Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction

8. März: Die zweite Welt – Christine Lehmann

Ein Kommentar


Christine Lehmann – Die zweite Welt
Verlag: Argument
253 Seiten
ISBN: 978-3867542371

 

 

 

 

Sally, mittlerweile Mitarbeiterin in der Redaktion des SWR, ruft Lisa Nerz beim Frühstück aufgeregt an – sie hat soeben einen Drohanruf erhalten. Jemand droht damit, bei der  Demo zum internationalen Frauentag einen Anschlag zu verüben. Ein Scherz? Oder tatsächlich ein Irrer, der es auf die Teilnehmer  der Demo abgesehen hat? Zwei weitere Anrufe bei anderen Radiosendern treffen ein und nicht nur Staatsanwalt Richard Weber und die Polizeitruppen in Stuttgart sind nun höchst alarmiert, sondern auch Lisa. Die macht sich gemeinsam mit Tuana, der 17jährigen Nachbarstochter, die einen Rat von Lisa braucht, auf, den Attentäter auf eigene Faust aufzuspüren. Und sie hat nur wenige Stunden dafür….

Ach, Stuttgart! Weder wohne noch lebe ich in direkt Stuttgart und doch ist das meine Hauptstadt. Und in Christine Lehmanns Krimi geht mir hier das Herz auf! Wie sie gemeinsam mit Tuana, mal zu Fuß, mal im Auto, mal auf dem Leihrad, durch die Stadt kurvt, von Osten nach Westen, die ganze Stadtmitte hindurch, an Plätzen und Denkmälern vorbei, Straßen quert und Gebäude links und rechts liegen lässt – es ist einfach grandios! Ich weiß, dass das für jemanden, der Stuttgart nicht kennt entweder schwierig ist, oder gar vorbeifliegt, aber für Stuttgarter (oder Stuttgartkenner) ist es eine Reise durch die Stadt, eine Hommage an den „Kessel“, ein fulminanter Trip durch die schwäbische Metropole! Oh, wie bin ich entzückt und begeistert!

Lisa Nerz hingegen ist kompliziert wie immer, bockig, zickig und schon gar nicht konform, hinterfragt sie alles. Und doch macht sie sich zumindest hin und wieder Gedanken, wie sie und ihre Welt auf die junge Tuana wirken. Überhaupt sind die beiden ein ganz herrliches Paar – das fängt schon bei der Kleidung an, während Lisa gewohnt maskulin mit Jeans, Lederjacke und Hut durch die Stadt läuft, sieht man Tuana in einem Traum aus violett und rosé neben ihr wandeln. Die gar nicht so traditionelle Tuana in ihrer traditionellen Kleidung klärt Lisa auch gerne auf, wie das so mit dem Islam und dem Koran ist, denn auch Frau Nerz weiß eben nicht alles. Doch in dieser ungewöhnlichen Kombination profitieren beide, denn Tuana ist eine kluge, junge Frau, ernsthaft und nachdenklich, und damit ein sehr gelungener Gegenpol zur ungestümen Lisa, die fast nie ihre Klappe halten kann.

Die Suche nach dem Attentäter/Amokläufer beginnt und Tuana fungiert hier als „Tekkie“, die sich mit Recherchen im Internet wunderbar auskennt. Die Schlagwörter der Anrufer dienen als Suchkriterien und erschreckend ist, wie viele Ergebnisse dabei herauskommen. Hier in dem Buch geht es um Männer, die Frauen hassen und ihnen Böses wollen, oft sogenannte „Unfrens“, unfreiwillig Enthaltsame, die eben dies den Frauen vorwerfen. Doch das Internet ist ja mittlerweile ein Ort an dem sich jegliche Coleur von Menschen über ihre Hassgefühle austauscht, völlig hemmungslos und bar jeglicher Scham.

Immer wieder fügt die Autorin Kommentare aus den sozialen Medien ein, die einen schlucken lassen. Vor Wut, Ungläubigkeit, Entsetzen. Von Fehlern in der Grammatik und Rechtschreibung mal ganz abgesehen, es ist gruselig, aber keineswegs Fantasie, denn sie spiegeln genau den Tenor wieder, der in den sozialen Medien gerade zu herrschen scheint. Konstruktive Kritik findet man hier kaum, Hate Speech und gekaufte Bots, die Kommentare streuen, dafür zu hauf. Heutzutage lässt sich zu allen sensiblen Themen Meinungsmache kaufen, doch es gibt noch genügend, die gar keine Bots dazu brauchen. So verbreiten diejenigen, die ständig „Fake News“ rufen, doch selbst die meisten Fake News. Und zwar lauter, dreister und leider in einer gefühlten Mehrheit. Wer informiert sich schon, bevor er/sie seine/ihre Meinung in den Äther bläst? Die eigene Meinung muss doch wohl die einzig richtige sein – Wahrheit ist hier nicht so wichtig.

