Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)

Wild West: Das Dickicht – Joe R. Lansdale

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Joe R. Lansdale – Das Dickicht
Verlag: Heyne Hardcore
Übersetzer: Hannes Riffel
331 Seiten
ISBN: 978-3453676770

 

 

 

 

„[E]in Nigger, ein Liliputaner, ein Junge, eine Hure und ein hässlicher Keiler […]“ (S. 131)

Was wie der Beginn eines schlechten Witzes klingt, ist die Figurenkonstellation, mit der Joe R. Lansdale seinen Krimi „Das Dickicht“ ausstattet. Sofort ist mir der Begriff Road Trip durch den Kopf geschossen, auch wenn ich ihn dann erst mal wieder zurückgenommen habe, um ihn dann doch vorsichtig wieder auszupacken. Mal ehrlich, so einen Road Trip verbinde ich irgendwie mit einem Auto. Hier befinden wir uns aber gerade erst zu Beginn der Auto-Ära im ländlichen Ost-Texas und der Road Trip, der auch nicht immer über Straßen führt, wird zu Pferde vollführt. Es herrscht Western-Flair – natürlich gespickt mit vielen blauen Bohnen.

„Als Großvater zu uns rausgefahren kam und mich und meine Schwester Lula abholte und zur Fähre karrte, ahnte ich nicht, dass alles bald noch viel schlimmer werden oder dass ich mich mit einem schießwütigen Zwerg zusammentun würde, mit dem Sohn eines Sklaven und mit einem großen, wütenden Eber, geschweige denn, dass ich mich unsterblich verlieben und jemand erschießen würde, aber genau so war’s.“ (S. 9)

Als Jacks Eltern an den Pocken sterben will sein Großvater ihn und seine Schwester Lula zu einer entfernten Tante bringen. Bei der Überfahrt auf einer Fähre gerät der Großvater in einem Streit mit Cut Throat Bill und seinen Kumpanen aneinander, die soeben eine Bank überfallen haben. Eine Wasserhose besiegelt das Schicksal der Familie dann endgültig: der Großvater wird angeschossen und ertrinkt im Fluss, die Bankräuber machen sich mit Lula auf und davon und Jack wird irgendwann am Ufer angespült. Jack macht sich auf, die Entführung seiner Schwester dem nächsten Sheriff zu melden, muss aber feststellen, dass dieser blutüberkrustet und tot auf einem Wagen liegt und der Deputy das Handtuch schmeißt, weil Cut Throat Bill eben dort die Bank geplündert hat. Zufällig trifft Jack auf Eustace, einen Farbigen, der ihm bei der Suche nach seiner Schwester helfen will – natürlich nur gegen Bezahlung und auch nur wenn Shorty, sein Kumpel, auch einverstanden ist und mitkommt. Gemeinsam mit Eustaces Keiler „Keiler“ gabelt das Trio unterwegs noch Jimmie Sue, eine Prostituierte, auf und macht sich schwer bewaffnet und mit viel gutem Willen auf den Weg, um im Dickicht, einer schwer übersichtlichen Gegend, in der sich massenweise Verbrecher aller Art tummeln, Jacks Schwester Lula zu befreien.

Eine irrsinnige Story, die Lansdale hier verpackt hat – aber so verdammt gut. Ich gebe zu, Joe R. Lansdale kann bei mir eigentlich schon gar nicht mehr viel falsch machen. Ich mag seinen Schreibstil ungemein gern. Jede Figur hat ihre eigene Stimme und ich hab schon nach ein paar Sätzen – und ganz ohne Beschreibung, wie derjenige aussehen soll – ein Bild der Figur vor Augen, welches ich nicht mehr loslasse. Die äußerliche Beschreibung ist oft nur das letzte I-Tüpfelchen. Ich finde, seine Figuren leben durch ihre Aussagen, ihre Art zu sprechen, ihren Dialekt, ihrem Humor. Denn das ist Lansdale auch – humorvoll, feinsinnig oder auch derbe, eben genau richtig für den entsprechenden Charakter dosiert. Und so funktioniert eben auch eine Figurenkonstellation wie hier, auch wenn diese auf den ersten Blick unglaublich scheint. Schreibstil 1A, Figurenzeichnung mit Sternchen – doch wie ist das jetzt mit dem Western?

