Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)

Scheinheilig: Lügenmauer – Barbara Bierach

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Barbara Bierach – Lügenmauer
Verlag: List
285 Seiten
ISBN: 978-3548613052

 

 

 

 

Ein toter Kirchenmann – das ist nicht nur für Emma Vaughan, protestantisch, geschieden und alleinerziehend, ein heikler Fall, sondern auch für die Oberen im County Sligo. Dementsprechend groß ist der Druck auf die Ermittlung und Emma Vaughan, gemeinsam mit ihrem Kollegen James Quinn, stochert in jeglichen Ecken. Gar nicht so einfach bei Charles Fitzpatrick. Der Armeepfarrer ist weit herum gekommen und hat nicht überall nur Freunde hinterlassen. Vor allem seine Bettgeschichten sind weithin bekannt. Doch war es eine ehemalige Verflossene? Vielleicht ja auch die IRA? Oder waren die Nichten und Neffen scharf auf „The Manors“, den Familiensitz der Fitzpatricks. Die Lösung rückt erst näher, als Emma beginnt, tief in der Vergangenheit der Familie zu wühlen….

Der Klappentext hat bei mir impliziert, dass Emma Vaughan, als geschiedene, alleinstehende und protestantische Frau in der Sligoer Polizei wesentlich mehr Probleme hat, doch das ist gar nicht so. Neider gibt es überall und es kam jetzt nicht übermäßig dazu, dass Emma gemieden oder gemobbt wurde, es waren nur ein paar hämische Bemerkungen. Für mich als Leserin ein wenig schade – ich mag es, wenn Figuren sich durchboxen müssen. Emma ist eine angenehme und ehrgeizige Ermittlerin. Sie lässt keine Richtungen aus, auch wenn man zugeben muss, dass sie ca. dreiviertel des Buches im Nebel stochert. Zur Auflockerung dient ihr Kollege James, der nicht nur witzige Sprüche klopft, sondern auch gerne mit ihr flirtet.

Ein zweiter Erzählstrang um Catherine, eine Altenpflegerin, die sich unter anderem um Margaret, Fitzpatricks Schwester kümmert, die dement in einem Seniorenheim ist, bringt dann das hintergründige Thema hervor. Ein dritter Erzählstrang führt dann sogar in die 60er Jahre zurück, denn das Rätsel des Mordes an Charles Fitzpatrick liegt in der Vergangenheit begründet. Diese beiden Stränge sind immer recht kurz und so gewährt die Autorin den Lesern immer nur einen kleinen Blick auf das Geheimnis und man kann bis fast zum Ende knobeln, wer denn nun der Täter oder die Täterin ist. Am meisten hat mich aber das Hintergrundthema interessiert: Heime für Mädchen, „unchristliche“ Mädchen, oder was manche dafür hielten.

Heutzutage mag man vielleicht schon fast vergessen haben, dass auch die christlichen Kirchen viel Unrecht im Namen Gottes geschehen ließen. Erschreckend ist aus diesem Grund der Blick nach Irland, in dem bis in die Neunziger Jahre sogenannte Magdalenen-Heime existierten. Heime, in denen „gefallene“ Mädchen wieder zum Glauben zurück geführt werden sollten. Keineswegs landeten dort aber nur Prostituierte, sondern jegliche Mädchen, die ungewollt schwanger wurden, auch durch Vergewaltigung, oder sich in anderer Art nicht gottgefällig verhielten – jedenfalls in den Augen der Autoritäten. Beschimpfungen und harte körperliche Arbeit waren noch das wenigste, was diese Mädchen aushalten mussten, Missbrauch und verscharrte Babys das schlimmste. Natürlich alles unter dem Deckmantel der christlichen Nächstenliebe. Und das ist kaum 20 Jahre her…

Erschreckend und spannend, doch im Krimi umgesetzt hätte es für mich noch ein wenig mehr sein können. So kratzt der Kriminalfall zwar an dem Thema und zeigt wie die Nutznießer des Systems vorgingen und welche Werte und Moralvorstellungen damals herrschten, doch die Ausführenden bleiben davon unberührt. Noch ein wenig besser hätte es mir gefallen, wenn diese auch vorgekommen wären, wenn die Kirche, die Hintermänner hervor gekommen wären. Nichtsdestotrotz war es ein spannender Fall, der sogar noch mit einer Auflösung aufwartet, die mich mit der Frage zurückgelassen hat, wer entscheidet, ob jemand gut oder böse ist, und ob ein Verbrechen gesühnt werden muss oder nicht.

Fazit:
Das hintergründige Thema hätte gerne noch mehr in die Tiefe gehen und die scheinheilige Nächstenliebe der Kirche entlarven können, doch das kritische Thema gepaart mit einer gewohnt eigenwilligen Ermittlerin hat mir eine spannende Lektüre beschert.

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