Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)

Erpresser oder Ermittler?: Drei am Haken – Lawrence Block

10 Comments

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Lawrence Block – Drei am Haken
Übersetzer: Stefan Mommertz
200 Seiten
ISBN: 978-1537402284

 

 

 

 

Beim ersten neu übersetzten Buch der Matthew Scudder Reihe ist es mir ja nicht gelungen, eine Rezension zu schreiben. Manchmal ist einfach viel los im Leben. Und ich hab das sehr bedauert, denn gerade diese Reihe sollte bekannt gemacht und weiter empfohlen werden, denn diese Reihe wird durch Lawrence Block in Zusammenarbeit mit den Übersetzern Stefan Mommertz und Sepp Leeb in Eigeninitiative neu übersetzt und veröffentlicht. Dieses Projekt kann sich in Gänze – also mit allen Übersetzungen der 16 Romane und 10 Kurzgeschichten rund um Scudder – nur lohnen, wenn die Bücher genügend Abnehmer finden. Jetzt ist es natürlich so, dass ich dies nicht ohne Grundlage empfehle, nein, mir hat der erste Teil “Die Sünden der Väter” außerordentlich gut gefallen und er hat es in meine Top 11 für 2016 geschafft. Mit “Drei am Haken” legt der Autor nun den zweiten Teil nach – und das mit einer ungewöhnlichen Geschichte, aber nicht minder spannend.

Jake Jablon, genannt “Schnipser”, hat für Matthew Scudder einen skurrilen Auftrag. Seit der Schnipser in eine gefährlichere Branche gewechselt ist – vom Polizeispitzel zum Erpresser – fühlt er sich bedroht und fürchtet um sein Leben. So bittet er Scudder, sollte er sterben, seinen Tod zu untersuchen und herauszufinden, wer ihn umgebracht hat. Er übergibt ihm einen Umschlag, welchen Scudder nach seinem Tod öffnen soll, und ein Honorar. Und so kommt es, wie es kommen muss: der Schnipser geht baden, mit eingeschlagenem Schädel. Zwar mit einigem Zögern, aber eben doch mit einer Verpflichtung macht sich Scudder an den Fall und öffnet den Umschlag, in dem Schnipser die drei nennt, die er am Haken hatte. Nur einer davon kann der Täter sein, doch die anderen wollte Schnipser unbescholten lassen. Kurzerhand schlüpft Scudder in die Rolle des Erpressers, um dem Täter auf die Spur zu kommen.

Wie? Was? Scudder als Erpresser? Geht ja gar nicht.
Oder doch?
Doch geht – und geht auch gut. Es ist ja sehr ungewöhnlich, wenn ein Ermittler – Privatdetektiv ist Scudder nämlich keiner, denn er hat keine Lizenz – in die Rolle eines Verbrechers schlüpft. Doch das ist ja nur eine Kuriosität in dem neuen Fall von Scudder. Denn es ist schon äußerst selten, dass das Mordopfer selbst einen Ermittler beauftragt, seinen eigenen Mord zu untersuchen. Scudder kennt Schnipser schon aus seiner Zeit als Polizist, trifft ihn nun häufig in seiner Stammkneipe, wenn er vor seinem mit Bourbon verstärkten Kaffee sitzt. Viel hat Scudder nicht zu tun, kein Job, der ihn hindert, die Ex-Frau und Kinder weit weg. Keine Verpflichtungen, keine Verantwortung. Aber er lebt nach seinen eigenen Regeln.

 „Der Schnipser wurde mit dem Tag, an dem sich für ihn der Erfolg einstellte, zu einem versicherungstechnischen Risiko. Erst Ärger und Magengeschwüre, dann ein eingeschlagener Schädel und ein ausgiebiges Bad.“ (Kapitel 3)