Der Road Trip in Wild West Manier ist reichlich böse und trifft bestimmt die Geschmacksnerven von Krimilesern, die auch gerne in den Randbereichen wildern und sich nicht scheuen über den Tellerrand zu schauen. Das Buch ist nicht umsonst im Heyne Hardcore Verlag erschienen, also bekommt man schon immer wieder Gewalt serviert, von gehängten Männern bis zu Schießereien. Was soll ich sagen – Wild West eben. Diesem furiosen Trip begegnen die „Gefährten“ alle mit dem ihnen eigenen Charme und durchstehen ein spannendes Abenteuer nach dem anderen, nicht ohne das Ziel aus den Augen zu verlieren. Es ist nicht nur spannend und unterhaltsam, sondern macht auch ungemein Spaß, der Truppe hinein in das Dickicht zu folgen. Nebenbei flicht Lansdale eine atemberaubende Atmosphäre ein, die einen umhaut. Man befindet sich praktisch direkt vor Ort. Ich weiß wirklich nicht, wie ihm das gelingt, doch es passiert so nebensächlich und doch so intensiv, dass man sich eigentlich nur wundern kann.

Abenteuerroman, Western, Thriller, Krimi – ich glaube, der Verlag tut gut daran, das Buch einfach als „Roman“ zu bezeichnen und sich einen Dreck um die Einordnung zu kümmern. Wen kümmert das überhaupt? Schon gar nicht bei Lansdale, der ja dafür bekannt ist, mehrere Genres zu bedienen und hier auch fröhlich zu mischen. Für mich bleibt ein Lansdale ein Lansdale und trotzdem einzigartig. Und somit verfolge ich weiter mein Ziel: alle Lansdale Bücher, die ich finden kann, in mich aufzusaugen.

Fazit:
„Das Dickicht“ war – wie nicht anders zu erwarten – stimmig, unterhaltsam, spannend und unglaublich. Unglaublich gut.

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19 thoughts on “Wild West: Das Dickicht – Joe R. Lansdale

  1. Ich habe das Buch auch sehr gemocht. Eigentlich ist dieser obzöne Humor gar nicht meins, aber in dem Buch fand ich ihn einfach lustig.

  2. DAS DICKICHT war eines der ersten Lansdale-Bücher, das ich gelesen habe. Auch ich fand es es einfach nur toll. Der erzählt nicht viel um den heißen Brei, das gefällt mir.
    Momentan lese ich die Hap & Leonard – Reihe von ihm, doch hier gibt es erstaunlicherweise viele Pausen in Form von Rückblenden und Nebensächliches, obwohl die Figuren spitze sind. Das bin ich so gar nicht von dem Autor gewöhnt, der ja eigentlich wirklich dicht am Hauptplot bleibt wie hier in DAS DICKICHT.

    Auf alle Fälle ein Buch, das man empfehlen kann, wenn jemand ein bisschen Westernthrillerluft schnuppern möchte. Ein guter Mix!

  3. Ich bin ja nun auch ein großer Lansdale-Fan, aber mich “Das Dickicht” nur mäßig begeistert. Lansdale benutzt hier viel mehr wörtliche Rede als in seinen anderen Osttexas-Jahrhundertwende-Romanen. Und diese wörtliche Rede ist meist dann mit Witzen und Kalauern gefüllt. Passt sprachlich natürlich ganz, ganz toll zu einem Western, nimmt aber auch einen Teil der Atmosphäre und Figurentiefe, für die ich Lansdale sonst sehr schätzen gelernt habe. “Das Dickicht” ist zwar gut, aber nicht eindringlich. Aber gerade die ruhige Eindringlichkeit macht Lansdale für mich auch. Deswegen war ich damals von der Lektüre etwas enttäuscht. Es ist ein gutes Buch, aber für mich nicht sein bestes. Sorry.

    • Dafür brauchst Du Dich doch nicht entschuldigen. Jedem seine Meinung. Ich kenne ja auch noch nicht alle Lansdales – wenn ich so darüber nachdenke, welcher von den gelesenen Lansdales mir am besten gefallen hat, dann war das “Ein feiner dunkler Riss” und darüber hab ich gar keine Rezension geschrieben, weil sich da bei mir die Bücher gestapelt haben und ich es einfach nicht geschafft habe. Vielleicht les ich den ja nochmal und dann kommt auch eine Rezi raus.
      Ich hab mich anfangs ein wenig gesträubt, weil ja schon der Klappentext verraten hat, dass es hier einen Western gibt. Aber für meinen ersten Western war ich einfach begeistert – und da hat Lansdale auf jeden Fall einen großen Teil daran – er ist einfach ein guter Erzähler und ich mag seinen Stil.

