Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction

Brüche: Wenn Engel brennen – Tawni O’Dell

2 Kommentare


Tawni O’Dell – Wenn Engel brennen
Verlag: Argument
Übersetzerin: Daisy Dunkel
352 Seiten
ISBN: 978-386754-395

 

 

 

 

Es ist nicht nur beruhigend, dass man sich auf die gleichbleibend hohe Qualität der Ariadne-Krimis aus dem Argumen Verlag verlassen kann, sondern auch immer mit viel Vorfreude verbunden. Ich kann es immer kaum erwarten, die Krimis anzufangen, sobald ich sie in den Händen halte. Und ich wurde auch noch nie bei Lektüre eines Ariadne-Krimis enttäuscht. Das ändert sich auch weiterhin nicht, denn mit Tawni O’Dell hat Verlegerin Else Laudan wieder eine vorzügliche Autorin in ihr Portfolio aufgenommen, die mich mit einem beeindruckenden und eindrücklichen Krimi vollkommen überzeugen konnte.

Campbell’s Run ist seit vielen Jahren eine Geisterstadt, evakuiert aufgrund eines immer noch schwelenden Kohlebrandes. In einer der Spalten wird eine halb verbrannte Leiche gefunden, eingewickelt in eine Decke. Theoretisch gehört das Gebiet zu Buchanan und damit in den Zuständigkeitsbereich von Chief Dove Carnahan, doch es fehlt an Personal und Erfahrung, um einen Mordfall zu klären. Nichtsdestotrotz kann sich Chief Carnahan aus der Ermittlung von Nolan Greely, Detective bei der State Police, nicht heraushalten. Sie kennt die Bewohner, die Stadt, die Beziehungsgeflechte. Und diese Kenntnis ist nötig, denn so sehr sich die Einwohner auch wünschen, dass die junge Frau von einem herumziehenden Fremden getötet wurde, so unwahrscheinlich ist es.

„Dort, wo die Feuer am heißesten schwelen, gibt es über ein Dutzend Erdspalten. Tote Bäume haben sich aus dem gelockerten Boden gelöst und sind umgekippt. Ihre aufragenden Wurzeln erinnern an die verschlungenen Beine vertrockneter Spinnen, wie Neely und ich sie auf unserem Dachboden fanden.
In eins dieser glühenden Löcher im Boden hat jemand ein totes Mädchen gestopft.” (S. 12)

Um ganz ehrlich zu sein, leben möchte ich dort nicht, doch als Kulisse für eine Leichenbeseitigung hat die Autorin die ideale Szenerie gefunden. Schwelende Erdspalten, verlassene Häuser, keine Tiere, keine Geräusche, eine tote Siedlung.  Ein eindrückliches Bild hinterlässt diese Szenerie, düster und unheimlich. Während Campbell’s Run fiktiv ist, gibt es tatsächlich so einige noch schwelende Kohlebrände in den USA, diese verursachen nicht nur Geisterstädte, sondern fördern auch trostlose, von Arbeitslosigkeit und Verwahrlosung heimgesuchte Gegenden, politisch vergessen und allein gelassen. So ist Buchanan eben keine gut florierende Gemeinde, sondern es gibt einige, denen es gut geht, und einige, die sich so durchschlagen. Und dann gibt es den Rest. So wie die Trulys. Die Familie der Toten.

Die Trulys sind ganz unten angekommen. Redneck-Unterschicht, verwahrlost, gewalttätig, aber eisern zusammen gehalten von Miranda Truly, der Großmutter und Matriarchin der Familie.  Während die Mutter unbeteiligt scheint vom Tod ihrer Tochter (warum dies so ist, war für mich im übrigen die erschreckendste und eindrücklichste Szene im Buch), ist die Schwester, mit der nächsten Generation Trulys auf dem Arm, immerhin betroffen. Der eine Bruder ist im Knast, der andere versucht dem Truly-Leben zu entkommen, der kleinste ist ein verwildertes, ADHS Bürschchen. Ganz zu schweigen von den Onkeln, Cousins und  sonstigen Verwandten, mit denen sich Chief Carnahan rumschlagen muss. Camio Truly ist ständig präsent, bleibt allerdings für mich eher blass, auch wenn sich nach und nach ein Bild des jungen Mädchens ergibt, welches ihrer Familie zu entfliehen suchte. Klug und aufmerksam, interessierte sie sich für Psychologie, traf sich mit einem Jungen, den ihre Familie hasste und wollte gerne studieren gehen. Doch wie so oft, ist nicht alles so, wie es auf den ersten Blick scheint.

Die Trulys sind nur die Spitze auf dem Eisberg, Dove Carnaghan muss sich als Chief auch ständig mit den Männern um sie herum und deren Alltagssexismus auseinandersetzen, weiß das aber gekonnt zu handhaben. Nervös ist sie trotzdem, denn nach über 20 Jahren Haft, taucht der Mörder ihrer Mutter auf und verfolgt nun sie und ihre Schwester und wirft ihnen vor, damals gelogen zu haben und so seine Verhaftung verschuldet zu haben. Dieser Nebenstrang blitzt immer wieder auf und offenbart noch mehr als man vermutet, in Doves Vergangenheit aber auch in ihrer Persönlichkeit. Doves Geschichte hat vordergründig nichts mit der Ermittlung zu tun, doch die Autorin nutzt diese, um ein weiteres Bild einer Familie aufzuzeigen, welche mit den Auswirkungen einer dominanten Person kämpfen muss.

Die Autorin wirft einen sezierenden Blick auf eine typische amerikanische Kleinstadt, deren Industriezweig weggebrochen ist, kurioserweise mit dem Effekt der aufgetretenen Erdspalten und dem immer noch lodernden Feuern in den Tiefen. Daran angelehnt, wir der Mord an Camio zum Bruch in der fragilen Fassade des (noch) funktionierenden Stadtlebens und zeigt, welche Geheimnisse hier noch in der Tiefe schwelen. Mit Dove Carnaghan hat Tawni O’Dell eine Figur geschaffen, die ihre Heimat liebt, so verkorkst sie stellenweise auch sein mag, die gerne Polizeichief ist, aber auch mit sich hadert. Mit Schwächen und Geheimnissen, aber im Großen und Ganzen dem Herzen auf dem rechten Fleck und einer guten Intuition ausgestattet. Oft ausgleichend, manchmal bockig, eben ganz einfach menschlich. So ist sie der helle Fleck in dieser grauen, trostlos scheinenden Welt, doch steckt auch in ihr eine Düsternis.

Eindrücklich geschrieben, mit Ausrichtung auf eine verlassene Gegend in den USA, garniert mit einer Polizeichefin, die unermüdlich das Verbrechen aufzuklären sucht, liefert die Autorin einen grandiosen Krimi. Unverständlich, dass die im englischen Sprachraum schon gefeierte Autorin bei uns noch unbekannt ist – ein Glück hat sie sich nun für einen Krimi entschieden, so dass der Argument-Verlag mit seinem glücklichen Händchen eine weitere erstklassige Autorin auf dem deutschen Markt etablieren kann.

Fazit:
Ein grandioses Setting, eine starke Protagonistin und ein kniffliger Kriminalfall – so soll der optimale Krimi aussehen, der einen nicht mehr loslässt, bis man die letzte Seite erreicht hat. Sehr, sehr gelungen!

2 Kommentare zu “Brüche: Wenn Engel brennen – Tawni O’Dell

  1. Ist natürlich eh schon auf dem Merkzettel, aber wenn es nicht so wäre, dann wäre es spätestens jetzt so. :-) Wie immer eine sehr schöne Besprechung!

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