Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)

Zweiklassengesellschaft: Memory Game – Felicia Yap

7 Comments


Felicia Yap – Memory Game, Erinnern ist tödlich
Verlag: Penhaligon
Übersetzerin: Bettina Spangler
442 Seiten
ISBN: 978-3464531829

 

 

 

 

Wer mir schon eine Weile folgt, wird wissen, dass ich neben dem Krimigenre gerne immer wieder Blicke in die Zukunft werfe, aber auch Alternativwelten mich hin und wieder reizen können. Bei beiden – den Zukunftsromanen sowie den Alternativwelten – reizt mich aber nicht eine komplette Veränderung, mir ist wichtig, immer noch eine Verbindung zu meiner Realität zu finden, d. h. die Zukunftsvision sollte nicht zu weit in der Zukunft oder zu weit entfernt sein, aber auch die Alternativwelt sollte nicht komplett verändert sein. Es sind ja meist nur Kleinigkeiten, eine Entscheidung oder eine Sache, welche die Veränderung unserer Realität zu einer alternativen Realität machen. Genauso wie Autorin Felicia Gap dies gemacht hat, indem sie in ihrer Welt den Menschen nur noch die Erinnerung an den letzten oder letzten und vorletzten Tag lässt.

Eines Morgens klingelt die Polizei an Claire Evans Tür. Im nahegelegenen Fluss wurde die Leiche einer Frau gefunden. Die Polizei, genauer gesagt, DCI Hans Richardson, behauptet, sie wäre die Geliebte ihres Mannes Mark. Doch ist das die Wahrheit? Verschweigt Mark etwas? Und woran kann sie sich nicht mehr erinnern? Gar keine einfache Frage, denn Claire ist eine Mono und kann sich nur noch an die gestrigen Ereignisse erinnern. Und Mark ist ein Duo – er kann sich an zwei vergangene Tage erinnern.

Diese alternative Welt ist gar nicht so anders als unsere und doch gibt es einen entscheidenden Unterschied. Die Welt spaltet sich in zwei Bevölkerungsgruppen: Monos und Duos. Monos erinnern sich nur an den letzten Tag, Duos an die letzten zwei Tage. Aus diesem Grund sind Duos diejenigen, die erfolgreich, reich, berühmt und angesehen sind, Monos sind die anderen, die Arbeiterklasse, diejenigen, die nicht genug „Grips“ für mehr haben, die dümmer sind. Eine waghalsige Theorie, welche die Autorin hier ihrer Welt zugrunde legt, aber gar nicht so abwegig, denn so sind wir Menschen. Wir stecken ganz leicht andere Menschen in Schubladen.
Beide Bevölkerungsgruppen erleben eine ganz normale Kindheit und Jugend – auch mit einem Vollgedächtnis, wie es im Buch so schön heißt. Ob man ein Mono oder Duo ist, stellt sich dann mit Erreichen des Erwachsenenalters heraus. Monos vergessen ab 18 Jahren, Duos ab 23. Allen wird eingebleut, ihre Erinnerungen in Tagebüchern festzuhalten und auswendig zu lernen, früher natürlich handschriftlich, heute mit dem iDiary (ja, Steve Jobs lässt grüßen – Smartphones sind zwar da, aber neben dem essentiell wichtigen iDiary sind sie unwichtig).

In dieses Setting setzt die Autorin nun einen Kriminalfall, der mich streckenweise stark an „Girl on the train“ erinnerte, denn die dortige Protagonistin hat Blackouts durch zu starken Alkoholgenuss. Doch ein bisschen anders ist die Situation schon, denn schließlich kann sich keiner weiter als zwei Tage erinnern und ständig wird das iDiary konsultiert, um Stichwörtersuchen durchzuführen. Eine Ermittlung, die länger als zwei Tage dauert – Kriminalkommissare sind verständlicherweise alle Duos – hätte in dieser Welt also durchaus seinen Charme, doch  die Autorin hat sich dazu entschlossen, die Ereignisse in einem Tag abspielen zu lassen und nimmt sich damit leider diese Herausforderung.

