Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)

Waffengeschäfte: Paris ’97 – Ernest Nybørg

10 Comments

Neues Cover für PARIS 97
Ernest Nybørg – Paris ’97
Verlag: Edition AV
307 Seiten
ISBN: 978-3868411256

 

 

 

 

Kann sich noch jemand erinnern, was 1997 in Paris passiert ist? Ich gebe zu, ich musste schon kurz überlegen. Es ist ja nun auch schon fast 10 Jahre her, dass Lady Diana bei einem Autounfall in Paris ums Leben kam. Dieses Ereignis hat Ernest Nybørg jedoch als Grundlage für seinen ersten Thriller einer Trilogie um die Journalistin Lena Halberg hergenommen und daraus eine Verschwörung gesponnen, die ihre Fühler bis weit in die nächsten Jahre streckt. In den weiteren Teilen widmet er sich denn dann auch New York 2001 sowie London 2005. Aber kommen wir erst mal zu diesem Teil der Trilogie.

1997 – nicht nur Lady Diana stirbt in dieser Nacht, sondern auch Franco Barelli, Society-Fotograf und Freund von Lena Halberg. Lena macht sich auf, um die Gründe dafür herauszufinden, doch sie stößt auf Mauern – Franco soll weit außerhalb von Paris verunglückt sein.
Heute – Jahre später hat es Lena weit gebracht, sie ist nun Redakteurin der Eagle News, einer der größten Zeitungen Englands. Als Francos Mutter stirbt schickt dessen Bruder Lena einige Hinterlassenschaften, in denen Lena eine Postkarte findet, die beweist, dass Franco in Paris war – zur gleichen Zeit, in der gleichen Nacht wie Lady Diana. War sein Unfall also doch kein Unfall? Und überhaupt – wie war das eigentlich mit Lady Dianas Unfall? Lena stürzt sich kurzerhand in den Fall und fliegt nach Paris. Diesmal lässt sie sich nicht aufhalten, weder von ihrem Chef, der sich Sorgen um den Ruf der Zeitung macht, noch von verschlossenen Türen, verschwundenen Fotos oder schweigsamen Kontakten. Und so kommt sie nach und nach den Geschäften eines Rüstungskonzerns auf die Schliche.

Lena Halberg ist ehrgeizig, aber auch eigensinnig und störrisch wie ein Maultier. Bestimmt keine schlechte Kombination bei einer Journalistin. Ob die Affäre mit ihrem Chef ihr jetzt da sonderlich weiter hilft, wage ich zu bezweifeln, wobei sie diese auch relativ schnell über Bord wirft, als er ihre Ermittlungen nicht unterstützt. Lena Halberg ist eine Protagonistin, der man gerne folgt und mit ihr wilde Verfolgungsjagden auf dem Motorrad erlebt, in denen sie um ihr Leben fürchten muss. Trotzdem hätte sie für meinen Geschmack gerne noch ein wenig kantiger, unangepasster sein können. Weil das einfach zu ihr und ihrem Leben passt. Sie ist ein Freigeist und darf das auch ruhig bis in die Extreme sein. Leider muss sie sich die Seiten mit den Bösen teilen und so bekommt man nicht genug Feinschliff von ihr zu sehen – aber es folgen ja noch zwei Teile, in denen Lena sich mehr abheben und herausragen kann.

Die Bösen, ja, die waren sehr präsent. Mir persönlich fast schon zu viel, auch wenn die Bösen diesmal erstaunlich vielschichtig, wenn auch natürlich mit dem gleichen Ziel – Macht, was sonst? – ausgestattet waren. Bronsteen, der Chef des Rüstungskonzerns, unterhält sich eine Führungsspitze, die auch einen Senator nicht missen lässt, der sich illegaler weise mit Lobbyarbeit sein Zubrot verdient oder auch einen CIA Schergen. Hier werden Kriege besprochen, oder auch mal gerne herbeigeführt, um die Waffenproduktion und den Verkauf anzukurbeln, natürlich nicht ohne dabei gutherzig zu tun und eine Wohltätigkeitsorganisation aus dem Ärmel zu schütteln, falls man diese mal braucht. Also ganz üble Gesellen.

