Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)

Kopie oder Hommage?: Mord in der Mangle Street – M.R.C. Kasasian

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M.R.C. Kasasian – Mord in der Mangle Street
Verlag: Atlantik
Übersetzer: Johannes Sabinski und Alexander Weber
397 Seiten
ISBN: 978-3455600513

 

 

 

 

Wenn man sich auf einen viktorianischen Krimi einlässt, dann lässt sich ein Vergleich zu Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes einfach nicht vermeiden. Zu gut kennen wir Krimileser die Zeit, die Gesellschaft, die Umstände in London zu Zeiten Königin Victorias. Wenn man nun also einen Krimi schreibt, der in dieser Zeit spielt, einen Detektiv einsetzt, der logisch schlussfolgert und mit einer gewissen Arroganz in Fällen stöbert, und diesem eine medizinisch nicht unwissende Begleiterin an die Seite stellt, fragt man sich schon: Kopie oder Hommage? Der Autor geht mit diesem Konflikt recht offen um und versucht erst gar nicht, den Vergleich abzuwenden, sondern spielt bewusst mit diesem Kniff. Ein Pluspunkt in diesem viktorianischen Krimi, der mich mit einem mittelmäßig bis gutem Eindruck zurück lässt.

William Ashby wurde wegen des Mordes an seiner Frau verhaftet und bittet Sidney Grice, den besten Privatdetektiv von London, per Brief und durch seine Schwiegermutter, Mrs. Dillinger, um Hilfe. Doch erst die finanziellen Mittel, welche March Middleton, die erst kürzlich zu Mr. Grice als Mündel gestoßen ist, anbietet, können ihn dazu überreden, den Fall anzunehmen. Doch Marchs Hilfe ist an eine Bedingung gebunden: sie möchte bei den Ermittlungen dabei sein. Grice ist von Anfang an von Ashbys Schuld überzeugt, derweil March für Ashbys Unschuld plädiert. Also macht sich das ungleiche Paar auf – zum Tatort, zum Leichenschauhaus, zum Gefangenen. Und da March nun eben nicht das zartbesaitete Wesen ist, welches Männer immer gern haben möchten, gibt sie dem eingebildeten, kaltherzigen Ermittler mit dem Glasauge, immer wieder fleißig Kontra und trägt so ihren Soll zu den Ermittlungen bei. Doch letztendlich bleibt die Frage: ist Ashby schuldig oder unschuldig?

Sidney Grice erinnert sehr stark an Sherlock Holmes, doch ein paar Unterschiede gibt es schon. Er ist wesentlich arroganter und selbstgefälliger, ein eitler Fatzke, der sich immer im Recht glaubt oder es zur Not auch so auslegt, dass er Recht hat. Warum er March als Mündel aufgenommen hat, ist höchst fraglich, wobei er durch den ersten Fall natürlich finanzielle Vorteile hat. Sein Kopf tüftelt nebenbei immer an Ideen für Erfindungen und so ist es kein Wunder, dass er bald wohl einen Vorgänger der Thermoskanne mit sich herumträgt. Schließlich ist das einzig anständige Getränk, welches den Namen verdient, Tee, und dieser hat gefälligst niemals lau zu sein oder gar mit Milch versetzt. Vegetarier ist Grice im Übrigen auch noch.
Im Gegensatz hierzu stellt der Autor March Middleton in den Ring. Die junge Frau zieht nach dem Tod ihres Vaters, einem Arzt, zu Sidney Grice in die Großstadt. March mag zwar eine Landpflanze sein, doch mit ihrem Vater war sie auch im Krieg und hat Verwundete versorgt, so dass sie der Besuch im Leichenschauhaus nun nicht schrecken kann. Als Frau  muss sie sich natürlich Bemerkungen – von beleidigend bis arrogant – anhören, was eine Frau so zu tun und zu lassen hat. Und dazu gehört natürlich keinesfalls Gin zu trinken oder zu rauchen – und so macht sie das mehr oder minder heimlich. Natürlich ist es ungewöhnlich, eine Frau in dieser Zeit so selbstbewusst auftreten zu sehen. Doch meines Erachtens bleibt der Geschichte gar nichts anderes übrig – eine zurückhaltendere Frau würde neben dem extrovertierten und bestimmenden Mr. Grice völlig untergehen.
Dieses absonderliche Paar macht zwar auf der einen Seite Spaß, auf der anderen Seite ist es aber auch an manchen Stellen sehr anstrengend, da beide eben Stereotype bedienen. Zu überzogen ist Grice, zu liberal March, auch wenn die dadurch wie Zahnräder ineinander greifen. Aber eben das ist das Problem: es gibt keine Überraschung in ihrem Verhalten – man weiß von Anfang an, worauf man sich einlässt.

Der Kriminalfall, der von Anfang an eine Frage aufwirft, die einen geübten Krimileser schon auf die Lösung bringen kann, war aufgrund dessen zwar nicht sonderlich spektakulär, aber durch das Setting und das Flair der verdreckten Großstadt London äußerst vergnüglich. Wenn March und Grice durch den Kanal hinter dem Tatort waten, die verzogenen Türen weder auf noch zu gehen und es eben keinen kümmert, dass das Zündholzmädchen, welches vor dem Eingang sitzt, dort immer noch sitzt, weil es verstorben ist – so ist das London dort, wo keiner hinsehen will. Ein paar bessere Gegenden gibt es natürlich auch (als ob der beste Detektiv von London in einem Dreckloch hausen würde), aber genau diese Gegensätze der Metropole zeigen ein authentisches Bild.

Zum einen ist es die Atmosphäre, die das viktorianische Zeitalter so spannend macht, aber eben auch die Art der Ermittlung. Die Forensik steckt in den Kinderschuhen, ach was, in den Babysöckchen, Befragungen sind das A und O, die Polizisten sind gespickt von Vorurteilen und oft ist nur durch Beobachtungsgabe der Täter zu ermitteln. Da kommt ein Ermittler mit der herausragenden Fähigkeit zur Beobachtung natürlich recht, vor allem, wenn er noch ein Faible für Erfindungen hat und auch ein Pülverchen bieten kann, um Blutspuren nachzuweisen. Ob das Blut dann tatsächlich von der Tat stammt, ist natürlich wieder eine andere Sache. Wie sehr sich die Ermittler doch heutzutage auf die Forensik verlassen, wie wenig die Ermittler damals hatten und nur über Vermutungen drauf gekommen sind, wie es sich abgespielt haben könnte. Denn letztendlich ist damit dann oft ein Geständnis heraus gekitzelt worden und nur so konnten die Vermutungen bestehen.

Eigentlich bin ich nicht dafür Bücher oder auch Serien zu vergleichen, doch hier springt einem der Vergleich quasi ins Gesicht, so dass man sich dem nicht erwehren kann. Und da muss man leider sagen: an das Original kommt einfach keiner ran. Wenn man sich allerdings von diesem Vergleich löst, bleibt eine vergnügliche Ermittlung in der viktorianischen Zeit übrig, die mit einem sonderbaren und sich gegenseitig triezenden Paar aufwarten kann. Für mich war der Ausflug ins viktorianische Zeitalter eine erfrischende Abwechslung.

Fazit:
Im Vergleich zum Vorbild muss das Buch leider Federn lassen, doch wenn man sich nicht darauf versteift, bleibt ein vergnüglicher Ausflug in die viktorianische Zeit mit natürlich dem (fast) besten Ermittler Londons.

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