Insgesamt zeigt mir die Alternativwelt zu wenig von den gesellschaftlichen Änderungen, welche die fehlende Erinnerung inne haben könnte. Einzig die Tatsache, dass jegliche Vorurteile und Ressentiments bezüglich Hautfarbe, Religion o. ä. wegfallen und dafür ein ausgeprägtes Zweiklassensystem herrscht, zeigt Änderungen. Ein paar wenige Zeitungsartikel gibt es auch, diese fokussieren allerdings auf die Mono-Duo-Ehe, die in dem Buch ja durch Claire und Mark schon eine Rolle spielt.

Auch wenn mich das Buch im Gesamten nicht überzeugen konnte, waren gerade die ersten hundert Seiten äußerst spannend, um in diese Alternativwelt hinein zu schnuppern. Danach gab es leider nicht viel neues, bis dann zum Ende hin mich das Buch doch wieder in den Bann ziehen konnte. Nicht allerdings der Epilog – der war von der Autorin sicherlich als die Überraschung schlechthin gedacht, doch er wirkte zu aufgesetzt, als ob man das Ende nochmal toppen müsste. Für mich also ein durchwachsenes Leseerlebnis.

Fazit:
Eine durchaus interessante Alternativwelt, die allerdings nicht sehr tief blicken ließ. Der dort eingebettete Kriminalfall basiert aber trotzdem auf den üblichen Zutaten: ein Ereignis in der Vergangenheit, lange gehegte Rachepläne und Menschen, die nicht ehrlich zueinander sind. Ein gutes Buch, welches mehr aus sich hätte machen können.

 

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7 thoughts on “Zweiklassengesellschaft: Memory Game – Felicia Yap

  1. Danke für die Kritik. Ich hatte es in der Vorschau gesehn, aber irgendwie ist direkt mein skeptischer Antennenradar angesprungen 😛

  2. Ach, schade, dass es nicht so viel hermacht. Ich habe es auch auf meiner Wunschliste und fand eben diese Idee, dass die Menschen sich nur an die letzten ein bis zwei Tage erinnern können, mal etwas anderes und hatte mir mehr davon versprochen.

    LG
    Sandra

  3. Ich liebe ja Zukunftsvisionen unserer Gesellschaft und hatte das Buch vorgemerkt. Aber ich war mir nicht sicher, ob es lesenswert wäre und da ich eh schon hinterherhinke (wieder einmal), habe ich es noch nicht bestellt. Nach deiner Besprechung werde ich von einem Kauf aber absehen.

    Es klingt ja interessant, einen Mordfall aufklären zu wollen, in einer Welt, in der es keine Erinnerungen gibt bzw. nur Erinnerungen an den letzten und vorletzten Tag.
    Aber wenn du schreibst, das alles spielt sich auf einem Tag ab, dann ist genau der Hauptaspekt dieser Welt auf leichten Weg umgangen worden. Finde ich. Oder wie du schreibst: die Herausforderung. Das Einzige, was spannend daran bleibt, ist der Mordfall selbst. Wenn man sich nicht mehr erinnern kann, käme ja eigentlich nur ein Mord im Affekt in Betracht. Alle anderen Mordmotive würden ja wegfallen, weil niemand nachtragend sein kann, wenn er sich nicht erinnern kann.

    Und auch dass zu wenig gesellschaftliche Veränderungen gezeigt wird, sagt mir, ich muss das nicht lesen. Wenn ich mir vorstelle, dass wir nur noch Menschen haben, die sich an den letzten/ vorletzten Tag erinnern können, dann kann ich mir auch vorstellen, dass es gravierende Veränderungen in der Gesellschaft geben würde. Und das will ich sehen, deswegen lese ich solche Bücher – oder wie hier auch nicht :-).

    Danke für deine Besprechung!

    • Immer gerne. Allerdings muss ich eines korrigieren: das Mordmotiv ist tatsächlich Rache und es bringt am Ende auch noch ein wenig überraschend. Das basiert aber auf einem Umstand, den ich Dir nicht verraten möchte, falls Du das Buch doch noch lesen möchtest?
      Aber es sind ja auch immer noch genügend andere Bücher da, die man lesen kann. 🙂

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