Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)

Nach dem Krieg: Pfingstrosenrot – Jelena Volic / Christian Schünemann

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Jelena Volic / Christian Schünemann – Pfingstrosenrot
Verlag: Diogenes
368 Seiten
ISBN: 978-3257069570

 

 

 

 

In meiner Kindheit bin ich oft mit meiner Familie nach Jugoslawien in den Urlaub gefahren. Mit dem Auto war das meist eine Zweitagesreise und meist sind wir irgendwo an der Küste gelandet. Oft in der Nähe von Split. Viele Erinnerungen habe ich daran nicht mehr, aber ich kann mich erinnern, dass wir dann einige Jahre später – da war ich dann schon älter – noch einmal nach Kroatien gefahren sind. Und da haben wir ihn schon – den Unterschied. Zwischen Jugoslawien und Kroatien liegen einige Jahre Krieg, gebeutelte Zeiten und hart umkämpfte Gebiete, Autonomiebestrebungen und Kriegsgräuel. In Schünemann & Volics Krimi „Pfingstrosenrot“ befinden wir uns nun in Serbien und finden gemeinsam mit Milena Lukin, Kriminologin, heraus, dass hier immer noch einiges im Argen liegt.

Onkel Miodrag liegt im Krankenhaus und da die Versorgung nicht sonderlich gut ist, kommt Milena Lukin desöfteren mit reichlich Essen zu Besuch. Während eines Besuches erkennt ihr Onkel Miodrag seine alte Jugendliebe in der Zeitung wieder – ermordet, gemeinsam mit ihrem Mann. Das Ehepaar Milos und Ljubinka Valetic wurde mit vielen Versprechungen und durch ein Rückkehrprogramm in den Kosovo geschickt und dort eines Nachts mit zwei Schüssen hingerichtet. Nicht nur Miodrag ist erschüttert, sondern auch Milena und so beginnt sie Nachforschungen anzustellen. In Serbien, aber auch im Kosovo – und diese sind nicht sehr gut auf serbische Staatsbürger zu sprechen.

Bücher erweitern den Horizont – und genau das hat dieser Krimi wieder geschafft. Der Krieg ist doch vorbei, die Länder aufgeteilt – das läuft doch, dort unten im Balkan, oder? So könnte man denken, sollte man aber nicht. Das Land Jugoslawien ist gewaltsam in mehrere Stücke gerissen worden und die Bevölkerung tut sich immer noch schwer damit. Der Kosovo kämpft immer noch darum, von allen Staaten anerkannt zu werden und diese Anerkennung ist auch das einzige was sie aufrecht erhält – Industrie, Landwirtschaft, Regierung, in diesen Bereichen sieht es überall recht mau aus. Vertriebene Serben dürfen nun wieder ins Kosovo zurück, dorthin wo früher ihr Zuhause war. Das dort nun Kosovo-Albaner leben und sie gar nicht gern gesehen sind, ist dem von der EU finanziertem Programm egal – auf dem Papier sieht es nämlich gut aus. So kehren Milos und Ljubinka auch gar nicht in ihr früheres Haus zurück – denn dort leben ja jetzt andere Menschen – sondern kriegen ein Haus zugewiesen: ohne Strom, ohne Sanitäranlagen, mitten im Wald. Ganz zu schweigen davon, dass sie dort auch nicht willkommen sind.

Auch Milena Lukin macht sich auf in den Kosovo, glücklicherweise mit Begleitschutz, den Staatsanwalt Stojkovic ihr organisiert hat. Gut so, denn nur knapp kann sich Milena mit ihrem Begleiter wieder nach Serbien retten. Überhaupt ist Milena zwar eine stille Person, aber schon gar keine, die sich still verhält. Hartnäckig klopft sie an Türen, auch wenn diese sich verschließen oder gar nicht erst öffnen, und nutzt geschickt ihre Kontakte: Staatsanwalt Stojkovic und den deutschen Botschafter, Alexander Graf Kronburg. Dabei bleibt sie immer ruhig und wohlüberlegt, aber auch ein wenig schwermütig. Doch genau diese Schwermut, gemeinsam mit ihrer Beobachtungsgabe, beschert dem Leser ein atmosphärisch dichtes Bild vom heutigen Serbien. Entpsannend finde ich auch, dass es mal nur eine Ermittlerin ist und nicht immer ein Duo, was übrigens – fällt mir jetzt auf – einen schönen Kontrast bildet, da ja die Autoren im Duo arbeiten.

Und Milena Lukin ist genau die passende Hauptfigur, um eine Blick auf Serbien und den Kosovo zu werfen. Neutral ist sie, mit viel Verständnis für beide Seiten. Wobei Serbien tendenziell wohl besser weg gekommen ist und so ist es nicht verwunderlich, dass die Aggressivität aus dem Kosovo zu kommen scheint. Doch auch wenn die Fronten zwischen den Serben und den Kosovo-Albanern verhärtet sind, ist das nur der Deckmantel, der politische Machenschaften mit Stempel von der EU vertuschen soll. Ein Politiker, der mit dem Präsidentschaftsstuhl liebäugelt, einem Strategen im Hintergrund, der überall die Fäden in der Hand hält und seine Schäfchen ins Trockene bringt und ein unglücklicher Sohn – diese Kombination reißt eine Familie ins Unglück. Der Fall des ermordeten Ehepaars basiert im Übrigen auf einer wahren Begebenheit. Die Tat hat damals auf beiden Länderseiten die Stimmung aufgeheizt und wurde, im Gegensatz zu der Geschichte in diesem Krimi, nie aufgelöst.

