Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction

Trio Infernale: Wo Rauch ist – Gudrun Lerchbaum

9 Kommentare


Gudrun Lerchbaum – Wo Rauch ist
Verlag: Argument
288 Seiten
ISBN: 978-3867542333

 

 

 

 

Ich freue mich ja auf alle Krimis, die neu im Hause Argument erscheinen. Noch hab ich dort keins erwischt, welches mir nicht gefallen hat, denn die Auswahl, die Verlegerin Else Laudan bei ihren Autorinnen und deren Büchern trifft ist schlicht und einfach hervorragend. So hab ich auch mit Freude festgestellt, dass Gudrun Lerchbaum nun beim Verlag zu finden ist und dort ihren neuen Krimi veröffentlicht hat. Ich war wahnsinnig gespannt, ob die Autorin es wieder schafft mich total zu überzeugen. Und was soll ich sagen – es ist ihr gelungen!

Die Meisterin der Charaktere
Schon in „Lügenland“, dem letzten Roman der Autorin, der in einer nicht entfernten Zukunftsvision angesiedelt ist, war ich schlicht begeistert von der Protagonistin Mattea. Eine überzeugendere Protagonistin in einem bedrückenden Zukunftsszenario ist mir noch nicht unterkommen. Und  nun hat die Autorin es wieder geschafft, eine absolut realistische, interessante, überzeugende, begeisternde Protagonistin zu schaffen: Olga Schattenberg. Gut, eigentlich ist ihr diesmal sogar ein fantastisches Charaktertrio gelungen, doch Olga sticht hier einfach hervor. Aber fangen wir mal beim Anfang an.

Allergie, na klar
Can Toprak, investigativer Journalist und Ex von Olga Schattenberg, ist gestorben. Seine Familie verbreitet die These, dass er an einem allergischen Schock gestorben ist, doch Olga vermutet, dass sein letztes Recherchethema – rechtsextreme Kreise, türkischer Geheimdienst –  ihn das Leben gekostet hat. Auf der Beerdigung begegnet sie Adrian Roth, der die Grabrede hält, und kurz darauf Kiki, eigentlicher Name Christiane Bach, die gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde und eine Ex-Freundin von Adrian ist. Kurzerhand engagiert sie Kiki als ihre Assistentin, da Olga durch die Multiple Sklerose oft an den Rollstuhl gebunden ist und Hilfe im Alltag benötigt, und Adrian hängt irgendwie drin. Denn die beiden Frauen verbünden sich und wollen nur eins: Can Topraks Mörder finden.

Die Kranke
Es wird wohl einige Menschen geben, die Olga auf unfeine Art eine „linke Zecke“ nennen würden. Olga war und ist eine, die ihre Meinung kund tut. Eine, die demonstriert. Eine, die Häuser besetzt. Eine, die handelt und nicht nur zuschaut. Sie ist borstig, kratzig und ungemütlich. Auch wenn die Multiple Sklerose sie an den Rollstuhl fesselt, hindert das Olga nicht daran, ihren Mund zu benutzen und erstaunlicherweise kann man auch mit dem Rollstuhl so einiges anstellen. Sachbeschädigung zum Beispiel, um den braunen Mob in seine Grenzen zu weisen. Liebenswürdige Seiten hat sie aber auch. Und ganz gewisse ist sie eine bewundernswerte Frau. Viele Einblicke gewinnt man als Leser in das Leben einer MS-Erkrankten und kann Olga nur für ihren Widerstand, ihre „sich nicht unterkriegen lassen“-Mentalität und ihren Trotz bewundern.

Die Irre
Kiki saß für Totschlag im Gefängnis, hat ihre Strafe verbüßt. Kiki ist eine Wucht. Sie mag zwar oft das Richtige wollen, aber keinesfalls sagt oder tut sie dann das Richtige. Kikis Gehirn funktioniert ein bisschen anders, Tausende Gedanken brechen sich hier Bahn. Aber sie ist eine gute Seele. Und das erkennt Olga. Sie ist warmherzig, besorgt und kümmert sich. Auch wenn das mal heißt, zum Messer zu greifen und für ihre Chefin in die Bresche zu springen. Obwohl über ihr Alter, glaube ich, nichts gesagt wird, wirkt sie jung und quirlig auf mich. Naiv und doch abgehärtet. Ein Energiebündel, das Anleitung braucht und nun endlich bekommt. Ein fantastisches Duo.

