Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction


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Reblogged | Ryu Murakami – Piercing

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Weiter geht es heute bei Philly auf Wortgestalt-Buchblog in unserem gemeinsamen Blogspezial zu Kriminalliteratur aus Ostasien mit Ryu Murakamis „Piercing“. Ein Buch, welches mit weder optisch anspricht, noch dessen Klappentext mich überzeugen konnte so dass es bisher nicht in mein Regal eingezogen ist. Nachdem ich nun aber Phillys Meinung gelesen habe, muss ich das dringend überdenken, so beschreibt sie das Buch als Psychothriller, wie er sein muss. Keine platte Massenware, sondern tiefgehender, so tief, dass er wehtut. Aber gleichzeitig absolut großartig umgesetzt und extrem gelungen. Wie das geht? Das seht ihr hier in ihrer Rezension:

 

Endlich Ryu Murakami! Wollte ich schon so lange lesen, aber man kommt ja immer zu nichts. »Piercing« stand gefühlte Ewigkeiten in meinem Bücherregal, einige andere seiner Romane sind auf meiner Leseliste vorgemerkt. Der Autor und seine Geschichten interessieren mich, ganz Der Beitrag Ryu Murakami – Piercing erschien zuerst auf WortGestalt-BuchBlog.

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Die Kunst des Hotdogs: Der Sonnenschirm des Terroristen – Iori Fujiwara

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Man muss es einfach immer wieder erwähnen: kleine Verlage lassen mein Herz aufgehen. Mit welchem Herzblut die Verleger*innen und Mitarbeiter*innen Schätze ausgraben und gegen jede Widerstände veröffentlichen. Ich ziehe meinen Hut vor so viel Engagement, Leidenschaft und Einsatz bis fast zur Selbstaufgabe. Ähnlich wie der Litradukt Verlag von Peter Trier, der sich der karibischen/haitianischen Literatur widmet, ist hier nun der Cass Verlag vertreten, der sich der japanischen Literatur verschrieben hat. Hier hab ich nicht nur dieses Jahr “Dein Schatten ist ein Montag” für mich entdeckt, sondern nun auch “Der Sonnenschirm des Terroristen”. Konnte mich der erstere mit seiner humorigen Art überzeugen, ist der letztere ein ganz anders Kaliber, aber genauso gelungen und nur zu empfehlen. Aber fangen wir von vorne an.

Keisuke Shimamura ist funktionierender Alkoholiker. Wenn schönes Wetter ist, beginnt er den Tag mit einer Flasche, die er mit kleinen Schlückchen leert, in einem Park in Shinjuku, um dann abends die Bar zu öffnen und den wenigen Gästen Alkohol auszuschenken und Hotdogs zu servieren. Diese Routine rächt sich eines Tages, als nur unweit von seinem Stammplatz entfernt, eine Bombe hochgeht. Chaos, Verletzte, Tote. Shimamura macht sich auf die Suche nach einem kleinen Mädchen, welches ihn zuvor angesprochen hat, und kümmert sich darum, dass es medizinisch versorgt wird, doch dadurch hat er seine Kappe und die Flasche liegen lassen. Schon bald sucht die Polizei ihn, denn Shimamura ist nicht Shimamura und wird verdächtigt, da seine Fingerabdrücke zu einem Anschlag in den 70er Jahren passen. Shimamura bleibt also nichts anderes übrig als zu fliehen und die Terroristen selbst zu suchen.

Shimamura findet sich in einer klassischen Situation des Kriminalromans wieder: er ist der Hauptverdächtige, obwohl er das Verbrechen nicht begangen hat, und versucht, durch das Auffinden des eigentlichen Verbrechers, seine Unschuld zu beweisen. So weit, so gut. Er bekommt Hilfe, allerdings von unerwarteter Seite. Zum einen ist da Toko, die Tochter von Yuko Endo. Shimamura kennt Yuko aus Uni-Zeiten, genauso wie Kuwano. Alle drei haben damals Romanistik studiert und sich an den Studentenprotesten der 60er Jahre beteiligt. Yuko Endo stirbt bei dem Terroranschlag. Ein Grund, warum sich die Polizei noch mehr auf Shimamura als Täter konzentriert, andererseits findet so aber auch Toko zu ihm. Sie hilft Shimamura, auch wenn sie kaum etwas tun kann, doch letztendlich kommt der lösende Hinweis von ihr.

