Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)

Der tote Pelikan: Umweg zur Hölle – Ross Thomas

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9783895811722c
Ross Thomas – Umweg zur Hölle
Verlag: Alexander Verlag Berlin
Übersetzerin: Edith Massmann
423 Seiten (inkl. Essay von Jörg Fauser)
ISBN: 978-3895811722

 

 

 

 

Artie Wu, vielleicht der nächste Kaiser von China, und Quincy Durant, der Mann mit den Narben, sind seit ihren Tagen im Waisenhaus Kumpels und Geschäftspartner. Als Artie beim Joggen am Strand über einen toten Pelikan stolpert, wird ihm von Randall Piers geholfen. Piers, ein Millionär, freundet sich mit dem ungleichen Duo an und schon kurz darauf, sind Artie und Quincy engagiert, um Silk Armitage, die Schwester von Piers Frau zu finden. Doch die Suche ist nur eine Nadel, die aus einem Heuhaufen gespickt mit Mafiatypen und CIA-Leuten, herausschaut. Doch nichts ist so wie es scheint – auch der Heuhaufen nicht.

Was für zwei Typen! Quincy Durant und Artie Wu, ein Duo, welches ein perfides Meisterstück inszeniert, mit einer Ruhe und Gelassenheit, undurchschaubar und eindringlich. Die beiden sind im gleichen Waisenhaus aufgewachsen, haben verschiedene Stationen auf der Welt gemeinsam durchlebt und sind jetzt in Pelican Bay gelandet. Artie Wu, vielleicht der nächste Kaiser Chinas mit schottischer Frau und zwei Zwillingspärchen als Kinder gesegnet ist auf den ersten Blick dicker als er sich beim zweiten Blick rausstellt und der auffälligere Part im Duo. Quincy Durant hingegen wirkt fast schon langweilig. Ein hagerer, stiller Typ, kaum Kennzeichen, bis er sein Hemd lüftet. Dann zeigt sich ein Rücken voll von Narben, die Quincy Tiefe verleihen, die man einfach auf den ersten Blick nicht erfasst. Man könnte also sagen, die beiden sind immer einen zweiten Blick wert, denn erst da erkennt man, nun ja, zumindest einen kleinen Teil mehr, denn seien wir mal ehrlich: in die Karten schauen lässt sich keiner von beiden.

“Und die Chancen?”
Wu zuckte mit den Achseln. “Eins zu tausend.”
“So schlecht?”
Wu steckte sich eine frische Zigarre in den Mund und umrahmte sie mit einem großen, breiten, weißen, fröhlichen Grinsen. “Nein, so gut”, sagte er. (S. 304)

Schon die Bekanntmachung mit Randall Piers ist gigantisch – ein toter Pelikan muss herhalten. Ein Pelikan, den Artie extra herbeigeschafft und ausgelegt hat, um mit Piers in Kontakt zu treten. In Pelican Bay gibt es nämlich normalerweise gar keine Pelikane. Und es klappt tatsächlich, der erste Schritt ist getan. Um Piers für ihren Plan einzunehmen, ist natürlich noch ein wenig Manipulation nötig, die beide, Quincy und Artie, vortrefflich beherrschen. Nie, wirklich niemals sprechen die beiden über einen Plan oder breiten diesen vor anderen aus. Der Leser erfährt ihre Strategie nicht, alles entwickelt sich und es sieht nicht nur so aus, sondern es ist auch so, dass Artie und Quincy alles aus dem Hintergrund lenken. Manchmal macht es sogar den Eindruck als machen sie gar nichts.

Dabei ist die Story fürchterlich verzwickt, komplex und mit so vielen Parteien versehen, dass man leicht den Überblick verlieren könnte, doch Ross Thomas schafft es, die Charaktere – bis in die kleinsten Nebenfiguren – so einprägsam und genial zu zeichnen, dass dies gar nicht möglich ist. Und zudem muss das Komplott verzwickt sein, sonst macht es doch gar keinen Spaß – wer will denn schon am Anfang wissen, wie es ausgeht? Und so öffnet sich mit jedem Kapitel eine neue Seite, ein neuer Handlungsverlauf, wird ein neuer Charakter vorgestellt, bis am Ende ein dicker Strang geflochten ist. Der letztendliche Zusammenhang erschließt sich sowieso erst zum Schluss, genauso, wie es der Autor will, und setzt noch eine Pointe oben drauf, damit der Leser sich nochmal denkt: Verdammt noch eins, der hat es schon wieder geschafft, mich ins Bockshorn zu jagen. Ein Gangsterstück par excellence mit den durchaus üblichen Verdächtigen – Mafia, Kleinkriminelle, CIA – bei dem man sich ein Schmunzeln ab und an nicht verkneifen kann.

“Der kleine Betrag, ist er in bar?”
“Gibt es noch anderes Geld?” (S. 369)

Fazit:
Gaunerkomödie, Politkomplott und Verwirrspiel par excellence – alles dabei, was das Krimi (und Gauner)herz höher schlagen lässt. Ross Thomas muss man lesen, mal ganz abgesehen davon, dass die Reihe aus dem Alexander-Verlag sich im Regal richtig gut macht.

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