Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction

Shorty mal anders: Berlin Noir – Thomas Wörtche (Hg.)

3 Kommentare

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Thomas Wörtche (Hg.) – Berlin Noir
Verlag: Culturbooks
335 Seiten
ISBN: 978-3959881012

 

 

 

 

Teil I, Metropolenstress – Bahnhof Zoo | Moabit | Schöneberg
Dora – Zoë Beck
Ich sehe was, was du nicht siehst – Ulrich Woelk
Die Schönheit des Zymbelkrauts – Susanne Saygin

Worum geht es?
Eine psychisch gestörte Frau rutscht in die Obdachlosigkeit, ein Filmkritiker untersucht das Verschwinden eines kleinen Mädchens, ein Polizist nimmt eine Auszeit.
Wie war es?
Die drei ersten Geschichten der Geschichtensammlung konnten mich alle überraschen, ist doch der Ausgang dann doch anders als erwartet. Und eben damit spielen die AutorInnen, mit den Erwartungen der Leser. Ist man doch ein geübter Krimileser und denkt, man wäre der Lösung auf der Spur. Doch alle drei konnten überraschen und mich als Leser in die Irre führen. Besonders gefallen hat mir „Dora“, eine eher traurige Geschichte, die aber als Krimi endet. Auch „Ich sehe was, was du nicht siehst“ ist traurig, allerdings erst am Ende, davor ist es eine gekonnte journalistische Ermittlung. „Die Schönheit des Zymbelkrauts“ braucht ein wenig und ist mit viel Botanik gewürzt, wird aber Berlinern, glaube ich, gut gefallen, beschreibt es doch viele Szenen des Viertels.

Teil II, Großstadtleben – Wedding | SO 36 | Grunewald | Mitte
Bis irgendwann – Robert Rescue
Heinrichplatz Blues – Johannes Groschupf
Valverde – Ute Cohen
Fashion Week – Katja Bohnet

Worum geht es?
Eine Leiche wird in einer Kühltruhe gefunden, ein verschwundener Romeo wird gesucht, ein Mann nimmt Rache an der Dekadenz, eine Frau entledigt sich ihrer Lasten.
Wie war es?
Keine Ermittler, sondern „Normalos“ spielen die Hauptrollen dieser vier Kurzgeschichten. Während bei den ersten beiden die Tat schon vor der Geschichte stattfindet, wird in den letzten beiden geplant und ausgeführt. Am besten gefallen hat mir „Fashion Week“, gefolgt von „Bis irgendwann“, aber aus unterschiedlichen Gründen. Während ich bei „Fashion Week“ der Täterin die Daumen gedrückt habe, hab ich mich bei „Bis irgendwann“ gefragt, wie man selbst wohl in so einer Situation entscheidet. Die beiden anderen Geschichten – Heinrichplatz Blues und Valverde – waren für mich leider die beiden, welche mir am wenigsten gefallen haben. Bei „Valverde“ hat mir Charakterisierung gefehlt, zu viele Personen mit zu wenig Buchstaben/Seiten, um sie zu beschreiben. Und bei „Heinrichplatz Blues“ weiß ich leider immer noch nicht, wohin der Romeo verschwunden ist… na ja.

Teil III, Cops & Gangster – Friedrichshain | Altglienicke | Kreuzberg
Der Unsichtbare – Matthias Wittekindt
Rammelbullen – Kai Hensel
Überstunden – Miro Zownir

