Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)

Interview mit George B. Wenzel

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George B. Wenzel

1. „Inenodabilis“ ist ein Krimi mit politischem Hintergrund. Er berichtet von einer Ermittlung zu Zeiten des Kalten Krieges, von Spionage und doppelten Spielen. War von Anfang an klar, dass Sie das Thema in einer Kriminalermittlung platzieren?

Ja, das war von Anfang an klar, da ich mich für Geschichte und speziell für deutsche Geschichte interessiere. Und ich glaube, dass gerade diese Zeit ab 1945 bis 1989 eigentlich viel zu wenig beachtet wird, obwohl es eine wirklich spannende Zeit war.

2. Aus diesem Grund haben Sie die Handlung in diesen Zeitraum gelegt – oder gibt es noch etwas, was Sie damit verbinden?

Das kam daher, dass es auch ein klein wenig meine eigene Familie betrifft. Meine Eltern,  meine Schwester und ich waren die einzigen in Westdeutschland, alle anderen waren im Osten. Der Bruder meines Vaters und die Schwester meiner Mutter mit ihren Familien waren im Osten. Diese Trennung, die es in Deutschland gab, spiegelte sich in meiner Familie wieder. Nicht der politische Zwist, aber die Auswirkungen davon. Ich hatte als Kind nie Onkel und Tante. Ich wusste zwar, es gibt Onkel und Tante, aber auch nur von der mütterlichen Seite. Von der väterlichen Seite habe ich erst 2013 meine Cousins und Cousine gefunden. Aber das ist nur u. a. ein Anreiz gewesen, diese Zeit auszuwählen. Und der zweite Grund ist, dass ich mich persönlich mit der Geschichte zwischen 1933 und 1945 bzw. der Zeit danach schon immer sehr beschäftigt habe.

Allgemein oder speziell auf das Thema Spionage bezogen?

Das kriminalistische Element ist der Aufhänger zu einer Story, von der ich dachte, dass man all diese Einflüsse aus Ost und West mit hinein spielen lässt. So glaube ich, ist es zwangsläufig, dass man sich irgendwann in diesem Netz verfängt. Ich hatte mir eine Anzahl Bücher und Nachschlagewerke besorgt und im Internet recherchiert. Das kann man auch im Roman, durch die vielen untypischen Fußnoten für einen Roman, sehen. Aber ich habe gedacht, die Leute glauben vielleicht, ich habe mir irgendwas aus den Fingern gesogen. Aber sehr viele Sachen sind tatsächlich so passiert. Zwar mit anderen Personen und in einem anderen Umfeld, aber vieles ist genau in der Art passiert. Ich interessiere mich auch für Eisenbahnen. Ich war nie drüben wegen der Dampfloks, aber ich habe durch Zufall mal einen Bericht gesehen. Darin hat jemand erzählt, dass er jedes Jahr in die DDR gefahren ist, um Dampfloks zu sehen, da es die bei uns im Westen nicht mehr gab. Sie wurden im Osten ständig überwacht. Sie wurden wie Staatsfeinde behandelt, weil man annahm, sie seien Agenten aus Westdeutschland. Dabei waren es einfach nur Eisenbahnenthusiasten. Das zeigt wie das Verhältnis zwischen BRD und DDR war.

3. Nomen est omen – der Titel des Krimis spiegelt die verworrenen Beziehungen wider, welche die beiden Ermittler aufzudröseln versuchen. Viel es Ihnen schwer den Überblick zu behalten?

Zugegebenermaßen war das nicht ganz so einfach. Es ist ja mein erster Roman und ich bin da vielleicht etwas hineingestolpert. Ich hatte zu Beginn keine bestimmte Struktur im Sinn, etwa dass ich groß Aufzeichnungen gemacht habe, über die Personen, über die Zeiten oder über die Handlungen. Ich hatte eine grobe Idee, die hatte ich mir notiert. Wobei man erwähnen muss, die Grundidee ist schon viele Jahre alt. Und dann hat sich das eben entwickelt. Es gibt Brunnen, bei denen Steine zwischen den einzelnen Wasserfontänen sind und Kinder springen von einem Stein zum anderen. So ungefähr war das bei mir auch. Ich bin quasi auch von einem Stein zum nächsten, von einer Situation zur nächsten gesprungen. Ich musste dann auch mal drei Wochen Pause machen, um meinen Kopf frei zu kriegen. Danach musste ich wieder von vorne anfangen, lesen, um wieder richtig aufzusetzen. Und trotzdem hat dann meine Frau irgendwann gesagt, die Zeiten passen nicht. Aber es war fast logisch, dass das passieren würde. Deswegen habe ich für den Feinschliff auch viel mehr Zeit und viel mehr Arbeit gebraucht, als ich Zeit bis zum Rohentwurf hatte. Das hatte ich völlig unterschätzt.

