Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction


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Gespalten: Die Geschichte der schweigenden Frauen – Bina Shah


Bina Shah – Die Geschichte der schweigenden Frauen
Verlag: Golkonda
Übersetzerin: Annette Charpentier
332 Seiten
ISBN: 978-3946503941

 

 

 

 

Die Geschichte spielt in einer nahen, fernen Zukunft in einer neu gebildeten Metropole im Südwesten von Asien: Green City. Nach einer Virusepidemie sind viele Frauen gestorben und die übrigen sollen für das Überleben der Gesellschaft sorgen, streng reglementiert und kontrolliert von der Obrigkeit. Hierzu werden den Frauen Ehemänner zugewiesen, manchmal nur einer, doch meist mehrere. Hier hat sich eine kleine Enklave gebildet, in welche Frauen, die diesem Schicksal entgehen wollen, fliehen können – die Panah. Um das Überleben zu gewährleisten, ihr Versteck geheim zu halten und Vorräte zu bezahlen, bieten die Frauen einen Dienst an: Intimität ohne Sex. Natürlich höchst illegal.

„Ich hatte auch an einem solchen Kurs teilgenommen. Wir sahen endlos Filme über Haushaltsführung und die Regeln der Kinderaufzucht. Sie glaubten, wenn sie uns >>Haushaltsingenieure<< und >>wissenschaftliche Mitarbeiter im Familienmanagement<< nannten, würden wir gutgläubig annehmen, diese >>Jobs<< entsprächen unserer Intelligenz und würden uns Selbstachtung verleihen. In Wirklichkeit war die Rolle der Gattin eine endlose Plackerei aus Waschen und Putzen und Füttern und Aufräumen, unterbrochen von unzähligen Schwangerschaften.“ (S. 111)

Ich fürchte, die Geschichte von Bina Shah muss den Vergleich zu Margaret Atwoods „Der Report der Magd“ über sich ergehen lassen – die Ausgangssituation ist einfach zu ähnlich. Eine futuristische Welt, nach Umweltkatastrophen und einem Virus, der die Anzahl der Frauen dezimiert, in der Hand einer „Obrigkeit“, die dafür sorgt, dass die Gesellschaft „überlebt“. Weder Atwood noch Shah zeigen viel von ihrer Zukunft, es wird ein Mikrokosmos beschrieben, die Welt aus Sicht der Protagonistin, wobei Shah hier tatsächlich weitergeht und verschiedene Personen zu Wort kommen lässt. Ihre Protagonistin ist Sabine und ihr Handlungsstrang dreht sich völlig um die Vorkommnisse, die Sabine zustoßen, doch die Perspektiven wechseln.

Green City ist eine Oase in der Wüste, streng überwacht durch die Obrigkeit mit Hilfe von Überwachung und Patrouillen. Mädchen werden dazu erzogen, gute Ehefrauen und Mütter abzugeben, ansonsten sollen sie am liebsten keinen Kontakt untereinander haben, nicht miteinander reden, schon gar nicht über ihre Situation. Heimlich kommunizieren sie aber doch, es gibt immer Mittel und Wege. Und ein paar wenige dieser Mädchen landen in der Panah, der Zuflucht, welche Ilona Serfati aufgebaut hat und die mittlerweile von ihrer Nichte Lin geleitet wird.

Ich habe lange darüber nachgedacht und ich denke immer noch darüber nach, ob die Zuflucht denn wirklich so viel besser ist als das Leben in Green City. Es nennt sich zwar Zuflucht, doch umsonst ist der Aufenthalt dort nicht. Die Mädchen und Frauen leisten Dienste, besuchen meist mächtige Männer, um mit ihnen Zeit zu verbringen, zu essen, sich anzukuscheln, das alles ohne Sex. Vermutlich können nur mächtige, reiche Männer sich diese Dienste leisten und soweit klappt das auch ganz gut, da sie keiner dieser Männer verrät. Ansonsten leben die Frauen ihre Tage so vor sich hin, in der Panah. Sie essen, sie pflegen sich, sie sprechen miteinander. Ich verstehe, dass der Zufluchtsort aufrecht erhalten werden muss und dafür Einnahmen vonnöten sind, aber wo bitteschön ist denn der Widerstand? Und ich rede noch nicht mal davon, das System von Green City aktiv anzugreifen. Noch nicht mal Gespräche darüber finden statt, keine Pläne werden diskutiert, es wird nicht mal versucht, Mädchen aus Green City rauszuholen – die Mädchen müssen schon selbst in die Panah finden. Das Leben in der Panah… plätschert so dahin.

