Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction

Der heilige Stein: Glorreiche Ketzereien – Lisa McInerney

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„… denn für sie gab es keine andere Autorität als die heilige Dreifaltigkeit: Priester, Nonnen und Nachbarn.“ (Pos. 3313)

Ja, genau, wir befinden uns in Cork, Irland. Als Tourist fährt man ins pittoreske Irland, mit seinen schmucken, geschichtsträchtigen Cottages, bestaunt die grünen Landschaften und kehrt in die heimeligen Pubs ein. Vielleicht verschlägt es einen ja auch nach Cork. Das Bild von Irland, das nur kaum ein Tourist sieht, zeichnet die Autorin in ihrem Debütroman, welcher der Auftakt zu einer Trilogie sein soll, Teil 2 ist in Englisch denn auch schon erschienen.

„Maureen hatte gerade einen Mann umgebracht. Sie hatte es nicht gewollt. Das würde sie kaum beweisen müssen, dachte sie. […] Sicher, sie guckte schon mal gerne düster drein, wenn sie nicht gerade bewusst eine andere Miene aufsetzte, aber wie eine mies gelaunte Bohnenstange auszusehen, war noch längst kein Grund für die Gardaí, dich für pervers zu halten.“ (Pos. 180)

Die Ermordung von Robbie O’Donovan, von Maureen nachts erschlagen, als der kleine Drogendealer in ihrem Haus etwas klauen wollte, bildet den Ausgangspunkt der Geschichte und ist der Dreh- und Angelpunkt der unterschiedlichen Charaktere. Maureen beauftragt ihren Sohn, Jimmy Phelan, den örtlichen Gangsterboss mit der Beseitigung der Leiche, dieser holt sich als Handlanger Tony Cusack. Dessen Sohn Ryan wiederum, obwohl noch Teenager und in der Schule, vertickt Drogen, hin und wieder auch an Georgie, eine Nutte, und die Freundin von Robbie. Maureen wiederum wurde von ihrem Sohn in dem Haus untergebracht, in dem Georgie früher als Nutte angeschafft hat.

Ein fulminantes Kaleidoskop aus Helden, wenn man sie denn so nennen darf, fährt die Autorin hier auf. Doch auch wenn es auf den ersten Blick nach einem Haufen Klischees aussieht – Gangsterboss, Nutte, Drogendealer – darf man sich hier nicht täuschen lassen. McInerney bricht diese Klischees auf und füllt die Charaktere mit Tiefe, verbandelt sie miteinander und lässt doch alle tragisch abstürzen. Denn eines haben alle gemeinsam: sie sind auf der Suche nach einem besseren Leben.

Da ist zum einen Maureen. Sie musste als junges Mädchen, schwanger von einem reichen, „anständigen“ Kerl, ihr Kind abgeben. Zwar ist sie um die Magdalenwäschereien herumgekommen, doch ausgerechnet ihre bigotte Mutter zieht ihr Kind groß und schickt sie weit weg nach London. Als Erwachsener macht Jimmy sie ausfindig und holt sie heim nach Cork, quartiert sie in das ehemalige Bordell ein, aber ohne es ihr zu erzählen. Maureen hadert mit Gott und dem Katholizismus, nichts gibt er ihr, einzig nimmt er ihr ständig etwas und doch ist sie auf der Suche. So scheint es urkomisch, dass Maureen Robbie mit einer Devotionalie, einem heiligen Stein, erschlägt. Maureen nimmt es der Kirche übel, dass sie ihr das Kind weggenommen haben, natürlich nicht direkt, sondern durch ihre bigotte Mutter und schlägt zurück, zündet sogar eine Kirche an. Nichtsdestotrotz ist sie keineswegs verrückt, sondern blickt mit einer Weisheit hinter die Masken der Menschen, dass es ihrem Sohn ganz angst und bange wird und er sich mehrmals fragt, was er sich da eingehandelt hat.

