Die dunklen Felle

Krimis, Schafe – und Felle.


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Englischer Besuch: Mein Freund Maigret – Georges Simenon

Georges Simenon – Mein Freund Maigret
Verlag: Diogenes
Übersetzerin: Annerose Melter
203 Seiten
ISBN: 978-3257205060

Der Link führt zur maigret.de Webseite – ein direkter Link zum Buch auf der Verlagswebseite war leider nicht möglich, da das Buch momentan nur antiquarisch erhältlich ist.

 

Wenn man Proquerolles, welche Simenon genutzt hat, um dort seinen Krimi anzusiedeln, mal mit Google sucht erhält man wunderschöne Bilder von einer Ferieninsel an der Mittelmeerküste Frankreichs. Ein kleines Paradies, welches dazu einlädt eine Auszeit zu nehmen und die wunderschöne Landschaft zu genießen. Der Krimi ist allerdings zu einer Jahreszeit angesiedelt, als noch kaum Urlaubsgäste auf der Insel weilen, so dass der Kreis der Verdächtigen klein und überschaubar ist und zumeist aus Einheimischen besteht. Eine andere Funktion lässt Simenon der Insel nicht angedeihen, denn er tut einfach das, was er so wunderbar kann: er zeigt die Menschen.

Maigret ist genervt. Ein Engländer – Inspektor Pyke – wurde ihm an die Seite gestellt. Der soll die hoch gelobte Methode Maigrets studieren und diese mit nach England nehmen. Und eigentlich hält sich der Engländer vornehm zurück, doch auch das stört Maigret. Wer weiß schon, was der Insulaner so denkt? Zudem passiert gerade wenig, was es sich lohnt dem Engländer zu zeigen. Doch dann wird Maigret nach Proquerolles gerufen. Ein Mann, Marcel Pacaud, wurde ermordet – nachdem er in höchsten Tönen von seinem Freund Maigret geschwärmt hat. Dabei ist Pacaud ein Taugenichts, der denn auch hin und wieder im Gefängnis landete. Maigret hat sich allerdings um seine Freundin Ginette, eine Prostituierte, die an Tuberkulose erkrankt ist, gekümmert. Maigret macht sich, gemeinsam mit Pyke, auf nach Porquerolles, um den Mord zu lösen.

In Porquerolles trifft Maigret auf den eifrigen Polizisten Lechat, der ihm die Einheimischen, aber auch Zugreiste, die dauerhaft auf der Insel leben, bzw. auf Schiffen vor der Insel ankern, zum Verhör anreicht. Dieses Völkchen trifft sich abends in der Arche und hat Pacauds Lobeshymnen vernommen. Hier treffen sich die Ansässigen und die Aussteiger zum Abendessen und Trinken. Lechat führt Maigret alle zur Befragung vor und Maigret lässt es geschehen, um gut vor Pyke auszusehen, doch letztendlich kann er sich dann doch dazu durchringen, seinen Weg zu gehen. Er wandert über die Insel, unterhält sich hier und dort, manchmal mit Pyke als Anhang, aber auch mal ohne.

Die nebenbei geführten Gespräche bringen viel mehr als die Verhöre, die ja einen gezwungenen Charakter haben und schon per se von einigen mit Widerstand belohnt werden. Die Gespräche offenbaren Maigret nicht nur nach und nach das Motiv und den Mörder, sondern zeigen auch das gesellschaftliche Geflecht der Inselbewohner, ihre Gewohnheiten und Geheimnisse. Er zeigt die Menschen wie sie sind, ganz unterschiedlich, nie unfehlbar, immer eigen und einzigartig, selbst die Bedienung im Gasthaus. Und so bleibt Simenon seinem Stil treu und weiß damit doch zu bezaubern.

Ein Maigret Krimi ist wie ein Glas guter Wein – es spricht alle Sinne an und man muss es genießen, um das volle Aroma zu riechen und zu schmecken, man kann den Wein nicht einfach hinunter schütten. Es braucht Zeit, um sich zu entfalten, aber dann überzeugt es auf ganzer Linie.
So ist Simenons Stil und so ist auch Maigret. Auch er braucht eine Weile, doch dann ist er doch tatsächlich auch mit Pyke im Einklang und ganz in seinem Wesen wieder angekommen. Fragt er sich am Anfang ständig, was Pyke wohl denken mag, verliert sich das und er findet sich wieder, zeigt Pyke ganz unbewusst seine viel gerühmte Methode. Und überführt natürlich den Übeltäter. Bravo!

