Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction

848: Die Lügen des Locke Lamora – Scott Lynch

5 Kommentare


Scott Lynch – Die Lügen des Locke Lamora
Verlag: Heyne
Übersetzer: Ingrid Herrmann-Nytko
848 Seiten
ISBN: 978-3641147105

 

 

 

 

848 zu 130.
Wir schrieben das Jahr 2017 als ich mich tollkühn und verwegen mit Stefan aus der kriminellen Gasse auf einen Deal, eine Wette einließ. Und ja, ich hab mir das selber eingebrockt. Er liest „Schweinezeiten“ von Gary Victor (welches er bis dato unglaublicherweise noch nicht kannte) und ich lese „Die Lügen des Locke Lamora“ von Scott Lynch. Fantasy. So gar nicht meins. Aber immerhin hab ich Herr der Ringe und Harry Potter gelesen und auch die Reihe um Harry Dresden konnte mich lange begeistern, also gut. Irgendwann hab ich es dann mal angelesen, bin aber über den Prolog nicht hinausgekommen – nicht so schlimm, Stefan hatte den Victor ja auch noch nicht gelesen. Und was macht er dann im Mai 2019? Packt den Victor an. Mist. Dann muss ich ja wohl auch liefern! Das sind ja quasi Ehrenschulden! Und die erbringe ich hiermit.

Der Beginn
Die Geschichte spielt m Stadtstaat Camorr, natürlich in einer mittelalterlichen Welt, versetzt mit Bauten aus Elderglas, die eine untergegangene Zivilisation hinterlassen hat, und nicht überraschend mit Alchemie und Magie. Ein geheimer Frieden bewahrt den Adel davor, bestohlen und ausgeraubt zu werden, derweil die Diebesbanden,  organisiert unter Capa Barsavi, alle sonstigen Mitbürger nach Belieben schröpfen dürfen. Die Armen sind arm, die Reichen sind reich. Und dann gibt es da noch die Gentlemen-Ganoven unter Führung von Locke Lamora. Die fünf jungen Gauner berauben am liebsten den Adel, nicht des Geldes, sondern der Herausforderung wegen. Diese fünf Künstlerganoven, perfekt ausgebildet in Verkleidung, Maskerade und Schauspielerei arbeiten gerade an einem großen Bluff rund um Don und Doña Salvara, die sie um mehr als die Hälfte ihres Vermögens erleichtern wollen, als ein weit größerer Gegner auftaucht, der es nicht nur auf die Beute der Gentlemen-Ganoven abgesehen hat, sondern ihnen auch einen lebensbedrohlichen Teil seines perfiden Plans aufbürdet.

Die Stadt
Camorr erinnert verdächtig an Venedig, schon allein durch die Tatsache, dass durch Camorr nicht nur Straßen, sondern auch Wasserstraßen führen und die Stadt am Meer liegt, aber auch die doch recht italienisch klingenden Namen vieler Beteiligten sowie die Bezeichnungen Don oder Capa (im italienischen Capo) erinnern daran. Das dachte sich wohl auch der Heyne-Verlag, denn er hat ein passendes Cover gefunden, welches, wenn ich mich recht erinnere, nicht Stefans Gefallen gefunden hat. Meines übrigens auch nicht, aber beim ebook sieht man das Cover ja sowieso recht selten. Sehr spannend fand ich die Überbleibsel der untergegangenen Zivilisation, Türme, Gebäude, Gärten aus Elderglas. Leider erfährt man darüber so gar nicht viel, denn die Menschen, welche diese in Besitz genommen haben, wissen darüber auch nichts – außer dass es fast unzerstörbar ist.