Der eigentliche Protagonist der Story ist aber eindeutig Ryan Cusack. Der musische begabte Junge, dessen Mutter früh gestorben ist und der mit seinem Vater kein Stück zurechtkommt, versucht seinen Platz im Leben zu finden. Ein gutes Stück gelingt ihm das, als er sich Karine D’Arcy als Freundin angeln kann. Ein anständiges Mädchen, welches ihn ein Stück weit auf den Boden behält, doch die ewigen Querelen mit seinem Vater und die aufdringliche Nachbarin machen ihm einen Strich durch die Rechnung. Langsam rutscht er in das Drogengeschäft, verkauft seinen Stoff aber nicht jedermann und nach ganz eigenem System, hat aber damit Erfolg. Nichtsdestotrotz gerät er in Schwierigkeiten, gerät an einen Richter, der ein Exempel statuieren will und landet im Knast. Das Erwachsenwerden dieses Jungen scheint der Mittelpunkt der Geschichte, um den sich alles dreht, auch die Kapitel beginnen immer mit ihm, mit glücklichen Zeiten, die er mit Karine verbringt. Ein tragischer Held zu Beginn, und ein tragischer Held am Ende.

Ein Querschnitt an Charakteren, welche die Autorin nach Cork setzt und das pittoreske Bild Irlands zerstört, die Wahrheit aufzeigt. Realität walten lässt. Nichts ist nur schön, alles hat Schattenseiten. Menschen, die, ob sie sich nun anstrengen oder nicht, nie etwas erreichen aber immer vom besseren Leben träumen und danach streben. So wie Tony, so wie Maureen. Menschen, die zu jung ins Leben geworfen werden, mit Schicksalsschlägen niedergedrückt werden und die Realität erfahren. So wie Ryan, so wie Georgie.

Schwermütig hätte das Buch werden können, deprimierend, doch die Autorin hat ihre ganz eigene Art, damit umzugehen. Urkomisch schildert sie dieses Karussell an Charakteren und treibt es vorwärts. Krimikomödie könnte man es nennen, doch eigentlich ist es viel mehr. Sprachlich schafft es die Autorin ganz wunderbar groteske und herrlich komische Bilder zu zeichnen, immer nur ein wenig und nimmt damit dem Buch die Düsternis und Schwere, aber längst nicht die Tragik und Verschrobenheit. Ein gelungener Trick, den die Autorin hoffentlich im nächsten Teil, den der Liebeskind Verlag sich bestimmt schon gesichert hat, wiederholt.

„Mir? O Vater, ich weiß, dass es mir leid tut. Aber was ist mit Ihnen? Vergib mir, Irland, denn ich habe gesündigt. Kommen Sie, mein Junge. Kein Wunder, dass Sie sagen, der Heilige Gott ist voll der Gnade, denn wie sonst sollte irgendeiner von euch Dreckskerlen nachts schlafen können?“ (Pos. 2280)

Fazit:
Die Autorin zeigt die Abgründe Irlands, ohne dabei in Klischees zu verfallen, mit einer gehörigen Brise Komik. Ein irischer Krimi, der seinesgleichen sucht. Ungewöhnlich, grotesk und phänomenal!

 


Lisa McInerney – Glorreiche Ketzereien
Verlag: Liebeskind
Übersetzer: Werner Löcher-Lawrence
448 Seiten
ISBN: 978-3954380916

 

 

 


