlich, dass das Thema genauso Euer Interesse weckt wie unseres und wir freuen uns auf tolle Gespräche und Diskussionen mit Euch!


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Jugendlich: Wie Wölfe im Winter – Tyrell Johnson


Tyrell Johnson – Wie Wölfe im Winter
Verlag: HarperCollins
Übersetzer: Urban Hofstetter
350 Seiten
ISBN: 978-3959671323

 

 

 

 

Schon komisch, wie unterschiedlich doch Menschen, und ja, auch Protagonistinnen sein können. Erst vor ein paar Tage habe ich die Rezension zu „Am roten Fluss“ mit der 19jährigen Protagonistin Cash veröffentlicht und niemand würde auf die Idee kommen, dieses Buch mit den Worten Coming of Age zu kommentieren und Cash ist der Pubertät vermutlich schon entwachsen gewesen bevor sie sie überhaupt betreten hat. Im vorliegenden „Wie Wölfe im Winter“ ist die Protagonistin Lynn schon 23 Jahre alt, doch scheint sie noch mitten in der Pubertät zu stecken, was man deutlich an ihren Handlungen, aber auch Gedankengängen gut erkennen kann.

„An dieses eisige Eck im Yukon war ich doch total verschwendet.“ (Lynn, Seite 56)

Kann man das Ende der Welt denn nun zu Lynns Gunsten auslegen? Lässt sich ihre späte Entwicklung dadurch erklären, dass sie ein Kind war, als die Kriege begannen, die Atombomben flogen und die Welt begann unterzugehen? Oder dass sie erst in der Pubertät war, als die sogenannte „Asiatische Grippe“ eben nicht nur Asien auslöschte, sondern sich auf alle Kontinente verteilte und Lynns Familie in den Norden geflohen ist? Oder hätten nicht die nächsten Jahre, welche die Familie weiter in den Norden getrieben hat, in den Yukon, und sie dort zu Jägern und Selbstversorgern hat werden lassen, Lynn quasi ins Erwachsenenalter katapultieren sollen?

Na, anscheinend nicht. Auch wenn ich das logischer gefunden hätte. Denn Schicksalsschläge lassen Menschen altern, Erfahrungen schaffen Furchen und Falten im Leben. So ist Lynn, die tagsüber mit ihrem Bogen Tiere jagt und Fallen aufstellt, nicht so taff wie sie nach außen gerne erscheinen will, sondern ein Teenager geblieben. Und so ist denn auch der geheimnisvolle Fremde, der plötzlich in ihrer kleinen Siedlung auftaucht, in welcher sie seit Jahren fast nur mit Familienmitgliedern lebt, natürlich nicht nur als solches interessant sondern wird auch zum Objekt der Begierde. Wer mich nun ein Weilchen kennt, weiß, dass ich mit Liebesgeschichten in Krimis, Thrillern, Dystopien u. ä. nichts anfangen kann, aber es mag ja Leute geben, die das mögen und diese sind hier dann genau richtig aufgehoben.

Die Lektüre war kurzweilig und einfach, was ich im Coming of Age Bereich allerdings auch erwarte. Einen absoluten Pluspunkt verdient der Yukon, der als eisige und sehr spannende Kulisse dient und recht gut umgesetzt wurde. Der lange Winter, der kaum vorhandene Frühling sowie der Schnee ohne Ende werden mit Kleinigkeiten ergänzt, wie Kartoffeln und Karotten, die dem Boden in kurzer Zeit abgetrotzt werden, den drei übrig gebliebenen Tiere, die  auf Fleischernährung umgestellt werden mussten oder auch dem täglichen Jagen und Einlagern von Nahrung.

Im Übrigen verrate ich mit der Liebesgeschichte denn nun auch nicht zu viel, denn die ist so vorhersehbar wie Lynn noch in der Pubertät ist. Dies ist leider denn auch über weite Strecken für das gesamte Buch zu sagen, denn viele Überraschungen hält es für geübte Leser nicht bereit. Wem das alles nun gut gefallen hat, der kann sich auf weitere Teile freuen, denn das Ende ist so gestaltet, dass man locker eine Trilogie oder wahlweise auch noch mehrere Teile daraus stricken könnte. Mich konnte das Buch nun aber nicht überzeugen, so dass für mich die Geschichte abgeschlossen ist.

Fazit:
Hervorzuheben ist der Yukon, der eine spannende, eisige Kulisse bildet, doch ansonsten bietet das Buch nur eine Standard-Dystopie ohne Überraschungen, dafür mit einer noch sehr jugendlichen Protagonistin.

Andere Meinungen:
Und so ganz allein stehe ich denn nun nicht mit meiner Meinung, denn Iris vom Blog der Schurken meint in Ihrer Rezension: „Ohne mich. Einmal Yukon und zurück hat mir gereicht.“