Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)

Tödliches Theater: Der Tag der Lerche – Jo Walton

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Jo Walton – Der Tag der Lerche
Verlag: Golkonda
Übersetzerin: Nora Lachmann
293 Seiten
ISBN: 978-3944720678

 

 

Mark Normanby ist Premierminister, Hitler ist auf Erfolgskurs und Antisemitismus auf dem Vormarsch in Europa – Jo Waltons Alternativwelt geht in die zweite Runde. Inspector Carmichael ist wieder im Dienst, nachdem er im letzten Fall einen Maulkorb verpasst bekommen hat, desillusioniert und mit vielen Zweifeln. Gemeinsam mit Sergeant Royston untersucht er ein Bombenattentat auf die berühmte Schauspielerin Lauria Gilmore. Waren es Terroristen? Das muss schnell herausgefunden werden, denn Hitler hat sich zum Staatsbesuch angekündigt – inklusive Theaterbesuch.

Wie auch im letzten Teil ist der Krimi aus zwei Perspektiven geschrieben: Inspector Carmichael und Viola Lark, eine Tochter aus gutem Hause, die es zum Theater verschlagen hat. Sie wird als Hamlet besetzt – in dieser Zeit üblich – und soll vor großem Publikum spielen, nämlich vor Normanby und Hitler. Eine große Chance für ihre Karriere, doch dann rücken wichtigere Dinge in den Vordergrund, als sie von den Leuten angesprochen wird, die mit dem Bombenattentat zu tun haben.

Die beiden Sichten verleihen dem Leser mehr Wissen und manchmal muss man sich die Haare raufen, weil man etwas weiß, was die Figur gerade noch nicht weiß. Obwohl die Perspektiven immer schön abwechselnd sind, stören sie den Lesefluss keineswegs und gehen harmonisch ineinander über. Man ist dann immer gleich gespannt, wie es bei dem anderen weitergeht.

Bei Inspector Carmichael ist eine deutliche Veränderung zum Vorgängerband festzustellen. Er hat viele Zweifel, ob er den Job weiterhin ausüben soll und wie es mit ihm weitergehen wird. Gemeinsam mit seinem Lebensgefährten bespricht er sogar, das Land zu verlassen. Eine „angedrohte“ Beförderung macht dies vorläufig zunichte. Die Stimmung ist insgesamt noch ein wenig düsterer und bedrückender, durch Carmichael fühlt man die angespannte Situation in Großbritannien nach der Machtergreifung Normanbys und den Sympathisanten mit Nazi-Deutschland noch deutlicher.

Die alternative Geschichtsschreibung hat sich zum ersten Teil hin kaum verändert, der Nationalsozialismus ist weiterhin auf dem besten Weg sich in Großbritannien zu festigen. Es gibt viele Kleinigkeiten, die sich langsam aber stetig verändern. Kleinigkeiten, die man bei Beginn eines faschistischen/nationalsozialistischen Systems häufig feststellen kann. Diese knabbern ja langsam aber hartnäckig an der Gesellschaft, der Politik, der Wirtschaft, bis sie sich gefestigt haben und man sie kaum mehr los bekommt. Und doch sind die meisten Leute einig oder haben zumindest keine Einwände. Es sind eben nur wenige, die Angst vor dem herrschenden System haben und gleichzeitig aber den Mut haben, es ändern zu wollen.

Auch wenn „Der Tag der Lerche“ wieder einen politischen Hintergrund hat, ähnelt es trotzdem einen klassischen, englischen Krimi. Es ist irgendwie schon eine Meisterleistung, wie es der Autorin gelingt, diese Subgenres zu verbinden. Der alternative Geschichtsverlauf bietet in dem Fall das gewisse Extra. Natürlich ist er die Basis – ohne die Alternativwelt gäbe es den Krimi in dieser Form nicht, doch durch diesen Kniff wird das Buch auf die Ebene eines Politthriller gehoben.

Ganz fies ist diesmal übrigens der Schluss – denn Inspector Carmichael folgt seinem Gerechtigkeitssinn und verzweifelt dann daran fast. Sehr tragisch und man konnte richtig mit fiebern. Ein Wehrmutstropfen bleibt, aber natürlich sichert das den Fortbestand der Reihe, die ja erst mal auf drei Bände angelegt ist. Ich hoffe nun, bald folgt „Das Jahr des Falken“ und vielleicht ja doch noch der ein oder andere Band. 😉

Fazit:
Klassischer Krimi kombiniert mit Politthriller – Inspector Carmichael löst diesmal einen Fall im Theater. Raffiniert, erschreckend realistisch und mit der richtigen Prise politischer Brisanz. Hervorragend!

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