Worum geht es?
Ein Durchschnittsmann wird (fast) übersehen, Peinlichkeiten führen zum Ermittlungserfolg, eine alte Geschichte kocht hoch.
Wie war es?
Oh, ganz wunderbar – ein Mann, der quasi nicht gesehen wird, ein Durchschnittstyp. Und weil er ja nicht gesehen wird, dafür andere um so mehr, hängt er einem anderen seine Taten an. Denkt er. Eine klasse Geschichte, „Der Unsichtbare“, ein Verwirrspiel, welches eigentlich für einen Poirot, Maigret oder Father Brown gemacht ist. Vorzüglich, denn trotz altmodischem Verwirrspiel topaktuell. Klasse umgesetzt. Ebenso wie „Rammelbullen“. Und nicht vom Titel abschrecken lassen. Polizisten, die sich für unverwundbar halten, für die geilsten, für die Überflieger. Die lassen mal die Sau raus. Bis sie dann heimkommen und mitkriegen, dass die Ehefrauen wissen, was alles passiert ist. Und nun könnte man denken, dass in der dritten Geschichte endlich die Gangster in den Fokus rücken, doch „Überstunden“ lehrt uns eines Besseren. Rache sollte man eigentlich kalt servieren, doch jähzornigen Gemütern gelingt das eben nicht immer. Cops und Gangster, zwei Gruppen die unterschiedlicher und ähnlicher nicht sein könnten.

Teil IV, Berliner Milieus – Neukölln | Charlottenburg | Tempelhof
Local Train – Max Annas
Kaddisch für Lazar – Michael Wuliger
Dog Tag Afternoon – Rob Alef

Worum geht es?
Wo entsorge ich den Nazi?, ein falscher Jude, Rosinenbomber haben nicht nur Rosinen gebracht.
Wie war es?
Im letzten Teil sammeln sich drei ganz unterschiedliche Geschichten. „Local Train“ spielt, ich nenn es jetzt mal so, im Ghetto, Jugendliche bzw. Fast-Erwachsene nehmen das Recht in die Hand, die Sprache ist schnell und jugendlich – und schwupps schon ist die Geschichte wieder vorbei. Nichts geschehen. Im wahrsten Sinne des Wortes. In „Kaddisch für Lazar“ wird die Legende eines jüdischen Lokalpolitikers auseinandergenommen, eine Ermittlung in Journalistenhand – die leider keine reisserische Story wird, wie der Chefredakteur gehofft hat. Und „Dog Tag Afternoon“? Nun, diese Geschichte reicht zurück bis in die Zeit nach dem 2. Weltkrieg, in die Zeit der Rosinenbomber. Die amerikanischen Streitmächte haben nicht nur Gutes gebracht. Ein gelungener Abschluss der Story-Sammlung und insgesamt drei sehr unterschiedliche, aber spannende Geschichten, welche die Sammlung gut abrunden.

Fazit:
Eine sehr gelungene Zusammenstellung von kurzen Krimis, die alle in Berlin spielen. Mit den 13 Stadtvierteln, welche die 13 AutorInnen hier beleuchten, werden Berliner vermutlich noch mehr Vergnügen an der Sammlung haben als ich Süddeutsche. Für mich war es aber trotzdem eine großartige und ausgewogene Mischung, auch wenn mir zwei, drei Geschichten nicht so gut gefallen haben. Die Kurzgeschichtensammlung gibt auch einen guten Überblick über AutorInnen, die sich ans Noireske heranwagen, wer also noch unsicher ist, kann hier gut zugreifen und reinschnuppern. Für alle anderen wird es ein Vergnügen sein, die kurzen Stories der bekannten und beliebten deutschen KrimiautorInnen zu lesen.  Krimi-Häppchen für zwischendurch, spannend und noir.
Hier sei denn auch noch „Paris Noir“ und (noch unbekannterweise) „USA Noir“ empfohlen. Und natürlich warte ich noch auf „London Noir“. ;-)

 

 

 

 

3 Kommentare zu “Shorty mal anders: Berlin Noir – Thomas Wörtche (Hg.)

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  2. „Dora“ ist äußerst gelungen. Doch bereits bei der zweiten Geschichte verlor ich das Interesse. Vielleicht versuche ich es noch einmal weiterzulesen.

    • Das ging mir bei der dritten Geschichte „Die Schönheit des Zymbelkrauts“ so. Ich hab dann erst andere Geschichten gelesen und bin dann irgendwann zu dieser zurückgekehrt. Ich denke, ein zweiter Versuch, dann aber vielleicht nicht in der angegebenen Reihenfolge, lohnt sich!

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