Die Spannung im Thriller habe ich gemischt wahrgenommen. Man erhält zwar viele Einblicke in die Pläne der Bösen, doch irgendwie nimmt das dem Spannungsfluss die Schnelligkeit und man wartet dann nervös, bis Lena wieder ran darf. Am Anfang ist mir das nicht so aufgefallen, eher zur Mitte hin, bevor dann die Spannung bei besagter Motorradjagd zugenommen und das Finale eingeleitet hat. Insgesamt ein durchaus spannender Auftakt der Lena Halberg Trilogie, bei der ich schon gespannt auf den nächsten Teil bin. Denn einen kleinen Einwurf hat  es am Ende dieses Teils schon gegeben, so dass man voraussehen kann, dass Lena Halberg auch weiterhin ihre Nase in Bronsteens Machenschaften stecken wird.

Fazit:
Spannender Auftakt der Lena Halberg Trilogie mit einigen kleinen Schwächen, aber einer schön störrischen Journalistin, die bestimmt keine Ruhe geben wird.

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10 thoughts on “Waffengeschäfte: Paris ’97 – Ernest Nybørg

  1. Hm, mir fällt gerade auf das das “kantige, unangepasste” mittlerweile so häufig vertreten ist und auch gefordert wird, dass es schon wieder mainstream ist. Ich für meinen Teil wünsche mir mal wieder einen ganz normalen Ermittler, der halt in ein “Abenteuer” gerät bzw. sich in einem Fall engagiert. Tatsächlich gibt es ja in der Realität Polizisten und Journalisten völlig ohne zerrütette Familienverhältnisse, die nicht irgendeiner Droge anheim gefallen sind und auch keine leichten oder schweren Soziopathen sind. Glaub man fast nicht, ist aber wirklich so 🙂 Und tatsächlich kenne ich von dieser normalen Sorte auch einige, die sich trotzdem stark engagieren, sich einsetzen und einen richtig guten Job machen. Nur so ein Gedanke… 🙂

    • Das meinte ich mich “kantig und unangepasst” auch gar nicht. Es braucht nicht in jeder Ermittlervergangenheit Tragödien, um gute Ermittler zu formen. Lena Halberg hat das auch gar nicht – sie ist Journalistin und man bekommt nur am Rande mit, dass sie sich nach und nach einen besseren Posten erarbeitet.
      Ich meinte das eher so, dass sie gerne noch ein wenig widerspenstiger, “kantiger” sein könnte, bzw. dass dies mehr ausgedrückt werden könnte. Also ihre Charakterzüge meine ich. Sie ist ein Freigeist und darf da auch gerne überall anecken – das meinte ich damit. Ich hoffe, ich konnte das damit jetzt etwas verdeutlichen… ?

