Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)

Geschichtstrio: Die blaue Liste – Wolfgang Schorlau

3 Comments

9783462300161
Wolfgang Schorlau – Die blaue Liste
Verlag: KiWi
352 Seiten
ISBN: 978-3462300161

 

 

 

 

Schon ewig wollte ich mal einen Krimi von Wolfgang Schorlau lesen. Überall hoch gelobt, aber an mir für einige Bände vorbeigegangen, hat es mich jetzt gepackt und ich habe mir den ersten Teil vorgenommen. Das war mir wichtig, denn z. B. bei Bottinis Reihe um Louise Boni war der Einstieg mitten in der Reihe nicht optimal. „Die blaue Liste“, Band eins der Reihe um Privatdetektiv Georg Dengler, verbindet fiktiv drei geschichtliche Ereignisse: den Tod von RAF-Mitglied Wolfgang Grams, das Attentat auf Carsten Detlev Rohwedder, den ersten Präsidenten der Treuhandgesellschaft, welche nach der Wende die Betriebe der DDR verwaltete, und den Absturz der Lauda-Air einige Wochen später.

Ich liebe es – man nehme drei historische Ereignisse über die ich (beschämenderweise) kaum etwas weiß, füttert mich mit Tatsachen, spinnt die Lücken mit einer spannenden Handlung zusammen und verpasst dem ganzen als Sahnehäubchen einen Privatermittler, der von seiner Polizeiausbildung profitiert, aber eben nicht mehr gehemmt wird und setzt ihn dann auch noch nach Stuttgart. Et voila, man hat den glücklichen Krimileser. Nämlich mich.

Georg Dengler, nimmt seinen Abschied vom BKA und macht sich als Privatermittler selbständig. Man erlebt ihn, wie er sein Büro einrichtet und eine Anzeige schaltet. So verfolgt er auch eine Frau, deren Mann sich sorgt, dass sie ihn betrügt und eine Firma meldet sich, um seine Preise zu erfragen. Aber es meldet sich eben auch ein Mann, dessen Freundin den Tod bzw. den vermutlichen Tod ihres Vaters nicht verkraften kann. Ihr Vater saß damals in der Lauda Air Maschine und ist abgestürzt, doch wie es bei Flugzeugabstürzen im Dschungel so ist, man findet DNA oder auch nicht, man findet Gepäck oder auch nicht. Aber wenn er sich nicht mehr meldet, dann muss der Vater doch in der Maschine gewesen sein – oder? Diesen Ausgangspunkt nimmt Dengler und recherchiert. Mal mit Unterstützung eines früheren Kollegen, mal ohne, mal legal, mal auch weniger legal. Eben mit dem Charme, der einen Privatermittler ausmacht, ohne das Korsett des Staatsapparats.

Da mag ich dann auch über die kleinen Schwachstellen – zum Beispiel das amerikanisch-thrillerlastige Ende oder die anbandelnde Liebesgeschichte – hinwegsehen, denn der Plot war schön ausgeklügelt und hält nicht nur politisch brisante Themen bereit, sondern auch eine äußerst interessante Information, die mich noch ganz lange grübeln lassen wird: das Modell Matrei. Vermutlich kennt das jetzt schon jeder und nur mir ist es neu, aber ist mir egal. Ich bin begeistert von der Idee, eine Firma selbstverantwortlich von den Mitarbeitern leiten zu lassen. So funktioniert das nämlich bei dem Gerätewerk Matrei. In einer Zeit, in der die Mitarbeiter nur noch als Kostenfaktor in vielen Firmen gezählt werden, finde ich das Modell umso interessanter, denn was liegt näher, als den Arbeitern und Angestellten die Leitung zu geben? Ihr Erfolg ist ihr Arbeitsplatz. Um aber nicht zu weit abzuschweifen, zurück zum eigentlichen Thema. Das Modell Matrei mag funktionieren und lässt sich bestimmt auch adaptieren, doch wie das Leben so spielt – Macht und Geld stimmen nicht immer mit den Idealen überein. So auch in „Die blaue Liste“.

Fazit:
Wenn Georg Dengler weiter in so brisanten Fällen wühlt, die mir Fakten spielerisch nahe legen und mich zu Denkanstößen verleiten, dann will ich auf jeden Fall mehr von ihm. Teil 2 ist schon mal auf der Wunschliste gelandet.

 

Abschließend noch ein Zitat, welches mit dem Thema zwar nichts zu tun hat, aber einfach zu schön ist, um nicht zitiert zu werden:
„Wenn ein Tyrann einen Sklaven erschlägt, sagen wir zu Recht, er ist ein Verbrecher. Erschlägt jedoch ein Sklave den Tyrannen, so gilt ihm unsere Sympathie. Dem gesellschaftlich Schwächeren gilt unser Mitgefühl, wenn er einen Reichen oder gar die Obrigkeit betrügt. Dann kann das Verbrechen als eine Art ausgleichende Gerechtigkeit erscheinen. Wenn der Bankräuber seine Beute mit den normalen, einfachen Leuten teilt, wird er zum Helden. Aber solche Fälle gibt es schon lange nicht mehr.“
„Und die ehebrechende Frau ist uns sympathischer als der untreue Mann, weil die Frauen immer noch nicht gleichberechtigt sind.“
„So ist es.“ (S. 27)

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3 thoughts on “Geschichtstrio: Die blaue Liste – Wolfgang Schorlau

  1. Was mir bei Schorlau gut gefällt, sind seine umfangreichen Recherchen, die er mit dem Leser teilt, und diese aufklärerische Wucht. Da verzeiht man ihm auch mal, dass er nicht unbedingt der größte Stilist ist.

  2. Hört sich sehr gut an, ich mag ja Krimis mit aktuellem Bezug. Gut, ist hier nicht mehr ganz aktuell, aber auch nicht zu lang her. Kommt auf meine Wunschliste.

    • Naaaa, wenn Du mutig bist, kannst Du ja mitten in der Dengler-Reihe einsteigen – hier gibt es immerhin auch schon 8 Teile. Und die Themen bleiben, soweit ich weiß, immer politisch aktuell und brisant.
      Ich war nicht so mutig – ich hab ja schon mal nicht so gute Erfahrungen damit gemacht, mitten in einer Reihe einzusteigen. Allerdings muss ich jetzt natürlich noch 7 Teile lesen – und der nächste kommt bestimmt bald….
      Ach, eins nach dem anderen.
      P.S.: Gut, dass das Buch auf der Wunschliste landet – die ist bestimmt gerade ganz abgemagert. 😀

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