Fazit:
Ein Maigret, wie wir ihn kennen. Zwar bringt ihn der englische Besuch ein wenig aus dem Tritt, doch Maigret findet seine Methode wieder und weiß den Täter zu überführen. Ein wunderbares Buch – in einer traumhaften Kulisse, auch wenn diese nur im Hintergrund auftritt.

 


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Ein Schuss nach hinten: Kommando Abstellgleis – Sophie Hénaff


Sophie Hénaff – Kommando Abstellgleis
Verlag: carl’s books
Übersetzerin: Katrin Segerer
345 Seiten
ISBN: 978-3570585610

 

 

 

 

Manchmal verengt sich der Blick, wenn man zu viel liest. Dann sortiert man Bücher schon allein wegen ihres Covers oder Titels aus oder fliegt darüber hinweg ohne es überhaupt wahrzunehmen. Doch dann, entdeckt man das Buch bei einem Blog (so geschehen bei Wortgestalt) und liest die Rezension dazu und denkt sich, hey, das hört sich doch gar nicht schlecht an. Und just beim nächsten Besuch im Buchladen steht das Buch dann auch noch abwartend im Regal. Na klar, dass sich das Schmuckstück dann mit mir auf den Weg nach Hause gemacht hat. Von wegen Abstellgleis!

Und doch ist der Name des Buches gut gewählt. Denn dort landet Anne Capestan mit einigen anderen Polizisten, die nicht den Erwartungen der Chefs entsprechen. Da trifft sich der Säufer neben dem übereifrigen IT-Idioten, die Spielerin mit dem Pechvogel, der Überkorrekte mit dem Plappermaul – und allen voran steht Anne Capestan, einstiger Star der Truppe, die nach einem Schuss zu viel die Karriereleiter herunter purzelt und nun die Leitung dieser 40 Aussortierten übernehmen soll. Naaaa, keine Sorge. 40 Leute tauchen nie auf – nur so nach und nach tröpfeln ein paar Versprengte auf und wühlen sich durch die aussortierten Fälle der Abteilungen. Zwar aussortiert und weggestellt, aber durchaus motiviert macht sich die Brigade an die zwei Mordfälle, die sich in den aussortierten Akten finden lassen und rütteln einiges durcheinander.

Ganz klar sind die Charaktere das A und O des Krimis. Anne Capestan akzeptiert ihren neuen Job, aber stellt sich den ganz anders vor als die Chefs. Sie setzt sich ganz sicher nicht auf ihr Altenteil und akzeptiert ihre Mitarbeiter so wie sie sind. Sie weiß die Nachteile der Kollegen in Vorteile zu wandeln und wenn der direkte Weg nicht geht, wird eben improvisiert. Ihr Partner wird der Pechvogel José Torrez, der erst so gar keine Lust hat, sich aus dem Büro raus zu trauen, denn dies hat ihn schon mehr als einen Partner gekostet. Aber das interessiert Capestan nicht. Eva Rosière, die nach Erfolgen als Autorin und Drehbuchautorin wieder aktiv in der Truppe ist, kombiniert sie mit dem schweigsamen Lebreton, dem ehemaligen Ermittler der Internen. Dann gibt es noch Évrard, die noch einen Euro übrig hat, den sie nicht verspielt hat, ansonsten aber eine kluge junge Frau ist, ganz anders als Dax, der zwar jegliche Informationen aus dem Internet herausbekommen kann, doch man muss schon genau definieren, welche man benötigt. Capitaine Merlot (ja, genau, der Säufer) sorgt für Ablenkung und Orsini für den guten Kontakt zur Presse, Levitz für rasante Verfolgungsfahrten in ungewöhnlichen Fahrzeugen.

Mit all ihren Fehlern ist die Truppe höchst charmant und ganz gewiss nicht fehlerfrei, aber höchst sympathisch. Klar, ein paar Überzeichnungen lassen sich finden, doch die Truppe arbeitet erstaunlich gut zusammen, nachdem Capestan klar gemacht hat, dass das für sie keinesfalls ein Abstellgleis ist und jeder bei den Ermittlungen beteiligt sein soll. Sie weiß die Kollegen geschickt einzusetzen und zu lenken, so dass ihre Nachteile gar nicht weiter auffallen oder zumindest abgemildert werden.

