Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction

Zäune und Mauern: Starkstrom – Jan Zweyer

9 Kommentare


Jan Zweyer – Starkstrom
Verlag: Grafit
282 Seiten
ISBN: 978-3894255763

 

 

 

 

„Da kommen Menschen zu uns, die zu Hause verhungern oder verdursten. Das reicht uns aber nicht. Nein, ein solcher Tod zählt nicht. Sie müssen schon durch Bomben oder Gewehre sterben, versklavt, vergewaltigt oder gesteinigt werden, bevor wir ihnen gnädigerweise Asyl gewähren. Und wenn sie lügen, um nicht zurückgeschickt zu werden, beschweren wir uns, dass sie nicht die Wahrheit sagen. Was für ein verkommenes System.“ (Pos. 2808)

Das Europa in einer nahen Zukunft ist zweigeteilt: es gibt Kerneuropa und die angrenzenden Staaten Europas, die sich in der Europäischen Assoziation zusammengeschlossen haben. Und es gibt den Zaun. Er umschließt ganz Kerneuropa, mit Stolperdrähten und Alarmanlagen, mit Schwachstrom und Elektroschussanlagen. Und eigentlich ist es nicht nur einer, sondern mehrere hintereinander. Schon seit Jahren ist kein Flüchtling mehr „durchgebrochen“. Die Mitarbeiter der GoFeCo, der Good Fence Corporation, warten den Zaun regelmäßig und passen auf. Durchbruchsversuche gibt es nur selten. Der Zaun schafft Arbeitsplätze und „verhindert“ Flüchtlinge. Die, die es versuchen kommen in Transitzentren und werden, wenn möglich, heimgeschickt. Die Bewilligung für einen Asylantrag ist einem Lotteriespiel gleichgesetzt.

Was sich nun eigentlich erschreckend und beklemmend anhört, ist gar nicht so zukünftig und weit entfernt, denn  immerhin sind die Transitzentren ja schon vorhanden. Auch Zäune oder Mauern, die Wiederbesetzung der Grenzen oder Schusswaffengebrauch an der Grenze sind im Gespräch, werden schon gemacht oder sind geplant. So unwahrscheinlich ist das Zukunftsszenario des Autors also gar nicht. Und wie immer muss ich dabei fürchterlich schlucken. Es ist unbegreiflich, wie wir uns rasend schnell und fast unaufhaltsam diesen Szenarien nähern. Und leider zeigt der Einblick, den ich beim Dystopiespezial gemeinsam mit Katja von Wortgestalt gewonnen habe, dass selbst Dystopien, die fast hundert Jahre alt sind, einen sehr realistischen und ausgereiften Blick in die Zukunft bieten. Umschließen wir also bald „Kerneuropa“ mit einem mehrstufigen Zaun?

In dieses zukünftige Szenario setzt der Autor nun Karla und Ben, zwei Journalisten, die sich auf die Suche nach den Schleppern und Flüchtlingen machen, um die Geldflüsse aufzudecken, aber der Leser begleitet auch zwei Senegalesen, die in Europa Hoffnung für ihr ganzes Dorf suchen. Dann ist da noch Peter Nielsen, ein GoFeCo Mitarbeiter, der den Zaun noch durchbruchsicherer machen soll, dessen Chef aber ein falsches Spiel mit ihm treibt, und Kevin Baader, den Referenten des Staatssekretärs im Innenministerium, der nach und nach hinter das Lügengebäude seines Vorgesetzten blickt.

Machen wir uns nichts vor – wir, der Westen, wir sind schuld daran, wie die Situation mit den Flüchtlingen ist. Wir verursachen Kriege und beuten aus, wir haben jahrelang, jahrhundertelang Raubbau in der dritten Welt getrieben. Der Autor spinnt das Szenario nun weiter und zeigt auf, wie Geschäftemacher und Politik, wie Wirtschaft und Privatpersonen an dem Phänomen „Flüchtlingen“ verdienen. Schon allein der sagenumwobene Zaun der GoFeCo hat Millionen und Milliarden gekostet, nicht nur im Bau sondern auch in der Wartung, ganz zu schweigen von den Arbeitern. Die Schlepper verdienen sich dumm und dämlich, versprechen Träume und setzen Flüchtlinge in rostzerfressene Boote und lassen sie ersaufen, nur mit Glück erreichen sie überhaupt Europa. Und die Politik? Die schürt dieses Feuer fleißig weiter und verdient. Am Zaun, an den Transitzentren, durch die Schlepper. Das Geschäftsmodell des 21. Jahrhunderts.

