Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction


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Französisch: Makabre Machenschaften am Boul‘ Mich‘ – Léo Malet

Nestor Burma ist einer der großen Namen im Kreise der Privatdetektive, der mir auf meiner Leseliste noch gefehlt hat, deshalb wurde es nun langsam Zeit, dass ich in Léo Malets Reihe um den französischen Privatschnüffler mal hinein lese.  Seine Krimis werden im Kleinverlag DistelLiteraturVerlag in der Série Noire verlegt, doch auch der Verlag Edition Nautilus hat in den letzten Jahren zwei seiner Krimis neu aufgelegt. Zugleich gibt es von einigen Titeln eine Graphic Novel Version im Schreiber&Leser Verlag, doch dazu später mehr. Widmen wir uns nun also meinem ersten Nestor Burma, aber nicht dem ersten Nestor Burma der rund 30 Krimis, die Malet mit Nestor Burma geschrieben hat. Der vorliegende Titel gehört zu jenen 15 Krimis um Nestor Burma, in denen sich der Autor ganz speziell Paris gewidmet hat und so spielt jeder Teil in einem anderen Pariser Viertel. In diesem Teil widmet er sich dem Quartier Latin, dem 5. Arrondissement.

Nestor Burma harrt der Dinge in seinem Büro. Seine Assistentin Hélène glänzt durch Abwesenheit aufgrund einer Grippe, Fälle sind gerade auch nicht in Sicht, als er einen Anruf von Jacqueline Carrier erhält. Ihr Verlobter Paul Leverrier wurde tot in seinem Auto aufgefunden – Selbstmord. Mademoiselle Carrier will das aber nicht glauben und engagiert Burma, um herauszufinden was wirklich mit Paul geschehen ist. Nach einem Gespräch mit seinem Kumpel, Kommissar Faroux, und dem ermittelnden Inspektor Masoultre, ist er aber definitiv davon überzeugt, dass Paul sich selbst umgebracht hat. Um der jungen Frau die Leiden zu erleichtern, stürzt er sich dennoch in die Ermittlungen, auch wenn er höchstens hofft, die Gründe für den Selbstmord auszugraben. Doch dann stolpert er über einen Erpresser, mehrere Leichen und ein Familiengeheimnis.

Auch wenn Nestor Burma die deutlichen Anspielungen auf seine amerikanischen Vettern wie Philip Marlow und Sam Spade anzumerken sind – schon allein die Tatsache, dass eine junge, wunderhübsche Frau dem Privatdetektiv einen Auftrag erteilt – ist der Krimi so durch und durch französisch, dass es nicht verwunderlich ist, wenn einem nach der Lektüre bei nächstgelegentlicher Begegnung anderer Menschen ein Monsieur oder Mademoiselle heraus rutscht. Dazu trägt natürlich ganz immens die Beschreibung der Umgebung bei, denn Burma begibt sich in seinem Auftrag von Straße durch Straße und durchstreift das Quartier Latin ausgiebig. Man kann jetzt darauf hinweisen – so wie der angefügte Nachgang von Peter Stephan, der die Wege in Paris wohl abgeschritten ist – dass sich nicht alle Örtlichkeiten des Romans dort einfinden, wo der Autor sie in seiner Geschichte hingesetzt hat. Das mag Franzosen oder gar Pariser stören, mir ist es noch nicht mal aufgefallen und für mich war das Flair der Stadt greifbar. Zumal man sich ja auch nicht an den heutigen Begebenheiten stören darf, spielt die Geschichte ja in den späten Fünfzigern des vorigen Jahrhunderts. Lokalitäten, ein Kabarett, Wohnhäuser und Bars, gemeinsam mit seinen Streifzügen über Places und durch Rues geben den perfekten Hintergrund für die Geschichte und verleihen ihm die nötige französische Ausstrahlung.