Als Sabine dann in eine Notlage gerät, hat das weitreichende Auswirkungen auf die Panah. Doch auch hier scheinen die Frauen zum Nichtstun verdammt. Die Männer sind die Aktionäre, Männer, die immerhin nicht mit dem bestehenden System einverstanden sind, doch trotzdem Männer. Und dann, dann werden die Grenzen von Green City erreicht, die physischen Grenzen und man bekommt einen winzigen Einblick davon, dass es außerhalb von Green City noch etwas anderes gibt, doch die Autorin gibt uns Lesern keine Chance mehr herauszufinden, denn hier stoppt das Buch.

Als ich das Buch gelesen habe, war ich durchaus damit zufrieden. Die Geschichte hat mich unterhalten, wobei hie und da ein wenig mehr Spannung nicht geschadet hätte, die Ausgangslage war reizvoll und Sabine eine besonnene und kluge Protagonistin, doch je mehr und je länger ich darüber nachdenke, desto skeptischer werde ich. Dabei, um nochmal den Vergleich zu „Der Report der Magd“ zu ziehen, macht Bina Shah hier vieles ähnlich, denn auch Atwood verrät nicht sehr viel darüber, wie es zu der im Buch geschilderten Lage gekommen ist, wie das System aus verschiedenen Perspektiven funktioniert und lässt das Ende auch recht weit offen.

Doch bei Atwood gab es einen Unterschied: Widerstand. So gering er bei Atwood auch war, so klein er nur ausfallen konnte, so heimlich er gehandhabt werden musste. Er war da. Die einzige Widerstandshandlung, welche Bina Shah bietet, ist die Panah selbst, denn diese ist im System von Green City natürlich illegal. Und – Achtung Spoiler – nachdem man am Ende die Grenze von Green City sieht, verstehe ich einfach nicht, wieso die Panah nicht Frauen zur Grenze schleust und Hilfe und Unterstützung auf der anderen Seite sucht, anstatt sich an Männer zu verkaufen. Spoiler Ende. Bina Shahs Geschichte der schweigenden Frauen ist genau das – eine Geschichte der schweigenden Frauen.

Es ist ein passiver Widerstand, den die Frauen leisten, doch effektiv ist es so gut wie kein Widerstand, denn es fällt schlicht und einfach keinem auf, dass die Frauen verschwunden sind. Jedenfalls kommt das nicht zur Sprache – in einer Stadt, in der jeder kontrolliert wird, muss es doch auffallen, dass Frauen verschwinden. Ok, es wird bestimmt nicht an die große Glocke gehängt, schließlich muss man heucheln, dass das System unfehlbar ist, aber es muss doch Ermittlungen geben – oder?

Ach, ich bin einfach ein wenig unschlüssig. Aber ich werde noch lange über das Buch nachdenken und daran knabbern. Ich wende alles ständig von einer Seite zur anderen, überlege ob der Vergleich zu Atwood gerechtfertigt ist und ob das nun feministische SF-Literatur ist. Feminismus setze ich nicht gleich mit Schweigen. Feminismus ist für mich Aktion. Die kann klein sein, nicht jeder muss gleich ein System stürzen, aber es besteht aus Aktion, nicht Reaktion oder Passivität. Und ich denke darüber nach, ob ich, in einer westlichen Kultur groß geworden, dieses Buch, aus einer fernöstlichen Kultur geschrieben, einfach nicht verstehen kann. Einzig der Begriff der Parabel erscheint mir hier noch sinnvoll, denn sollte die aktuelle fernöstliche Gesellschaft hier angeprangert werden, so hoffe ich, dass durch das Lesen dieses Buches die Frauen dieser Gesellschaft sehen, verstehen und genauso daran zweifeln werden wie ich und zu der Erkenntnis kommen, dass Schweigen keinerlei Nutzen hat und keine Veränderung bringt. Es gilt die Parole: Aufstehen. Gegen rechts, gegen das Patriarchat, gegen die Beschneidung der Rechte der Frauen.

Fazit:
Eine tolle Grundidee, eine starke Protagonistin und ein flüssiger Schreibstil sind positiv hervorzuheben. Ein wenig  fehlen mir Details und Hintergründe sowie Spannung. Alle meine restlichen Gedanken sind gespalten, denn ich kann mich nicht festlegen, ob ich die passive Panah denn nun mag oder nicht. Als Parabel muss und sollte sie aber in Kulturen gelesen werden, in denen Frauen immer noch Schweigen (müssen) anstatt Widerstand zu leisten.

 


Am 04.06. ist ein Interview mit Bina Shah auf tor-online.de veröffentlicht worden, in dem sie ihre Intention schildert und das genau dieser leise, passive Widerstand von ihr so gewollt wurde. Ich finde das Interview sehr interessant und lesenswert – hier der Link:
https://www.tor-online.de/feature/buch/2019/06/leise-rebellion-interview-mit-bina-shah/