Die beiden Mordfälle, sowie ein Drogendelikt, welche sich die Truppe heraussuchen erweisen sich als trickreich. Nicht anders zu erwarten bei abgelegten und nicht gelösten Fällen. Alle sind Cold Cases, doch die Jahre Abstand zur eigentlichen Ermittlung bringt auch Vorteile. Abstand, einen anderen Blick und veränderte Zeugenaussagen – Dinge, die man vorher nicht für wichtig gehalten hat, für nicht erwähnenswert. Und natürlich spielt der Kampfgeist der Truppe hier auch mit – die Aussortierten verbeißen sich in die Fälle. Und müssen feststellen, dass nicht nur fehlende Spuren die Fälle zu den ungelösten Fällen haben wandern lassen.

Fazit:
Alle aussortierten und ungewollten Polizisten in einer Abteilung? Ein Schuss nach hinten – zumindest für die Chefs. Für alle anderen ein Gewinn, denn Anne Capestan kann mit ihrer Truppe voll überzeugen. Ein witziger, charmanter Kriminalfall mit den Verlierern der Polizei. Was ein Vergnügen!


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15 Tage: Schwarzes Gold – Dominique Manotti

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Dominique Manotti – Schwarzes Gold
Verlag: Argument
Übersetzerin: Iris Konopik
384 Seiten
ISBN: 978-3867542135

 

 

 

„Die Enkelin eines südafrikanischen Milliardärs spielt mit einem alten Waffenschmuggler im Casino, vergewaltigt ihren Cousin, der ein Krieger ist und sich zu verteidigen wissen sollte, und verkauft einen zerrissenen Bettüberwurf für dreitausend Dollar an einen Freund der Familie. Ich komme da nicht mit.“ (S. 229)

Ich komme da auch nicht mit.
Dominique Manotti habe ich zum ersten Mal in „Ausbruch“ erlebt und fand das Buch grandios, als nächstes lief mir „Abpfiff“ über den Weg und trotz des für mich überhaupt nicht interessanten Themas Fussball, konnte mich die Grande Dame des Roman noir wieder für sich gewinnen. Nun also „Schwarzes Gold“, ein Krimi über Erdöl. Naaa, auch das Thema lockt mich jetzt nicht hinter dem Berg hervor, aber es ist eben ein Manotti. Da muss man schon mal vorab Freudensprünge machen, die man dann während und nach der Lektüre fortsetzt. Denn Manotti hat es wieder geschafft. Sie hat mir ein für mich völlig uninteressantes Thema in ihrem prägnant knappen Stil und mit einem jungen Daquin nicht nur näher gebracht, sondern so komplex und durchdringend erzählt, dass es mich jetzt noch erfreut zittern lässt.
Ich komme da nicht mit. Wie schafft sie das nur?

Commissaire Daquin ermittelt in seinem ersten Mordfall im Marseille: in Nizza wurde der bekannte Marseiller Geschäftsmann Maxim Pieri vor dem Casinoeingang mit zehn Kugeln niedergestreckt. In der Vergangenheit sagte man Pieri Kontakte zur Unterwelt nach und so vermutet die Staatsanwaltschaft eine Abrechnung. Doch zwei Tage später wird Pieris Stellvertreter erschossen und auch der Kapitän eines Frachters der Somar, Pieris Frachtunternehmen, stirbt kurz darauf. Daquin glaubt nicht an eine alte Abrechnung und beginnt in Pieris Privatleben, aber besonders in seinem Geschäftsleben zu schnüffeln. Doch Daquin, gemeinsam mit zwei ortsansässigen Ermittlern, bleiben nur 15 Tage Zeit, um das Rätsel zu lösen, da die Staatsanwaltschaft den Fall zu den Akten schieben will und ein Schnellverfahren eröffnet hat.

