Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction

10. Stuttgarter Kriminächte, 15. – 29. März 2019

2 Kommentare

Vom 15. – 29. März fanden die 10. Stuttgarter Kriminächte statt. Ehrlich gesagt kann ich nicht genau sagen, warum mir diese in den vorigen 9 Jahren entgangen sind, aber sei es drum, jetzt werden die mich nicht mehr los. Tickets für 6 Veranstaltungen hab ich gebucht und davor noch auf einige andere gelinst, aber tatsächlich hab ich eine Veranstaltung sogar sausen lassen – es war mir dann doch zu viel. Insgesamt empfand ich die Stuttgarter Kriminächte aber als viel besser als die Leipziger Buchmesse. Ich weiß, die Messe ist gut zum Netzwerken, doch letztendlich bedeutet sie für mich auch immer eine Reise, Hotelbuchung, Organisationsaufwand und schmerzende Füße. Es ist dort auch schon vorgekommen, dass ich eine Autorin / einen Autor nicht gesehen habe, weil die Lesung schlicht überfüllt war. Bei den Stuttgarter Kriminächten hatte ich mein Ticket und damit auch einen Platz. Und abends konnte ich im eigenen Bett schlafen. Mag sein, dass sich meine Meinung hier wieder ändert, aber für 2019 waren die Stuttgarter Kriminächte nicht nur Ersatz für die Buchmesse, sondern viel, viel besser!

Nach jeder Lesung habe ich mich hingesetzt und einige Gedanken aufgeschrieben. Dinge, die ich mir gemerkt habe, Dinge, die mir aufgefallen sind. Interessante und nicht so interessante Aspekte, die haften geblieben sind. Ich habe an den Texten nachher nicht mehr viel verändert (nur so Rechtschreibung und Grammatik falls nötig), keine Schönfärberei oder gewählten Worte, sondern einfach meine Gedanken und Notizen.
Und wie immer: die schlechten Fotos sind allein meine Schuld!


Jérôme Leroy – Die Verdunkelten
Moderation: Manfred Heinfeldner, Deutsche Stimme: Werner Kolk

Der Autor ist in seiner Heimat wesentlich bekannter als in Deutschland, schreibt nicht nur Kriminalromane, sondern auch Jugendbücher und Lyrik. Zudem schreibt er auch nicht die typischen Kriminalromane, sondern Roman noirs, im Gegensatz zu den Roman policier steht hier die Gesellschaft im Vordergrund. Ein Kriminalroman beginnt in einer heilen Welt, die zerstört wird, aber am Ende wieder hergestellt ist. Der Noir hat kein Happy End. Es geht nicht um explizite Gewaltdarstellung, sondern um die Darstellung der Realität. Jérôme Leroy  befindet sich in der Tradition von Jean Paul Manchette, Leo Malet und Richard Brautigan, auf die er auch mehrfach verweist.
Mit seinem Roman Noir „Die Verdunkelten“ will er keine Botschaft transportieren (er arbeitet schließlich nicht für die Post), sondern einfach aufzeigen, dass die  dystopische Gesellschaft längst da ist. Er behauptet nicht, früher war alles besser, aber dass jetzt alles schlechter ist. Sein Buch gibt Ausblick auf die Zukunft, die tatsächlich utopische Züge hat, und die Handlung der Gegenwart ist die Dystopie. Wir sind längst dort angelangt.

 


Dominique Manotti – Kesseltreiben
Moderation: Dr. Iris Konopik, Deutsche Stimme: Nicolas Marchand

Die Grande Dame des Noir gibt sich die Ehre!
Bevor die Autorin angefangen hat zu schreiben, war sie Gewerkschafterin und Universitätsprofessorin. Die Wahl Mitterands zum Präsidenten brachte sie zum Schreiben, denn damit sah sie die Bemühungen ihrer Generation als gescheitert an. Sie blickt in die Vergangenheit, der Blick in die Zukunft soll von jüngeren Autoren geschrieben werden.
Manottis Schreibstil ist kurz und bündig. Sie sucht „Materieworte“, Worte, die keine weitere Ausführung nötig haben, die in einem Wort ein eindeutiges Bild erzeugen. Auch will sie ihren Leser nicht an die Hand nehmen und auf die Dinge aufmerksam machen, der Leser soll selbst herausfinden, dass 2+2 gleich 4 ist.
Sie recherchiert erst bis zu zwei Jahre, bevor sie beginnt zu schreiben. Die Konstruktion des Roman Noir kommt aus der Realität, Dominique Manotti erfindet keine Gesellschaften, sie erfindet nur Personen, Personen, welche die Geschichte transportieren, denn ein Roman Noir muss spannend sein. Und natürlich schreibt sie einen Roman Noir und keinen Roman Policier – ein Noir ist düster, am Anfang und am Ende, eine heile Welt gibt es nicht.
Ein Buch besteht nur zu 50% aus dem Autor, die anderen 50% kommen vom Leser. Manotti will keine Botschaften mitgeben und erinnert mich damit an die Aussage von Jerome Leroy.
Und: Wir leben in einem Roman Noir, aber wir unternehmen immense Anstrengungen, um dies nicht wahrzunehmen.

