Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)

Verkehrte Welt: Kanakenblues – David Gray

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Kanakenblues
David Gray – Kanankenblues
Verlag: Pendragon
376 Seiten
ISBN: 978-3865324542

 

 

Hardboiled, das spielt doch normalerweise in den USA. Vielleicht mittlerweile auch in einigen anderen Ländern der Welt. Aber doch nicht in Deutschland. Hier herrscht doch der Regiokrimi oder der Psychothriller. Naaaa – da sollte man sich mal nicht täuschen, denn David Gray hat einen sehr schönen Hardboiled Krimi vorgelegt. Und der spielt in Deutschland. Und wo sonst als in Hamburg sollte dieser wohl spielen? Wenn man sich eine Hardboiled Ermittlung wünscht, dann doch in Hamburg, das schon alleine wegen der Reeperbahn einen anrüchigen Unterton hat und perfekt zu einer Hardboiled Szenerie passt.

Die Erzählung, welche eine Nacht in Hamburg umfasst, beginnt damit, dass ein junger Mann erschossen wird. Hingerichtet trifft es wohl eher. Hauptkommissar Boyle, der Vorzeigebulle der Hamburger Polizei und auf jedem Werbeplakat präsent, und sein Partner Tommy, beide ganz frisch bei der Mordkomission, werden zu dem Fall gerufen. Boyle wird sogar persönlich angefordert. Kein Wunder, ist doch der Tote der Sohn des Polizeipräsidenten und Boyle, von Ehrgeiz aber auch seinen dunklen Abgründen getrieben, macht sich auf, den Täter zu suchen. Da wird der nächste junge Mann erschossen. Ein gezielter Amoklauf – doch wer steht noch auf der Liste des Täters?

Dies ist der Anfang der Geschichte, und doch auch irgendwie nicht. Das Buch enthält verflixt viele Wendungen und Überraschungen, ganz zu schweigen von unglaublich vielen Grauschattierungen. Hier gibt es kein Gut und Böse, kein Schwarz oder Weiß. Eindimensional und Stereotyp sind somit die letzten Worte, die mir hier einfallen. Es ist ein Konglomerat aus Verbrechern und Gangstern, Polizisten als Verbrechern und Polizisten, die Verbrechen begehen. Doch nicht alles ist so einfach, wie es scheint. Wird ein großes Verbrechen mit einem kleinen Verbrechen gesühnt – ist das dann nicht auch irgendwie Gerechtigkeit? Wenn Boyle interne Informationen an einen Gangster verkauft und im Gegenzug belastendes Material erhält, um zwei korrupte Polizisten aus dem Verkehr zu ziehen – was ist das dann? Irgendwie schon gut, aber doch nicht so richtig. Hier gibt es einfach keine klaren Seiten und wem, verflucht nochmal, kann man hier noch trauen?

Fast schon eine Erholung ist es, dem Täter zu folgen. Und man hat ganz viel Sympathie mit ihm. Ja, wirklich, so unglaublich es klingt. Der Autor lässt ihn nicht einfach nur zur Tat schreiten, er zeigt, wie es dazu kam. Und wie bekümmert der Täter darüber ist. Und doch kann er nicht anders, seine Familie erwartet es von ihm, eine Tat muss gesühnt werden. Es ist ihm wichtig, nur die Täter zu bestrafen, keine Unschuldigen dürfen betroffen sein. Diese fesselt er – und gibt der Polizei damit ein einwandfreies Täterbild von sich. Eigentlich ein Wunder, dass er seine Mission so weit voran treibt. Es ist eine Odyssee für ihn, eine, die nicht gut ausgeht. Und doch erscheint er mir als Leser viel näher, menschlicher als die meisten „Guten“ hier im Buch. Verblüffend – hier steht die Welt Kopf.

Auch wenn wir Boyle zu Anfang bei diesem Schweinedeal kennen lernen, ist er doch einer der wenigen Guten. Der, der am wenigsten Dreck am Stecken hat, sozusagen. Unglaublich, dass er seinen Freund aus Kindertagen, einem jüdischen Gangster, am meisten vertrauen kann. Selbst sein Partner Tommy, schwul und darum immer am profilieren, ist letztendlich nicht vertrauenswürdig und kocht sein eigenes Süppchen. Boyle kann so gut wie keinem trauen, jeder hat eigene Interessen und verfolgt diese konsequent. Die gleiche Erfahrung wie übrigens auch unser Täter machen muss.

„Kanankenblues“ erschüttert und macht paranoid. Wem kann man trauen? Kann man der Polizei noch trauen? Ich hege ja Hoffnungen, dass wir noch nicht in einer Bananenrepublik angekommen sind und die korrupten Fäden, die sich in die Polizei ranken, bei uns nicht (oder zumindest kaum) existent sind. Hoffe ich doch. Also, oder? Ich mein… das kann doch nicht… „Kanankenblues“ ist Fiction und was genau in der Hamburger Polizei vorgeht, will ich gar nicht wissen. Punkt.

Fazit:
Hardboiled in Deutschland – ungewöhnlich, mit vielen überraschenden Wendungen und keinem, dem man trauen kann. Jetzt bloß nicht paranoid werden, sondern einfach das Buch lesen!

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