Den kann allerdings auch Nestor Burma beisteuern. Er ist nicht ganz so wortkarg wie seine amerikanischen Vettern, weiß aber ein Schweigen gekonnt einzusetzen. Mit dem Gesetz nimmt er es auch nicht so genau, seine Ermittlungsergebnisse teilt er auch nur mit der Polizei, wenn er gezwungen wird, so dass man wohl von einer Hassliebe sprechen kann. Und auch wenn er um die junge Dame immer wieder höchst besorgt ist, kann er nicht ganz verheimlichen, dass der Fall ihn irgendwann packt, da einfach zu viele Ungereimtheiten auftauchen. So klappert er nach und nach Leverriers Freunde, seinen Vater und Van Straten, einen Magier und Scharlatan, der mit Leverrier bekannt war, ab und findet nach und nach nicht nur den Grund für Leverriers Selbstmord, sondern noch einige weitere Verbrechen. Dabei stellt er sich immer so geschickt an, dass er Minuten vor den Flics (= den Polizisten) den Ort des Geschehens betritt und diese bedröppelt da stehen lässt. Noch nicht mal die asiatische Grippe haut den Schnüffler aus den Socken, nach einer Rosskur begibt er sich wieder fleißig ins Quartier Latin, doch auch er muss Gott – oder an wen auch immer er glaubt – für einiges an Glück danken, zumindest einer brenzligen Situation entkommen zu sein.

Einige Anmerkungen finden sich im Buch, für mich, der noch nie in Frankreich war und auch bisher wenig Interesse daran gezeigt hat, könnten es sogar ein paar mehr sein, dafür findet sich im Anhang ein Straßenverzeichnis und der Rundgang von Peter Stephan. Am passendsten ist aber der Kartenausschnitt, der sowohl das Innencover vorne und hinten ziert und auf dem man alle Wege Burmas selbst nachvollziehen kann. Wie so viele Klassiker liest sich auch dieser Krimi ein wenig ungelenk, heutzutage schreibt man Krimis mehr auf den Leser zugeschnitten. Und damit meine ich nicht die Anspielungen auf französische Namen oder ähnliches, sondern einfach eine etwas angestaubte Sprache. Das hindert natürlich nicht am Lesegenuss, soll aber doch erwähnt werden. Und auch wenn das Französische auf jeder Seite des Krimis spürbar ist, kann man den Hardboiled Einschlag der amerikanischen Vorbilder nicht wegdiskutieren. Doch genau diese Kombination macht diesen Krimi zu etwas Besonderem.

Abschließend habe ich mich noch der Lektüre der Graphic Novel „Bambule am Boul‘ Mich‘“ gewidmet. Die Geschichte ist natürlich die gleiche, doch mit weniger Worten dafür eben den aussagekräftigen Zeichnungen von Nicolas Barral versehen. Passend zu einem Krimi sind die vorherrschenden Farben eher düster, die Zeichnungen aber klar und prägnant. Nicht aufdringlich aber deutlich tritt das Paris der früheren Jahre auf, manchmal nur schemenhaft im Hintergrund angedeutet, aber trotzdem gut zu erkennen. Wer sich also ein wenig schwer tun sollte mit der sperrigen Sprache des geschriebenen Krimis und mit Graphic Novels etwas anfangen kann, der sollte unbedingt zu dieser Ausgabe von Leo Malets Krimi rund um den Boulevard St. Michel greifen.

Fazit:
In perfekt inszenierter Atmosphäre im Pariser Quartier Latin rettet der Privatdetektiv Nestor Burma eine junge Frau vor ihrem Herzschmerz und stößt dabei auf Leichen und Verbrechen. Hardboiled par excellence – auf französische Art!

 



Léo Malet – Makabre Machenschaften am Boul‘ Mich‘
Verlag: DistelLiteraturVerlag
Übersetzer: Katarina Grän
216 Seiten
ISBN: 978-3923208869


Léo Malet – Bambule am Boul‘ Mich‘
Verlag: Schreiber&Leser
Übersetzung: Resel Rebiersch
Zeichnungen: Nicolas Barral
92 Seiten
ISBN: 978-3943808674