Die Welt
Bevölkert wird diese fantastische Welt von den Menschen. Punkt. Das Meer beherbergt allerdings weitaus schrecklichere Kreaturen, so dass keiner mit der Zehenspitze ins Wasser kommen mag. Am häufigsten sind dies Haie, doch auch Dinge mit Tentakeln lassen sich finden. Zur Vergnügung veranstaltet Herzog Nicovante, der Herrscher über Camorr, dann auch so ähnliche Spiele wie damals im Alten Rom, nur eben auf dem Wasser. Es gibt noch einige andere Stadtstaaten, und desweiteren auch Länder weiter im Norden. Es wird Handel betrieben, doch an einer Stelle streut der Autor auch ein wenig Geschichte dieser Welt ein, so dass man ein wenig über die Vergangenheit erfährt. Und über die Soldmagier aus Kathrein. Soldmagier sind fürchterlich mächtig und fürchterlich teuer. Zudem grasiert das Gerücht, dass wer einen Soldmagier tötet, die Rache aller anderen Soldmagier zu spüren bekommt. Tatsächlich greift der Autor aber relativ wenig auf Magie zurück, dafür dürfen die Alchimisten fröhlich vor sich hin brauen, ob nun für elegante Gärten, Gifte oder nützliche Schminkutensilien der Gentlemen-Ganoven.

Die Ganoven
Locke Lamora, Jean Tannen, die Sanza-Zwillinge und Bug. Fünf junge Kerle, die den Adel ausrauben. Natürlich heimlich, darf ja keiner Wissen. Geheimer Frieden und so. Locke ist der Kopf des Ganzen, während Jean die Äxte schwingt. Die Sanzas sind für alles gut, wenn auch nicht perfekt und Bug ist in der Ausbildung. Locke hat ein Komplott geschmiedet, welches er mit sich selbst auffliegen lässt, damit die Geprellten nicht merken, dass sie ausgenommen werden. Verwirrend? Ja, irgendwie schon, doch alles klug ausgetüftelt. Die Jungs kennen jeden Winkel von Camorr, sind bewandert in verschiedenen Sprachen und Dialekten, kennen alle Umgangsformen und verfügen über einen Fundus – all das haben sie zu großen Teilen Pater Chains zu verdanken, der sie als Jungs unter seine Fittiche genommen hat. Vorgeblich ein Priester des Perelandro-Ordens, dient er dem dreizehtem, dem Korrupten Wärter, dem Gott der Diebe und Ganoven.

Lang, länger, am längsten
Als Krimifan sind mir schon Bücher mit mehr als 500 Seiten ein Graus…. Jetzt musste ich mich durch 848 Seiten durchlesen. Und ganz ehrlich – ein paar weniger Seiten hätten dem Buch nun nicht geschadet. Es dauert denn auch eine ganze Weile, bis denn der üble Widersacher, der „Graue König“ auftaucht. Schon der Prolog war der längste, den ich je gelesen habe – ganze 45 Seiten lang. Zum einen fügt der Autor nach jedem Kapitel, welche im Übrigen in Unterkapitel aufgeteilt ist, „Zwischenspiele“ ein, also Rückblicke in die Kindheit und Jugend von Locke und den anderen Jungs, um Hintergrundinformationen zu liefern. Desweiteren folgt man dem Plan der Jungs, die Salvaras auszurauben doch schon sehr ausführlich. Ein wenig Straffung hätte dem Buch gerade am Anfang gut getan.

Ganoven, Gauner, Diebe
So irgendwie ist das Buch ja schon fast ein Krimi, ok gut, versteckt in einem Fantasyroman und sehr ausschweifend, aber die Gentlemen-Ganoven kann ich mir auch gut im Hier und Jetzt vorstellen. Man muss natürlich erwähnen, dass ohne Chains die Fünf niemals das erreicht hätten, was sie erreicht haben, aber Chains wusste genau, wer welche Stärken hat und hat sie zum perfekten Team zusammen geschweißt. Es geht ihnen auch gar nicht um Gewinn und das viele Geld – das horten sie relativ unbeachtet – sondern um die Herausforderung. Die Jungs haben einfach einen wahnsinnigen Spaß daran, die Adligen zu foppen und sie auszunehmen. Sie erschleichen sich das Vertrauen der Privilegierten und schröpfen sie so gut es geht, um dann – puff  – einfach zu verschwinden. Die Jungs tragen eine Leichtigkeit mit sich, die sie nicht leichtsinnig, aber unbekümmert und frei macht. Sie verlassen sich auf sich und nur auf sich, sie sind nicht nur Freunde, sondern Familie.