4. Das heißt, die Zeitfresser waren die Recherchen, aber auch der Feinschliff?

Ja. Die vielen Recherchen haben viel Zeit gekostet. Ich habe während der ganzen Schreiberei gedacht: Was wird ein Leser tun, wenn er das liest? Will er dazu nicht vielleicht mehr wissen? Deswegen habe ich versucht, speziell jetzt in diesem Roman so viele Recherchen wie möglich zu machen. Auch um für mich sagen zu können, es ist kein Blödsinn, sondern das gab es wirklich. Ich habe im Buch nicht alle Links und Bücher aufgelistet, denn dann wären es nochmal viele Seiten mehr. Aber ich habe einfach gedacht, für den, den es interessiert oder für den, der daran zweifelt, der hat die Chance nachzuschauen.

5. Ihre Ermittler, Georg Rosa und Max Reinhardt, beginnen mit ihrer zweiten Ermittlung erst im Rentenalter und viele Jahre nach dem Verschwinden von Martin Blume. Wie wichtig war es für den Verlauf der Geschichte, die Ermittlung erst nach der aktiven Zeit bei der Polizei für die beiden zu beginnen bzw. wieder aufzurollen? Ist es denn geplant, die Ermittler nochmal ermitteln zu lassen?

Das war beeinflusst davon, dass ich selbst im Ruhestand bin. Da kommt ein kleiner persönlicher Touch rein. Das wird im nächsten Buch, das nichts mit diesem Thema zu tun hat, noch ausführlicher als Einstieg vorhanden sein. Aber es war für mich klar, dass die zwei Ermittler während ihres aktiven Dienstes nicht zu Ende kommen, dass sie ausgebremst werden bzw. dass vielleicht nicht ganz klar ist, wer hier welche Interessenlagen hat. Ich persönlich hätte einen Vorgang, den ich nicht zu Ende bringen kann, weil mich irgendjemand ausbremst, vermutlich auch versucht durchzusetzen. Da wäre ich sicher zum nächsten Vorgesetzten gegangen oder zum übernächsten. Solange, bis man mich vielleicht vor die Tür setzt. Von daher war das klar, nachdem für die Kommissare die Fesseln der Obrigkeiten weg waren und man quasi als Privatdetektiv agieren konnte, konnten sie den Vorgang neu anpacken. Da waren sie dann ja relativ frei, außer dass es vielleicht ihre finanziellen Mittel überschreiten könnte.

6. Aber dafür gab es ja die Amerikaner.

Das war nur einer der Gründe, warum das so sein musste. Und damit komm ich dann auf den anderen Teil ihrer Frage. Die Rolle der beiden Amerikaner, die ist nicht ganz klar. Und möglicherweise, vielleicht, gibt es irgendwann mal einen zweiten Roman, der sicher nicht „Inenodabilis2“ heißt, sondern anders – Titel hab ich dafür noch keinen – der dann aber diesen Fall, der unerwartet endet, wieder aufdröselt. Diese Geschichte  startet dann eben in einer Zeit, in der plötzlich viele Archive offen sind. Durch die Wiedervereinigung Deutschlands ist man eben nicht mehr an der deutsch-deutschen Grenze gehemmt und kann in die Archive gehen. Und es existieren unglaublich viele – was meine Links auch zeigen – Informationspools. Das einzige Problem für eine Fortsetzung des Romans wird sein, sind denn die Menschen, die eine Rolle spielen, noch da, um sie befragen zu können. Aber irgendwann – sicherlich nicht nächstes Jahr – wird dann vielleicht ein Nachfolger kommen.

