Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction

Vermittlung: Der Messingdeal – Ross Thomas

Ein Kommentar


Ross Thomas – Der Messingdeal
Verlag: Alexander Verlag Berlin
Übersetzer: Wilm W. Elwenspoek, bearbeitet von Jana Frey und Jochen Stremmel
268 Seiten
ISBN: 978-3895813504

 

 

 

Ross Thomas war sehr produktiv in seinem schriftstellerischen Leben und so entstanden nicht nur einige Standalones, sondern auch mehrere Krimireihen. Neben den beiden Duos Artie Wu und Quincy Durant sowie McCorkle und Padillo dreht sich eine Reihe um den ehemaligen Journalisten Philip St. Ives. Diese veröffentlichte er ursprünglich unter dem Pseudonym Oliver Bleeck.  Der Alexander Verlag hat nun 2015 den ersten von fünf Fällen um den arbeitslosen Reporter neu aufgelegt, im Jahre 2016 dann auch schon den zweiten Teil „Protokoll einer Entführung“. Wie gut, dass der schon in meinem gut sortierten SUB auf mich wartet, denn nach „Der Messingdeal“ kann ich auf jeden Fall sagen, dass ich diese Reihe weiter verfolgen werde.

Philip St. Ives ist und war ein guter, ein sehr guter Reporter bei einer New Yorker Zeitung, die allerdings, kurz nachdem er zwischen einem Dieb und dem Beraubten vermittelte und eine großartige Reportage darüber verfasst hatte, dicht machte. St. Ives, nun also arbeitsloser Journalist, wurde zum Mittelsmann, da der damalige Dieb mit der Vermittlung äußerst zufrieden war und St. Ives empfahl wanden sich immer mehr Kriminelle an St. Ives, bzw. an Myron Greene, den Anwalt, der damals den Beraubten vertrat und mittlerweile auch St. Ives Anwalt ist, um bei Erpressung, Diebstahl oder auch Entführung zu vermitteln. St. Ives, der sonst nichts zu tun hat, als Pokerrunden abzuhalten und seine Kontakte warm zu halten, muss nun aber trotzdem seinen Lebensstil pflegen, inklusive Unterhaltszahlungen an seine Ex-Frau.

Warum eignet sich also St. Ives als guter Mittelsmann? Ganz einfach: es ist ihm egal. Er ist völlig neutral und kümmert sich nicht. Er ermittelt nicht, er hilft der Polizei nicht, er wickelt einfach die Übergabe ab. Die Betrogenen und Beraubten händigen ihm das geforderte Geld aus, der Dieb oder Entführer schickt ihn auf eine Reise zur Übergabe, die Polizei ermittelt, mischt sich aber in die Übergabe nicht ein. St. Ives ist vertrauenswürdig. Für die Bestohlenen, als auch für die Kriminellen. Er unterrichtet die Polizei über alles, aber er verrät den Dieb nicht. Er ist der ideale Verbindungsmann, ein Vermittler von Geldkoffern. Von der geforderten Geldsumme erhält er 10 Prozent vom Opfer der Tat, derweil sein Anwalt 10 Prozent von diesem Anteil bekommt und sich um alle geschäftlichen Belange kümmert.

Im vorliegenden ersten Teil der Reihe geht es um ein Messingschild, 31 Kilo schwer, fast einen Meter Durchmesser. Dieser wurde aus dem Washingtoner Coulter Museum am Eröffnungstag einer Ausstellung um afrikanische Kunst gestohlen. Der Messingwert ist zu vernachlässigen, doch der kulturelle Wert, vor allem für die beiden Staaten Jandola und Kamporeen, die zuvor ein Staat waren und sich nun heftigst bekriegen, ist immens. Das Schild symbolisiert Kraft, Stärke und Autorität und wird von den Menschen der beiden Staaten verehrt. Jandola ist im Besitz des Schildes und hat dieses für die Ausstellung zur Verfügung gestellt, welche nun in Washington gastiert. Da das Museum gut geschützt ist, muss der Job von einem Insider ausgeführt oder unterstützt worden sein und tatsächlich findet man schon bald darauf die Leiche eines Wachmannes des Museums. Die Diebe des Schildes verlangen nach St. Ives als Vermittler und 250.000 Dollar in gebrauchten Zehner und Zwanzigern.

Es scheint mir ein Muster zu sein, dass Thomas Helden zumeist sehr kühl und rational sind. Das ist bei St. Ives nicht anders. Nichtsdestotrotz kommt er nicht ganz darum, einige Informationen einzuholen, denn auch als Vermittler möchte er nur ungern sein Leben lassen, wenn er das Messingschild zurückholt. Die mehr und mehr auftauchenden Leichen verstärken sein Gefühl, dass das ein krumme Vermittlung ist und mehr dahinter steckt, als man auf den ersten Blick ahnt. Und so finden dann doch einige Ermittlungen statt, auch wenn St. Ives immer wieder darauf beharrt, das nicht zu tun und die Polizei keineswegs unterstützen will.

Neben den Reichen und Berühmten, die dem Museum vorstehen, der Museumsdirektorin, die kalt und unnahbar scheint, aber ihren Mann erst durch einen Unfall verloren hat, korrupten und zu gut angezogenen Bullen, die gar nichts mit dem Fall zu tun haben, loyalen, aber armen Bullen, welche die Diebe schnappen wollen, gibt es noch Mr. Mbwate und Mr. Ulado, zwei Männer aus Kamporeen, die es zwar letztendlich schaffen, St. Ives Herz zu erweichen, aber eben nur soweit, dass er, nachdem der Austausch fast stattgefunden hat, sich von der Gerechtigkeit leiten lässt, auch wenn er sich fast schon sicher ist, einer Lüge aufgesessen zu sein. Und worum geht es eigentlich? Natürlich, worum sonst: um Macht, Geld und ein wenig Politik.

„Wenn es also nicht um Geld gegangen ist, warum haben Sie es dann gemacht – ich meine, ein Mann wie Sie?“
[…]
„Für Zuckerwatte und hungernde Kinder vielleicht“, sagte ich. „Oder für kranke Kätzchen und verlaufene Hündchen.“
(S. 267)

Fazit:
Ein neutraler Mittelsmann, der mit einem Schulterzucken vermittelt, aber dann gezwungenermaßen ermittelt, um sein Leben nicht zu riskieren und dabei ein klitzekleines Stückchen seines Herzens entdeckt. Ein ungewöhnlicher Protagonist im Ross Thomas Figurenensemble, aber thematisch bleibt der Autor sich treu. Und der Spannung, der bleibt er auch treu. Gelungen!

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