Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction

Milchtüten: Hologrammatica – Tom Hillenbrand

7 Kommentare


Tom Hillenbrand – Hologrammatica
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
560 Seiten
ISBN: 978-3462051490

 

 

 

 

Quästor Galahad Singh bekommt einen neuen Auftrag: er soll die verschwundene Juliette Perrotte suchen. Perrotte ist eine Softwareentwicklerin für ein kleines Unternehmen, welches den Upload von Cogits – einer digitalen Kopie des Gehirns in einen künstlichen Körper – verschlüsselt.  Singh macht sich auf die Suche nach der Verschwundenen, viel Hoffnung hat er zuerst mal nicht, denn viele Menschen verschwinden mittlerweile absichtlich. Zwar nie lange, viele hinterlassen Spuren, doch jedem steht es frei zu verschwinden. Doch ist Juliette Perrotte wirklich freiwillig verschwunden oder entführt worden?

In Hologrammatica ist fast nichts mehr echt. Die meisten Straßen, Häuser, Landstriche werden mit Holografie aufgehübscht, die Menschen ziehen sich Holomasques über. Keiner mag mehr so aussehen, wie er eigentlich aussieht, keiner will den „Naked Space“, also die richtig, echten Gebäude, Landschaften oder Menschen sehen. Ende des 21. Jahrhunderts hat sich die Menschheit auch verringert – einer Pandemie sei Dank – was der Klimakatastrophe zumindest etwas Einhalt geboten hat. Klar ein paar Landstriche sind abgesoffen und manche so heiß, dass keiner dort wohnen mag, doch den übrigen Menschen geht es einigermaßen gut. Die Staaten haben sich neu formiert, z. B. weite Teile Europas mit Russland in der EURUS, die Kräfteverhältnisse haben sich verändert. Ach, und im Weltraum kann man jetzt auch nach Rohstoffen schürfen – mit einem Lift in den Himmel.

Galahad Singh arbeitet als Quästor, also als Privatdetektiv. Dieser ist allerdings – hier der Hinweis für diejenigen, die kein Latein beherrschen – auf verschwundene Personen spezialisiert. Und jetzt kommt der Gag schlechthin, bei dem ich gänzlich aus dem Häuschen war: die Verschwundenen nennen die Quästoren Milchtüten. Ja genau, angelehnt an die abgedruckten, verschwundenen Kinder auf Milchtüten, damals in den USA (macht man das heute noch?). Milchtüte… ich find den Begriff Bombe. Der Wahnsinn. Ich bin schlichtweg begeistert. Aber das Buch hat noch mehr zu bieten, keine Sorge.

„In alten Filmen haben Privatdetektive stets verschiedene Visitenkarten zur Hand, damit sie sich als Gott-weiß-wer ausgeben können. Ich hingegen habe an die fünfzig Holomasques gespeichert, die ich jederzeit überstülpen kann – Elektroinstallateur, Verkehrspolizist, Penner und so weiter.“ (Pos. 770)

Singh muss nun also nicht auf althergebrachte Art nach der Verschwundenen suchen, doch einen persönlichen Überblick verschafft er sich doch noch. Die Netzsuche ist zwar weitgreifend, aber eben auch recht dumm. Könnte das aber nun jeder per Netz, wäre ein Quästor ja nicht mehr nötig. So reist der Londoner nach Paris, in die Wüste, ins All, das sind zu dieser Zeit auch keine richtigen Entfernungen mehr. Singh selbst bringt einen ironischen Unterton in die Ermittlungen, will den Fall anfangs auch gar nicht so richtig bearbeiten, doch irgendwann kommt er einfach nicht mehr aus dem Fall raus. Gegner tauchen auf, die mit ungewöhnlichen Waffen aufwarten, Spuren führen in die Welt der Crasher, die ihren Gefäßen Todeserfahrungen aussetzen, aber auch in den Naked Space. Sie führen zu einem Programmierer, der mit Juliette Kontakt hatte und … ah, mehr möchte ich nicht verraten.

Dem Autor gelingt es hervorragend, eine zukünftige Welt zu erschaffen, die noch nah genug an unserer heutigen Zeit ist, aber weit genug davon entfernt. Er baut bestehende Entwicklungen aus und fügt technologische Neuerungen zu. Er erschafft eine Vergangenheit, die für uns noch Zukunft ist, welche weitreichende Auswirkungen hat. Mittendrin Galahad Singh, der auf der Suche nach der Verschwundenen, Fragen stellen muss, anderen, aber auch sich selbst. Der hinter die Holografie blickt und Abgründe sieht, die keiner hätte sehen sollen. Tatsächlich fällt es mir schwer, meine Begeisterung in Worte zu fassen, möchte ich doch nicht zu viel verraten, denn mich haben einige Wendungen sehr überrascht. Die Geschichte war durchweg spannend und logisch aufgebaut, ein Pageturner, den man gar nicht mehr aus der Hand legen möchte. Sehr spannend fand ich im Übrigen auch die kleinen aber feinen Einblicke aus Juliette Perrottes Perspektive.

Fazit:
Nach „Drohnenland“ legt der Autor hier einen weiteren sehr gelungenen Ausflug in die Zukunft vor. Quästor Galahad Singh begegnet der holografierten Zukunft mit der gehörigen Portion Ironie und schaut hinter die Kulissen. Hervorragende Unterhaltung in meiner liebsten Kombination: Krimi und Zukunft.

 


Ich füge hier noch ein Zitat an, welches es absolut wert ist, zitiert zu werden, doch wenn man genau liest, einen Hinweis auf die Handlung gibt, so dass ich es nun als SPOILER markiere – also, wer das Buch noch lesen möchte, hier bitte aufhören!

„Meiner Ansicht nach haben Menschen die unangenehme Angewohnheit, alles auf sich selbst zu beziehen. Ein Rassist glaubt, dass an allem die Ausländer schuld sind. Ein Strafrichter wähnt überall Gauner und Diebe. Und der Chef einer Behörde, die KIs kontrollieren soll, vermutet hinter jeder Schweinerei einen cleveren Computer.“ (Pos. 4597)

 

 

7 Kommentare zu “Milchtüten: Hologrammatica – Tom Hillenbrand

  1. Pingback: Challenges 2019 | Die dunklen Felle

  2. Da gibt´´s nur eine Empfehlung: LESEN

  3. Klingt wirklich richtig gut! Das wandert gleich mal auf meine Leseliste :)

  4. Sehr schöne Rezension zu einem tollen Roman :)

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