Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction

Inside Vietnam: Nach der Schlacht – Le Minh Khue

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Le Minh Khue – Nach der Schlacht
Verlag: Argument
Übersetzer: Günter Giesenfeld, Marianne Ngo und Aurora Ngo
208 Seiten
ISBN: 978-3867542159

 

 

 

Wie so einige Viellesende träume auch ich davon, literarisch einmal in jedes Land der Welt zu schnuppern, am besten durch eine Autorin oder einen Autor, der aus diesem Land stammt. Würde ich zur Dokumentation eine Weltkarte benutzen, könnte ich nun ein weiteres Land mit einem farbigen Fähnchen „abhaken“: Vietnam. Wunderbarerweise hat der Argumentverlag für seine Ariadne-Krimis die vietnamesische Schriftstellerin Le Minh Khue gewinnen können, von der nun zwei Kurzgeschichten im Band „Nach der Schlacht“ auf Deutsch vorliegen.

Vietnam – was genau weiß ich eigentlich darüber? Jeder hat wohl den Vietnamkrieg im Kopf und auch wenn ich die Hollywood-Streifen, in denen mehr oder weniger heroische Helden in irgendwelchen Dschungeln im Sumpf versinken, nicht genau kenne, ist das doch immer eine amerikanische Perspektive. Der Krieg war für die USA ein Desaster, doch wie war es für Vietnam, für die Menschen, die dort leben? Le Minh Khue nimmt uns nur teilweise mit in diese Zeit, zeigt aber ganz deutlich die Auswirkungen dieses verheerenden Krieges und des Kommunismus. Doch das zeigt sie an Familien, an Schicksalen, am Leben der Menschen in Vietnam. Hier werden keine großen politischen Schlachten geschlagen – es geht um das Alltägliche, das Leben der Menschen.

„Das wirkliche Leid traf die Mütter, die durch ihre Kinder ihr Herzblut für den Krieg vergossen. Im Krieg ging es immer nur um Sieg, Strategie, Taktik, der Verlust an menschlichem Blut, das viele konkrete individuelle Leid zählte nicht.“ (S. 52)

„Stürmische Zeiten“ folgt zwei Halbbrüdern ein halbes Leben lang. Der eine wächst wohlbehütet in der Familie auf, der andere, der Sohn der Geliebten, lebt verstoßen und mit seiner verbitterten Mutter. Der Krieg, in dem beide zu unterschiedlichen Seiten angehören, lässt die beiden Jahre später aufeinander stoßen und bringt Verbitterung, Hass und Gemeinheiten herauf, deren sich die Alten, die das Unglück verursacht haben, schon fast nicht mehr bewusst sind, in den Kinderköpfen aber sehr wohl noch eindrücklich vorhanden.

„Eine kleine Tragödie“ beginnt zeitlich viel später und handelt von einer Journalistin, die mit distanziertem Blick eine Tragödie ihrer Familie erzählt. Die Journalistin ist eine einfache Frau, die sich durchs Leben schlagen muss. Allerdings die Nichte eines Parteimitglieds, eines hohen und mächtigen Parteimitglieds, dessen Tochter gut mit ihr befreundet ist. Die Unterschiede der Welten dieser beiden Frauen sind wie Tag und Nacht, doch auch hier holen die Sünden der Alten die Kinder ein und die wohlbehütete Tochter büßt ihr Glück letztendlich ein.