Commissaire Daquin ist mir schon aus „Abpfiff“ bekannt, auch zwei weitere Krimis mit ihm sind schon erschienen. Die Besonderheit diesmal ist, dass wir uns Anfang der 70er Jahre befinden und Daquin in Marseille seinen ersten Posten, nach Studium, Polizeihochschule und einem Jahr in Beirut, antritt. Die Stadt ist ihm fremd, nicht nur unter den Kollegen ist es ein Geklüngel, es scheint, als Fremder ist es ihm nicht möglich, in die Strukturen der Stadt einzutauchen. Grimbert und Delmas, die beiden ihm zugeordneten Marseiller Polizisten, beäugen ihn kritisch und er sie, doch letztendlich knobeln sie alle an dem Fall und keiner glaubt an die einfache Lösung des Staatsanwalts. Daquins Scharfsinn ist auch in jungen Jahren schon vorhanden, nur die Unkenntnis der Staat, der Verbrecher, die hier leben, die Art der Leute, behindern ihn solange, bis er Grimbert und Delmas vertrauen kann.

1973 – die French Connection wurde gerade zerschlagen, die erste Ölkrise kündigt sich an. Noch haben die „Sieben Schwestern“ die Macht über den Ölpreis, doch OPEC positioniert sich. Natürlich gibt es auch Klüngeleien nebenbei, jeder versucht ein Stückchen vom „Schwarzen Gold“ für sich zu sichern. Ein Firmengeflecht, welches ein amerikanischer Geschäftsmann aufgebaut hat, scheint undurchdringlich. Er jongliert mit Ländern und Geldern, die er nicht hat, er spekuliert und schachert. Wenn da mal der ein oder andere nicht hineinpasst, wird sich um das Problem schon gekümmert. Beim Geschäft mit dem Öl winken Millionen, ach was, Milliarden.
Ausgeklügelt und verschlungen sind die Pfade, die Manotti hier einbaut, mit Wissen und Geschichte der Wirtschaft und des Verbrechens der 70er gefüllt. Ein Verwirrspiel über südafrikanische Minen, Schweizer Banken und iranische Scheichs, im Zentrum Marseille und eine schöne Frau. Wissen und Geschichte, noir verpackt. Bitte mehr davon!

Fazit:
Ein komplexes Lesevergnügen, wirtschaftspolitisch brisant, literarisch kurz und prägnant. Ein Manotti eben. Unbedingt lesen!


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Ein unangenehmer Mann: Maigret und der Weinhändler – Georges Simenon (Hörbuch)

Weinhändler
Georges Simenon – Maigret und der Weinhändler
Verlag: Diogenes Hörbuch
Übersetzer: Hainer Kober
Gelesen von: Gert Heidenreich
ISBN: 978-3257802078
Laufzeit: ca. 4 Std. 38 Minuten

 

 

 

Der Weinhändler Oscar Chabut wird auf offener Straße niedergeschossen – direkt nachdem er ein kleines Stündchen mit seiner Sekretärin, von allen nur „die Heuschrecke“ genannt, in einem anrüchigen Etablissement verbracht hat. Kommissar Maigret, der gerade einen der dümmsten Diebe der Welt ausfragt, wird zu dem neuen Fall gerufen. Nach und nach durchleuchtet er das Geschäfts- und Privatleben des Weinhändlers und muss feststellen, dass Oscar Chabut ein recht unangenehmer Zeitgenosse gewesen ist. Doch auch die Befragten stellen eine bunte Mischung dar, die nach und nach enthüllen, wer der Täter ist.

Im Klassikerspezial letztes Jahr habe ich Maigret ja zum ersten Mal kennen gelernt und wollte unbedingt mehr von ihm lesen / hören. Nun war Simenon ja ein Vielschreiber und es gibt wahrlich genügend Bücher zum Aussuchen. Eher zufällig ist mein Blick auf das vorliegende Hörbuch gefallen – ein Hörbuch sollte es aber auf jeden Fall sein. Und ich bin wahrlich begeistert von Gert Heidenreichs Stimme. Sie passt perfekt zu Maigret und fängt die französische Atmosphäre vortrefflich ein. Selten habe ich eine so gut passende Stimme erlebt – Herr Heidenreich ist für die Maigret Fälle wirklich ein Gewinn!