      • Ja, ich glaube schon das ich verstehe was Du gemeint hast. Wobei das schon auch in meine Richtung geht bzw. zu dem passt was mich gerade stört. Wenn man sich mal umschaut: in der Fantasy wird immer die Welt gerettet – natürlich von dem unbedarften Bauernsohn-/Mädel das plötzlich eine Gabe entfaltet. Bei den historischen Romanen sind es immer wieder die außergewöhnlich intelligenten Frauen, die natürlich iher Zeit voraus sind. Und bei den Krimibesprechungen und den Werbe-Cover fällt mir grad auf das immer nach dem kantigen und unangepassten Ermittler verlangt wird. Ich stelle dazu mal die Antithese auf: wenn jemand ein Thema, eine Aufgabe – in dem Fall eben eine Recherche bzw. Ermittlung im weitesten Sinne ordentlich und mit Herz und Engagement macht, sich reinhängt und auch mal den schweren Weg geht, dann ist derjenige doch nicht kantig und widerspenstig. Der macht dann einfach seine Arbeit richtig. Und von mir aus darf derjenige dann auch noch ein netter Typ sein, der nicht egoistisch nur an sich denkt und seinen Weg geht. Der einfach was macht weil es richtig ist. Aus meiner Sicht haben wir von den ehrgeizigen Freidenkern schon in der Realität ausreichend. So wie Du Lena Halberg beschrieben hast – “Lena Halberg ist ehrgeizig, aber auch eigensinnig und störrisch wie ein Maultier. […] Sie ist ein Freigeist und darf das auch ruhig bis in die Extreme sein.” – wirkt sie für mich wie der klassische Blut-Journalist, dem andere Menschen egal sind, Hauptsache die Story stimmt. Ich finde diese Art von Protagonistin eher unsympathisch. Aber irgendwie scheint das ein Trend zu sein, von der Sorte unangepasste Ermittler laufen ne Menge durch die Krimis. Und da meine ich grad, das einer dieser normalen Typen mal wieder erfrischend wäre. Ist aber sicher Geschmackssache 🙂 Und vielleicht ist mein Eindruck auch nur Zufall bzw. eine Momentaufnahme die sich zufällig aus den Büchern und Buchbesprechungen ergeben hat, die ich gerade so in den letzten Monaten mitbekommen habe – und das ist mit Sicherheit nur ein kleiner Ausschnitt 🙂

      • Ich denke, Vielfalt ist immer wünschenswert, doch leider nicht immer vorhanden. Ein Subgenre des Krimis lebt von den “normalen” Menschen, das ist das Cozy Genre, ein Genre in dem gerne jegliche Berufe – meist Frauen, aber ab und an auch Männer – sich in Kriminalfälle einmischen und auch gerne ermitteln. Ein Beispiel hierfür ist die Serie um Honey Driver, eine Hotelbesitzerin, die als Alibi zur Verbindungsperson des Tourismusverbandes zur Polizei ernannt wird. Im Cozy ermitteln dann Bibliothekarinnen, Golflehrer und Köche, Hausfrauen, Künstlerinnen und Schriftsteller. Ganz beliebt sind auch alte Damen a la Miss Marple.
        Wenn der Ermittler dann ein “richtiger” Ermittler ist – darunter zähle ich jetzt, auch wenn sehr verallgemeinert, Polizisten, Privatdetektive und Journalisten (keine Gewähr auf Vollständigkeit) – ist der Lebenslauf in der Tat oft mit vielen Ecken und Kanten ausgestattet. Für mich persönlich gehört da immer ein wenig Balance hinzu. Es gibt eine Krimireihe von Cody MacFadyen um eine – ich glaube – FBI Agentin, die ich nach dem ersten Band abgebrochen habe. Das war mir einfach zu viel – die Frau war dermaßen kaputt und das schon nach dem ersten Teil, dass ich es einfach fürchterlich unglaubwürdig fand.
        Und doch gehören für mich Ecken und Kanten mit hinzu – das muss aber auch gar nichts Außergewöhnliches sein, sondern einfach eine kleine Besonderheit – ein spezieller Humor, eine nervige Familie oder eben auch ein Schicksalsschlag in der Vergangenheit (Betonung auf einen)… wobei sich die Figur im Laufe von Serien ja oft entwickeln und da einige Schicksalsschläge oder schreckliche Verbrechen, die sie beeinflussen sammeln (der Fluch der Serie…).
        Bei Lena Halberg, die eine Journalistin ist, finde ich das Unangepasste einfach passend. Als Gegenbeispiel führe ich jetzt mal Sarah Pauli an, die in einer Serie von Beate Maxian ermittelt. Sarah Pauli führt eine Aberglaubenkolumne und schliddert in ihre Kriminalfälle eben einfach so rein – die ist dann zwar auch neugierig und hartnäckig, aber auch sehr mitfühlend und eben auch abergläubisch.
        Ich weiß, ich hab jetzt lauter Beispiele genannt, die Du vielleich nicht kennst, aber ich ich hoffe, ich konnte damit die Vielfalt des Genres zumindest ein klein wenig beleuchten, auch wenn ich die Tendenz, die Du ansprichst durchaus auch erkenne. Manchmal hat man schon das Gefühl, dass jeder Ermittler irgendwie eine Tragödie oder etwas Außergewöhnliches haben muss, um im Buchmarkt zu überleben.