Die Protagonisten des Krimis setzen nun alles daran, dieses Geschäftsmodell ins Wanken zu bringen. Dabei sind es Kleinigkeiten, welche die Geschichte in Gang bringen. Karla erhält einen Anruf von einem alten Freund, der einen Weg nach Europa sucht, Nielsen muss sich notgedrungen verteidigen und tut das auf Kosten der GoFeCo, Baader fallen nur nach und nach Ungereimtheiten im Leben seines Chefs auf. Der Krimi unterteilt sich also in mehrere Perspektiven,  die sich um das Thema drehen. Nach und nach führt der Autor diese zusammen und verwebt sie zu einer Geschichte. Wenn Journalisten recherchieren sind natürlich auch unangenehme Fragen dabei und einige brenzlige Situationen; die Senegalesen auf der Flucht sind sowieso quasi ständig in Lebensgefahr.

Eine gut durchdachte, hintergründige Kriminalgeschichte hat der Autor hier geschrieben. Die Perspektivwechsel machen den Roman abwechslungsreich. Das Verweben der einzelnen Handlungsstränge ziehen das Tempo des Krimis an und bereichern ihn mit Spannung.  Die Erzählung ist packend und entsprechend dramatisch, aber der Hauptaspekt ist und bleibt der beklemmende Blick in die Zukunft. Der Zaun thront allmächtig im Hintergrund des Buches. Immer. Ohne Pause. Er ragt darüber und stellt alles in den Schatten. Er ist wie ein Gespenst, immer da, wenn auch nicht zu sehen. So habe ich das Buch zwar mit einem positiven Leseerlebnis zugeklappt, denn es hat mir gut gefallen, doch die Erkenntnis, dass wir gar nicht mehr so weit von diesem Szenario entfernt sind, lässt mich bedrückt zurück.

Fazit:
Eine packende Kriminalgeschichte eingebettet in ein zukünftiges, aber leider sehr realistisches Zukunftsszenario. Beklemmend realistisch und möglich.

9 Kommentare zu “Zäune und Mauern: Starkstrom – Jan Zweyer

  1. Auf den letzten Satz vor dem Fazit hätte ich gerne verzichten können, weil ich ungern erfahre, wie ein Buch endet, aber ansonsten: Sehr gut geschriebener Text! :-)

    Ich schätze, „Starkstrom“ sehe ich mir mal näher an.

  2. Uh, ein Buch mit dem neuen Grafit-Design, da erkennt man den Verlag kann nicht mehr direkt auf den ersten Blick XD

    Stell nicht immer Bücher vor, die ich auch lesen will!
    Das ist gemein!
    Hundsgemein!
    *notitz auf Einkausfliste macht*
    Zumal ich gerade so eine Phase habe, wo ich solche Szenario recht gerne lese :3

    • Haha… ich hab da erst neulich einen Haufen Italiener und fast alle Bücher von Nicci French auf meine WuLigepackt – ich würde sagen, wir sind quitt. ;-)
      Wo kämen wir denn da hin, wenn unseres SUBs ungleich anwachsen würden?

      • In ein buchfreies Paradies, was keiner will?
        XD

        • Nein, das will wirklich keiner! Wobei ich vermehrt versuche, auf ebooks umzusteigen… der Platz geht einfach aus. Aber virtuelle SUBs sind auch nicht zu verachten. :-)

          • ebooks sind nicht meine Welt :( Da komm ich nicht in das gleiche Lesefeeling hinein, wie bei einem gedruckten Buch. Schon mehrfach getestet …

          • Schade, bei mir geht das. Ich lese mittlerweile beides gerne. Aber ich bin schon froh, dass es noch beide Möglichkeiten gibt. So ganz ohne papierne Bücher… nein, das mag ich mir auch nicht vorstellen.

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