Die zweite Hilfe kommt von ganz unerwarteter Seite, denn das ist Shiro Asai, ein ehemaliger Polizist, der nun als Yakuza im Casino- und Geldeintreibergeschäft unterwegs ist. Warum der Yakuza in Shimamuras Bar auftaucht, löst sich erst am Ende, doch die Verbindung ist überraschend und klärt vieles nachträglich auf. Jedenfalls ist es fast schon Glück, dass der Yakuza Shimamura noch in der Bar trifft, denn kurz darauf gibt er diese auf und begibt sich auf eine Suche quer durch Tokio. Anstatt zu warten, bis die Polizei ihn schnappt, tritt er die Flucht nach vorn an. Die Bahn ist hierbei sein bevorzugtes Mittel und Shimamura fährt immer wieder kreuz und quer durch die Stadt, eben dahin wo die Hinweise ihn hintreiben, so dass man ein gutes Bild von Tokio bekommt. Er hat Kontakte zur Presse, aber auch zu der Obdachlosenszene, er weiß wo er ansetzen muss und kann trotzdem im Hintergrund bleiben.

Hinter Shimamura steckt sowieso mehr als man auf den ersten Blick denkt. Ich vermute, es passiert häufig, dass man Menschen, die einer bestimmten Gruppe zugehören, abstempelt. Doch jeder hat eine Vergangenheit, keiner hat als Obdachloser, Alkoholiker oder Drogenabhängiger angefangen. Und so ist es auch bei Shimamura, der eigentlich Shunsuke Kikuchi heißt. Seine Vergangenheit, und wie es zu dieser Situation gekommen ist, dass er sich einen anderen Namen zugelegt hat und quasi verschwunden ist, wird in Rückblenden betrachtet.

Shimamura war in den 60ern an den Studentenunruhen in Japan beteiligt. Linke Studenten demonstrierten gegen den Vietnamkrieg, gegen die Einmischung der US-Regierung, aber auch gegen die Umweltverschmutzung. Sie besetzten Häuser und wurden von konservativen Gruppen belagert und lieferten sich Kämpfe. Als sich die Unruhen dann abkühlen, beginnt Shimamura eine erfolgversprechende Karriere als Boxer, doch bevor es wirklich dazu kommt, geschieht das Bombenattentat, bei welchem er zufällig anwesend ist und welches ihm dann mit angelastet wird. Dies ist der Grund, warum Shimamura untertaucht, seine beginnende Profiboxer-Karriere sausen lassen muss und nach und nach dem Alkohol verfällt.

Shimamura ist Alkoholiker, schon ganz leicht zu erkennen an seinem Zittern, wenn er nicht einen gewissen alkoholischen Pegel erreicht, aber auch funktionierender Alkoholiker. Er ist nicht dumm, weiß sich zu wehren, aber auch wo seine Grenzen sind. Die Ermittlungen sind unaufgeregt und gelassen, trotzdem durchweg spannend und interessant. Es gibt literarisch eindrucksvolle Passagen oder Sätze, doch auch Action muss man hier nicht vergeblich suchen. Ich bin quasi durch das Buch geflogen und bin nun fast traurig.

Wissen muss man nämlich, dass der Krimi schon einige Jahre auf dem Buckel hat – was man ihm allerdings nicht anmerkt – doch der Autor mittlerweile schon verstorben ist. Er hat allerdings noch einige andere Bücher veröffentlicht und ich wünsche diesem hier (aber auch den anderen Büchern des Cass Verlages) ganz viele Leser, so dass weitere Bücher von Iori Fujiwara es in die deutsche Übersetzung schaffen. Der Krimi bietet eben nicht nur einen spannenden Kriminalfall, sondern auch einen Einblick in japanische Geschichte, in die japanische Kultur und das Seelenleben des Protagonisten. Manch einer mag sich ein Vor- oder Nachwort wünschen, um die japanische Geschichte nochmal auszuloten, doch seien wir ehrlich: der Krimi funktioniert auch ohne weitere Erklärung tadellos und für alles andere gibt es ja das Internet, so dass hier wirklich nichts gefehlt hat.

