Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction

Bitterböse: Die Alte – Hannelore Cayre

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Hannelore Cayre – Die Alte
Verlag: Argument
Übersetzerin: Iris Konopik
203 Seiten
ISBN: 978-3867542401

 

 

 

 

Gerade wollte ich schreiben, dass wohl viele Menschen wie Madame Portefeux sind, doch das muss ich revidieren, denn ihre Vergangenheit, ihre Familie ist doch zu außergewöhnlich dazu. Nichtsdestotrotz kann wohl jeder ihren Wunsch nachvollziehen: mehr im Leben. Mehr von allem:  finanzielle Sicherheit, Geld um ihre Töchter zu unterstützen, die Rechnungen des Pflegeheims ihrer kranken Mutter zu zahlen, aber auch Aufregung, Nervenkitzel und ein wenig Abenteuer im Leben. So ist es wohl kein Wunder, dass die pragmatische Madame zugreift, wenn sich die Chance ergibt.

„Was sollte aus mir werden, die ich weder Rente noch Sozialversicherung hatte? Ich besaß nichts außer meinen nachlassenden Kräften. Nicht ein einziger Cent auf der Seite, meine mageren Ersparnisse verdunstet im Todeskampf meiner Mutter im Haus Windspiel.“ (S. 68)

Patience Portefeux ist im mittleren Alter. Die Töchter ausgezogen, der Vater und der Mann tot, die Mutter im Pflegeheim. Halblegal arbeitet sie für die Polizei als Übersetzerin für Arabisch und kann sich grad so über Wasser halten; Geld zurücklegen oder gar ansparen ist kaum drin. Eines Tages, gelangweilt vom ewigen Alltagsallerlei, dem lausigen Arabisch der Jungs aus der Banlieue und vielleicht ein wenig aus Aufsässigkeit, verrät sie einem Dealer, dass ein Zugriff stattfinden soll. Der Dealer kann das Zeug noch verstecken, bevor er geschnappt wird, stirbt bald und Madame Portefeux macht sich auf die Suche nach den Drogen. Nicht auf den Kopf gefallen, ist sie schon bald im Besitz von 1,2 Tonnen Cannabis, in Topqualität zu 5000 Euro je Kilo, verstaut in luftdichten Containern und gestapelt in ihrem Kellerraum.

Mit trockenem Humor, Pragmatismus und einer bitterbösen Note steigt Madame Portefeux also in das Drogengeschäft ein. Wäre es nicht so trocken und ernsthaft serviert, könnte der Krimi ins klamaukige abrutschen, doch der Französin gelingt der Balanceakt und so schreibt sie mit bösartigem Humor von einer ganz normalen Frau, die ihre Chance zu nutzen weiß. Gut, so ganz normal ist Madame Portefeux nicht aufgewachsen, schon ihre Eltern waren Betrüger, die das Geld im Alltag aber zusammen gehalten haben, während sie in den Ferien die Grandhotels abklapperten und in Saus und Braus lebten. Dafür führt Madame nun aber ein eher langweiliges Leben, wenn man mal davon absieht, dass sie als Kind Audrey Hepburn in einem der Hotels getroffen hat.

Nun ist sie also „Die Alte“, verhandelt vermummt mit Kopftuch und Sonnenbrille mit den kleinen Drogendealern, trägt Koffer durch die Stadt und tauscht sie gegen Kohle auch mal auf dem Gefängnisparkplatz. Was komisch anmutet, bietet ihr Sicherheit, denn nicht nur einmal versuchen die Drogendealer sie übers Ohr zu hauen. Doch Madame Portefeux ist hier eiskalt, sie lässt sich nicht verarschen und macht ganz klare Ansagen. Schließlich muss sie vorsichtig sein. Auch wenn sie die Abhörprotokolle am nächsten Tag fälschen kann, immerhin ist ihr Freund auch Polizist und bei der Drogenfahndung. Sie nutzt ihre Insiderinformationen unerbittlich, um sich ihr Stück vom Kuchen zu sichern, endlich. Und so macht es ungeheuren Spaß Madame Portefeux dabei zuzusehen, wie sie aus ihrem brav-bürgerlichen Leben ausbricht, ihre  kriminellen Aktivitäten plant und ihre dabei hart verdienten Geldscheine hortet. Vorsicht, hier kommt die Alte!

Fazit:
Eine bitterböse, französische Krimikomödie, über eine normale Frau, die ihre Chance ergreift. Die Alte ist ein ungeheures Lesevergnügen und nur zu empfehlen!

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