Eigentlich ist Schnipser ja auch ein Guter. Zuerst ein Polizeispitzel wird er dann konsequenterweise zum Erpresser – er ist ja immer noch ein Meister darin, Informationen aufzuschnappen. Und als Erpresser hat er davon ja doch mehr, als wenn er für die Polizei spitzelt. Ein erfolgreicher Erpresser war er auch. Und zudem einer, der nicht unmäßig gemein ist, denn der Schnipser beauftragt Scudder, um zwei seiner Erpressungsopfer vor Aufdeckung zu schützen. Denn schließlich hatte nur einer ihn umbringen lassen. Und Scudder soll nun herausfinden, welcher der drei der Übeltäter ist. Im Angebot haben wir einen Vater, der den alkoholisierten Autounfall seiner Tochter mit Fahrerflucht und Todesfolge für ein kleines Kind, verdecken will; eine alternde Filmdiva, die ihre Karriere mit anderen Filmchen begonnen hat und dies vor ihrem reichen Ehemann geheim halten will; und ein Gouverneurskandidat, der auf kleine Jungen steht.

Ich muss leider gestehen, dass ich mit meinem Tipp, wer der aussichtsreichste Kandidat für den Mörderposten war, recht hatte, nichtsdestotrotz macht es einfach Spaß, mit Scudder durch die Bars der Stadt zu ziehen. Auch als Leser weiß man nie, was er sich gerade denkt, was er gerade im Gespräch schon für Informationen heraus bekommen hat und drei Ecken weiter gedacht hat. Seine Menschenkenntnis lässt ihn diesmal ein wenig im Stich, so denkt er sich einige Mal, jetzt endlich den Täter entlarvt zu haben, bevor ein weiterer Mordanschlag auf ihn verübt wird. Meine richtige Vermutung tat der Spannung jedoch keinen Abbruch und ich muss einfach zugeben: ich mag Matthew Scudder. Er darf ruhig noch in ganz vielen Fällen ermitteln – und ich bitte darum, diese auch ins Deutsche zu übersetzen!

„Es gibt gewisse Dinge, die ich tue, ohne zu wissen warum. Dazu gehört, den Zehnten zu zahlen. Ein Zehntel von allem, was ich verdiene, geht an die Kirche, die ich besuche, nachdem ich das Geld bekommen habe.“ (Kapitel 5)

Fazit:
Ein Opfer, welches seine Mordermittlung in Auftrag gibt und ein Ermittler, der in die Rolle des Erpressers schlüpft – ungewöhnlich und kurios, aber spannend und gekonnt. Ein Matthew Scudder Fall eben.

 

P.S.: Mein absolutes Lieblingswort seit der Lektüre von “Drei am Haken” ist übrigens “beaugapfelt”. Wundervoll!

 

P.P.S.:  Ich habe es ja schon erwähnt, aber ich bin nicht müde, das weiterhin zu tun: Lawrence Block gibt momentan die Matthew Scudder Reihe neu heraus, gemeinsam mit den Übersetzern Stefan Mommertz und Sepp Leeb. Und damit das weiterhin so bleibt: kauft Euch die Bücher!
Wer jetzt nicht sicher ist, der kann reinschnuppern, denn es gibt auch schon 3 neu übersetzte Kurzgeschichten rund um den Ermittler. Hier mal eine Liste über alle neu erschienenen Titel mit Matthew Scudder:

Die Sünden der Väter (1)
Drei am Haken (2)
Mitten im Tod (3)
A Stab in the Dark (4) (Übersetzung noch in Arbeit)
Acht Millionen Wege zu sterben (5)
Nach der Sperrstunde (6)

Kurzgeschichten:
Aus dem Fenster (1)
Eine Kerze für die Stadtstreicherin (2)
Im frühen Licht des Tages (3)

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10 thoughts on “Erpresser oder Ermittler?: Drei am Haken – Lawrence Block

  1. Habe mir nun auch endlich den ersten Band geordert, nachdem ich bei dir und bei Peter so positives gehört habe! 🙂 Finde die Initiative total klasse und freu mich aufs Lesen!!

    • Jaaaaa – ein neuer Matthew Scudder Fan! Ich freu mich auf Deine Meinung, bin mir aber jetzt schon ziemlich sicher, dass der erste Teil Dich überzeugen wird, Dir immer sofort alle neu erscheinenden Bücher zu kaufen – so wie das bei mir ist. 😀

  2. Ich liebe diese Reihe und finde es grandios, dass sie neu übersetzt und herausgebracht wird. Denn mal ehrlich: die alte Übersetzung ist … nicht so gut. Ich wusste aber noch gar nicht, dass inzwischen noch mehr Bände erschienen sind. Danke für die Info! ❤ Prinzipiell wollte ich mir eigentlich erst neue Bücher kaufen, wenn ich all die ungelesenen Romane in meinen Regalen "bearbeitet" habe. Aber Ausnahmen bestätigen die Regel. Und im Fall von Lawrence Block ist das eine ganz, ganz wichtige Ausnahme!

