Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)

Waisengeschäfte: Tödlicher Frühling – Tom Callaghan

2 Comments

9783455650488
Tom Callaghan – Tödlicher Frühling
Verlag: Atlantik
Übersetzer: Kristian Lutze, Sepp Leeb
352 Seiten
ISBN: 978-3455650488

 

 

 

Kirgisistan – nicht unbedingt ein Land, welches ich für meinen nächsten Urlaub in Betracht ziehen würde. Wobei es auch hier wunderschöne Landschaften gibt, die der Autor mit seinen Lesern durch Fotos über ein bekanntes soziales Netzwerk teilt. Tendenziell bin ich ja eher ein Winter-Typ, doch der Winter in Kirgisistan hat ein ganz anderes Kaliber als unser deutscher Winter. Das konnte man im ersten Teil von Tom Callaghans Reihe um Akyl Borubaew „Blutiger Winter“ deutlich herauslesen. Im zweiten Teil ist es nun Frühling geworden. Vielleicht ist die Reihe ja auf die vier Jahreszeiten angelegt? Das würde mir sehr entgegen kommen, denn zu lange Reihen gebe ich irgendwann auf, doch bei vier Teilen bleib ich auf jeden Fall bei der Stange, wenn mir die Reihe gefällt. Und das tut sie.

Seit dem letzten Wiedersehen mit Inspektor Akyl Borubaew wurde er in das Dorf Karakol im Gebirge Tienschan strafversetzt. Eine deutliche Degradierung und auch noch am Ende der Welt. Doch auch bis hierhin strecken sich die Fühler der Verbrecher, denn als es beginnt zu tauen werden auf einem Feld sieben nur grob verscharrte Kinderleichen gefunden. Die Armbänder weisen sie als Waisenkinder aus, doch keines der Bänder passt zu dem Kind, welches es trägt. Der Fall geht Akyl sehr nah, da er in seiner Kindheit selbst einige Zeit in einem Heim verbringen musste. So ist auch seine erste Anlaufstelle sein damaliges Waisenhaus, dass von Gurminj Schochumorow geführt wird, einem Bekannten von Akyl und einem gutherzigen Menschen. Als dieser kurz darauf ermordet wird, weiß Borubaew, dass er in einem Wespennest stochert. Und schon bald bekommt er es bestätigt, denn plötzlich lassen sich Beweise finden, dass er pädophil ist und er muss untertauchen, um den Fall aufzulösen. Hilfe bekommt er dabei von einer alten Bekannten: Saltanat, der Geheimdienstagentin aus Usbekistan.

Kirgisistan. Ein Land, welches prädestiniert dafür ist, dass dort Krimis spielen. Schon seltsam, dass es trotzdem nicht viele gibt. Die Landschaft mag zwar im Frühling angekommen sein und hie und da aufblühen und das Elend überdecken, doch letztendlich bleibt es das Kirgisistan, was es ist: arm, trostlos, korrupt. Eine ganz schlechte Kombination, aber nur in der Wirklichkeit. In einem Krimi schafft das eine Atmosphäre, in der nicht nur das Verbrechen blüht, sondern auch einzigartige Ermittler geboren werden. Schon alleine diese Mischung spricht für kriminalistischen Hochgenuss.

„Ich habe in meinem Arbeitsleben viel Zeit in Kellern verbracht und dort, egal unter welchen Umständen, nie angenehme Erfahrungen gemacht. Nur zu oft erscheinen mir Keller wie ein Vorgeschmack darauf, auf Dauer unter die Erde zu kommen. Ich wurde in Kellern geschlagen, gefoltert und mit dem Tod bedroht. Ich habe dort Menschen sterben sehen, ihnen sterben geholfen. Ich wurde in Kellerverhörzimmern Zeuge, wie ein kräftig gebauter ment ein Geständnis aus einem Verdächtigen herausprügelte. Keller gehören nicht zu meinen Lieblingsorten. Aber als Platz zum Sterben sind sie fast unschlagbar.“ (S. 254)

Doch Tom Callaghan versteht sich auch so gut darauf, einen spannenden Thriller zu schreiben. Er schreibt trocken und pessimistisch, lässt es richtig knallen, manchmal hetzte man den Ereignissen fast schon hinterher und dadurch, dass Akyl und Saltanat sich nicht nur um die Verbrecher kümmern müssen, sondern auch vor den eigenen Leuten verstecken, herrscht eine ständig angespannte Situation. In einem Land, in dem fast jeder Beamte korrupt ist oder arm und dadurch eben korrupt, ist es eh schon schwierig zu ermitteln, doch wenn die eigenen Reihen auch noch gegen einen agieren, fast unmöglich.

Spannend, rasant, gewaltig und in einer unschlagbaren Atmosphäre. Und doch gibt es einen Kritikpunkt, den ich mit Nora von Kaliber.17 gemeinsam habe (ihre Rezension findet ihr hier ): die Liebelei. Akyl stellt fest, dass er sich in Saltanat verliebt hat. Es gibt zwei Gründe, warum mir das komisch vorkommt. Zum einen hat er im ersten Teil noch sehr an seiner verstorbenen Frau gehangen, so sehr, dass ich davon ausgegangen bin, er wird nie wieder jemanden so lieben. Und zum anderen, weil Saltanat einfach die falsche Person dafür ist. Sie ist Geheimdienstagentin durch und durch. Knallhart, undurchschaubar, mit allen Wassern gewaschen und immer allen voraus. Zudem durchbricht die Liebelei auch immer wieder die Spannung. Gerade wenn man am Limit angekommen ist und fast nicht mehr aufhören kann, kommen die romantischen Gefühle hinzu und eine Pause ist sehr willkommen. Schade. Ich weiß wirklich nicht, was sich Autoren immer von diesen Zwischenspielen versprechen – ich brauche sie nicht. Für mich muss ein Thriller sein wie „Tödlicher Frühling“ – nur ohne romantische Gefühle.

Fazit:
Ein wahnsinniger toller Thriller in einer atemberaubenden Atmosphäre – nur die Romantik stört eindeutig. Bitte weitermachen – aber ohne Liebelei.

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2 thoughts on “Waisengeschäfte: Tödlicher Frühling – Tom Callaghan

  1. Hahaha, hat dich also auch genervt. Fand seine Romanze auch irgendwie so gekünstelt und unglaubwürdig geschildert. Was meinst du im letzten Absatz mit dem Satzende “… und eine Pause ist sehr willkommen.”. Ist das ein Widerspruch? Jedenfalls freut es mich, dass du dich auch für die Thriller begeistern kannst!

    • Ja, wir haben da wohl eine ähnliche Meinung. Ich meine, nix gegen Beziehungen in einem Krimi/Thriller, aber sie sollten weder im Fokus stehen, noch die Spannung unterbrechen.
      Mit dem Satz wollte ich sagen, dass wenn die Liebelei wieder sehr präsent war, es gar nicht schwer war, das Buch mal wegzulegen und eine Pause zu machen. Wohingegen die Thrillerhandlung einen ja fast pausenlos im Bann hält. Denn ohne die Liebesszenen war der Thriller wirklich klasse.

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