Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)

Entlarvt: Tal des Schweigens – Malla Nunn

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Malla Nunn – Tal des Schweigens
Verlag: Argument
Übersetzer: Else Laudan und B. Szelinski
310 Seiten
ISBN: 978-3867542074

 

 

 

Lesetechnisch bin ich sehr gerne in Südafrika unterwegs. Und ich möchte immer noch gerne ein wenig mehr darüber erfahren. Charlotte Otter hat mich hierhin mitgenommen, Richard Crompton war auch in Südafrika unterwegs und Mike Nicol auch ein wenig (wobei hier das wenigste “Südafrika” dabei war), aber erst mit Malla Nunn bin ich nun in die Tiefen getaucht. Für mich war Malla Nunn eine Unbekannte, doch zum Glück hat der Argument Verlag in seinem ariadne Kriminalprogramm nun den dritten Teil um Nunns Protagonisten Emmanuel Cooper, einen gemischtrassigen Detective in den 50er Jahren in Südafrika, aufgelegt. Wieder hat mir eine Autor(in) einen ganz anderen Blickwinkel auf ein Land ermöglicht, welches ich vielleicht nie mit eigenen Augen zu sehen bekommen, aber literarisch sehr gerne bereise.

Die 17-jährige Amahle, Tochter des Clanchefs wird tot aufgefunden, auf einer Decke, im Schatten der Bäume, mit Blüten bestreut. Zur Lösung des Falls wird Detective Emmanuel Cooper gemeinsam mit seinem Zulu-Partner Shabalala ausgesandt, um in den Drakensbergen den Mörder dingfest zu machen. Cooper, in Ungnade gefallen, nimmt sich des Falls gerne an – auch wenn es sich “nur” um ein schwarzes Mädchen handelt, welches ihm bei seinem Weg zurück zum anerkannten Detective nicht helfen wird. Mord ist Mord und das Interesse Coopers ist geweckt. So macht er sich auf, der unwirtlichen Umgebung das Geheimnis um den Tod der schönen Amahle zu entreißen.

„Der gesunde Menschenverstand verlangt, dass er seine alten Papiere verbrannte und die acht Monate vergaß, die er auf der falschen Seite der Rassentrennungslinie verbracht hatte. Doch das konnte er nicht. Vielleicht spiegelten die einander widersprechenden Identitäten <europäisch> und gar zu treffend den gewundenen Verlauf seines bisherigen Verlauf seines bisherigen Lebens.“ (S. 39 – 40)

Als weißes Kaffernkind hatte es Emmanuel Cooper nie einfach, gestrandet zwischen zwei Welten, Kriegsveteran und ein findiger Ermittler, der noch immer seinen Platz in der Gesellschaft sucht und ihn vermutlich nie finden wird. Hin und hergerissen zwischen Hautfarben und auf der Suche, aber doch gefestigt und bestimmt.
Ob es tatsächlich einen solchen Ermittler wie Emmanuel Cooper in den 50er Jahren gab, mag man bezweifeln, gut getan hätte es aber auf jeden Fall. “Gemischtrassig” und mit dem Zulu-Detective Shabalala ausgestattet, wagt er sich in die Tiefe der südafrikanischen Landschaften, eine karge, unwirtliche Umgebung, die kaum Straßen hat und schon beim Hinsehen anfängt zu stauben. Schlecht ausgerüstet, aber mit Hartnäckigkeit kämpfen sich die beiden die Berge hoch und runter, zumindest Emmanuel immer am schwitzen. Doch nicht nur die Landschaft zeigt sich abweisend, auch die Leute reagieren gemischt auf die Einmischung der städtischen Polizei.

Nachdem das Verschwinden von Amahle der örtlichen Polizei gemeldet wurde, ist nichts weiter geschehen, dass diese tot aufgefunden wurde, erfährt der örtliche Polizeichef erst von Cooper und Shabalala. Die weiße Bevölkerung hat die Macht, doch auch hier gibt es Zwistigkeiten zwischen den niederländischen und englischen Siedlern. Sogar die Ärztin weigert sich Amahles Leichnam zu untersuchen, um nicht etwas herauszufinden, mit dem sie in die Schusslinie gerät. Die einheimische Bevölkerung lebt zum Teil in Stämmen und Clans, zum Teil als Diener oder Sklaven bei den Weißen Herren. Doch auch hier verschwimmen die Grenzen z. B. bei Amahle, die in ihrem Clan lebt, aber zum Arbeiten auf die Farm geht. Was sie alle gemein haben sind Vorurteile und Argwohn. Es ist ein Leben miteinander aber so weit voneinander entfernt, dass es sich fast um verschiedene Planeten handeln könnte.

„Ja, und alle Engländer hatten eine Hühnerbrust, rosa Haut und keine Ahnung von Afrika. Inder waren fleißig, aber gerissen und nicht vertrauenswürdig. Gemischtrassige Farbige waren verschlagen und aufmüpfig und verführten Kinder zur Sünde. Die meisten Südafrikaner gleich welcher Hautfarbe hatten zurechtgebogene Schablonen von jeder Ethnie im Kopf, um sie leicht in Schubladen einordnen zu können.“ (S. 134)

Begeistert ist so gar keiner von der Ermittlung und so stoßen die beiden auf eine Mauer des Schweigens, bei der sie nur nach und nach einige Bröckchen herausschlagen können, um dahinter zu sehen. Bevor sie aber dazu kommen, tiefer zu blicken, werden sie zurückgepfiffen. Der englische Farmer hat seine Beziehungen spielen lassen. Doch Cooper nicht dumm, findet eine Lücke, um zu bleiben und inoffiziell weiter zu ermitteln. Als eine große Hilfe erweist sich der Sohn des Farmers, der ständig aufs Internat geschickt wird, ausbüchst und in der Natur lebt. Verwildert und mit einigen Macken belastet, ist es nicht einfach, aus seiner Sprache schlau zu werden, doch letztendlich liefert er den Ermittlern entscheidende Hinweise.

Versteckt in einer Krimihandlung lässt Malla Nunn das Südafrika der 50er Jahre vor dem inneren Auge auferstehen. Karg und heiß, mit Vorurteilen gespickt, in welcher der einzige integere Mann der ermittelnde Emmanuel Cooper zu sein scheint. Ein tiefer Blick in das Südafrika der 50er Jahre, der die Gesellschaft als das entlarvt, was sie ist: zerrissen, argwöhnisch, misstrauisch. Und so löst Emmanuel Cooper den Fall um die junge Amahle nur, wenn er diese Gesellschaft aufwühlt und umgräbt. Komplexe Charaktere runden den atmosphärischen Krimi ab, so dass dieses gelungene südafrikanische Kriminalstück riesigen Lesegenuss bereitet. Das war aber nicht anders zu erwarten, wenn der Krimi aus dem Hause Argument stammt.

Fazit:

Beim Argument Verlag kann man sich darauf verlassen, dass man Krimiperlen findet – so auch Malla Nunns „Tal des Schweigens“. Bitte weiter so und mehr davon!

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One thought on “Entlarvt: Tal des Schweigens – Malla Nunn

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