Der Stock
Doch eigentlich ist es ja ein Trio. Und den letzten freien Stuhl übernimmt Adrian. Gott, der hat echt einen Stock im Arsch. Konservativ, auf jeden und alles bedacht. Bloß nichts falsch sagen und machen. Lieber erst mal gar nichts machen und wenn, dann lieber eine Notlüge als die Wahrheit sagen, um es allen recht zu machen. Wahrheit ist sowieso Auslegungssache. Und keinesfalls Verrat, oder? Auch wenn Adrian die unangenehmste Person in diesem Trio infernale ist, gehört er dennoch dazu, reiht sich ein. Die Truppe läuft wie ein Uhrwerk – jedes Rädchen fügt sich in das nächste, auch wenn Adrian das schwächste Glied der Truppe ist.

Anecken
Die Autorin hat ein Trio aus Charakteren geschaffen, welches vielleicht auf den ersten Blick grotesk und unglaublich erscheint, doch keines von beiden ist. Natürlich stoßen die drei mit ihren Ermittlungen an Grenzen, wecken aber trotzdem die schlafenden Hunde. Dass Olga und Kiki nicht aufgeben ist klar, Adrian hätte allerdings schon längst das Handtuch geworfen, wenn die beiden Frauen ihn lassen würden. So aber sind die drei eigensinnig und kompromisslos. Diese Eigenschaften verschaffen ihnen einige Gegenspieler, die versuchen, das unbequeme Trio loszuwerden. Da ist die Polizei, die mit ihren Ermittlungen feststeckt, noch die harmloseste Partei.

Symbiose
Tatsächlich scheint die Lösung des Falles am Ende dann fast schon trivial, eine Familiengeschichte unter dem Deckmantel von extremistischen Ideen, doch die Suche nach der Wahrheit hat viele Dinge hervorgebracht, die einige lieber unter den Teppich gekehrt hätten. Schon die Idee an sich, dass Rechte mit dem türkischen Geheimdienst kooperieren scheint unglaublich und doch so wahr. Nebenbei zeigt die Autorin auch, wie die rechten Tendenzen sich immer mehr in unserer Gesellschaft verankern und zu Alltäglichem und vor allem akzeptierten Alltäglichem werden, wenn wir uns nicht wehren. Auch wenn der Fokus mehr auf den Charakteren liegt, die den Fall um Can Toprak versuchen zu lösen, und die politische Kulisse als Hintergrund dient – sowohl der Ermittlung als auch der Ermordung.  Die Frage, ob es sich hier nun um einen politischen oder einen sozialkritischen Thriller handelt, kann ich nur so beantworten: beides. Für mich die perfekte Symbiose aus beidem. Olga, Kiki und Adrian bieten den perfekten Ausgleich, um sich mit den erschütternden und leider sehr ernst zu nehmenden rechten Tendenzen auseinander zu setzen. Ein ernstes Thema, welches mit einem Augenzwinkern betrachtet wird, aber dadurch nicht an Brisanz und Wichtigkeit verliert.

Fazit:
Ein Trio Infernale auf der Suche nach einem Mörder in einer politisch aufgeheizten Gesellschaft – Frau Lerchbaum schafft es auch diesmal mich restlos umzuhauen, besonders mit ihren Charakteren, aber auch mit ihrem Feingefühl für gesellschaftliche Entwicklungen. Ein Krimi, der nicht nur von Krimilesern gelesen werden sollte, sondern in jedes Haus gehört. Herausragend und eine ganz klare Leseempfehlung!

9 Kommentare zu “Trio Infernale: Wo Rauch ist – Gudrun Lerchbaum

  1. Nach den ersten 50 Seiten bin ich noch nicht sicher, dass mir der Krimi gefällt. Ausgeflippte Charaktere in einer brisante politischen Szenerie. Kann das gutgehen?

  2. „Wo Rauch ist“ hat mir auch sehr gut gefallen, besonders diese atypische Charakterisierung fand ich sehr abwechslungsreich und durch diese ungewöhnlichen Figuren ist es vielleicht sogar ein Krimi, der länger im Gedächtnis bleibt.
    Wie Philipp habe ich mich anfangs auch gefragt, ob dieser Mix zwischen der ungewöhnlichen Charakterisierung und die Berührung zu politischen Themen funktionieren kann. Gudrun Lerchbaum zeigt: Ja, es funktioniert!

    • Ich denke auch, dass der Krimi durch die ungewöhnliche Kombination länger im Gedächtsnis bleibt. Mir sind immer noch die Charaktere präsent, vor allem Olga, obwohl ich das Buch schon vor gut 5-6 Wochen gelesen habe. Tatsächlich hab ich zwar schon noch die politische Brisanz im Kopf, aber nicht mehr genau, wie sich alles abgespielt hat. Olga aber geht mir gar nicht mehr aus dem Kopf. Ein wirklich toller Charakter, den ich noch lange mit mir herumtragen werde.

  3. Hat dies auf g:textet rebloggt und kommentierte:
    Ich freue mich sehr über diese großartige Rezension der Dunklen Felle!

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