Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)

Bestattungen Blum: Totenfrau – Bernhard Aichner

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Bernhard Aichner – Totenfrau
Verlag: btb
448 Seiten
ISBN: 978-3442754427

 
Blum hat ihre Eltern umgebracht. Auf dem Meer. Die beiden sind schwimmen gegangen und Blum hat die Leiter verschwinden lassen. Nun liegt sie nackt auf dem Deck des Bootes – das durfte sie sonst nie – und tut so, als würde sie ihre Hilferufe nicht hören. Sie fängt sich einen gehörigen Sonnenbrand ein, um auch ein standfestes Alibi zu haben. Der erste, der sie hilflos auf dem Boot findet, ist Mark. Ein Polizist und Liebe auf den ersten Blick. Jahre später, eine Heirat, zwei Kinder, Marks Vater im Dachgeschoss und Reza, der bosnische Flüchtling im Untergeschoss weiter, stirbt Mark bei einem Autounfall. Blum ist wie erstarrt und nur ihre Kinder können sie aus ihrem Trauma reißen. Und Dunja. Mark hat sich einige Male mit Darya getroffen und die Treffen aufgezeichnet. Darya erzählt eine schreckliche Geschichte, von einem Keller und zwei weiteren Gefangenen, von 5 Männern in Masken und einem jahrelangen Martyrium. Niemand glaubt ihr. Außer Mark. Und nun Blum. Denn die Männer sind nicht nur an Daryas grausamen Schicksal Schuld sondern haben auch Mark auf dem Gewissen, dessen Autounfall mehr und mehr nach einem Attentat aussieht. Und so macht sich Blum auf die Suche nach den 5 Männern: den Fotografen, den Pfarrer/Priester, den Jäger, den Koch und den Clown.

Über Totenfrau hab ich schon so manch begeisterte Rezension gelesen und wollte das Buch nun endlich auch von meiner Leseliste streichen und auf die Gelesenliste setzen. Ich muss zugeben, der Einstieg fiel mir schwer. Zum einen war das so, weil der spanndende Teil erst nach ca. einem Viertel beginnt. Davor wird Blums Geschichte ein wenig beleuchtet und vor allem, der Unfall von Mark sowie Blums Umgang damit. Wie schwer es ihr fällt, wieder ins Leben zurück zu kehren. Zum anderen lag das an dem Schreibstil des Autors. Gut daran fand ich, dass die wörtliche Rede nicht unterbrochen ist – also kein “sagte er” oder “meinte sie”, einfach nur ein Bindestrich zu Beginn Ich stelle mir das bei Gesprächen mit mehr Personen schwierig vor, aber mit Blum und dem jeweiligen Gesprächspartner funktioniert das gut. Vor allem, weil Blum so schön trocken ist. In den Passagen ohne wörtliche Rede bin ich allerdings ab und an hängen geblieben. Der Sätze sind meist sehr kurz und knapp, manchmal sogar stakkatohaft. Es ist ein Schreibstil, der auf dem Punkt liegt, ein puristischer Stil. Doch ein wenig Ausschweifung hätte an einigen Stellen gut getan, da die Sätze beim Lesen mitunter schnell vorbeifliegen und ich dann doch hin und wieder nachlesen musste, was ich gerade gelesen habe. Ich habe mich allerdings daran gewöhnt und zusätzlich muss man eben erwähnen, dass der Stil hervorragend zu Blum und ihren Dialogen passt. Nichtsdestotrotz muss man am Anfang also ein wenig am Ball bleiben, bis der spannende Teil beginnt und man sich eingewöhnt hat. Im übrigen sind – zumindest in meiner Hardcover Ausgabe – im Buch die Kapitelnummern auf extra Seiten gedruckt, so dass die Seitenanzahl zwar bei über 400 liegt, aber durch die Leerseiten ungefähr etwas über 300 Seiten Text bleiben.

Blum ist ein sehr interessanter Charakter. Der Mord an ihren Eltern ist quasi zwangsläufig nicht abwendbar gewesen  – jedenfalls in ihrem Weltbild. In einigen Rückblicken bekommt man mit, dass ihre Eltern sie adoptiert haben, um einen Nachfolger für das Bestatterunternehmen zu bekommen. Am liebsten wäre ein Junge gewesen, aber wenn es denn nun ein Mädchen ist…. der Vater nimmt sie schon in jungen Jahren mit zu den Leichen und lässt kein Pardon gelten. Da müssen Leichen gewaschen oder Münder zugenäht werden – und das auch schon mit 10 Jahren. Liebevoll ist ein Fremdwort in der Eltern-Kind-Beziehung und als Leser ist schon Verständnis da, als Blum (die eigentlich Brünhilde heißt, mit Nachnahmen Blum) ihre Eltern ermordet. Die Erziehung, aber auch der Mord prägen Blum und es ist fast schon ein Wunder, dass sie sich in Mark verliebt.  Doch es funktioniert. Sie ist glücklich wie nie und hat einen Partner an ihrer Seite, der ihr Leben möglich macht, mit Leben füllt. Vorher waren Kinder undenkbar, nun eine Erfüllung. Doch dieses Gefüge bricht auseinander und Blum geht auf einen Rachefeldzug. Sie ist konzentriert und fokussiert – komischerweise aber recht planlos. Vor allem den ersten Täter findet und erledigt sie fast ohne jegliche Vorausplanung. Ihr Feldzug erscheint einfach, aber manchmal eben auch von Zufall und viel Glück gesteuert und zum Erfolg geführt. Später erhält sie dann stille, aber effektive Unterstützung von Reza. Blum selbst zieht einen Vergleich zwischen sich und Dexter Morgan, dem Forensikspezialisten bei der Polizei Miami, der in seiner Freizeit Mörder ermordet (geschrieben wurde die Serie um Dexter von Jeff Lindsay, Teil 1 ist “Des Todes dunkler Bruder“). Ein geschickter Schachzug, denn so nimmt der Autor dem kundigen Leser den Wind aus den Segeln.

An ein paar Kleinigkeiten muss ich nun aber doch rumkriteln. Zum einen hatte ich ja gerade erwähnt, dass doch der Zufall und das Glück mitunter geholfen haben. Hierzu zähle ich auch, dass ich es seltsam finde, dass die übrigen Täter – nachdem dann eben ein, zwei verschwinden – sich nicht absprechen bzw. versuchen sich zu schützen oder gar zu verteidigen. Es hat auch nicht so gewirkt, ob alle so von sich überzeugt wären, dass dies gar nicht nötig ist. Zwar wird Blum von einer anderen Seite bedrängt – das löst sie im Übrigen auch unkompliziert und ein wenig unrealistisch – doch der Täterkreis der Fünf bleibt seltsam lethargisch. Zum anderen hab ich einen der Täter sogleich richtig vermutet. Ich weiß nicht, ob ich einfach schon zu viele Krimis gelesen habe oder ob das zu offensichtlich war, aber damit war das Finale schon grob bestimmt und zwar noch spannend, aber nicht mehr überraschend. Schade…

Fazit:
Für mich ein durchwachsener, aber ganz spannender Krimi um Blum, die Bestatterin und “gute” Mörderin. Somit bleibt noch Potential nach oben für den zweiten Teil, der als Trilogie angelegten Krimis um Blum.

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