Fazit:
Ein ganz wunderbares Leseerlebnis, welches Kriminalfall und japanische Geschichte verbindet, garniert mit einem glaubwürdigen und überzeugenden Protagonisten. Ein kleines Schätzchen, welches der Cass Verlag hier ausgegraben und hervorragend übersetzt hat. Bitte unbedingt mehr davon!

 



Iori Fujiwara – Der Sonnenschirm des Terroristen
Verlag: Cass Verlag
Übersetzer: Katja Busson
352 Seiten
ISBN: 978-3944751153

 

 

 

 


 


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Reblogged | Masako Togawa – Der Hauptschlüssel

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Und weiter geht es heute bei Philly auf Wortgestalt-Buchblog, diesmal mit einer japanischen Autorin: Masako Togawa. Sehr sehr bedauerlich, dass ich es immer noch nicht geschafft habe, ein Buch der Autorin zu lesen, wo diese doch schon so lange auf meiner Wunschliste stehen. Nun, jetzt wird es aber nicht mehr lange dauern, denn bei Phillys Worten besteht nun kein Zweifel mehr: die Autorin muss gelesen werden! Seht selbst, wie großartig ihr „Der Hauptschlüssel“ gefallen hat.

 

Japan in den späten 1950er Jahren. Ein Frauenwohnheim in Tokio soll versetzt werden, um geplanten Straßenerweiterungsplänen nicht länger im Weg zu sein. Besser als ein Abriss, finden die Bewohnerinnen und stimmen den Bauarbeiten zu. Und während das Freilegen der Fundamente Der Beitrag Masako Togawa – Der Hauptschlüssel erschien zuerst auf WortGestalt-BuchBlog.

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Geschwür: Die Maske – Fuminori Nakamura

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Fumihiro Kuki ist ein Nachzügler. Seine Geschwister hat er noch nie gesehen, sie sind erwachsen und führen ihr eigenes Leben. Seine Mutter ist gestorben, sein Vater uralt und ignoriert ihn. Doch als Fumihiro elf ist, ruft er ihn in sein Zimmer und legt ihm den Plan seines Lebens vor. Er wurde gezeugt, um ein Geschwür zu sein, eine Wurzel des Bösen. Jemand, der Unglück über die Menschheit bringt. Eine Tradition in der Familie der Kukis, dass der letztgeborene Sohn zum Übel der Welt erzogen wird. Zugleich nimmt der Vater das Waisenmädchen Kaori auf und die beiden, Fumihiro und Kaori, wachsen wie Geschwister auf. Es kommt, wie es kommen muss, die beiden verlieben sich ineinander.

„Doch Vater irrte sich. Ich war bereits ein Geschwür. Das Spielzeugauto hatte ich nur mitgenommen, um ihn zu täuschen. In Wahrheit überlegte ich die ganze Zeit, wie ich ihn auslöschen könnte. Diese Pläne beschäftigen mich schon lange, jeden einzelnen Tag.“ (S. 15)

Mit einem klassischen Krimi hat „Die Maske“ nur wenig zu tun. Wollte man ihn einordnen, müsste wohl das Wort Noir fallen, japanischer Noir. Der Autor hat in Japan schon mehrere Bücher veröffentlicht, mit „Die Maske“ erscheint hier in Deutschland nach „Der Dieb“ nun ein zweites in deutscher Übersetzung. Während das erste noch melancholische Leichtigkeit ausstrahlte, zwischen Eleganz und Edelmut angesiedelt war, wird es hier düster. Es gibt hier keine Helden, keine zum Erfolg führende Ermittlung, keine Gewinner. Noir eben.

