Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)

Die schwarze Dahlie – James Ellroy

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James Ellroy – Die schwarze Dahlie
Verlag: Ullstein
Übersetzer: Jürgen Behrens
496 Seiten
ISBN: 978-3843710220

 

 

 

 

Es kann doch kein Zufall sein, dass James Ellroys „Die schwarze Dahlie“ das Ende des Klassikerspezials bildet, oder? Ellroy ist ganz sicher nicht das Ende der Entwicklung der Kriminalliteratur, doch hat Ellroy das Genre bis an seine Grenzen gebracht, so dass ein wahres Meisterwerk den Abschluss bildet. Wie Ellroy eben so ist, ein Meister auf seinem Gebiet. Und so bietet er einen wahrhaft gelungenen Abschluss des Klassikerspezials, denn hier stellen wir ja ausschließlich Meisterwerke des Genres vor.

Ein brutaler Mord rüttelt die Stadt der Engel auf. Elizabeth Short, von der Presse kurzerhand „Die schwarze Dahlie“ getauft, wird ermordet aufgefunden, gefoltert und in zwei Hälften zerteilt. Die Polizisten Dwight „Bucky“ Bleichert und Leland „Lee“ Blanchard ermitteln in der Sonderkommission und werden von dem toten Mädchen mehr und mehr in Bann gezogen. Vom Staatsanwalt als Unschuld vom Lande stilisiert doch eher eine Hure, reißt die Dahlie die beiden Cops in einen Sumpf aus Korruption, Hass und Verderben.

Realität ist ein Wort, welches ich in meinen letzten Rezensionen oft und gerne gebraucht habe. Aus dem Grund, dass die Hardboiled Autoren es sich eben auf die Fahne geschrieben haben, so realistisch wie möglich zu schreiben. Alle haben das unterschiedlich, aber mit Bravour erledigt, doch James Ellroy setzt dem ganzen nun noch ein Quäntchen oben drauf. Seine Realität ist roher, brutaler; er dehnt die Realität bis an ihre Grenzen, um dem Leser den Begriff Realität um die Ohren zu hauen. Und das begründet sich nicht nur darin, dass ein realer Kriminalfall dem Buch zugrunde liegt, sondern auch in seiner literarischen Umsetzung. Dicht gewebt schreibt Ellroy schonungslos und brutal und liefert ein stimmiges Bild von Kulisse, Charakteren und Handlung.

Die Stadt der Engel, die 40er Jahre, Filmsternchen und Baulöwen – die Geschichte um die beiden Helden Bucky Bleichert und Lee Blanchard setzt Ellroy an einen Ort und in eine Zeit, die ein ganz besonderes Flair ausstrahlen. Eine helle, leuchtende Welt, in der dieser grausige Mord reinplatzt. Doch dieser Dreckfleck auf der schimmernden Weste öffnet einen Einblick in die dreckigen Tiefen der glänzenden Filmstadt und zeigt ihre Verderbtheit.
Zugegeben, es dauert ein wenig, bis der Mord passiert, doch Ellroy nutzt die Zeit, um seinen Protagonisten Bucky Bleichert einzuführen. Bucky und Lee Blanchard tänzeln umeinander, so wie sie es auch als Boxer tun, bis sie schließlich Partner werden. Blanchard ist ganz klar der Anführer des Teams, welches mit Kay Lake, Ex-Gangsterliebchen und Freundin von Blanchard, zu einem Trio mutiert. Sobald die Dahlie auf der Bildfläche erscheint ist klar, dass beide ihre Obsession gefunden haben:

„Und natürlich wurden wir auch Partner. Rückschauend weiß ich [Bleichert], daß der Mann [Blanchard] keine hellseherischen Gaben hatte; er plante ganz einfach energisch seine Zukunft, während ich nur unsicher meiner eigenen entgegentrieb. Doch es war sein wegwerfend vorgebrachtes »Cherchez la femme«, das mich bis heute verfolgt. Denn unsere Partnerschaft führte uns auf den verpfuschten Weg zur Dahlie. Und am Ende war sie es, die vollständig von uns Besitz ergriff.“( S. 18)

Sie brechen Regeln, ermitteln heimlich, vernachlässigen ihre anderen Fälle. Doch Lee ist derjenige, der mehr gefangen ist, dessen Obsession nicht nur das Trio zerstört, sondern auch sein Leben. Die Dahlie lässt aber auch Bucky nicht los.