    • Band 5 und 6 sind erst vor wenigen Tagen erschienen und ich habe es auch nur mitbekommen, weil Lawrence Block das über Facebook geteilt hat – manchmal sind die neuen Medien also auch zu was gut.
      Und da die Bücher in Eigenregie neu erscheinen war es mir wichtig, hier nochmal drauf hinzuweisen – zu irgendwas muss der Blog ja auch gut sein. 🙂

      • Dein Blog ist zu noch viel mehr gut. Das weißt du hoffentlich. 😉
        Ich wusste übrigens noch nicht mal, dass Band 3 schon raus ist. 😉 Band 4 habe ich hier noch in alter Übersetzung liegen. Hatte ich schon mal angelesen. Ich sag mal so: die Neuübersetzung war nötig. 😉 Aber Band 3, 5 und 6 sind hier dann ganz bald fällig. 😀

      • Na klar – er ist total gut dabei, mir einen Haufen Arbeit zu bescheren, aber ohne kann ich halt auch nicht. 😀
        Ich meinte aber hauptsächlich, dass ich hier, bei Lawrence Block, mit meinem Blog gut unterstützen kann – es steht ja kein Verlag oder ähnliches im Hintergrund. Ich bezweifle, dass die Bücher sich in vielen Buchhandlungen finden lassen und so muss die Werbung online laufen. Und dafür ist ja dann mein Blog auch da – Dinge, die mir gefallen und die ich gut finde, vorzustellen und in dem Fall noch zusätzlich ein wenig die Werbetrommel rühren. Ich will nämlich, dass alle Teile neu herauskommen und ein paar haben wir ja da noch vor uns – wäre ja tragisch, wenn beim 10ten Schluss ist, nur weil die Reihe nicht den Absatz findet, der sie rentabel macht.

  3. Ah, hervorragend das du Lawrence Block näher beleuchtest. Hatte erst die Woche mit ihm auf Facebook geschrieben, über die Krimi-Szene gequatscht und nebenbei mal höflich gefragt, wann wir denn den vierten Scudder erwarten dürfen. Obwohl ich die Reihe in alter Ausgabe mittlerweile komplett mein Eigen nenne, ist diese (sehr gelungene!) Neu-Übersetzung ein echter Segen. Ich hoffe, dass das möglichst viele Leser honorieren. Wollte auf die Veröffentlichung von # 5 und # 6 bei mir ebenfalls hinweisen – aber das kann ich mir jetzt sparen. 🙂

    • Und? Und? Und? Wann kommt Teil 4???

      Und ich finde, Du solltest auf jeden Fall auch auf die Veröffentlichung hinweisen – er bringt die Bücher schließlich in Eigenregie neu raus und ist bestimmt froh über jede Werbung dafür. Und für die Matthew Scudder Reihe wirbt man doch gerne oder?

      • Ich zitiere mal LB: “Yes, definitely. Stefan Mommertz’s translation of A Stab in the Dark should be ready very soon, and we’ll be publishing it like the other in both ebook and paperback.”

        Ein Datum konnte ich ihm nicht aus den Rippen leiern, aber es klingt jedenfalls, als müssten wir nicht allzu lange warten.

        Ja, vielleicht hast du Recht. Doppelt gemoppelt hält in diesem Fall besser. Die Bücher können wirklich jede Werbung gebrauchen, die sie kriegen können. Mal schauen, wann ich es auf meinem Blog dazwischen schiebe. Momentan breche ich mir gerade einen an meiner “Feuerkind”-Rezi zu King ab. 😉

      • Na, wichtig ist ja, dass Teil 4 überhaupt neu übersetzt und herausgegeben wird. Wir werden uns wohl noch ein paar Tage gedulden müssen. 🙂

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