Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)

Kriegswirren: Morituri – Yasmina Khadra

3 Comments

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Morituri – Yasmina Khadra
aus der Sammlung “Morituri / Doppelweiß / Herbst der Chimären – Die Romane mit Kommissar Llob aus Algier”
Verlag: Unionsverlag
Übersetzer: Regina Keil-Sagawe und Bernd Ziermann
145 Seiten
ISBN: 978-3293203778

 

 

 

Da ist er nun, mein erster Ausflug in das Programm des Unionsverlages und dann gleich ein so gewaltiger. Ich bin immer daran interessiert, mehr über andere Länder zu erfahren und einen Krimi aus Algerien hatte ich nun noch nicht. Zugleich spielt „Morituri“ auch noch in einer äußerst angespannten Zeit in Algerien, genauer gesagt in der Hauptstadt Algier.

Das allererste was mir aufgefallen ist, ist der Kontrast zwischen der schon fast blumigen Sprache des Autors, wie mein gleich zu Anfang feststellen kann:

„Mina schnarcht unweit von mir und meiner Lustlosigkeit, aufgequollen wie ein ranziger Teig, ein Stück ihres Busens liegt achtlos auf dem Rand der Decke.“ (S. 9)

Und der Härte des Lebens, gefangen im Krieg, von Terroranschlägen umgeben. Jeden Tag hat Kommissar Llob Angst. Jeden Tag prüft er auf das genaueste seinen Weg zum Auto, sein Auto selbst, versucht zu unterschiedlichen Zeiten in der Wache einzutreffen, um nur ja keine Routine einreißen zu lassen, die ihn sein Leben kosten könnte. Polizisten und Beamte sind bei den „Bärtigen“, den Terroristen nur als Anschlagsziel beliebt. Jeden Tag hört er von zerstörten Häusern und Autos, sieht Fotos „erstochener Kinder, vergewaltigter Frauen, enthaupteter Greise, exhumierter Mütter, zerstückelter Soldaten, armer Prominenter, die zu Tode gefoltert worden waren“ (S. 141).

In dieser Umgebung scheint eine Ermittlung sinnlos. Man kommt nicht vorwärts in einem Land, in dem die Reichen immer noch auf ihrem erbeuteten Geld sitzen und Champagner schlürfen, während die Armen sich zu Tode fürchten, weil immer sie den Anschlägen zum Opfer fallen. Korruption hält sich auch in einem Land, dass durch die islamistische Bewegung terrorisiert wird, ja sie nutzt sie sogar. So müssen alle, die sich ein besseres Land wünschen, eins mit Bildung und Kultur, mit Ordnung und Frieden, um ihr Leben fürchten.

Doch Kommissar Llob wird Ghoul Malek, einem einst sehr mächtigen Mitglied der damaligen Einheitspartei, dazu abkommandiert, seine verschwundene Tochter Sabrine zu finden. Zuletzt wurde sie mit einem Zuhälter, Mourad Atti, gesehen. Kommissar Llob kann sich nicht wehren und macht sich zähneknirschend auf, um die Verschwundene zu suchen, in Nachtclubs und Stundenhotels, gerät dabei in einen Strudel, der viel mehr inne hält, als nur ein verschwundenes Mädchen. Es geht in die höheren Kreise der Gesellschaft, die so marode sind, dass die Fassade des Reichtums es kaum überdecken kann. Llob genau wie sein treuer Begleiter Lino müssen nun noch mehr um ihr Leben fürchten, als eh schon in dem instabilen Algier.

Die Atmosphäre ist wirklich einzigartig. Die Stadt, gebeutelt vom Krieg und den Terroranschlägen, in denen aber das normale Leben doch irgendwie weiter geht. Und auch wenn die Stadt halb zerstört ist, so ist sie doch noch wunderschön. Khadras Sprache lässt dies nur noch deutlicher hervortreten. Neben diesem aufschreckenden und doch faszinierenden Schauplatz lässt sich die Ermittlung nur schwer durchführen, zumal die korrupten Kreise, die der Kommissar aufschreckt, sich eh verschlossen wie eine Auster zeigen. Und ich weiß auch nicht, wie genau Khadra das hinkriegt, in der blumigen Sprache trotzdem den nüchternen Stil eines Polizeiromans zu betten, aber es ist ihm gelungen. Kommissar Llob ist einer von den Guten, aber er kann nicht immer gut handeln, um die Bösen der Gerechtigkeit zuzuführen.

Fazit:
Ein aufwühlender Roman, der mit seinem blumig-nüchternen Stil die Kulisse der Stadt Algier und einer Ermittlung mitten durch terroristische Anschläge und die korrupten oberen Zehntausend, begeistert.

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3 thoughts on “Kriegswirren: Morituri – Yasmina Khadra

  1. Ich war sehr gespannt auf diese Rezension. Da ich Khadra sehr gerne lese, freut es mich, dass es dir gefallen hat. Du hast seinen Stil auch sehr treffend beschrieben, teils nüchtern, teils poetisch, manchmal pathetisch.

  2. Verdammt.
    Ich darf deinen Blog nicht so oft lesen, mein SuB quillt über und was mache ich? – Setze das nächste Buch auf die “will ich lesen” – Liste.
    Ich weiß gar nicht, ob ich je ein Buch gelesen habe, das in Algerien spielt. Mir fällt momentan keines ein. Außerdem will ich wissen, wie ein blumig-nüchterne Stil funktioniert ;-).

    Liebe Grüße, Iris

    • Hihi… das schwere Los der Blogger – auf jedem Blog findet man immer wieder neue Bücher, die man dann auch haben will.
      Ich fand es tatsächlich sehr spannend in Algerien – zumindest literarisch. Ich mache gerne literarische Ausflüge in fremde Länder und würde so gerne eine Landkarte auf meinen Blog stellen, auf der ich meine Ausflüge zusammenfasse. Aber noch bin ich technisch leider zu doof. Na ja, wenn ich mal viel Zeit habe, befasse ich mich nochmal damit. Man muss ja noch Träume und Ziele haben… 🙂

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