Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)

Leistungsgesellschaft: Zeitgruppe Null – Dirk Bathen

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Dirk Bathen – Zeitgruppe Null
Verlag: edel & electric
230 Seiten
ISBN: 978-3960290087

 

 

 

 

 

„Wenn er wenigstens einen Burnout gehabt hätte, das wäre der Ritterschlag der Leistungsgesellschaft gewesen.“ (Kap. 9)

Heutzutage leben wir in einer Gesellschaft, die sich ständig wandelt. Man versucht am Puls der Zeit zu sein und hechelt doch hinterher. Der Druck in der Arbeit, aber auch im Privaten – sei es Familie, Freunde, Sport, etc. – ist hoch und es gehört mittlerweile eine gehörige Portion Mut dazu, sich aus dieser Leistungsgesellschaft zurückzuziehen und eine Auszeit zu nehmen oder auch einfach nur kürzer zu treten. Ein Burnout wird von vielen belächelt, von einigen gefürchtet und die, die es trifft, sind meist sowieso unvorbereitet. Wer fühlt sich nicht mal müde oder gestresst? Wer schläft mal nicht ein paar Nächte schlecht? Wer ist nicht mal gereizt oder überfordert?

Dirk Bathen hat sich in seinem Krimi „Zeitstunde Null“ intensiv mit diesem Thema beschäftigt. Um den Fragen noch ein wenig mehr Ausdruck zu verleihen, hat er die Handlung ein paar wenige Jahre in die Zukunft versetzt, wenn meine Rechnung richtig ist, in das Jahr 2019. In einer Zeit,  in der man Pillen zu sich nehmen kann, um die Leistungsfähigkeit zu fördern, während gleichzeitig der Bundeskanzler einen Entschleunigungskurs fährt. Einige belächeln die Sanktionen, zu denen z. B. gehört, dass nur noch eine bestimmte Menge an Statusmeldungen in der Woche gepostet werden dürfen, andere, wie die Organisation Slow Circle, unterstützen diese Maßnahmen. Zeitgruppe Null ist die radikale Absplitterung des Slow Circle – hier wird der gesetzliche Rahmen dann nicht mehr so ernst genommen.

Die Geschichte beginnt mit einem Amoklauf. Ein junger Mann schießt in einem Einkaufszentrum  um sich – 8 Tote. Der ermittelnde Kommissar Breidel untersucht gemeinsam mit seinem Teammitgliedern Fink und Mock, den Vorfall und stößt schon sehr bald darauf, dass der Attentäter Mitglied bei Slow Circle war. Eine weiterführende Spur weist zu BraInfluence, einem Pharmazie-Unternehmen, welches leistungssteigernde Mittel entwickelt. Als Breidel herausfindet, dass der Chef der Entwicklung vor Kurzem durch einen Autounfall ums Leben kam, denkt er an einen Zusammenhang. Doch was steckt dahinter? Hat der Pharmakonzern etwa seine Finger im Spiel?

Die drei Ermittler passen sehr gut zum Thema. Vor allem Felix Breidel lässt das Thema Leistung und Entschleunigung nicht mehr los und seine Gedanken drehen Kreisel, um das Thema von allen Seiten zu beleuchten. Fink ist derjenige, der am meisten mit den neuesten technischen Errungenschaften anfangen kann und auf die Einschränkungen, welche die Politik gerade vorgibt, schimpft. Fast ist man genervt von ihm – so wie seine Kollegin Mock, die gerade damit kämpft, dass sie verlassen wurde. So ermitteln sie zwar alle an demselben Fall, allerdings disharmonisch und jeder für sich vom Thema beeinflusst. Ich finde das sehr elegant gelöst, denn selten sieht man so intensiv, wie nachdrücklich ein Thema ein Team bzw. das Teamgefüge beeinflussen kann.

Ausgesucht habe ich mir das Buch wegen dem Thema und hier hat es meine Erwartungen auch voll erfüllt: Schon allein das Zitat, mit dem ich diese Rezension begonnen habe, stimmt mich nachdenklich und die weiteren Ausführungen im Buch schaffen dies ebenso. Doch der Kriminalfall, den der Autor um das Thema gewoben hat, lässt so einiges zu wünschen übrig. Der Pharmakonzern bringt sich eher selbst zu Fall, als dass dies durch die Ermittlung geschieht, der Fall des toten Entwicklungsleiters bleibt ungelöst, auch wenn man den Täter nicht nur vermutet, sondern als Leser definitiv kennt. Und der Amoklauf… tja, den kann ich so gar nicht verorten. Nicht nur dem Ermittlerteam fällt es schwer eine Motivation zu finden, auch mir als Leser ist das nicht gelungen. Selbst wenn der Amokläufer etwas aussagen wollte – die Aussage ist leider nicht angekommen. Weder beim Ermittlerteam, noch bei der Öffentlichkeit, noch bei mir.

Fazit:
Ein Thema, welches anregt und wirklich genial auf die Charaktere übertragen wurde, doch leider mit einer unbefriedigenden Kriminalhandlung. Wer sich von den Schwächen der Krimihandlung nicht beeinflussen lässt, den erwartet eine interessante Geschichte mit hochkontroversen Denkanstößen.

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3 thoughts on “Leistungsgesellschaft: Zeitgruppe Null – Dirk Bathen

  1. Potzblitz. Nachdem ich mich an die knalldichte Sprache gewöhnt hatte, bin ich gleichsam durch die Geschichte geflogen. Die Kriminalerzählung ist spannend erzählt, auch weil sie, wie ich finde, immer sehr klug die Neuigkeiten dosiert bzw. ganz zurückhält. Ich hab’ beim Lesen immer mal kurz überlegt, ob das Thema wirklich einen Krimi gebraucht hätte und glaube jetzt: ja! Karriere, Entschleunigung und vermeintliche Produktivität polarisieren so stark, da kann es die Überspitzung im Rahmen eines Amoklaufs mit Giftcocktail (no spoiler;) gut gebrauchen. Es bleibt schließlich noch genug Raum für die vielen klugen Sätze zum Thema, die nicht unmittelbar zum Fall gehören, die Geschichte aber auch nicht behindern. Apropos klug: Es ist geradezu grandios, wie genau DIRK* Bathen (*auch ich hasse wie der Kommissar im Roman den Kult der möchtegern-kultigen Nachnamens-Nennungen), weite Teile einer Berufswelt offenlegt, in die viele von uns Frühvoluzzern irgendwann mal (beinahe) reingeschlittert sind oder wären. Schon dafür müsste man das Buch unbedingt ein zweites Mal lesen – wenn man die Zeit dafür hätte;) – ein drittes Mal dann für die zahlreichen Sprachbilder aus der Natur, die bestimmt fast immer symbolträchtig mit dem Thema in Verbindung gebracht werden könnten. Um das gleich beim ersten Mal zu checken, hat für mich die Story nämlich einfach zu sehr aufs Gas gedrückt – was eigentlich sehr yeah ist.

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