Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)

Fremdenfeindlich: Prime Cut – Alan Carter

5 Comments

pb
Alan Carter – Prime Cut
Verlag: Edition Nautilus
Übersetzerin: Sabine Schulte
367 Seiten
ISBN: 978-3894018122

 

 

 

 

Wenn ich an Australien denke, dann denke ich an Sonne, Sand, viel Wüste, hohe Temperaturen, Sydney, die berühmte Oper – Urlaubsbilder eben. Natürlich ist klar, dass das nicht alles von einem Land sein kann. Und das ist es auch nicht. Allerdings habe ich mir Worte wie Minenarbeiter, Gastarbeiter, Ausländerfeindlichkeit und Ausbeutung nicht im Kopf gehabt. Aber warum sollte es das nicht auch in Australien geben? Es ist wie immer erstaunlich, wie geschickt und nebenbei Kriminalromane Wissen vermitteln, den Horizont erweitern und einen in eine fremde Kultur eintauchen lassen.

Detective Cato Kwong hat Mist gebaut und fristet jetzt sein Dasein im Viehdezernat. Da kommt ihm ein angeschwemmter und von Haien angenagter Torso gerade recht, um endlich wieder zu ermitteln, da Hutchens, sein früherer Chef, grade keinen anderen zur Verfügung hat. Also macht sich Cato gemeinsam mit seinem Kollegen Jim Buckley, der eigentlich den höheren Rang hat, auf nach Hopetoun, einem bis vor Kurzem verschlafenen Nest, welches durch die kürzlich eröffnete und nahe Nickelmine einen Boom erlebt. Dort trifft er auf eine alte Verflossene, Sergeant Tess Maguire, die ihm die Arbeit nicht unbedingt erleichert. Doch die Ermittlungen laufen an, wenn auch schwierig ohne zu wissen, wer das Opfer ist. Als dann Buckley ermordet wird, fällt eine Horde Polizisten in das kleine Städtchen ein und keinen interessiert mehr der übrig gebliebene Torso. Bis auf Cato Kwong.

“Er ist tot. Ich habe ihn umgebracht.”
“Schweinehund.”
“Ja, das war er wohl.”
“Näh, Sie habe ich gemeint.” (S. 361)

Cato Kwong ist ganz sicher kein einfacher Protagonist für den Leser. Er mag zwar auf den ersten Blick sympathisch erscheinen, vielleicht ein wenig überheblich, aber doch ein ganz Netter. Doch wenn man seine Geschichte kennt und ihn eine Weile begleitet, muss man dieses Urteil doch schnell revidieren. In seinen Anfangsjahren hat er sich von seinem Chef dazu hinreißen lassen, Beweise zu manipulieren. Ein korrupter Bulle also – aber einer, dem man es nachweisen konnte. Dumm nur, dass er der einzige war, dem man etwas nachweisen konnte. Sein Chef ist fein raus aus der Sache. Cato ist auch nicht dumm und durchaus fähig zu ermitteln, aber er hat eben Fehler gemacht. Unglücklicherweise zerfließt er in Selbstmitleid, was die ach so schreckliche Welt ihm angetan hat. Dabei müsste er sich an die eigene Nase fassen. Das passiert allerdings erst, als nicht nur Tess Maguire sondern noch ein paar andere ihm den Kopf gerade rücken. Tess, die an einem Überfall zu knabbern hat, stellt sich sowieso als die Heldenhaftere heraus. Auch wenn sie einen 11jährigen tasert. Na, ok, gerade darum. Die Szene ist göttlich – alleine deswegen hat sich die Lektüre gelohnt.

Aber natürlich hat sich die Lektüre auch so gelohnt. Zwar braucht der Fall eine ganze Weile, bis er in Fahrt kommt, doch am Anfang wird man gleich mit einem Prolog gefüttert, der es in sich hat. Sunderland in England, 70er Jahre: Ein Familienvater meuchelt seine Frau und seinen Sohn, er erschlägt sie und hat sie außerdem noch mit Stromschlägen malträtiert. Der Täter ist bis heute auf der Flucht – sehr zum Missfallen von Stuart Miller. Der tritt kurz darauf aus dem Polizeidienst aus und siedelt mit seiner kleinen Familie nach Australien um. Was nun dieses Verbrechen mit dem gefundenen Torso in Hopetoun zu tun hat, ja, das ist die Krux an dem ganzen Krimi, denn das gilt es herauszufinden. Bis die beiden Fälle zusammenfinden soll es aber noch eine ganze Weile dauern, vielleicht sogar ein wenig zu lange.

Derweil beschäftigt sich der Autor mit seinen Figuren, aber auch mit dem Städtchen Hopetoun. Darüber hab ich nur gar kein Bild im Kopf, denn so richtig beschreibt der Autor das Nest gar nicht (und ja, auch das boomende, von seinen Einwohner liebevoll Hopey genannt, ist immer noch ein Nest), dafür wird landschaftlich viel geboten. Und gesellschaftlich. Die Einheimischen beschuldigen die Zugezogenen – da sind sie auch nicht wählerisch, ob australischer Vertragsmitarbeiter oder ausländischer Gastarbeiter. So tummeln sich in der Mine Maori, Indonesier, Chinesen und Philippiner gemeinsam mit den Einheimischen und Zugezogenen – und es gibt Streit, Pöbeleien und Gewalttätigkeiten. Ein wenig gewundert hat es mich schon, so viel Fremdenfeindlichkeit in Australien anzutreffen, aber es vermutlich das gleiche Phänomen, welches sich in den USA finden lässt: ein Staat, welcher fast ausschließlich aus Immigranten besteht, fürchtet die neuen „Immigranten“. Sehr erschütternd ist übrigens auch die „Stop the boats“ Initiative, mit welcher der vorige Premierminister seinen Wahlkampf gewonnen hat, in der die australische Marine Flüchtlingsboote abwehrt, bzw. am anlanden hindert. Diese Initiative wird in dem Krimi keineswegs aufgefasst – dies hab ich durch meine Recherche nach der Lektüre aufgestöbert. Doch zeigt sich die Fremdenfeindlichkeit, das Missfallen und das Misstrauen im kleinen Ort Hopetoun mal unterschwellig, mal direkt – und Cato Kwong, von den Genen zwar Chinese, aber weder des Chinesischen mächtig noch mit China in irgendeiner Weise, abgesehen von seiner Abstammung, verbunden, bleibt davon auch nicht verschont.

Fazit:
Ein gut konstruierter Fall, der zwar etwas braucht, um in die Gänge zu kommen, aber mit einer interessanten, wenn auch unbequemen Hauptfigur und spannendem Hintergrundwissen punkten kann.

 

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5 thoughts on “Fremdenfeindlich: Prime Cut – Alan Carter

  1. Bin ganz deiner Meinung, mich hat damals nur dieser weinerliche Cato Kwong gestört, der dem Buch eigentlich – zumindest am Anfang – mehr im Weg steht, als dass er zur Qualität beiträgt.

    • Ja, er war schon ein wenig zuviel mit seinem Selbstmitleid beschäftigt – wobei das Ende ja in der Hinsicht Hoffnung macht. Vielleicht hat er es ja jetzt geschafft, daraus wieder aufzutauchen.

  2. Reblogged this on Kaliber.17 | Krimirezensionen and commented:
    Rezension #6 unseres gemeinsamen Länderspezials im Advent

  3. Pingback: Abschluss des Australien & Neuseeland Spezials | Die dunklen Felle

  4. Pingback: Rückblick und so was alles…. | Die dunklen Felle

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