Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)

Interview – Jo Walton

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Nachdem ich kürzlich den letzten Teil der Trilogie um Inspector Carmichael “Das Jahr des Falken” gelesen habe, kann ich behaupten, dass die Trilogie wirklich alles bietet, was ich mag: Krimi, Thriller und dystopischer Science Fiction Roman. Was läge als ferner als Jo Walton, die Autorin der drei Bücher, um ein Interview zu bitten?

Deutsche Version:

 1. Du bist definitv eine Fantasy und Science Fiction Autorin – warum hast Du den Krimi als Mittel gewählt, um eine alternativen Verlauf der Geschichte zu zeigen?

Ich habe bemerkt, dass Cosy Krimis zeigen, wie gewaltsame Tode in das alltägliche Leben eindringen, aber immer noch “cosy” (gemütlich) sind, mit Tee in der Bibliothek und Kuchen neben dem Kamin. Ich dachte, es wäre interessant, diese Techniken auszuborgen, um über Faschismus zu schreiben; um sich an das Thema anzuschleichen. Science Fiction als Genre benutzt alle Arten von Geschichten und es gibt massenweise Science Fiction Krimis. Und ich dachte mir, es macht bestimmt Spaß einen äußerst ausgeklügelten Kriminalfall zu schreiben, der in einem Landhaus spielt und viele Verdächtige aufweist, und damit diese leicht geänderte Welt darzustellen.

 2. In jedem Teil der Trilogie folgt der Leser Carmichael, aber auch einem Mädchen: Lucy im ersten Teil, Viola im zweiten und Elvira im letzten Teil. Wie wichtig war es für Dich, zwei Perspektiven zu haben?

Sehr wichtig. Es hat mir verschiedene Betrachtungswinkel auf die Geschichte erlaubt. Farthing (Die Stunde der Rotkehlchen) ist ein Cosy Krimi, Ha’Penny (Der Tag der Lerche) ist ein Thriller, und Half a Crown (Das Jahr des Falken) ist eher ein dystopischer Science Fiction Roman, aber alle haben die gleiche Formel. In allen drei Büchern habe ich eine sehr offene, direkte, weibliche Perspektive, welche mit der sehr nahen, verschlossenen Perspektive von Carmichael, welche in der dritten Person ist, kontrastiert. Und Carmichael ist exakt so geschrieben, wie Cosy Krimis geschrieben werden, aber er hat ein Geheimnis, welches allerdings kein Geheimnis für den Leser ist. Durch die zwei Perspektiven konnte ich den Leser mehr wissen lassen, als die Protagonisten wissen.

 3. Der letzte Teil der Trilogie, Half a Crown (Das Jahr des Falken), hat den Krimifaktor verloren, um die alternative Geschichtsschreibung zu zeigen, 10 Jahre nach dem ersten Teil. Wie schwierig war es, über 10 Jahre Geschichte in einem faschistischen Europa nachzudenken? Und warum genau hast Du Irland zum leuchtenden Stern in diesem Dunkel gemacht?

In der Tat sehr schwierig. Ich habe massenweise recherchiert für Half a Crown (Das Jahr des Falken), ich habe so viel über die Geschichte der Dreißiger und Vierziger gelesen und was in den Fünfzigern wirklich passiert ist und habe dann ausgearbeitet, was hätte passieren können. Es hat ewig gedauert. Mit Spanien habe ich mich näher beschäftigt, denn Franco ist an der Macht geblieben und was während Francos Herrschaft passiert ist, war, was ich mit dem Ende der Trilogie gemacht habe. Und die Sache mit Irland – im Zweiten Weltkrieg ist Irland neutral geblieben, weil sie Großbritannien mehr hassten als alle anderen. Viele irische Männer und Frauen verließen Irland und traten den Alliierten bei. Männer gingen zu den britischen Streitkräften oder später zu denen der USA, Frauen fuhren Ambulanzen oder arbeiteten in Munitionsfabriken usw. Es gibt da die Geschichte von Anne De Courcy – Debs in the War – über eine irische Frau, die während der deutschen Luftangriffe in London eine Ambulanz gefahren ist und als sie ein Wochenende nach Hause gefahren ist, musste sie weinen, als sie einen Korb voller Eier sah, denn in England waren die Eier rationiert und es gab nur eines pro Woche, aber Irland hat kein Essen geliefert. Die irische Regierung blieb neutral und hat auch den Handel mit den Nazis aufrecht erhalten. Aber es basierte auf  nichts anderem als ihrem Hass auf Großbritannien. Und das habe ich weiterentwickelt – wenn Großbritannien sich mit Hitler verbündet hätte, dann wäre Irland anti-faschistisch geworden mit genau dem gleichen Grund. Britische Juden, die in De Valeras Irland fliehen wären genauso wie europäische Juden, die in Francos Spanien fliehen, was sie auch wirklich getan haben.