Fumihiro wird also zum Übel der Welt erzogen. Es scheint zuerst so, als würde es ihm wie vielen Sprösslingen reicher Familien gehen: abwesende und uninteressierte Eltern, in dem Fall der Vater, Erziehung erfolgt durch die Bediensteten. Es gibt viel Bildung, neben der normalen Schule, erhält er Einzelunterricht. Doch gleichzeitig mit Bekanntmachung seines Vaters tritt Kaori in sein Leben und er lernt Nähe, Sympathie, Liebe kennen. Welche ihm sein Vater bestialisch entreißt, als er vierzehn Jahre alt ist.

„Und wenn du vierzehn bist, zeige ich dir die Hölle“ (S. 13)

Die Geschichte beginnt in der Vergangenheit, auf dem Anwesen der Kukis und in Fumihiros Kindheit, pendelt dann zwischen Vergangenheit und Gegenwart, um in der Gegenwart zu landen und auszuklingen. Die Geschichte hat eine klare, oft kühle, manchmal poetische Sprache, die eindrückliche Bilder erzeugt. Der Fokus liegt auf Fumihiro, der sich als Erwachsener komplett verändert hat, quasi eine „Maske“ trägt, der immer noch in Kaori verliebt ist, und der versucht, kein Geschwür zu sein.

Ihm entgegen steht der Kuki-Clan. Nicht nur der Vater war ein Monster, seine Kinder stehen ihm in nichts nach.Wie weit der Clan bereit ist, zu gehen, zeigt sich in seinem Bruder, der an Kriegsgeschäften beteiligt ist: Rüstungsausgaben, Kriegstreiberei, Wiederaufbaugeschäftemacherei. Die Kukis lassen sich nichts entgehen, schüren bei Bedarf gerne nach. Wirtschaftliche und politische Interessen bestimmen ihr Handeln, zu keiner Bösartigkeit sind sie sich zu schade. Fumihiro soll das Sahnestückchen dieses Imperiums sein.

Doch Fumihiro möchte nicht. Die Frage ist aber: kann er dem überhaupt entkommen? Hat nicht schon allein das Gespräch, in dem ihm sein Vater seinen Plan mitteilt, ihn soweit beeinflusst, dass er seine Handlungen entgegengesetzt ausrichten kann? Welche Handlungen sind gut? Welche sind böse? Welche Handlung hat welchen Einfluss? Nicht immer kann man vorhersehen, welche Entscheidungen Geschehnisse negativ oder positiv beeinflussen. Führt Fumihiro also ein selbstbestimmtes Leben? Oder lebt er eine sich selbst erfüllende Prophezeiung? Sein Ziel ist es, Kaori zu schützen, auch wenn er in der Gegenwart keinen Kontakt mehr zu ihr hat. Er liebt sie, doch glücklich werden sie nicht werden. Das hat ihm sein Vater prophezeit und ob er daran glaubt oder nicht, die Geschehnisse in der Vergangenheit stehen zwischen Fumihiro und Kaori.

Nicht nebensächlich, aber doch nur als Streiflicht, taucht Kommissar Aida auf. Angelockt durch Fumihiros „Maske“, doch klug ist er, der Kommissar und lässt sich auch nicht abschütteln, taucht hier und da auf und bringt Unruhe in Fumihiros Leben. Überhaupt bevölkern die Geschichte kuriose Gestalten, neben dem kosmetischen Chirurg, der Fumihiro seine „Maske“ verpasst hat, ein Privatdetektiv, der vormals für seinen Vater gearbeitet hat, aber auch eine Terrororganisation tummelt sich um das „Geschwür“.