In diesem Maigret Fall war für mich die Handlung greifbarer. Es gab einen Mord und ein Schuldiger muss gefunden werden. In seiner ruhigen aber bestimmten Art klappert Maigret das private aber vor allem das geschäftliche Umfeld ab und bleibt in dem Unternehmen hängen. Chabut war ein gemeiner Hund, der sich seinen Posten hart erkämpft hat. Nicht immer fair und – im übertragenen Sinne – Leichen pflasterten seinen Weg. Neben seiner Frau hatte er immer Affären, auch mit so ziemlich allen seinen weiblichen Angestellten, momentan ist es eben nur „die Heuschrecke“ gewesen.

Simenon porträtiert seine Charaktere äußerst sorgfältig und eindrücklich. Ich hab wirklich keine Ahnung mehr, wie die Dame hieß, aber nicht nur der Spitzname „Heuschrecke“ ist hängen geblieben sondern auch ihr Aussehen, ihr Wesen und ihre Beziehung zu Chabut. Und das funktioniert bei rundweg allen Charakteren, von der uninteressierten Gattin des Ermordeten, dem kleinen Buchhalter bis zu faulen Femme Fatale, dem ein Mann verfallen ist, der sich besser eine andere Frau gesucht hätte.

Das besondere Gewürz an diesem Teil der Maigret Krimis ist dieses: Maigret hat Schnupfen. Also, er ist erkältet. Mit Fieber, verschwitzen Kleidern und liebevoller Sorge seiner Frau. Er fühlt sich nicht gut, doch krank machen kann er auch nicht. Das Rätsel um den Weinhändler hält ihn fest und lässt ihn sich manch nächtliche Stunde um die Ohren schlagen. Die restliche Nacht schläft er aber wie ein Toter, nun gut, ein verschwitzter Toter. Sehr selten leiden Ermittler in Krimis an Krankheiten und selten habe ich es breit ausgetreten und trotzdem zurückhaltend erlebt. Die Ermittlung schreitet voran – aber abends wird Maigret gepflegt, derweil seine fiebrigen Gedanken doch noch an den Täter denken – und ihn letztendlich natürlich auch finden.

Fazit:
Ein Krimi, der mich darin bestätigt, immer mal wieder einen Maigret zur Hand zu nehmen. Ein kränkelnder, aber trotzdem nicht zu stoppender Maigret, der Aufruhr in der Pariser Gesellschaft und unter die Angestellten des Weinhändlers Chabut bringt. Hörenswert!


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Maigret und der gelbe Hund – Georges Simenon

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Georges Simenon – Maigret und der gelbe Hund
Verlag: Diogenes
Übersetzer: Raymond Regh
176 Seiten
ISBN: 978-3257238068

 

 

 

 

Bei Georges Simenon fiel es mir schwer, den Klassiker zu bestimmen. Und letztlich habe ich das auch nicht getan, da ich denke, dass es hier nicht einen Klassiker gibt, sondern Maigret an sich der Klassiker ist. Aktuell erschienen sind seine „Reisebücher“ und so machte ich mich mit Maigret auf in die Bretagne, genauer gesagt nach Concarneau, auf die Spuren des gelben Hundes.

Eines Abends macht sich der allseits beliebte Weinhändler Mostaguen auf den Heimweg von der üblichen Stammtischrunde – Le Pommeret, Dr. Michoux und Servieres, ein Journalist – im Hotel de l’Admiral und wird aus dem Briefkastenschlitz eines Nachbarhauses angeschossen. Als am nächsten Tag Maigret gemeinsam mit Inspektor Leroy zur Ermittlung erscheint geschieht schon das nächste Verbrechen: Strychnin im Pernod. Und so häufen sich die Verbrechen nach und nach – sogar ein Mord geschieht. Doch wer war es – und warum so viele verschiedene Verbrechen?

Um ganz ehrlich zu sein, war ich mit Maigret eine ganze Weile unzufrieden. Fast schon wie der Bürgermeister, der ihn ständig triezt, Ergebnisse zu liefern und nachzufragen, was er eigentlich den lieben langen Tag so macht. Warum tut der denn nichts? Er sieht sich alles an und schickt seinen Inspektor los, um hier und da Spuren einzusammeln (die er nie wieder anschaut), aber irgendwie passiert nicht viel. Also, es passiert schon einiges, nur Maigret rührt sich nur selten in Richtung Ermittlung.