Die Dahlie, ein unschuldiges Mädchen vom Lande? Eher nicht. Ein Mädchen auf der Suche nach Liebe und Ruhm, zwischen Männern und Filmangeboten, beteiligt an einem Lesbenporno und sich für keinen krummen Filmauftrag zu schade, mit unzähligen Affären. Über die Lesbenszene gelangt Bucky in die Tiefen der Stadt der Teufel, zu den Reichen, den Mächtigen. Filmproduzenten und Baulöwen, Hollywood, schlechtes Baumaterial und Gemauschel unter Freunden. Ein Sumpf aus Korruption und Vergeltung, aus Hass und Liebe, in dem Bucky Bleichert fast ganz verloren geht.

Dass Ellroy ein kleines Meisterwerk geschrieben hat, ist sicher unbestritten. Eine obzessive, verstörende Geschichte um ein totes Mädchen, welche dem Leser nicht gleich alles offenbart, sondern durch komplexe Handlungsstränge zu verschleiern weiß. Das Lesen ist ein Genuss, doch man muss sich auf die verschiedensten Gefühlswelten einstellen. Ellroys schonungslose Darstellung offenbart einem die Brutalität des Verbrechens, zeigt verlorene Helden, mit denen man leidet und macht einen wütend. Sicherlich kein einfacher Krimi, aber einer, der sich nicht nur lohnt, sondern ein Muss für jeden Krimifan ist.

Fazit:
Eine Muss-Lektüre, aber keine Sorge, denn das Lesen ist ein Hochgenuss. Spannend, brutal und obzessiv – die Dahlie fesselt nicht nur Bucky Bleichert, sondern auch den Leser. Top!

 

 

Dies und Das über James Ellroy:
Es ist nicht schwierig, etwas über James Ellroy herauszufinden. Jeder, der sich auch nur ansatzweise mit „Die schwarze Dahlie“ beschäftigt, ob er nun danach sucht, es liest oder den Film dazu sieht, weiß, dass Ellroys Mutter ermordet wurde, als er 10 Jahre alt war und ihn das nachhaltig beeinflusst hat, so dass er den realen Mord an Elizabeth Short zur Vorlage nahm, die aufgrund ihrer Vorliebe für schwarze Kleidung, die „schwarze Dahlie“ genannt wurde, und diesem Mordfall in seinem Buch eine Auflösung zugutekommen ließ. Mit diesem Buch gelang Ellroy der Durchbruch und danach folgten noch so einige Krimis, die er gerne in Trilogien oder Quartetten schreibt. „Die schwarze Dahlie“ ist Teil 1 des ersten L.A. Quartetts, vielen ist wohl eher „L.A. Confidential“ bekannt, welches auch zu diesem Quartett zählt. Erst dieses Jahr erschien „Perfidia“, der Grundstein zum zweiten L.A. Quartett und bevor ich mir hier die Finger abbreche, um krampfhaft den Text zu füllen, möchte ich Euch lieber ein Interview mit James Ellroy empfehlen, welches Sonja Hartl für den Blog des Polarverlags – Polar Noir – geführt hat, als Perfidia bei uns erschien und viel mehr über James Ellroy verrät als ich je herausfinden könnte:
http://www.polar-noir.de/im-gespraech-james-ellroy/

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5 thoughts on “Die schwarze Dahlie – James Ellroy

  1. Ich muss mir Ellroy auch mal wieder vornehmen. Ich habe bisher von ihm nur “Ein amerikanischer Thriller” gelesen und war hinterher körperlich erschöpft von der Lektüre…;-)

  2. Der beste lebende Krimiautor.

  3. Reblogged this on Kaliber.17 | Krimirezensionen and commented:
    Den Abschluss unseres Klassiker-Spezials bildet Christinas schöne Besprechung von James Ellroys “Die schwarze Dahlie”.

  4. Interessanter Fall, den ich bisher nur aus Berichten kenne. Das Buch werde ich hoffentlich auch mal lesen können;-)

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