Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction

Vor der Wende: Die gefrorene Charlotte – Dagmar Scharsich

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Dagmar Scharsich – Die gefrorene Charlotte
Verlag: Argument
448 Seiten
ISBN: 978-3886195480

 

 

 

 

Puppen. Hunderte, Tausende von Puppen. Cora Osts Tante Johanna verwahrt diese in vielen Vitrinen in ihrer Wohnung. Horsti, der geistig nicht ganz auf dem Damm ist, hegt und pflegt diese. Und dann ist da noch Hedda, die schon lange mit Johanna und Horsti zusammenlebt und quasi zur Familie gehört. Zu Coras Geburtstag ist dann noch Marion gekommen, Coras beste, aber auch einzige Freundin. Ein gemütlicher Kaffeeplausch, garniert mit einem Schlückchen Goldbrand.

Mag die erste Szene dieses Buches auch betulich wirken und so gar nicht nach einem Spannungsroman klingen, ist es aber doch genau die Szene, die alles ins Rollen bringt. Cora bekommt von ihrer Tante 6 gefrorene Charlotten geschenkt, kleine Porzellanpüppchen, erstarrt in ihrer jeweiligen Bewegung. Nur ein Bruchteil der Sammlung von Johanna, doch genauso wertvoll wie jede andere Puppe in den Vitrinen. Die siebte Charlotte behält Tante Johanna und nur kurze Zeit darauf ist sie tot.

„Mach den Mund zu, Cora.“ (S. 17)

Cora Ost, dreißig, unverheiratet, keine Kinder und auch fürchterlich unselbständig. Immer wieder bleibt ihr der Mund offen stehen und verleiht ihr damit ein dümmliches Aussehen, meist nicht zu ihrem Vorteil, doch hin und wieder hat auch das was. Mit Entscheidungen hat Cora es nicht so, am liebsten lässt sich von ihrer Freundin Marion in die richtige Richtung lenken. Doch auch damit ist bald Schluss und Cora steht alleine da, denn Marion flieht. Erst nach Ungarn, dann hoffentlich in den Westen. Man möchte sie ständig vorwärts schubsen, diese Cora Ost, die so gar nichts entscheidet und das meiste auf sich zukommen lässt. Und doch steckt in ihr wohl ein jeder von uns. Man muss seinen inneren Schweinehund überwinden, sich auch mal etwas trauen, für etwas eintreten. Selbst Cora sieht das am Ende ein.

Es ist eine Zeit des Umbruchs, der Unruhe. Die Wochen, Monate, bevor die Grenzen geöffnet werden, bevor die DDR fällt. In diese, schon ganz ohne Kriminalfall, spannende Zeit, setzt die Autorin ihr Rätsel um ein paar Hundert alte Puppen gemeinsam mit der entscheidungsunfreudigen, vertrauensseligen Cora Ost. Menschen verschwinden und fliehen, Getuschel wird laut, die Nachrichten berichten von Demonstrationen, kleinen zuerst, dann immer größeren. Leute werden verhaftet, die Doppelgänger laufen. Das letzte Aufbäumen. Immer mehr Demonstranten, einig und bestimmt. Ein immenses Erlebnis, welches die Autorin, nach und nach und aus der zaghaften Sicht von Cora dem Leser präsentiert.

Die Geschichte musste aus Tante Johannas Wohnzimmer raus, um mich zu packen, doch dann, ja dann hatte sie mich gefangen. Ein perfides Spiel, welches sich um die Stasi und Antiquitäten dreht. Doch auch private Interessen sind vertreten und verwirren Cora nur noch mehr. Es wird für sie immer schwerer zu entscheiden, wem sie vertrauen kann und wem nicht. Doch Cora muss sich entscheiden. Und sie tut es. Aber ja, auch mit Cora hab ich mich am Anfang schwer getan. Zu unselbständig, nur am Zusehen und Geschehen lassen. Fast so wie ihre gefrorenen Charlotten. Doch zum Glück schafft sie den Absprung und taut auf.

Fazit:
Ein packender Roman kurz vor der Wende, der nicht nur die historische Zeit ausgezeichnet beleuchtet, sondern mit Antiquitätenraub unter staatlicher Aufsicht auch für ausreichend Spannung sorgt. Mal wieder ein sehr gelungener, neu aufgelegter Titel aus dem Hause Argument.

6 Kommentare zu “Vor der Wende: Die gefrorene Charlotte – Dagmar Scharsich

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  3. Schöne Rezension – wie ja immer. ;-) Und dennoch der erste Ariadne-Titel seit langem, den ich auslassen werde. Ja, diesmal bleibe ich stark. Auch wenn du mich überreden willst. Keine Chance. :-D

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