7. Wie sieht ihr Schreiballtag aus?

Im Normalfall lese ich morgens die Zeitung und die Nachrichten. Danach setze ich mich an den Rechner und geh auf mein Manuskript. Ich muss dazu sagen, ich hatte mir irgendwann, das war letztes Jahr, ein Programm gekauft. Wir hatten durch Zufall jemanden getroffen, der mir davon erzählt hat. Das Programm bietet unglaublich viele Möglichkeiten. Und natürlich auch mehr Kontrolle und Korrekturen für Grammatik. Das ging selbst bis zum Lesestil, was ich aber nicht nutze, weil ich mir ja meinen eigenen Stil nicht verändern lassen will. Ich benutze darin die meisten technischen Möglichkeiten, aber wenn ich eine 100% Kontrolle anlegen würde, dann würde das Programm jedes Wort farbig unterlegen (Stil, Wortwahl, Wiederholungen, etc.). Ich habe es irgendwann getestet, um es auszuprobieren, wie der Lesestil des Romans in diesem Programm beurteilt wird. Da gibt es drei Möglichkeiten dies zu überprüfen: Fachbuch, Roman und noch ein weiteres. Bei der Einstellung ‚Roman‘ hat das Programm den Text als überwiegend gut lesbar beurteilt. Die Links hat er bei dieser Einstellung natürlich alle verworfen, denn die waren unter diesem Aspekt schlecht lesbar. Wenn man es dann umgedreht hat und als Fachbuch bewertet, dann war es genau anders herum. Ich habe diese Einstellungen nicht für mein Schreiben benutzt, aber ich wollte es mal sehen. Das Manuskript hatte ich zu einem frühen Zeitpunkt einem amerikanischen Freund gegeben.  Damals war es noch in einer Rohphase. Der Freund hat gesagt, ja, die Geschichte ist ziemlich komplex und die CIA wird dich fragen, woher weißt du das alles. Ich habe dann meiner Frau noch einmal eine Version gegeben und sie gebeten es zu lesen. Das Ergebnis daraus war manchmal ein bisschen frustrierend, denn sie hat gesagt: mach aus diesem Satz drei Sätze, mach das und mach dieses. Ich hab mir das alles in einem eigens angefertigten Profidruck notiert. Das war noch eine relativ frühe Version mit Schreibfehlern drin. Die hatte ich vor dieser Aktion aber im Programm bereits geändert. Und als wir damit fertig waren, habe ich mich hingesetzt und für mich dann nochmal entschieden, was für Dinge, die sie mir vorschlug, geändert werden. Danach hab ich dann für mich entschieden, so, das ist es jetzt. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich den Text dann gelesen hatte. Und bei jeder Änderung läuft man Gefahr, wieder einen Fehler einzubauen. Ich hätte ohnehin nie gedacht, dass es mal 400 Seiten werden würden.

8. Sie veröffentlichen unter einem Pseudonym. Gibt es dafür einen bestimmten Grund?

Ja, den gibt es, denn das zweite Projekt ist ein völlig anderes Thema. Es gibt in diesem Zusammenhang rechtliche Anforderungen, die dazu führen, dass dieses Buch nicht unter meinem Namen erscheinen sollte. Ich habe dann beschlossen, das bereits mit dem ersten Roman umzusetzen. Damit erfülle ich  1. diese rechtlichen Anforderungen, und 2. meine eigene Privatsphäre wird geschützt.

9. Darf man schon fragen, worum das zweite Projekt handelt?

Diese Geschichte hat keinen politischen Hintergrund, sondern einen wirtschaftlichen, aber auch als Kriminalroman geschrieben. Das Leben ist ein Krimi. Vermutlich wird der Roman irgendwann im Frühjahr 2017 erscheinen, der ist schon ziemlich weit gediehen. Immer wenn ich Pause von „Inenodabilis“ gemacht habe, habe ich am 2. Buch weiter geschrieben. Am Jahresende wird dann meine Frau die erste Korrektur lesen.
Ich habe aus dem Ablauf, den entstandenen Schwierigkeiten und Problemen mit dem ersten Roman INENODABILIS viele Dinge gelernt, die mir bei dem zweiten Roman sicher nutzen werden.

10. Sie haben bei tredition ihr Buch veröffentlicht – einer Mischung aus Verlag und SelfPublishing. Warum haben Sie diese Art der Veröffentlichung dem traditionellen Verlag vorgezogen?

Ich habe 20 Verlage angeschrieben, 10 haben mir geantwortet, ich denke dass das schon ziemlich viel ist. Deren Angebote lagen zwischen 2.000 und 24.000 Euro Selbstbeteiligung. Die Bandbreite der angebotenen Services spiegelte diese Preisdarstellung (Umfang, Inhalte) natürlich wider und wer da etwas mehr als nur die ISBN haben will, muss relativ viel investieren. Das ist natürlich einfach unglaublich viel Geld und der Hinweis einiger Verlage, dass auch Goethe seine Bücher vorfinanzieren musste … na ja. Dafür muss ich sagen, hat tredition eine ganze Latte an Hinweisen und Empfehlungen, was man als Autor tun kann. Ich habe Flyer drucken lassen und einige der Tipps umgesetzt. So bin ich in LinkedIn drin, ebenso in Xing. Ich habe auch eine eigene Webseite. Inzwischen habe ich 16 oder 18 Mediengesellschaften angeschrieben – die noch nicht geantwortet haben und vielleicht werden die das auch nie – aber einfach, um zu versuchen, in einer Zeitung eine Buchbesprechung zu bekommen. Wenn ich das in einer Zeitung schaffen würde, wäre das natürlich optimal. Die Flyer hab ich in den Buchläden hier in der Gegend (Anm.: Raum Stuttgart) ausgelegt und eventuell wird man eine Lesung planen. Das Buch gibt es inzwischen in USA, in Kanada, in Italien, überall dort, wo es eine deutschsprechende Population gibt. Da macht der Verlag schon viel.