      • Danke für den kleinen Abriss durch’s Genre. Ich verstehe auch was Du meinst: als Leser möchte man ja auch einen interessanten Ermittler haben, eine interessante Person. Also muss der auch noch außerhalb der Ermittlung Facetten mitbringen. Wahrscheinlich liegt auch genau hier die Schwierigkeit für die Autoren. Viele der erfolgreichen Bücher haben ja auch den außergewöhnlichen Protagonisten und das treibt einige andere wahrscheinlich in die Richtung es nachzumachen. Außerdem ist es sicher auch schwer die Hauptfigur interessant zu gestalten wenn man nicht zu den Außergewöhnlichen Dingen greifen will. Da hört schreiben vermutlich auf und fängt die Arbeit an 🙂 Mir ist es einfach nur aufgefallen und ab und an fände ich es toll wenn die leitende Ermittlerin in einem Krimi nicht geschieden und alleinerziehend ist oder der Polizist die Trenung von seiner Frau mit Alkohol betäubt 🙂 Hier könnten die Autoren für meinen Geschmack auch ein wenig kreativer werden. Der Spademan ist zum Beispiel nachvollziehbar “kaputt” und auch Zoe Beck gelingt das in Schwarzblende sehr gut. Wenn man es sich nicht in die Geschichte einfügt, finde ich es aufgesetzt und störend. Vielleicht habe ich aber auch nur in den letzten Monaten zu viel aus demselben Subgenre in der Hand gehabt oder einfach nur Pech 🙂 Macht ja auch nichts – hab ja gerade Deine aktuelle Lansdale Rezension gefunden und damit wieder mal einen Über-den-Tellerrand-Roman 🙂

      • Immer gerne – ich hab ja auch ein wenig darüber nachsinnen müssen. Der “normale” Ermittler kommt vermutlich eher in den “leichteren” Krimis vor – hier würde ich Cosy Crimes oder auch Regionalkrimis sehen. Ich vermute mal, die Autoren passen den Ermittler gerne an die Stimmung an und wenn es eben schön düster ist, dann hat Ermittler bitteschön auch schön düster und verkorkst zu sein… oder so.
        Und immer schön Lansdale kaufen und lesen – damit macht man garantiert nix falsch. 🙂

      • Übrigens wollte ich noch anmerken das es mir nicht darum geht Deine Rezension zu kritisieren (auch wenn ich mich direkt auf das beziehe was Du geschrieben hast), mir ist nur in dem Zusammenhang mit dieser Rezension eben dieser Gedanke gekommen. Aber ich finde es klasse das man auf Deinem Blog solche Sachen diskutieren kann.

      • Immer gerne, ich freu mich über jeden Kommentar, der auch meine Gedanken anregt. Also immer her damit. 🙂

  2. Ich habe die Diskussion mit Interesse verfolgt und es gefällt mir der rege Austausch. Mich würde, nach dem theoretischen Diskurs, die tatsächliche Meinung des “Dunkelfalken” zu dem Buch und seiner Ermittlerin interessieren. Lena Halberg ist nämlich weder geschieden, noch alleinerziehend oder alkoholbetäubt. Auch hat sie nichts von den üblichen “kaputten” Ermittlern. Ich habe sie als ganz normale Frau geschrieben, die ihren Beruf liebt und darin auch recht erfolgreich ist. Wenn an Vorgängen offensichtlich etwas nicht stimmt, geht sie der Sache als Journalistin natürlich nach und lässt sich dann auch nicht davon abbringen.
    Also vielleicht doch hineinlesen – würde mich freuen und es wäre spannend danach nocheinmal darüber zu reden.
    Liebe Grüße aus Wien
    Ernest Nyborg

  3. Pingback: Afrika oder…?: New York ’01 – Ernest Nybørg | Die dunklen Felle

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