„Sie werden entschuldigen, Herr Bügermeister, dass ich Sie bei meinen Ermittlungen nicht auf dem Laufenden gehalten habe. Aber als ich hier eintraf, wurde mir klar, dass das Drama erst am Anfang stand. Um seine Fäden zu entwirren, musste man ihm erst ermöglichen, sich zu entwickeln, und man musste dabei Schäden möglichst zu vermeiden suchen“ (S.171)

Da ist Kommissar Maigret schon sehr eigen. Lieber mal erst ansehen, etwas Essen oder ein Pfeifchen genießen und abwarten, was so geschieht. Es könnte ja nicht nur wichtig sein, es ist wichtig. Und so folgt der Leser Maigrets Auge, ohne seine Gedanken zu kennen. Er führt auch keine Befragungen durch, er unterhält sich einfach ein wenig, wenn er angesprochen wird, eher selten geht die Initiative von ihm aus. Er beobachtet und denkt. Ja, schon klar, in unserer heutigen Kriminalliteratur ist das nicht mehr oft gefordert, man darf doch recht häufig den Gedankenergüssen des Ermittlers folgen. Doch hier heißt es ruhig Blut (übrigens so ganz ohne Blut) und fesselt den Leser ganz einfach mit einer liebevollen Atmosphäre, genau ausgearbeiteten Figuren und der Frage: was denkt Maigret jetzt wohl, wer der Täter ist.

Zusätzlich ist das Buch durchzogen mit einer leichten, aber deutlichen Kritik an der oberen Schicht der Gesellschaft und einer sympathisierenden Darstellung der Arbeiter, kleinen Leute und Vagabunden. Für wen Simenons Herz schlägt ist glasklar und er hält der Gesellschaft der 30er Jahre einen Spiegel vor.

Derweil also Maigret grübelt, ist das ganze Dorf in heller Aufregung, die Verbrechen sich häufen und der Bürgermeister rot anläuft. Und es wird tatsächlich ein Verdächtiger gefunden – den Maigret mit einem müden Lächeln abtut. Der kann es nicht gewesen sein. Ach, und warum nicht? Nun, diese Erklärung bleibt uns Maigret schuldig, bis er am Ende des Buches in traditioneller Manier alle Beteiligten (und ja, auch den Bürgermeister) an einen Ort holt und die Geschichte entwirren lässt und selbst entwirrt.

Fazit:
Wer nur spannende Pageturner liest, der mag hier falsch sein. Wer aber feine Krimikost in traditioneller Art mit vielen versteckten Feinheiten schätzt, der wird an Maigret und seinen Fällen seine wahre Freude haben.

 

 

Dies und Das über Georges Simenon
Georges Simenon kam aus ärmlichen Verhältnissen, doch seine Berufswünsche waren vielfältig: vom Priester zum Minister, vom Offizier zum Mitglied der Académie Française. Letztendlich wurde er Gehilfe in einem Buchladen. Und dann Konditor. Privatsekretär und Reisebegleiter. Bevor er zur Schriftstellerei fand. Zuerst bei einer Zeitung, danach als Autor von Groschenromanen; frivolen Erzählungen en masse. Erst 1931 erblickte der erste Maigret Roman das Licht der Welt. Simenon ist ein Vielschreiber und ein Schnellschreiber. Er veröffentlichte weit über 200 Bücher, mehr als 80 Maigret Krimis – von der Menge der Erzählungen aus seiner Anfangszeit ganz zu schweigen. Meistens brauchte er für ein Buchmanuskript nur 8-10 Tage und Korrektur lesen wollte er nicht. Entweder sei der Text etwas geworden oder nicht – herum feilen wollte er nicht mehr. Wenn sich das jemand erlauben konnte, dann er, denn ein Maigret ist hohe Kunst – und das ganz ohne Korrektur.


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Kein einmaliges Phänomen: Tochter der Angst – Alex Berg

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Alex Berg – Tochter der Angst
Verlag: Droemer Knaur
344 Seiten
ISBN: 978-3426513194
9,99 €

 

 

 

Mit Alex Bergs neustem Werk habe ich mal wieder in den Randgebieten des Genres gewildert, denn sowohl die Autorin als auch ich würden das Buch als Spannungsroman bezeichnen. Das Thema hätte sich durchaus auch für einen waschechten Krimi/Thriller geeignet, doch die vorliegende Umsetzung kann da durchaus sehr gut mithalten und bietet auch noch ein brandaktuelles Thema: Flüchtlinge.