Natürlich beginnt das Buch mit einem Knaller – welcher Vater hat schon das Ziel, seinen eigenen Sohn zum jemand durch und durch Bösen zu erziehen? Die Kindheit und Jugend Fumihiros hat für mich keine Überraschungen beinhaltet, doch ganz anders ist dies in seinem erwachsenen Leben. Was ist Fumihiros Ziel? Wohin wendet sich die Handlung? Diese in der Gegenwart durchgängige Frage hat mich durch das Buch begleitet und ich weiß auch am Ende nicht, ob ich alles verstanden habe. Der Zweck, das Ziel – mir unbekannt. Einzig hoffen kann ich, das Fumihiro endlich, als er am Ende in das Flugzeug steigt, sein Leben gefunden hat.

Fazit:
Kann ein Buch eine leise Achterbahnfahrt sein? Wenn ja, dann ist dieses hier definitiv eine. Düster und noiresk, erschreckend und sacht, ohne Helden, aber mit Poesie erschafft der Autor einen nicht herkömmlichen, aber fantastisch eindrücklichen Krimi.

 



Fuminori Nakamura – Die Maske
Verlag: Diogenes
Übersetzer: Thomas Eggenberg
347 Seiten
ISBN: 978-3257244816

 

 

 

Rezension zum Buch bei Wortgestalt –> hier.


 

 


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Grundel und Knallkrebs: Unter der Mitternachtssonne – Keigo Higashino


Keigo Higashino – Unter der Mitternachtssonne
Verlag: Tropen
Übersetzerin: Ursula Gräfe
720 Seiten
ISBN: 978-3608503487

 

 

 

 

Japan – ein Land, welches ich literarisch noch kaum bereist habe. Somit wurde es längst mal wieder Zeit, dass ich zu einem Buch von einem japanischen Autor greife. Herausgesucht habe ich mir Keigo Higashino und seinen neuesten Krimi. Über 700 Seiten hat der Krimi und ein wenig länger hat die Lektüre gedauert, als das bei den sonst für einen Krimi eher üblichen 300-400 Seiten so ist. Doch denn Seitenzahlen kann man das nicht nur zurechnen, denn der Stil des Autors ist einfach ein wenig ruhiger. Ob das nun allgemein auf japanische Autor*innen zutrifft oder nur auf Herrn Higashino – das kann ich momentan noch nicht beurteilen, allerdings kann ich sagen, dass der ruhige Schreibstil keineswegs weniger Spannung verheißt.

Inspektor Sasagaki untersucht den Mord an dem Pfandleiher Kirihara. Dieser wurde in einem halb fertig gebauten und nie beendeten Haus von spielenden Kindern tot aufgefunden. Im Verdacht stehen nicht nur seine Frau und sein Angestellter, sondern auch Fumiyo Nishimoto, eine alleinerziehende Mutter, die öfters etwas bei Kirihara verpfändet hat. Doch letztendlich kann keinem die Tat nachgewiesen werden und der Fall erkaltet.  Sasagaki lässt der Fall jedoch nicht los und tatsächlich kann er sich mit den Jahren, die vergehen, zusammen reimen, wer den Pfandleiher getötet hat. Doch den Täter zu überführen ist eine andere Sache.

Nach dem ersten Kapitel, welches Sasagaki gewidmet ist, verschwindet dieser für mehrere Kapitel und Hunderte von Seiten. Die Geschichte wendet sich Yukiho, der Tochter von Frau Nishimoto, und Ryo, dem Sohn des Pfandleihers zu und hangelt sich entlang der Lebenswege der beiden. Niemals zusammen, immer getrennt wird ihr Lebensweg beleuchtet, denn die beiden leben in verschiedenen Welten. Doch es wird meist nicht aus ihrer Sicht erzählt, sondern aus den unterschiedlichsten Perspektiven. Sehr viele Personen tauche nach und nach auf – in einem Verlauf, der über zwanzig Jahre Zeit abdeckt, nicht ungewöhnlich. An die japanischen Namen muss man sich allerdings schon ein wenig gewöhnen, auch ich wusste nicht immer gleich, wer dies oder jenes nochmal war, doch man liest sich schnell ein, wenn dann der Faden der jeweiligen Lebensabschnitte vorgeführt wird.