 4. “The Small Changes Series” (Inspector Carmichael Serie) wurde als Trilogie veröffentlicht und hat nun einen guten Abschluss gefunden. Gibt es Pläne dafür, Carmichael irgendwann in der Zukunft als Privatdetektiv wieder auftauchen zu lassen? Oder war das Dein einziger Ausflug in das Krimigenre?

Als Autorin wird mir schnell langweilig und drei Bücher scheint mir mein absolutes Maximum zu sein, welches ich in einer Welt verbringen möchte. Außerdem, und ich bin sicher, Du kannst das verstehen,  habe ich die Faschisten satt. Also werde ich definitiv nicht mehr davon schreiben.

Abschließend bin ich noch daran interessiert zu erfahren, ob Du einen Lieblingskrimi hast – besonders, da Du ja nicht auf Krimis spezialisiert bist.

Da gibt es so viele! Im Bereich Cosy Krimi liebe ich Josephine Tey und Dorothy Sayers. Ruth Rendell, Donald Westlake und Sarah Caudwell gehören zu den moderneren Autoren, die ich liebe. Wenn ich eines als Favoriten herauspicken müsste, wäre das vermutlich Teys „Miss Pym Disposes“ (Tod im College), aber wenn Du mich morgen fragst, nenne ich vermutlich wieder ein anderes.

Original Version:

1. You are definitely a fantasy and science fiction writer – why have you chosen the setting of a mystery to show your alternate history?

I noticed how cosy mysteries are actually about the intrusion of violent death into everyday life, but how they are still “cosy”, with tea in the library and crumpets by the fire. I thought it would be interesting to borrow those techniques to write about fascism, to sneak up on it. Science fiction as a genre can use any shape of story, and there have been plenty of SF mysteries, and I thought it would be fun to write that kind of over-elaborate murder with too many suspects and a country house, and use that to show a slightly changed world.

2. In every novel of the trilogy the reader follows Carmichael and one girl: Lucy, Viola and Elvira. How important was it for you to have alternating perspectives?

Very important. It let me get different angles on the story. Farthing is a cosy mystery, Ha’Penny is a thriller, and Half a Crown is much more dystopic SF, but they all have that same formula. In all of them I have a very open immediate female point of view, contrasting with the very closed closeted third person Carmichael. And Carmichael is written exactly the way cosy mysteries were written, but he’s got secrets that are not secret from the reader. By using both perspectives I could have the reader know things neither of the protagonists knows.

3. The last part of the trilogy “Half a Crown” is losing the mystery moment to show the alternate history ten years ago from the first part. How difficult was it to think about 10 years history in a fascistic Europe? And what thought went straight through your mind you to keep Ireland the glowing star in the dark?

Very difficult indeed. I did masses of research for Half a Crown, reading so much history of what happened in the thirties and forties and what happened in the real fifties, and working out what would have happened. It took forever. Spain was what I was looking at very closely, because Franco stayed in power, and what happened after Franco was what I was doing with the end there. With Ireland — in WWII Ireland stayed neutral, because they hated Britain more than anybody else. Lots of individual Irish people of both genders left Ireland and joined the Allies, men signing up either in the British forces or later with the US, women driving ambulances and working in munitions factories etc. There’s a story in Anne De Courcy’s “Debs in the War” about an Irish woman who had been driving an ambulance in the Blitz going home for a weekend and crying when she saw a basket of eggs, because in England the ration was one egg per week, but Ireland wouldn’t ship the food. The Irish government stayed neutral and even kept on trading with the Nazis. But it wasn’t based on anything but hating Britain. And I just extrapolated that forward — if Britain had allied with Hitler in 1941, then Ireland would have become anti-fascist, for exactly the same reason. British Jews escaping to De Valera’s Ireland would have been like European Jews escaping to Franco’s Spain as they really did.

4. “The Small Changes Series” has been published as a trilogy and also received a quite good end. How about reviving Carmichael as private eye some day in the future? Or was it the first and last try for you writing a mystery?

As a writer I get bored easily, and three seems like the absolute maximum number of things I want to write in any one world. Also, I’m sure you can understand that I am sick of fascists. So I’m definitely not going back to write more.

Finally I’m interested to know if you do have a favourite crime fiction novel – especially as you are not a dedicated crime fiction writer.

There are so many! In cosy mysteries I love Josephine Tey and Dorothy Sayers. In more modern writers I love Ruth Rendell, Donald Westlake, Sarah Caudwell. If I have to pick one favourite it would probably be Tey’s “Miss Pym Disposes”, but if you asked me another day I might say something different.

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