Andere Meinungen zum Buch:
Wortgestalt meint: „Jahrzehnte irisch-katholischen Lebens, eine kleine Abrechnung der Autorin mit Irland, mit dem Katholizismus, mit der Heuchelei und Frömmigkeit und dem Glaubenseifer. Auch mit der wirtschaftlichen Lage, der Sozialstruktur. »Glorreiche Ketzereien« ist eigentlich ein Sozialdrama, was es am Ende zu starker Kriminalliteratur macht.“
Buch-Haltung meint: „Auch wenn es keine wirklich profunde literaturtheoretische Analyse ist: dieser Roman macht Spaß. Er ist temporeich erzählt, schwarzhumorig und rundet sich zum Ende hin ganz wunderbar. “
Renie’s Lesetagebuch meint: „Die Autorin mag ihre Charaktere. Auch wenn sie sie oft dumm dastehen lässt, an der Grenze zur Respektlosigkeit, wird man den Eindruck nicht los, dass sie ihren Protagonisten deren Sünden verzeiht und dabei das Menschliche in den Vordergrund stellt. Sie reduziert sie nicht auf ihre Jobs (Dealer, Prostituierte, Kriminelle), sondern zeigt sie mit all ihren Sehnsüchten, Wünschen und Gefühlen.“

 

Das Copyright für das Titelfoto liegt bei mir.

12 Kommentare zu “Der heilige Stein: Glorreiche Ketzereien – Lisa McInerney

  1. Irgendwie fühle ich mich ein bisschen an Tana French erinnert!?

    • Da kann ich leider nicht mitreden – Tana French habe ich noch nicht gelesen. Wenn das allerdings so wäre, wäre das ein guter Grund, die zwei Titel, die ich von ihr in meinem SUB beherberge, nach oben zu verschieben. :-)

      • @fraggle Da kann ich vielleicht weiterhelfen, ich habe im Sommer Lisa McInerney gelesen und gerade ganz frisch Tana French und würde die beiden nicht vergleichen. Und das völlig wertfrei! Aber sowohl in der thematischen Ausrichtung als auch vom Ton und vom Fokus der Erzählung sehe ich da keine Gemeinsamkeiten. Ich hoffe, das hilft ein wenig zur Orientierung? Ich mochte aber beide sehr, Tana French fand ich etwas unterhaltender, McInerney dagegen etwas eigenwilliger, beides jeweils positiv gemeint.

  2. Ich mochte auch dieses, wie Du es schön nennst „Kaleidoskop an Helden“, dieses Figurenensemble, die Zusammenstellung und wie Lisa McInerney davon erzählt, dieses mosaikhafte,, das hat wirklich gut gepasst. Da ist die Fortsetzung auch wirklich vorprogrammiert und ich bin wirklich wirklich gespannt darauf, was aus Ryan wird und auch aufs Maureens Rolle bin ich gespannt. :)

    • Oh ja – ich bin auch so gespannt. Ich habe ja mal wagemutig behauptet, dass der Liebeskind Verlag den zweiten Teil quasi schon in petto hat – ich hoffe, da habe ich prophetisch geweissagt. :-)

      • Ich glaube, das passt schon. Also zumindest war mein letzter Stand, ich zitiere mal kurz Liebeskind aus den Kommentaren auf meiner Facebook-Seite: »Die Fortsetzung ist auf jeden Fall geplant, allerdings noch genauen Termin. Und Lisa McInterney sitzt auch schon am dritten und letzten Band um Ryan, Maureen etc – also einiges, worauf man sich vorfreuen kann!«

        Ich schätze, da fehlt ein „ohne“, aber die Botschaft klingt insgesamt doch sehr aussichtsreich. :D

  3. So, habe nun 3 Meinungen (heute) zu diesem Buch gelesen. Jeder hat andere Eckdaten erwähnt, aber aller betonen den bunten Mix. Ich hatte das Buch in der Vorschau gesehen und gar nicht erwartet, dass es über 400 Seiten hat. Wohl weil Liebeskind viele schmale Büchlein im Bestand hat :D

    Was ich eigtl sagen will: Du hast mich noch ein Stückchen mehr davon überzeugt, es mal mit dem Debüt zu versuchen :)

  4. Pingback: Blog-Spezial Irische und Nordirische Kriminalliteratur – gemeinsam mit Wortgestalt | Die dunklen Felle

  5. Pingback: Blog-Spezial »Irische/nordirische Kriminalliteratur« gemeinsam mit »Die dunklen Felle«

  6. Pingback: Reblogged | Lisa McInerney - Glorreiche Ketzereien

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