Sasagaki ist ein ruhiger, nachdenklicher Charakter. Ich würde sagen, vergleichsweise kann man wohl skandinavische Ermittler heranziehen, allerdings ohne den ganzen depressiven Seelenmüll, den diese mit sich herumschleppen. Überhaupt erfährt man so gar nichts über das Privatleben des Inspektors, was ich als sehr angenehm empfunden habe. Auch die beiden Kinder/Jugendlichen/Erwachsenen – Yukiho und Ryo – bleiben sehr unbestimmt, man weiß gar nicht viel über sie. Das liegt natürlich zum einen daran, dass man sie durch die Augen anderer Personen kennenlernt, aber auch in der Absicht des Autors, denn es gilt eben die Geheimnisse dieser beiden Charaktere so lange wie möglich verdeckt zu halten. Ganz nebenbei serviert der Autor übrigens immer wieder feine Einblicke in japanische bzw. Weltgeschichte, wie Finanzkrisen oder auch die Entwicklung der Computerindustrie, bzw. die Entwicklung der Software Piraterie.

Der Stil des Buches ist ruhig und bietet keine aufregenden Effekte. Nachdem der Inspektor erst mal verschwunden ist, weiß man auch gar nicht so richtig, wie das Leben der beiden Kinder mit dem Mordfall zu tun hat, bzw. warum der Autor sich eigentlich vom Mordfall wegbewegt. Doch nach und nach mehren sich Kleinigkeiten, Begebenheiten und Geschehnisse, die einen stutzig machen, ohne je genannt zu werden. Nicht alle Mitmenschen haben Glück, wenn sie den Lebensweg der beiden kreuzen. Doch warum? Und sind dies nur Zufälle? Dem Autor gelingt es wirklich geschickt, diese Frage lange, lange offen zu halten und somit die Spannung immer leise, aber sehr kontinuierlich mitschwingen zu lassen. Und irgendwann taucht dann doch Inspektor Sasagaki wieder auf, kurz vor der Rente, angegraut und ohne jegliche Beweise. Aber mit viel Geduld und Beharrlichkeit – und immer noch auf der Suche nach dem Mörder des Pfandleihers.

Fazit:
Ein leiser, aber sehr feiner Krimi, dessen einziges „Manko“ wohl die für uns etwas ungewöhnlichen japanischen Namen sind, wenn man nicht ganz so oft japanische Krimis liest. Ansonsten: klare Leseempfehlung!


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Gewaltig leise: Der Dieb – Fuminori Nakamura

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Fuminori Nakamura – Der Dieb
Verlag: Diogenes
Übersetzer: Thomas Eggenberg
224 Seiten
ISBN: 978-3257069457

 

 

 

Japan – ein Ort, an den ich mich literarisch bisher nur wenig gewagt habe. Und die Ausflüge, die ich gemacht habe, stammten von nicht-japanischen Autoren. Somit ist Fuminori Nakamura tatsächlich der erste japanische Autor, von dem ich etwas gelesen habe. Manchmal muss man sich schon seiner blinden Flecken auf der Landkarte schämen – und das gilt auch in diesem Fall. Wenn ich überlege, wie lange ich gezögert habe, ob mir dieses Buch wohl liegen könnte oder nicht. Ein großer Fehler!

Der Dieb lebt in Tokio und verbringt seine Tage damit, reiche Leute um ihren Reichtum zu berauben. Taschendiebstahl ist sein Metier und er nimmt immer nur von den Reichen. Aber nicht um selbst reich zu werden, zwar kleidet er sich gepflegt und elegant, um nicht aufzufallen, doch er lebt einfach und zurückgezogen. Seine Hände sind geschickt, seine Finger machen sich lang und ziehen elegant Brieftaschen aus Jacken und Hosen, ohne dass der Bestohlene nur das Geringste ahnt. Diebstahl ist für den Dieb eine Kunst. Deshalb kann er auch gar nicht zusehen, als ein kleiner Junge im Supermarkt einige Dinge in einer Einkaufstasche verschwinden lässt, als ihn seine Mutter dazu drängt. Die Ladendetektivin hat ihn längst entdeckt und der Dieb warnt den Jungen. So beginnt eine seltsame Beziehung zwischen dem Dieb, dem Jungen und seiner Mutter, welche ihn angreifbar macht, als zur gleichen Zeit alte Bekannte auftauchen und ihn unter Druck setzen, um sich seine Fähigkeiten zu Nutzen zu machen.