Die Auswirkungen des Krieges, der nicht kritisierbare Kommunismus, zu wenig zum leben, zu viel zum sterben, das tägliche Harren auf ein besseres Leben und gleichzeitig das müde Akzeptieren der Gegebenheiten offenbart eine fremde Kultur, eine fremde Politik – alles scheint so anders. Und doch, betrachtet man die Grundstruktur, sind die kleinen Geschichten, die das Leben schreiben, doch die gleichen wie man sie auch hier, in Europa oder eben überall auf der Welt, findet. Familientragödien, Fehler, welche die Eltern (hier eigentlich die Väter) machen und die Kinder ausbaden dürfen, bzw. müssen, Hass, der sich aufstaut und in Rache gipfelt oder in schierer Ohnmacht endet. Diese Mischung aus einem für mich neuen, unbekannten Hintergrund – Vietnam mit all seinen Facetten – und gewohnt alltäglichem, menschlichen Verhalten fand ich unglaublich faszinierend. Ein vietnamesischer Blick auf Vietnam, der zwar zeigt, dass die Grundzüge der Menschheit doch gar nicht so anders sind, aber genau darin, mit der Kombination der Geschichte, Kultur und Politik des Landes, einen unglaublichen Sog entwickelt und einen in neue, unbekannte Abgründe schubst.

Fazit:
Ein unverstellter und faszinierender Einblick die Geschichte und Kultur Vietnams, welcher in Kombination mit den alltäglichen Grausamkeiten, die sich Familienmitglieder antun, ein realistisches Bild der Gegenwart Vietnams und dessen Kampf mit seinen Wurzeln zeigt. Ergreifender Lesestoff!

6 Kommentare zu “Inside Vietnam: Nach der Schlacht – Le Minh Khue

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  3. Nachdem ich meine Besprechung gerade fertig habe, wollte ich jetzt dringend auch noch deine Einschätzung dazu lesen. Wie großartig Du die beiden Erzählungen auf den Punkt gebracht hast, sehr gut getroffen! :D Je kürzer die Geschichte, umso schwieriger manchmal das Zusammenfassen des Inhalts. Man will ja auch nicht so viel erzählen. Aber auch genug, um andere eventuell dafür zu interessieren. Verückte Sache das. ;)

    • So viel Lob – da werde ich ja rot! Vielen lieben Dank!
      Kurzgeschichtensammlungen rezensiere ich gar nicht gern – wie will man denn eine Handlung, die eh nur z. B. 10 Seiten hat – noch „kurz“ anreissen, damit der Leser weiß, was ihn/sie erwartet? Bei „Das Auge von Hongkong“ habe ich dann feststellen müssen, auch wenn die „Kurzgeschichte“ 100 Seiten hat, wird es nicht einfacher, so dass ich da ja nur mit einem Satz grob umrissen habe. Bei „Die Maske“ ist es mir aber auch sehr schwer gefallen -wieviel ist zu viel? Verrät man seinem Leser dann nicht schon alles? Manchmal schwierig… andererseits, auf ein paar Dinge will man ja doch eingehen. Ich ärgere mich immer, wenn ich eine Rezension lese, die schon zu viel verrät, aber letztendlich stört es mich meist nicht, da ich nur in den seltensten Fällen ein Buch direkt nachdem ich dazu eine Rezension gelesen habe, lese, so dass ich die Rezi dann bis zur eigentlichen Lektüre wieder vergessen habe. :-)

      • Geht mir absolut genauso, ich lese so gut wie nie sofort nach einer Rezension auch das entsprechende Buch, man nimmt es ja eher als Anregung, Bestätigung oder Anlass zum Austausch wahr, aber ich mache mir beim Schreiben natürlich trotzdem immer irre viel Gedanken, was zu viel von der Handlung verrät und mich damit manchmal auch ganz verrückt. :D Manchmal bleibt ja dann doch genau ein Satz im Hinterkopf hängen. Andererseits bin ich selbst so derart vergesslich, dass ich die Inhaltsbeschreibungen der Romane bei Rezensionen nie wirklich lange im Kopf habe, aber es sind halt manchmal so Schnipsel, die dann doch überdauern.

        Kurzgeschichtensammlungen finde ich dann fast noch angenehm zusamenzufassen, weil man ab einer gewissen Anzahl an Storys einfach zu jeder so knapp einen flotten Satz stichpunktartig aneinanderreihen kann und gut, aber wenn es nur eine ist oder zwei, dann wandert man schon wieder auf dem Drahtseil. :D Es ist ein Kreuz! ;)

  4. Und auch wenn mein Finger zu müde für zwei „r“ war, es fehlt natürlich bei „verrückt“! :D

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