Ein klein wenig bereue ich es, dass ich das Autorenduo, Christian Schünemann und Jelena Volic, auf der Leipziger Buchmesse verpasst habe. Als die beiden Lesungen gehalten haben, hatte ich immer andere Termine. Doch ich bin noch am grübeln, wie die beiden wohl miteinander schreiben, wie die Zusammenarbeit an einem Krimi bei ihnen so funktioniert. Aber vielleicht habe ich ja nochmal wann anders die Chance – und dann werde ich diese auch nutzen!

Fazit:
Ein tiefer Einblick in den immer noch schwelenden Balkan, der die Kulisse für eine schreckliche Tat und eine brisante Ermittlung liefert. Atmosphärisch, mit spannendem Hintergrundwissen versehen und einer unaufdringlichen, dafür umso hartnäckigeren Protagonistin. Die Serie um Milena Lukin sollte man sich auf jeden Fall merken!

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8 thoughts on “Nach dem Krieg: Pfingstrosenrot – Jelena Volic / Christian Schünemann

  1. Es stimmt in der Tat, dass Bücher den Horizont erweitern, wenn man bedenkt, mit wie viel verschiedenen politischen, gesellschaftlichen und sozialen Themen du uns hier schon konfrontiert hast :-). Höchst spannend.

    • Ja, allerdings – es ist ja immer in einen spannenden Kriminalfall verpackt. So lerne ich gerne!
      Ab und an darf es aber auch mal ein “dummes” Buch sein – das ist nicht abwertend gemeint, nur dass ich es auch ab und an genieße, wenn ich von einem Buch einfach “nur” gut unterhalten werden.
      Ich denke, die Mischung machts.

      • Ja, da hast du recht. So macht Lernen Spaß. Allerdings sollte natürlich schon der Kriminalfall im Vordergrund stehen. schließlich ließt man ja einen Krimi und kein Sachbuch oder sowas in der Art – und klar, manchmal möchte man auch einfach nur unterhalten werden.

  2. Klingt gut. Aber Nora hat da schon ein Auge drauf geworfen…;-)

    • Ist das dann automatisch für Dich tabu? Oder nur wegen der Rezension? Lesen geht dann schon oder?
      Manchmal (manchmal auch öfters) blinzle ich neidisch auf Euren Blog und denk mir, wär das schön, wenn nicht nur ich für meinen Blog schreiben würde, sondern die “Last” ein wenig verteilt wäre. Allerdings bin ich ja diejenige, die den Blog verwaltet und somit steuere ich mein Pensum ganz alleine. Und das soll ja nicht in Stress ausarten. Aber manchmal wäre es schon schön, nicht ganz allein dahinter zu stecken. Wenn ich dann allerdings manche Sachen nicht mehr lesen könnte/sollte/würde, weil der / die andere das gelesen hat, das wäre nicht meins. Hat eben alles Vor- und Nachteile…

      • Nein, natürlich darf ich es auch lesen…;-) Aber wer es als Erster liest, macht auch die Rezension. Erstaunlicherweise kommen wir uns alle nur sehr selten ins Gehege, innerhalb des Genres haben wir doch so unsere Nischen. Es ist schon irgendwie praktisch, wenn nicht einer alleine alles stemmen muss. Ich bin auch froh, dass Nora so ziemlich alle meine Ideen mitmacht. Letztendlich ist es ja immer noch ihr Blog.

      • Na, aber das ist ja genau richtig, wenn jeder seine Subgenres hat, dann passt das ja. Ich lese ja doch eher querbeet – also zumindest innerhalb des Krimigenres. Andererseits wäre es erfrischend, einfach mal was zu lesen und dann nicht zu rezensieren. Ab und an mache ich das auch, wenn ich gerade ausreichend Rezensionen im Puffer habe, aber manchmal gelingt mir das nicht, denn dann müsste der Blog eine Weile ruhen. Da rufe ich dann lieber eine Pause aus, als einfach mal nichts zu veröffentlichen.
        Mit den Ideen ist man natürlich auch freier – ich mach halt einfach was ich will. Ist ja mein Blog. 🙂
        Aber gerade solche Ideen kosten oft viel Zeit, die ich nicht immer habe. Wenn ich da an unser Klassikerspecial denke… war wirklich toll, hat mich aber immens Zeit gekostet. Ich hab dann noch gedacht, na ja, hast ja dann im Dezember Zeit, wenn das Special läuft, aber irgendwie hab ich mich da verplant, weil beim Start immer noch Rezensionen vom Special gefehlt haben und da hab ich schon ein wenig Druck gehabt. Dabei wollte ich anfangs noch viel mehr lesen… 😀
        Ich glaube, es bleibt dabei: ich schiele einfach ab und an neidisch zu Euch rüber… 🙂

  3. Pingback: Monatsrückblick April 2016 | Die dunklen Felle

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