In der Vergangenheit hat der Dieb gemeinsam mit seinem Lehrvater Ishikawa und den Bekannten, die ihn nun wieder heimsuchen, ein Haus überfallen, danach ist Ishikawa verschwunden. In Rückblicken erinnert sich der Dieb an die Geschehnisse, aber auch an eine verlorene Liebe. Der Dieb vermisst Ishikawa, ab und an denkt er, dass er ihn sieht oder fragt sich, wo er wohl ist. Der Dieb ist  einsam, doch das ist eine akzeptierte Tatsache, verbunden mit ein wenig Wehmut. Keine Angriffsfläche bieten, einfach dem nachgehen, was er am besten kann. Unauffällig sein, Taschen zu leeren, zu leben. So könnte es ewig weitergehen für den Dieb. Das ändert sich als er dem Jungen begegnet und quasi in die Fußstapfen seines Lehrvaters tritt. Die Geschichte scheint sich zu wiederholen.

Es ist ein leises Buch, ein nachdenkliches Buch. Man lebt und erlebt mit dem Dieb und scheint ihn doch nie ganz zu kennen. Er scheint nicht greifbar zu sein. Zugegeben, ein traditioneller Krimi ist das hier nicht. Und trotzdem zieht die Geschichte einen in den Bann, es gibt Diebe und andere Verbrecher, Tote und ein endgültiges Ende. Spannend, wenn auch leise spannend, mit Sogwirkung.

Immer wieder muss der Krimi darum kämpfen als Literatur angesehen zu werden. Dabei ist es so einfach. „Der Dieb“ ist ein Buch, dem das gelingt. Einfach, und auch leicht zu lesen, doch literarisch fantastisch, nicht hochtrabend, einfach ausfüllend. Ein Buch, das einen mitnimmt und nachdenklich macht. Und hier muss sich der Krimi nun wirklich nicht hinter der „hohen Kunst der Literatur“ verstecken, er selbst ist Kunst – und dabei unterhaltsam. So soll es sein.
„Der Dieb“ ist der erste Roman von Fuminori Nakamura, der ins Deutsche übersetzt wurde – ich denke doch, nun werden noch viele folgen!

Fazit:
Ein Krimi wie eine Sinfonie – sehr lesenswert!


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East meets West: Japantown – Barry Lancet

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Barry Lancet – Japantown
Verlag: Heyne
587 Seiten
ISBN: 978-3453437807
9,99 €

 

 

 

 

„Japantown“ war ein Thriller mit dem ich lange geliebäugelt habe. Angezogen hat mich vor allem der Gegensatz San Francisco / Japan, aber natürlich auch die fünf Leichen mit nur einer einzigen Spur am Tatort: einem Kanji. Nach der Lektüre kann ich sogar noch mehr Gegensätze aufzählen, die Jim Brodie, der Protagonist der Geschichte, darstellt. Er ist nicht nur zwischen Ost und West… hmm, zerrischen ist falsch, eher eingeklemmt, würde ich sagen, sondern er steckt auch zwischen zwei Jobs: dem als Kunst- und Antiquitätenhändler und dem Chef einer Security-Agentur. Beide Jobs hat er sozusagen geerbt: den Kunstverstand von seiner Mutter, die Agentur von seinem Vater. Verwitwet und zusammen mit einer kleinen Tochter ist er – nun sagen wir mal – gut beschäftigt.