„Vielleicht liegt es daran, dass die Wahrheit gefunden, nicht gesagt werden will. Sie ist zu komplex. Die Lüge aber ist ganz einfach. Die kannste einfach so rausballern“ (S. 66)

Einen weiteren Aspekt, den die Autorin einbaut, ist die PGM Partei, die Partei des gesunden Menschenverstandes. In Anlehnung an eine real existierende Partei schrabbt diese mit viel zugedrückten Augen gerade so an der Grenze dessen, was gerade noch gesagt werden kann, ohne dass man sie in die rechtsradikale Ecke stellt. Wobei das auch hier nicht auf alle Parteimitglieder zutrifft, man sich aber dann schnell an der Spitze von diesen „Kollegen“ distanziert. Überhaupt wird bei Frau Lehmann sehr viel über Sprache gesprochen, diskutiert, sich auseinander gesetzt. Die oft männliche Sprache und wie man diese neutraler gestalten könnte, von den Gegnern als „Entgenderisierung“ verworfen, von den Feministinnen als Ausbruch aus dem Patriarchat gefeiert. Doch auch Begrifflichkeiten wie Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit stehen auf dem Prüfstand. Gerade mit ihrem persönlichen Sparringspartner Richard, führt Lisa Nerz hier einige Diskussionen. Mitunter waren diese fiebernd, anstrengend, niederschmetternd. Hitzige Diskussionen, die einem Schlagabtausch nahe kommen. Wörter verlieren ihre Bedeutung, oder bekommen neue Bedeutungen zugeordnet – bei manchen Wörtern waren die Bedeutungen schon immer Interpretationssache.

»Die enteignen uns. Sie nehmen unsere Wörter und drehen sie um.[…] Und die Freiheit, die haben sie auch gekapert. Freiheit ist nicht mehr die Freiheit Andersdenkender. Freiheit ist, wenn man die Grenzen dicht macht, Frauen aus den Parlamenten buht und die Medien als Lügenpresse und Staatsfunk abtut. Freiheit ist, wenn man ›me first‹ schreit, Verträge bricht und sich an keine sozialen Vereinbarungen mehr hält.« (S. 136)

Lisa scheint manchmal kurz vor dem Verzweifeln, fast am Ende mit ihrem Latein, aber eine Kämpfernatur wie sie lässt sich nicht dauerhaft erschüttern. Sie bietet Paroli, Reibungsfläche und Angriffspunkt in einem, stürzt sich in Diskussionen und auf Täter und solche, die es werden wollen. Und so hetzt man durch das Buch, man wird gedrängt und geschubst, ein wahrer Pageturner, denn Verschnaufpausen gibt es keine. Die Handlung verläuft innerhalb eines Tages, unterteilt mit Zeitangaben, die Demo rückt näher und näher. Es gibt kaum Nebenschauplätze, die Handlung konzentriert sich einzig auf die Fragen: wer versucht die Demo zu stören und wie kann man ihn aufhalten? Als Leserin versucht man verzweifelt mit Lisa Nerz den Attentäter rechtzeitig aufzuspüren und gleichzeitig die Welt zu analysieren. Wieso muss Frau 2019 immer noch um ihre Rechte kämpfen? Klar mag man sagen, dass es den Frauen in anderen Ländern weit schlimmer geht – und damit hat man recht –  doch solange frau sich hier in Deutschland auch immer noch Sprüche wie „Die muss nur mal ordentlich durchgefickt werden“ anhören muss, ist der Kampf längst nicht gewonnen und wird natürlich weitergeführt.

Und wer jetzt sagt, dass er/sie mit dem ganzen „Feminismus-Scheiß“ nichts zu tun haben will oder davon genervt ist, dem sei gesagt, dass die Gleichberechtigung ein brisantes hochaktuelles Thema ist, welches von Christine Lehmann ganz einfach in einen spannenden Krimi verpackt wurde. Nicht nur die Krimihandlung, sondern auch das Hauptthema des Feminismus, liefern ein scharf gezeichnetes Bild der gesellschaftlichen Änderungen in den letzten Jahren und regen zum Nachdenken an.  Hier befindet Christine Lehmann sich nicht nur in ihrer eigenen Tradition, denn auch die meisten anderen Lisa Nerz Krimis thematisieren aktuelle Phänomene, wie z. B. der vorige Teil „Allesfresser“ sich dem Veganismus/Vegetarismus widmet, sondern auch in der Tradition anderer brillanter Krimischriftsteller wie Wolfgang Schorlau, Gudrun Lerchbaum oder Horst Eckert. So ist das, und nicht anders.

Fazit:
Lisa Nerz ist eine der herausragendsten Figuren, die mir in der Welt der Kriminalliteratur bekannt ist und widmet sich kontinuierlich den brisantesten Themen unserer Zeit, in diesem Fall dem Feminismus. Spannung bis in die letzte Haarspitze kombiniert mit der wunderbar frechen Lisa und einem fein gezeichneten, realistischen Bild unserer Gesellschaft machen diesen Krimi zum absoluten Lesetipp. Nicht nur für Frauen, sondern für alle Menschen.

 

 

Am 8. März ist internationaler Frauentag.

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