Marion, eine Ärztin in der Mitte ihres Lebens, in einer festgefahrenen Ehe und mit einem Job, der keine Herausforderungen mehr bringt, beschließt einen Einsatz mit „Ärzte ohne Grenzen“ zu wagen. Ein Jahr in einem Krisengebiet, ohne Mann, ohne Kinder, ohne sicheren Job, aber mit jeder Menge Herausforderungen. Als sie zur Vorbereitung nach Paris fährt und dort bei alten Freunden übernachtet, trifft sie auf das Flüchtlingskind Zahra. Zahra spricht nicht, doch nach und nach öffnet sie sich Marion. Gleichzeitig sind noch zwei Ermittler, ein Menschenschmuggler, einige Unbekannte, eine herrisch-freundliche Dame und ein Mann mit Beziehungen beteiligt, die sich gegenüberstehen und Marion und Zahra in Bedrängnis bringen…

Im Gegensatz zu meiner sonstigen Lektüre wird hier nicht gleich mit der Tür ins Haus gefallen und der Fokus liegt auf den Charakteren, allen voran natürlich Marion. Sie ist hin und her gerissen zwischen ihrem alten und neuen Leben, versucht ihre Ehe zu kitten und gleichzeitig den Verlockungen zu widerstehen, die Pariser Freundschaften so mit sich bringen. Mitunter wirkt sie unsicher und überhaupt ist sie eher eine vorsichtige Person, der eine solche Entscheidung fast nicht zuzutrauen ist. Ihr Vater ist ihre einzige Stütze und ab und an blitzt auf, dass ihre Töchter wohl nicht sehr viel von ihr halten – wobei das auch meine Spekulation sein könnte, doch so wirkte es auf mich. Als Zahra immer mehr auftaut und die beiden Ermittler Baptiste und Leroux in Marions Leben auftauchen, gerät der neue Job ein wenig ins Hintertreffen und wird von den aktuellen Ereignissen verdrängt. Hierzu zählt auch ein altes Foto, welches Marion in einer Ausstellung im Museum zum Thema Flüchtlinge findet, dass eine Frau zeigt, welche ihr zum Verwechseln ähnlich sieht. Die Nachforschungen schiebt sie ein wenig vor sich her, doch letztendlich kann sie dem Sog dieses Geheimnisses nicht widerstehen.

Der aktuelle Bezug um das Thema Flüchtlinge und auch der Verweis, dass Flüchtlinge an sich nicht plötzlich aufgetaucht sind, sondern es ständig und immer wieder Flüchtlinge gibt, gab und geben wird ist geschickt in die Geschichte eingewoben und erinnert einen daran, dass die Flüchtlinge, die im Moment da sind, kein einzigartiges Phänomen sind. Erst wenn die Geschichte der Menschheit keine Kriege, keine Gewalt und keine unterdrückendenden Staatsformen mehr hervorbringt, wird es keine Flüchtlinge mehr geben. Bis dahin sind Flüchtlinge ein Teil unserer Gesellschaft – und waren es auch immer.

Nun wird die Geschichte ja aus Marions Sicht beschrieben, doch da hätten wir ja noch die beiden Ermittler und den Menschenschmuggler Jean, der auch Zahra nach Frankreich gebracht hat. Als Krimi-Fan hätte ich mir den Fokus mehr auf diesen beiden Erzählsträngen gewünscht, doch fand ich es erfrischend auch mal von der anderen Seite hinein zu sehen, von einer unbeteiligt reinrutschenden und gar nicht ermittelnden Seite. Wobei natürlich auch die Perspektiven von Jean und den Ermittlern Baptiste und Leroux nicht zu kurz kommen und die Geschichte in einem brisanten und brenzligen Finale enden lässt.

Fazit:
Ein Roman, der mit einer ruhigen, aber beständigen Spannung und einer hin und hergerissenen Hauptfigur punkten kann. Der aktuelle Bezug macht die Sache noch interessanter und komplettiert das Leseerlebnis. Für mich ein gelungener Ausflug aus meiner Komfortzone.