 


Christine Lehmann – Die zweite Welt
Moderation: Stephan Raab

Die Autorin hat ihr neues Buch „Die zweite Welt“ vorgestellt. Neben mehreren Stellen, die sie vorgelesen hat, moderierte Stefan Raab, einer der Mitorganisatoren der Stuttgarter Kriminächte, die Lesung und stellte Christine Lehmann Fragen. Als er die Autorin vorstellte, holte er doch noch einige Tatsachen heraus, die ich nicht über Christine Lehmann wusste, die er allerdings, das hat er zugegeben, nach einer dreiminütigen Internetrecherche rausgefunden hatte. Die Autorin rudert gerne, ist aber an dem Abend doch lieber mit dem Fahrrad gekommen. Sie ist Mitglied bei den Grünen und Stadträtin in Stuttgart. Es wurde über Feminismus, Terror, Demokratie und Lisa Nerz gesprochen. Ein ganz wichtiges Thema in „Die zweite Welt“ ist Sprache. Hier kommen nicht nur Begriffe wie Demokratie und Freiheit auf den Prüfstand, sondern auch die männlich geprägte Sprache, die spielerisch ins Gegenteil versetzt wird – und weil ich es in meiner Rezension gelassen habe, muss ich jetzt noch einen Auszug anfügen:

„Bei Wörtern, die sich im weitesten Sinn auf Personen beziehen, heißt es die Gästin, der Gastich, die Anrufbeantworterin oder der Navigatorich, das Kontakt, die Kontaktin, der Kontaktich. Und wenn frau will, kann sie auch Gegenstände feminisieren, die Kaffea, die Tischa, die Büstenhalta. Das ist lustig.“ „ Und es macht die Gender-Paranoikeriche wahnsinnig.“ (S. 59)

So lustig dies klingt, es geht auch anders. Bei ihren Recherchen hat Christine Lehmann sich in die Welt der rechten Propaganda gestürzt und feststellen müssen, dass sie „gute“ Worte missbrauchen, für sich nutzen und geschickt so platzieren, dass sie das genaue Gegenteil meinen. Mehr davon findet man dann im Krimi, der sich wirklich zu lohnen liest… nur das ich es nochmal erwähnt habe.
Zum Abschluss möchte ich nicht missen zu erwähnen, dass ich mich dort mit Petra getroffen habe. Der ein oder andere weiß es vielleicht – ich bin Mitglied in der FB-Gruppe Die Bookaholics *Deutschland*, eine Gruppe von Leseverrückten, die Rezensionen posten, aber auch Listen, Buchfragen, Wichteln und Stammtische  – und noch so vieles mehr. Petra war nun mein erster „Face to Face“ Kontakt zu jemandem aus der Gruppe und ich hab mich riesig gefreut, sie zu treffen. Und zwar nicht nur, weil sie mir Schokolade mitgebracht hat (das wäre nicht nötig gewesen, aber war natürlich sehr willkommen), sondern weil ich mit ihr einfach mal ne halbe Stunde vor der Lesung schön klönen konnte, über Leben, Job und Bücher. Hach, schön!


Herland Lesung mit Monika Geier, Uta-Maria Heim, Sophie Sumburane und Simone Buchholz
Moderation: Christine Lehmann

Christine Lehmann moderierte den Abend und stellte zuerst Herland, das feministische Netzwerk für und mit Frauen aus der Kriminalliteratur, vor. Wer noch nicht davon gehört hat, sollte mal schnellstens auf ihrem Blog nachsehen. Danach lasen die vier Autorinnen eine Passage aus ihren jeweiligen Werken: Simone Buchholz aus „Mexikoring“, Sophie Sumburane aus „Gefährlicher Frühling“, Uta-Maria Heim aus „Toskanisches Feuer“ und Monika Geier aus „Alles so hell da vorn“, bevor Christine Lehmann die Autorinnen darüber befragte, ob und wenn ja, wie Frauen Krimis anders schreiben als Männer, wie sie zu den typischen Rollenbildern der Frau in Kriminalromanen (Mutter, Opfer, Hure) stehen und warum Gewalt auch in Krimis von Frauen gehört. Monika Geier berichtete, wie Agatha Christie sie zum Schreiben brachte und dass sie Jane Marple für die Feministin schlechthin hält. Simone Buchholz findet die Vorschauen der großen Verlagshäuser zum Kotzen, da in mindestens jeder zweiten Krimivorstellung zuerst mal eine junge Frau „geopfert“ wird.  Und Sophie Sumburane klärte darüber auf, dass Autor*innen kaum Entscheidungsrechte bei den Covern haben.
Kritische Stimmen aus dem Publikum, die wohl verstanden hatten, dass Männer schlecht und Frauen gut sind, aber auch mit anderen Erwartungen zur Lesung gekommen sind, wurden darüber aufgeklärt, dass Feministen keine Kampflesben sind und Männer hassen, sondern ganz normale Frauen, die gegen das Patriarchat aufstehen. Gerade in der Literatur, aber besonders in der Kriminalliteratur, ein Feld, welches zwar hauptsächlich von Frauen getragen wird (als Leserinnen, als Buchhändlerinnen, als Lektorinnen), aber immer noch von Männern entschieden wird (keine  oder kaum Frauen in den Verlagsvorständen). Um den Erwartungen gerecht zu werden, berichteten die Autorinnen dann noch etwas über ihre Familienverhältnisse (ach, keine Lesben, sowas!) und wie sie zum Schreiben gekommen sind. Hier stach vor allem Uta-Maria Heim hervor, die schon mit 2 Jahren geschrieben hat – nur hat ihre Mutter ihre niedergeschriebenen Geschichten einfach nicht verstanden.