11. Welche Schriftsteller gehören zu Ihren Lieblingen? Welche Krimis lesen Sie gerne? Was war ihr letztes gelesenes Buch, welches wird ihr nächstes sein?

Ich habe zurzeit eher Interesse für geschichtliche Bücher. Also Christopher Clark „Die Schlafwandler“ als Beispiel. Das ist eine Beschreibung wie und warum der 1. Weltkrieg entstanden ist. Das zweite Buch „Preußen“, auch von Christopher Clark, erzählt über die preußischen Kurfürsten, die später deutsche Könige bzw. Kaiser wurden. Sein Schreibstil ist unglaublich detailliert, aber wenn man dann mal die ersten 20 oder 30 Seiten geschafft hat, dann kann man nicht mehr loslassen. Er schreibt sehr spannend. Und früher, ja klar, dann hab ich „Papillon“ und all diese Krimis auch gelesen. Aber ich weiß noch nicht, welches das nächste Buch sein wird, vielleicht etwas über die Fugger (Der reichste Mann aller Zeiten). Das Interesse daran hat mit Augsburg zu tun, meiner Heimatstadt. Im Übrigen haben alle Orte, welche in „Inenodabilis“ eine Rolle spielen, einen Bezug zu mir oder ich war schon dort. Auch durch meinen ehemaligen Job bin ich sehr viel herumgekommen.

Vielen Dank für das Interview und das nette Essen!

 

Homepage von George B. Wenzel

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5 thoughts on “Interview mit George B. Wenzel

  1. Das mit dem Schreibprogramm ist interessant – wie heißt es? Wenn es nicht zu teuer ist, würde ich es gerne für mein Blog einsetzen.

    • Hallo nomadenseele,

      das Programm heißt Papyrus und lohnt sich wirklich. Es bedarf einer gewissen Einarbeitung, da der Umfang der Tools ziemlich groß ist.

      • Ich hatte wegen des Interviews gegoogelt und bin auch tatsächlich auf Papyrus gestoßen. Es hatte allerdings Verbesserungsvorschläge, die ich so gar nicht nachvollziehen konnte. So sollte ich laut Programm *Wie orientierte… * zusammenschreiben. Ich werde noch mal 1-2 Texte mit der Demo-Version schreiben, aber der Erstversuch war nicht überzeugend.

        Mir ging es auch eher um eine Stilanalyse, plotten und Figuren anlegen brauche ich für mein Blog weniger.

  2. Der Autor umgeht bei Frage 10 elegant die gestellte Frage.
    Frage 10a müsste also heißen: Haben Sie nur DKZVe angeschrieben? Und wenn Ja, warum? Wenn Nein, welche Reaktionen haben Sie von RICHTIGEN Verlagen erhalten?
    (Kann man sich aber schon denken, was?)

    Abschließend. Ich bin wieder mal überrascht über die Bandbreite der besprochenen Bücher. Wer amerikanische Thriller liest, meinetwegen auch Eckert, der liest i.A. einen solch betulichen Text nicht. Na ja, zumindest wird hier nicht Schmalspur gefahren. Mag ich. Wirklich.
    NNIN

    • Hallo NNIN,
      Ich werde keinen Verlag öffentlich beurteilen. Doch in den 20 waren namhafte “richtige” deutsche Verlage, aber auch ein paar kleinere vertreten. Die Reaktionen derer, die antworteten, waren unterschiedlich. Sowohl was das Angebot betraf (wenn es eines gab), als auch den Anteil der Selbstbeteiligung. Zwei haben nach einer gewissen Zeit ein günstigeres Angebot nachgelegt oder mir eine verbundene SelfPublishing Company empfohlen. Der Aufwand für mich war nicht unerheblich, da einige der Verlage das komplette ausgedruckte Manuskript wollten, andere nur einen Teil von ca. 50 DIN A4 Seiten, wieder andere Auszüge per e-mail oder das komplette Manuskript per e-mail. Für einen “Neuen” in dem Geschäft war das teilweise wirklich frustrierend. Deshalb bin ich am Ende bei tredition gelandet. Auch wenn das ein SelfPublishing Verlag ist, ist die Unterstützung nicht schlechter, als bei den Verlagen, die eine etwas niedrigere Selbstbeteiligung (ab € 2.000) forderten.

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