Grausam
Bis der Graue König auftaucht und Angst und Schrecken in Camorr verbreitet. Zumindest unter den Dieben. Aufs Grausamste lässt er immer wieder vereinzelte Mitglieder der Diebesbanden töten und setzt Capa Barsavi unter Druck. Sogar vor der Tochter des Capa macht er keinen Halt. Tatsächlich fließt in dem Buch ungemein viel Blut – für mich sehr ungewöhnlich. Klar, man kennt jetzt große Schlachten in Fantasy-Büchern, bei denen Hunderte, Tausende fallen, doch ansonsten erwartet man nun keine Grausamkeiten und Blut zuhauf. Auch zieht die Spannung an als der Gaue König auftaucht und die Seiten, nun ja, sie flogen nicht vorbei, aber sie waren auch nicht mehr so zäh wie am Anfang.

Fazit:
Ich kann nun nicht sagen, dass ich so begeistert bin, wie Stefan, doch der Ausflug ins Fantasy-Genre war für mich eine willkommene Abwechslung. Einzig ein wenig kürzer sollten die Fantasy-Autoren sich fassen. Es muss ja nicht immer alles episch breit erklärt und ausgeführt sein.

 

P.S. für Stefan: Ich bin Dir 700 Seiten voraus – es wird Zeit, dass Du Dir den ersten Teil der Chastity Riley Reihe schnappst. ;-)

5 Kommentare zu “848: Die Lügen des Locke Lamora – Scott Lynch

  1. Puh, erst einmal bin ich erleichtert, dass der Roman nicht komplett bei Dir durchgefallen ist. 848 zähe Seiten wünscht man ja nun wirklich keinem. ;-) Und ich finde es echt toll, dass du Dich da mir zuliebe mal komplett abseits Deines üblichen Jagdspektrums bewegt – und dann vor allem noch so eine ausführliche Besprechung geschrieben hast. Chapeau!

    Und ja, du hast Recht: Jetzt bin ich ganz schön im Zugzwang und muss liefern. :-) Derzeit lese ich noch an „Voodoo“, schaffe allerdings immer nur wenige Seiten am Tag. (Warum werden Kinder abends eigentlich nie müde?) Im Anschluss daran, wird sich dann aber der guten Buchholz gewidmet. Versprochen! ;-)

    Ich wünsche Dir noch einen schönen, sonnigen Sonntag
    LG aus der kriminellen Gasse

    • Ach, gegen ausprobieren hab ich nie was. Geschmack verändert sich ja auch im Laufe der Jahre – deshalb muss man immer offen für neues und anderes sein, was man bisher vielleicht nicht ausprobiert hat oder schon mal probiert hat, aber nicht geklappt hat. Einzig ein wenig Muse muss ich dafür haben – gewohntes Terrain liest sich ein wenig einfacher.

      Lass Dich nicht stressen – behalte Simone Buchholz einfach auf Deiner Leseliste. Und ich drück die Daumen, dass die Kinder zumindest hin und wieder hundemüde ins Bett fallen. :-)

      Schönen restlichen Sonntag!

  2. Ich verstehe Deine Kritikpunkte, aber verdammt – ich muss das Buch haben *g* Ich sympathisiere ja prinzipiell gerne mit Gaunern und Bösewichten und das scheint ja eine tolle Truppe zu sein.
    Bezüglich der vielen Seiten und Längen – ich lese ja öfters im Genre Fantasy, aber mir ist noch so gut wie kein „dünner“ Fantasy ohne Längen untergekommen *g* Die Detailverliebtheit schätze ich in diesem Genre und Wälzer lese ich auch gerne. Von daher – HABEN MUSS! *g*

    • Da Du eher auch mal Fantasy liest und dicken Schmökern nicht abgeneigt bist, kann ich mir das Buch gut bei Dir vorstellen. Das Thema mit den Gaunern liegt mir ja auch sehr – aber tatsächlich eher „unfantastisch“. Egal – manchmal muss man eben aus seiner Komfortzone ausbrechen und was ausprobieren. Dafür bin ich immer zu haben.

    • @ Pink Anemone
      Give it a try. Es klingt fast so, als dürfe Dir der Roman liegen. :-)

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