Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)

Appetitmacher: Miami Blues – Charles Willeford

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9783895813511
Charles Willeford – Miami Blues
Verlag: Alexander Verlag Berlin
Übersetzer: Rainer Schmidt
Mit einem Gespräch mit Charles Willeford von John Keasler und einem E-Mail-Wechsel zwischen Jon A. Jackson und Jochen Stremmel
267 Seiten
ISBN: 978-3895813511

 

 

 

Es ist fast nicht zu glauben, dass manche Autoren während ihrer Lebzeiten nur wenig bzw. nicht die verdiente Aufmerksamkeit bekommen, die sie eigentlich kriegen sollten. So geschehen mit Charles Willeford. Dieser hatte zwar mit „Miami Blues“ in den 80ern endlich seinen Durchbruch und wurde auch in Deutschland veröffentlicht, doch die Zeit des Pulp war wohl noch nicht ganz gekommen. Wie schön, dass jetzt dieser großartige Autor eine Wiederentdeckung erlebt und dies nicht nur in einer einfachen Ausgabe, sondern vom Alexander Verlag trotz Taschenbuch mit einem Schutzumschlag versehen, dem ersten umgekehrten Interview und einer Email-Konversation über das Haiku „The Miami sun / Rising in the Everglades – / Burger in a bun“ (S. 54).

Frederick J. Frenger jun., frisch aus dem Knast entlassen, macht sich auf den Weg nach Miami. Am Flughafen spricht ein Hare Krishna ihn an und muss dafür mit dem Leben bezahlen. Als Freddy in ein Hotel eincheckt und sich vom Pagen ein Mädchen besorgen lässt, tritt „Pepper“ aka Susan in sein Leben. Das naive Mädchen ist die Schwester des getöteten Hare Krishnas, doch das dämmert Freddy erst als Hoke Mosely der Schwester die traurige Nachricht vom Tod des Bruders überbringt. Mosely weiß nicht, dass Freddy der Täter ist, aber er erkennt, dass Freddy ein Ex-Knacki ist und das ermuntert Freddy dazu, ihn des Nachts an seinem Wohnort aufzusuchen und krankenhausreif zu schlagen. Doch noch ist nicht das letzte Wort gesprochen – wer gewinnt das Duell: der Psychopath oder Hoke Mosely?

Hoke Mosely ist ein Cop in den mittleren Jahren mit falschem Gebiss. Er wohnt in einem heruntergekommenen Hotel, da jeder zweite Gehaltsscheck an seine Ex-Frau geht und von dem anderen – nach allen Fixkosten – kaum was zum Leben übrig bleibt. Nichtsdestotrotz macht er seinen Job gewissenhaft und gibt seinem Partner Bill Henderson gerne mal einen Kaffee aus – auch wenn dieser kalt ist, bis Hoke ihn ins Büro mitgebracht hat. Nun, ein paar Details kann ich nun noch mitteilen, aber seien wir mal ehrlich: Hoke Mosely spielt in seinem ersten Fall nur die zweite Geige.

Die Hauptperson ist Freddy, der in seiner Kindheit und Jugend gelernt hat, dass es nichts bringt, wenn man nett ist. Er hat seine Lektion gelernt. Er tauscht Selbstlosigkeit gegen Selbstsucht. Er nimmt sich was er braucht und laviert sich geschickt durchs Leben. Mit geklauten Brieftaschen, aber auch mit kurzen brutalen Übergriffen. Und ein Chauvi ist er auch noch – Susan wird mal gleich hinter den Herd verdonnert. Doch Freddy ist auf seine Art ziemlich schlau, aber er weiß natürlich sowieso alles besser. Er sieht gleich, dass Hoke Mosely ihm gefährlich werden kann und nimmt das Ruder in die Hand. Letztendlich ist er aber doch nur ein Verbrecher. Ein psychotischer Verbrecher vielleicht, aber nur ein Verbrecher. Aber schon ein ziemlich gut ausgedachter, Mr. Willeford.
Susan, die es Freddy gleich angetan hat, ist wirklich fürchterlich naiv. Aber nicht dumm. Immerhin besucht sie ja auch das College und hat die Hand auf den Finanzen, so dass die Hare Krishnas – oder ihr Vater – das verdiente Geld abschöpfen. Nichtsdestotrotz fällt sie auf Freddy rein und lebt in dieser – mehr oder weniger – platonischen Ehe bis… ja, bis die Sache mit ihrem Bruder ans Licht kommt. Und da wird Susan plötzlich sehr schlau und trifft wenigstens einmal die richtige Entscheidung.

Eigentlich kann man Willefords „Miami Blues“ nur als skurril bezeichnen. Oder hat schon mal jemand gehört, dass jemand an einem gebrochenen Finger gestorben ist? Und das ist ja nur der Anfang. Würde das Ganze nicht „nur“ in Miami spielen wäre es ein Roadtrip. Aber da es keiner ist, ist Miami die perfekte Kulisse. Ganz ehrlich, bei der Hitze würde ich auch kirre werden. Da kann sogar ich ein wenig Verständnis für Freddy aufbringen, wenn er nur aus der Tür geht und in seinem Schweiß steht. „Miami Blues“ ist ein lecker-schmecker Aperitif. Nicht mehr – aber eben auch nicht weniger. Für den ersten Teil der Hoke-Mosely-Reihe ist zu wenig Hoke Mosely drin, aber es macht definitiv Lust auf mehr!

Fazit:

Ein skurril-geniales Leseerlebnis, dass sich gewaschen hat. Ein Appetitmacher – ich bin schon gespannt, wie der nächste Teil wird, so ganz ohne Freddy. Da kann Hoke Mosely ja dann richtig aufdrehen!

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