Sara Gran – Das Ende der Lügen
Moderation: Jochen Stöckle, Deutsche Stimme: Jonathan Bruckmeier

Wenn schon mal eine amerikanische Autorin in Deutschland weilt, muss man doch versuchen, sie auch zu sehen. So war die Karte zu der Lesung mit Sara Gran die erste, die ich in den Warenkorb legte. Nachdem die Lesung nun vorbei ist, kann ich auch sagen, es war die beeindruckendste Lesung. Nicht nur, aber auch wegen Sara Gran. Es war die einzige Lesung bei der ein Catering aufgefahren wurde. Getränke massenweise, Kellner*innen und nach der Lesung noch ein Buffet – da merkte man dann mal wieder, dass ich kein Schwabe bin, denn das hab ich links liegen lassen, die Schlange war mir nämlich zu lang.
Kommen wir nun aber zur Lesung. Der Moderator hat gute Fragen gestellt, allerdings war er mir teilweise zu hektisch, Sara Grans Stimme kann ich nur amerikanisch beschreiben, irgendwie nasal quakend. Nichtsdestotrotz hat sie natürlich tolle Einblicke gegeben, in ihr Leben als Autorin – einen Bürojob hat sie nach 4 Wochen hingeschmissen, derweil sie schon an unzähligen Orten gearbeitet hat, um sich zu finanzieren (Restaurants, Supermärkte, etc) – ist das einzige, welches sie sich vorstellen kann. Sie schreibt neben Krimis auch Drehbücher, dies gemeinsam mit anderen Drehbuchautoren, eine ganz andere Art zu arbeiten. Claire DeWitt – die beste Detektivin der Welt – welches sie nochmal betonte, nachdem derjenige, der die Veranstaltung anmoderiert hat, auf Georg Dengler verwiesen hat, zeigt zumindest einige Gemeinsamkeiten mit Sara Gran, z. B. das sie an keinem festen Ort ermittelt, ganz wie Amerikaner das so tun, die ziehen ja lieber um als z. B. Deutsche. Andererseits kann Claire DeWitt zuschlagen, Sara Gran nicht. Ihr Krimi ist sehr philosophisch, reiht sich ein in die feministischen Krimis und ist nicht ganz leicht zu lesen, da sie vier Handlungsstränge auf verschiedenen Zeitebenen nebeneinander und miteinander weiterführt. Es wurde über Detektivschulen und – arten gesprochen, über Jacques Silette und Detectiòn, über Constanze Darling und Claire DeWitts Kindheit. Sehr gelungen fand ich die deutsche Lesung des Buches, obwohl es ja nun ein Mann war und ich per se bei einer Protagonistin in der Ich-Perspektive doch eigentlich eine Frauenstimme erwarte.
Beim Signieren muss man nun allerdings anmerken, dass sich Sara Gran nur wenig Mühe gibt, denn ich habe schlicht ihren Namen ins Buch geschrieben bekommen – da haben bisher alle Autoren, bei denen ich das Glück hatte, sie zu treffen, doch mehr Worte gefunden, die sie hineinschreiben konnten.


 

2 Kommentare zu “10. Stuttgarter Kriminächte, 15. – 29. März 2019

  1. Vielen Dank für den ausführlichen Bericht. Besonders hat mich der über Sara Gran interessiert, die Frau, die Claire DeWitt erfunden hat. Über Simone Buchholz hätte ich gern mehr erfahren – aber zu ihr gab die „Herland-Lesung“ wohl wenig her.

    • Na ja, die Herland Lesung war genauso lange wie die anderen Lesungen – nur eben verteilt auf 4 Autorinnen. Da blieb pro Autorin nicht ganz so viel Zeit. Eine „Einzellesung“ mit Simone Buchholz gibt da bestimmt mehr her.

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