Ab und an hilft er der Polizei auch mal, wenn es um Verbindungen zur asiatischen Kultur, vor allem natürlich Japan, geht, doch als er diesmal gerufen wird, ist es etwas ganz anderes als sonst. 5 Leichen – darunter 2 Kinder – finden sich in Japantown. Alle mit Schüssen hingerichtet. Und es gibt keine Spuren – bis auf ein Kanji, ein japanisches Schriftzeichen, welches seltsamerweise auch bei der Ermordung seiner Frau Mieko auftauchte. Jim beginnt nochmals mit der Recherche nach dem Kanji und gerät in einen Strudel, der ihn geradewegs nach Japan bugsiert…

Der Thriller spielt sowohl in den USA als auch in Japan und ich muss zugeben, dass mir die Teile in den USA viel besser gefallen haben. Vielleicht, weil ich das erwartet habe und überrascht war, als es auf nach Japan ging. Nichtsdestotrotz konnte ich einiges über Japan lernen und vor allem in die japanischen Gepflogenheiten reinschnuppern und mehr erfahren. Man merkt, dass der Autor etwas von Japan versteht, etwas von Kunst versteht, etwas von Kampfkunst versteht – dass er eben einfach Fachwissen gut verpack eingebaut hat und dem Leser ein Gefühl von Ost und West gleichermaßen vermitteln konnte. Es war sehr spannend geschrieben und es gab für Brodie – und den Leser – kaum Verschnaufpausen, so dass man eigentlich fast durchs Buch gehetzt ist. Na ja, ein wenig gestockt ist es bei mir bei dem japanischen Teil.

Jim Brodie ist ein sympathischer Kerl, sorgt sich zumeist aufopferungsvoll um seine Tochter, hat Sachverstand und viele Verbindungen. Überzogen waren die dargestellten Kampfkünste. Schon klar, dass er welche aufgeschnappt hat, als er in Japan war und diese von mir aus auch in den USA verfeinert bzw. bereichert hat. Doch ständig sagt ihm sein bester Mitarbeiter, dass er gegen die Soga (erklär ich gleich) keine Chance hat und letztendlich hat er die aber doch und macht sie fast im Alleingang nieder. Da mag ich doch eher die Helden, die nix können, aber sich pfiffig aus einer Situation herauswinden können. Superhelden gehören in Comics und nicht in Krimis und Thriller. Da erwarte ich dann schon ein wenig ausgefeiltere Charaktere und keine Klischees. Zumindest wenn es nach mir geht. ;-)

Komischerweise findet Brodie bei der jetzigen Recherche recht schnell eine Verbindung des Kanjis nach Japan in das Dorf Soga-jujo. Die dort ansässige, aber auch weltweit verteilte und operierende Bruderschaft hat mit den Morden zu tun. Genaueres möchte ich nicht verraten, doch zumindest muss ich die Soga erwähnen, damit ich erklären kann, dass mir das „too much“ war. Eine jahrhundertealte, geheime Bruderschaft von gedungenen Mördern mit allen möglichen Kampftechniken, Hightech-Ausrüstung und – natürlich – ohne Skrupel. Das war einfach ein bisschen zu viel des Guten. Auch hier würde ich wieder sagen: weniger ist manchmal mehr.

Und natürlich gibt es ein Happy End. Die Bösen sind vernichtet, die Guten siegen. Ob es wohl einen nächsten Teil mit Jim Brodie geben wird? Ich weiß nicht. Eigentlich finde ich es einen guten Abschluss und wie viele Krimis um einen Protagonisten mit Kriminalfällen in San Francisco, die nach Japan reichen, kann man schon schreiben und damit glaubwürdig bleiben? Schon bei diesem Teil fehlt ja mitunter an Glaubwürdigkeit, einfach durch die überzogenen Aspekte des Buches. Ein weiterer Teil dieser Art? Ich hoffe nicht – gerne lese ich aber einen weiteren Standalone von Barry Lancet und freu mich schon mal drauf. Auch wenn ich nicht weiß, ob es einen geben wird. ;-)

Fazit:
Gegensätze herrlich vereint, viel Wissen und harte Action treiben den Leser durch „Japantown“. Bis auf die Übertreibung in einigen Aspekten, war dieser Thriller ein großes Lesevergnügen. Von mir gibt es 4 Schafe.

4 Schafe