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Fußball Noir: Abpfiff – Dominique Manotti

1197x
Dominique Manotti – Abpfiff
Verlag: Argument
230 Seiten
ISBN: 978-3867541978
17 €

 

 

 

Fußball also. Darum geht es in dem neuen Manotti. Hmm, da mag sich der ein oder andere denken, lieber nicht, manche stürzen sich vermutlich begeistert drauf. Ich gehöre eher zur ersten Kategorie, wobei der Name Manotti mich einfach überzeugt hat. Manotti schreibt über Fußball? Egal – ein Manotti ist ein Manotti und überhaupt wollte ich da schon lange mal wieder einen lesen – warum also nicht den neusten auf Deutsch erschienenen Titel „Abpfiff“, der dritte übersetzte Teil um Comissaire Daquin?

Vor einer Einkaufsmeile werden zwei Personen erschossen, von zwei Tätern auf einem Motorrad. Die eine ist Nadine Speck und die andere ist Romero, Drogenfahnder in Daquins Abteilung. Doch keiner wusste von seinem Treffen mit Speck – und wer ist überhaupt Nadine Speck? Die Täter sind schnell gefasst, doch sie wurden für den Mord beauftragt. Speck ist die Schwester des Stadionwartes des FC Lisle-sur-Seine und die Verbindung zum Verein macht Daquin stutzig. Der Verein steht kurz vor dem Aufstieg zum französischen Meister und Vereinspräsident Reynaud, gleichzeitig Bauunternehmer und Bürgermeister, versucht mit allen Mitteln die Ermittlung in eine andere Richtung zu drehen. Doch nicht mit Daquin.

Nach der Lektüre kann ich zum Thema Fußball zumindest mal das folgende sagen: alles halb so schlimm. Es geht nämlich nicht um das Fußball spielen an sich, sondern um die Hintergründe. Gut, man liest sich auch mal durch ein Spiel, doch der Fokus liegt auf dem Dickicht hinter einem Verein, einem 1. Liga Verein, einer Geldmaschine par excellence. Fußball ist zwar das Stichwort, doch es geht um weit mehr. Ein bunter Strauß an Verbrechen lässt sich hinter der Fassade eines Fußballvereins finden – zumindest in „Abpfiff“, von Doping bis zum Drogenhandel, von Geldwäsche bis Korruption, untermauert mit Intrigen, Mauscheleien und Betrügereien. Ein Facettenreichtum, der nun mit zwei Morden garniert wurde. Der Mord an Romero ist der Stein des Anstoßes. Daquin, eigentlich in der Drogenfahndung, dreht es so, dass er und seine Kollegen ermitteln können. Nicht immer einwandfrei oder sagen wir mal, frei ausgelegt, aber mit viel Raffinesse und Gerissenheit.

Doch das alles ist – fast – nebensächlich, ein Mittel zum Zweck. Das Thema Fußball, die Verbrechen, die Charaktere… Der Stil, die Sprache, das ist es, worauf es ankommt. Wenn mal wieder jemand einen Artikel veröffentlicht und behauptet, Krimi sei keine Literatur, dann hat der wohl noch nie etwas von Dominique Manotti gelesen. Minimalistisch verknappt, aufs Wesentliche konzentriert, hart und unnachgiebig, ins Gesicht gespuckt. Schon in „Ausbruch“ ist der Stil unverkenntlich, doch hier scheint es mir noch ausgeprägter, noch knapper, noch klarer.

Und dieser Stil, diese Sprache ist es, die die Geschichte bilden, die Charaktere festigen und den Leser mit fortspülen. Man saust durchs Buch, die Spannung ist förmlich greifbar, der Druck, unter dem die Polizisten stehen, die Zeit, die den Ermittlern davon fliegt. Ach, und irgendwie hat es doch das Thema Fußball sein müssen. Ein Thema, dem man die Maske abreißen kann, um das faulige Innere zu zeigen. Ob jeder /alle /viele Fußballvereine so ein marodes Inneres zeigen? Ich weiß es nicht, aber vorstellen kann ich es mir jetzt durchaus. Und wenn dann ein Fußballverein seziert wird, dann doch bitte von Dominique Manotti – denn nur so hat man ganz nebenbei noch einen literarischen Leckerbissen.

Fazit:
Ihr interessiert Euch für Fußball? Lest das Buch. Ihr interessiert Euch nicht für Fußball? Lest das Buch.
Ihr wollt nicht? Dann verpasst Ihr ein Meisterstück. Lesen, lesen, lesen, lesen Punkt