      • “Ein feiner dunkler Riss” ist auch bei mir ganz weit oben im Lansdale-Kurs. Und auch “Dunkle Gewässer”. Kann ich nur empfehlen. Mit Western habe ich es eigentlich auch nicht so. Einmal im Jahr ist dann aber doch mal einer dran. Mal mehr, mal weniger. Das Western-Thema hat Lansdale hier ja auhc gut verarbeitet, aber “Das Dickicht” reicht da halt für mich nicht an vergleichbare Bücher von ihm heran.
        Wirklich schade, dass du damals keine Zeit hattest, was zu “Ein feiner dunkler Riss” zu schreiben. Da hätte mich deine Meinung sehr interessiert. Aber: ich finde es sehr gut, dass du dir mit deinem Blog da keinen Stress machst. Nicht jedes Buch muss auch automatisch verbloggt werden. Mache ich inzwischen auch nicht mehr. dadurch bloggt es sich ja so viel entspannter. 🙂

      • Na ja, ein wenig schade ist es schon, dass ich für die Rezi nicht so richtig Zeit gefunden habe, bzw. sich manchmal bei mir die gelesenen Bücher stapeln. Darunter hat auch z. B. “Bitter Wash Road” von Garry Disher leiden müssen. Aber es ist eben nicht zu ändern und Stress soll es eben auch nicht werden.
        Ist irgendwie komisch dieses Jahr… letztes Jahr hab ich fast jedes Buch rezensiert… ob ich wohl dieses Jahr einfach mehr lese und deshalb auch mal nicht rezensieren kann bzw. muss? Hmm….

      • Die Frage kannst du letztlich nur selbst beantworten. ich für mich habe halt festgestellt, dass es mich enorm entstresst, wenn ich nur noch über Bücher schreibe, zu denen ich auch wirklich etwas zu sagen habe. Dadurch ist bei mir zwar wesentlich weniger los, aber mir macht mein eigener Blog jetzt mehr Spaß. Das wird bei dir wohl aber nicht der Grund sein, denn Lansdale und Disher haben dir ja gefallen, wenn ich mich korrekt erinnere. Keine Ahnung, ist halt manchmal so, dass sich das Leben ändert, oder die Bloggewohnheiten oder etwas anderes. Wir führen mit unseren Blogs ja kein starres Medium – die verändern sich mit uns.

      • Ich denke, es ist eine Kombination von zwei Dingen: letztes Jahr war beruflich wirklich sehr stressig für mich und dieses Jahr hab ich total Lust auf lesen. Gut so – so darf es weitergehen. 🙂

  4. Na das ist doch mal eine begeisterte Rezension und bei “trifft bestimmt die Geschmacksnerven von Krimilesern, die auch gerne in den Randbereichen wildern und sich nicht scheuen über den Tellerrand zu schauen.” fühle ich mich direkt angesprochen 🙂 Hört sich klasse an und da ich bisher noch keinen Lansdale gelesen habe wird das wahrscheinlich mein erster. Also rauf auf die Wunschliste 🙂

  5. Schön zu hören, dass das Buch dir gefallen hat. Als ich es gelesen hab, war ich auch schwer begeistert und ich bin eigtl niemand, der viel mit dem “Western” Genre anfangen kann. Aber das mag ich so an Lansdale: Egal wie skeptisch man dran geht, bisher konnt er immer überzeugen 😀

    • Für mich war es auch mein erster Western – und neulich hab ich ja die Drive-In Trilogie von Lansdale gelesen, also einen Ausflug ins Horrorgenre gemacht. Aber egal was – bisher hat mich Lansdale immer begeistern können. Ich mag ihn einfach.

  6. Ich bin Joe R. Lansdale seit “Die Wälder am Fluss” verfallen, welches damals noch innerhalb der DuMont-Kriminalbibliothek erschienen ist. Seine Vielseitigkeit ist genauso beeindruckend wie sein Schreibpensum. “Das Dickicht” steht noch immer eingeschweißt im Regal. Wie bei Rankin teile ich mir auch “meinen” Lansdale schön ein, um ja immer schön einen Vorrat zu haben. 🙂 – Meine nächste Anschaffung ist übrigens “Gekreuzigte Träume”. http://www.festa-verlag.de/sammlerausgabe-gekreuzigte-traeume.html

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